Schwulenhasser im Deutschen Ärzteblatt

Lieber Leser, liebe Leserin,

das Deutsche Ärzteblatt ist eine von der  Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung herausgegebene On- und Offline Zeitschrift. Eine Fachzeitschrift, die sich auf wissenschaftlichem Niveau an Wissenschaftler wendet – so könnte man meinen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Das Ärztblatt mutiert mehr und mehr zu einem Spielfeld explizieter Schwulenhasser, die Meinungsaustausch hat Regenrinnenniveau erreicht. Ohne redaktionelles Eingreifen veröffentlicht das offizielle Organ der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung einen schwulenfeindlichen Leserbrief nach dem anderen.

Im Jahr 2009 darf zum Beispiel ein gewisser Michael Schröter-Kunhardt ungehindert, mit pseudo-wissenschaftlichen Erkenntnissen unterlegt behaupten, nahezu alle schwulen Männer seien pädophil. S-K scheut sich auch nicht, für seinen Angriff auf schwule Männer eine Studie von Michael Bochow zu entstellen und für seine Zwecke auszuschlachten.  Ein Jürg Rückert darf ergänzen, dass die Mehrzahl schwuler Männer selbstmordgefährtdet sei – und zwar, weil sie schwul seien.

Neuerdings hat auch Michael Gerlach das Ärzteblatt als dankbares Publikationorgan für sich entdeckt.

Zunächst stört er sich daran, dass in einem redaktionellen Beitrag im  Ärzteblatt der Umgang mit schwulen Menschen in medizinischen Einrichtung beanstandet wurde:

Da haben wir es wieder, Schwule und Lesben werden also immer noch diskriminiert. In regelmäßigen Abständen wird uns vor Augen geführt, dass gleichgeschlechtlich orientierte Menschen immer noch Opfer von Diskriminierungen sind. Der afroamerikanische Stanfordprofessor Shelby Steele nennt diese in den Medien häufig wiederkehrende Argumentationsfigur, mit der auf die Benachteiligung von Minderheiten aufmerksam gemacht werden soll, das Harangue-Flagellation-Ritual. Man könnte es mit: „erst Bußpredigt, dann Geißelung“ übersetzen. Zunächst klagt ein Betroffener Benachteiligung und Ungerechtigkeit ein. Im Fall des Artikels reagiert der meist heterosexuelle Leser mit Schuldgefühlen und Betroffenheit und nimmt sich vor, homosexuelle Menschen auf keinen Fall mehr zu diskriminieren. Dies führt in der Folge zu einer ängstlichen, naiven und unkritischen Haltung gegenüber schwulen und lesbischen Patienten.

Abgesehen davon, dass Gerlach Folgerungen falsch und der Hinweis auf unzweifelhaft bestehende Diskriminierungen nicht zu dem Wegfall derselben führt, kann er nicht verhehlen, dass er das Ausmaß der Diskriminierung schwuler Menschen für zu gering hält:

Noch nie haben Schwule und Lesben soviel Toleranz und kritiklose Zustimmung von der Gesellschaft erhalten wie derzeit. Noch nie wurde der öffentliche Diskurs so einseitig von schwulen und lesbischen Positionen dominiert. Noch nie war die Deutungshoheit über homosexuelles Erleben und Verhalten so eindeutig auf der Seite der Betroffenen.

Wo soll sie denn sonst sein? Klar, Gerlach möchte sie für sich und seine radikal-homophoben Gesinnungsgenossen in Anspruch nehmen.

Nun, Gerlach hat ein tiefsitzendes Problem mit schwulen Männern. Er, der Psychotherapeut aus Krumbach, der Erwachsene, Kinder- und Jugendliche ohne Unterschied therapiert, hält sich für allein berufen, über das Wohl und Wehe schwuler Menschen zu befinden. Und die schwulen Männer, die, so Gerlach, wissen gar nicht, wie Krank sie sind:

Vermutlich gibt es in Deutschland aber mehrere 10 000 Männer und Frauen, die an Konflikten ihrer sexuellen Orientierung und an ichdystonen Sexualpräferenzen leiden.

Nie zuvor und nirgendwo sonst habe ich die Zahl 10000 jemals gelesen oder gehört. Gerlach, vielleicht in Geldnöten, muss sich einen Patientenstamm herbeireden. Sein Konfliktlösungsangbot besteht übrigens in dem  – untauglichen – Versuch, die sexuelle Orientierung zu beseitigen.

Zweifellos gibt es schwule Menschen, die mit ihren Leben nicht zurechtkommen. Es bedarf einer Ursachenforschung – sowohl im Einzelfall als auch generell – durch qualifizierte Menschen. Gerlach jedoch ist überhaupt nicht daran interessiert, sich mit den Problemen und den Ursachen der Probleme schwuler Menschen auseinanderzusetzen. Sein Interesse gilt der Vernichtung schwulen Lebens. Um dieses Ziel zu erreichen schreckt er vor nichts zurück.

Im Rahmen der evangelikalen Veranstaltung Christival 2008 hatte er einen Auftritt:

Michael Gerlach sprach nach eigener Aussage als “Betroffener mit homosexueller Vergangenheit” und Therapeut in Personalunion vor den Journalisten. Er habe 15 Jahre lang Homosexualität ausgelebt, sei jedoch “nie das Gefühl losgeworden”, dass dies nicht zu ihm passe. Ihm sei erst durch die Arbeit von Angeboten wie der OJC klargeworden, dass Homosexualität veränderbar sei. Bei der derzeitigen Debatte störe ihn vor allem “die starke Polarisierung” und eine gewisse “mediale Aufgeladenheit”, die nicht zu diesem sensiblen Thema passe.

Und er wird noch deutlicher:

Der Diplompsychologe Michael Gerlach (Heidelberg) kritisierte die ideologische Aufgeladenheit um das Thema Homosexualität. Es störe ihn, dass Homosexualität in der Öffentlichkeit keinesfalls kritisiert werden dürfe, sagte Gerlach, der selbst 15 Jahre homosexuell war. Von einer Demokratie erwarte er jedoch, dass auch über die „Risiken des schwulen Lebensstils“ diskutiert werden dürfe.

Sollten wir in einer Demokratie nicht erst einmal über die Risiken des Lebensstils der Mehrheit diskutieren? Und welche vom nicht schwulen Leben abweichenden Risiken bringt denn der schwule Lebensstil (was ist das genau?) mit sich, außer dass Schwule und Lesben häufiger beleidigt, gekränkt, verachtet, zweifelhaften Heilungsversuchen ausgesetzt, verprügelt, rechtlich benachteiligt werden? Schuld daran sind auch Menschen, wie dieser Michael Gerlach, die mit solch unqualifizierten Äußerungen an die Öffentlichkeit gehen und damit eine schwulenfeinliche Stimmung schüren.

Diese schwulenfeindliche Stimmung braucht Gerlach jedoch, um sein hinter Pseudo-Wissenschaft und vorgeblicher Sorge um schwule Menschen verstecktes Vorhaben verwirklichen zu können:

Schade, dass derartiges die Billigung der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung findet.

Herzlichst,

Ihr

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4 Responses to Schwulenhasser im Deutschen Ärzteblatt

  1. DonnyD says:

    Ich würde dem guten Herrn Diplom Psychologen Gerlach raten, er möge sich doch zunächst ausführlich und kritisch mit der Psychogenese und Psychopathologie HETERO-sexuellen Erlebens und Verhaltens und zu den Risiken und Nebenwirkungen (inklusive Stalking, Mobbing, körperliche und psychische Gewalt, Kindesmißhandlung und -mißbrauch, Vergewaltigung et cetera pp.) gegengeschlechtlicher Lebensentwürfe befassen. Schließlich sind hierdurch geschätzte 90 – 95 % der Gesamtbevölkerung betroffen, was eine hohe Dringlichkeit impliziert.

    Und bei dieser Gelegenheit kann er ja dann seinen heterosexuellen Klienten mit Konflikten der sexuellen Orientierung und ichdystonen Sexualpräferenenz vorschlagen, eine Konversations- bzw. Reparationstherapie hin zu homosexuellem Erleben durchzuführen.

  2. Bester Steven,
    in einigen anderen postings habe ich bereit auf die brandgefährlichen homophoben Tendenzen in der katholischen Kirche hingewiesen. Von den Evangelikalen wie Herrn Gerlach gar nicht zu reden. Ich sehe tatsächlich einen gefährlichen gesellschaftlichen rollback, der von der katholischen Kirche als Vorreiterin betrieben wird.
    Wenn solche giftigen Schwulenhasser wie Gabriele Kuby regelmäßig in Talkshows eingeladen werden – dazu zählen auch Bischof Laun und Overbeck – dann ist es Zeit, die Ohren zu spitzen.
    Wenn in dem Ärzteblattartikel von der “Deutungshoheit” über Homosexualität gesprochen wird – dann ist damit gemeint: “wir” bestimmen, was Gut und Böse, Erhaltens- und vernichtenswert ist. Dies sind in der Tat deutliche Anzeichen für eine katholisch-faschistoide Unterwanderung des gesellschaftlichen Mainstreams.
    Vorbereitet wurde diese Unterwanderung durch das ständige Gejaule, man sei als katholische Kirche permanent Opfer von Verfolgung… Diese “Selbstviktimisierung” ist eine alte faschistische Vorgehensweise: nach dem Motto, “ach, die Armen, die tun doch nichts, die wollen doch auch nur zu ihrem Recht kommen. ”
    Frau Kuby malt Menetekel von der Homoexualisierung der Gesellschaft an die Wand -
    sie fürchtet ein Zwangs-Gender-Mainstreaming.
    Ich habe inzwischen schon öfter von eigentlich unverdächtigen Leuten gehört, daß es heutzutage so viele Homosexuelle gäbe wie noch nie (daß mehr den Mut haben, sich zu zeigen als früher, das will man nicht hören) – und das wäre, solche “Argumente” gibt es bereits wieder, der Grund für den Geburten-Rückgang; denn die vielen Schwulen kümmerten sich nicht um das Schrumpfen der Bevölkerung. Dadurch entstünde ein Ungleichgewicht: es würden immer weniger Heterosexuelle geboren und bald wären Homosexuelle in der Überzahl!!!!! – Das widerspricht zwar dem als Mantra ausgespieenen Unsinn von der “Entscheidung zur Homosexualität” oder der “Verführung dazu” — Frau Kuby glaubt ja auch, daß Homosexualität eine bei den meisten zu heilende Krankheit sei (was macht sie denn dann mit dem resistenten Rest? Diese Frau und ihre Kumpane in der katholischen Kirche werden bald wieder Lager und Todesstrafe fordern – in Uganda ist es ja schon so weit).
    Aber die Logik dieser “Argumente” ist ja völlig egal. Schon vor vier Jahren war ein Artikel auf der Jugendseite der Süddeutschen über ein Aufklärungs-Wochendseminar von Frau Kuby zu lesen: einer der Teilnehmer beschreibt darin, wie die Kuby ohne Mikros und Kameras (dann, wenn sie sich nicht mehr zu beherrschen braucht) nahezu hysterisch und bösartig über Homosexualität keift. Es ist der pure Haß – und er findet bereits wieder Eingang in den gesellschaftlichen Diskurs – oder wie Bischof Laun sagte: “Man muß doch auch das Recht haben, etwas gegen Homosexuelle sagen zu dürfen!”
    Das ist der Stand der Dinge!
    Aber wie gesagt, es handelt sich nicht nur um einen Angriff gegen Homosexuelle – die Demokratie und die Freiheit stehen auf dem Spiel.

  3. DiversityAndEquality says:

    Es ist skandalös, dass eine angebliche wissenschaftliche Fachzeitschrift

    offensichtlich antiwissenschaftlich agierenden Hassverbreitern beständig eine Plattform bietet.

    Und damit natürlich jedes dümmliche Gerede von der angeblichen “Gleichberechtigung” homosexueller Menschen in dieser Gesellschaft selbst ad absurdum führt.

    Einmal mehr wird deutlich: Nur mit uns kann man sich das weiterhin unbehelligt erlauben!

    Das Ärzteblatt sollte dringend darauf hingewiesen werden, dass gerade solche Herabwürdigungen und offensichtliche verbale und psychische Gewalt gegen Schwule und Lesben wesentlich dazu beitragen, dass homosexuelle Jugendliche weiterhin einem vielfach höheren Suizidrisiko ausgesetzt sind.

    Hassverbreitung und psychische Gewalt, die das uneingeschränkt gleiche Lebensrecht anderer angreifen, haben mit demokratischer Meinungsfreiheit nichts zu tun, sondern richten sich gegen die elementaren Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaates, dessen Verfassung den Schutz der Menschenwürde als zentrale Pflicht aller staatlichen Gewalt festschreibt.

    Das Verhalten des Ärzteblattes ist daher nicht nur wissenschaftlich skandalös, sondern auch gesellschaftlich unverantwortlich!

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