Imitierte Heterosexualität

Lieber Leser, liebe Leserin,

vier Ereignisse veranlassen mich, erneut auf ein mir wichtiges Thema einzugehen.

Vor wenigen Tagen hat jemand zu einem mehr als zwei Jahre alten Post Schwul ist normal? – Schwul ist nicht normal! einen unwirschen Kommentar hinterlassen. Ich habe den Kommentar nicht unerwidert stehen lassen wollen und mich deshalb noch einmal mit meinen alten Überlegungen beschäftigt – immerhin halte ich meinen damaligen Post für einen der besten, die ich je geschrieben habe.

Das zweite Ereignis: Mein Mann und ich haben vor zwei Wochen beschlossen, nun auch die fünfte und letzte Staffel von Queer as Folk zu schauen. Wir hatten vor ein paar Jahren nach der vierten Staffel aufgehört, weil uns das alles zu den Schwänzen und Ärschen Augen und Ohren herauskam. Ein zentrales Thema in der fünften Staffel ist Familie. Es scheint, als haben alle schwulen Protagonisten der Serie nichts anderes zu tun, als sich Kinder, möglich selbst (mit-)produzierte, herbeizusehen, diese, wenn vorhanden, zu bemuttern und den Eindruck zu erwecken, schwule Menschen könnten ihr höchstes Lebensglück nur durch eine gesetzlich legitimierte Partnerschaft, einem Haus in gehobener Wohngegend und einer Kinderschar  erlangen. Es wird normiert, wonach sich schwule Menschen zu sehnen haben. Einzig die Figur des Brian Kinney mag sich den Sehnsüchten nach Haus, Kind und Familienauto nicht anschließen. Er verkündet, schlimmer als heterosexuell zu sein, sei es, Heterosexuelle zu imitieren.

Drittens habe ich mich kürzlich selbst ertappt. Zwar nicht beim Kinderzeugen, aber bei folgendem: Ich unterhielt mich mit einem verschiedengeschlechtlich verheirateten heterosexuellen Mann, Vater eines bereits geborenen und eines noch in Produktion befindlichen Kindes, einer verschiedengeschlechtlich verheirateten Frau, die zwei Katzen hat, und einer unverheirateten heterosexuellen Frau, die weder Ehemann noch Katzen hat. Jene unverheiratete heterosexuelle Frau versuchte sich mehrfach an der Diskussion, die sich um Kinder und Katzen drehte, zu beteiligen. Ich würgte diese Versuche kurzerhand mit dem Hinweis, solange sie weder Kinder noch Katzen habe könne sie nicht mitreden und möge sich bitte heraushalten, ab.

Viertens und mich schließlich diesen Post zu schreiben bewegte mich ein Artikel auf dem die schwulenfeindlichen Triebtäter in den USA nicht aus den Augen lassenden Blog Truth Wins Out:

You know the story by now. Dan Savage, as a sex columnist and a person with integrity, has, in general terms, been honest about the fact that he and his husband Terry have, twice in the past ten years, done something a little bit sexy with someone outside their marriage. This is in stark contrast to the way many heterosexuals handle monogamy: by fiercely barking about how much they believe in it, while simultaneously screwing people behind their spouses’ backs. Say what you will about Dan and Terry’s arrangement, but at least they handle each other with trust and respect.

Die Hintergründe dieses Textbeitrags von Evan Hurst können bei Bedarf auf dem dortigen Blog nachgelesen werden Hier spielt die Vorgeschichte keine Rolle.

Verehrte Leser, ich habe ganz gewiss nichts gegen schwule Menschen, die ihr Glück in einer langfristigen, vielleicht lebenslangen Beziehung suchen, zuzüglich einem oder mehreren wie auch immer in diese Beziehung geratenen Kindern, Immobilienvermögen, gutem Wein und was auch immer. Geordnete Verhältnisse und ein geregelter Lebenswandel. Warum nicht? Solange ich diese Beziehung immer noch als Beziehung zweier schwuler Männer ausmachen (lesbische Frauen lasse ich aus Sicherheitsgründen – Fettnapfgefahr! – unberücksichtigt) kann, komme ich gut damit klar.

Entsetzen macht sich bei mir breit, wenn in solchen Beziehungen die Tatsache, dass sie aus zwei homosexuellen Männern besteht, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt ist, wenn heterosexuelle Lebensweisen bis zur Selbsaufgabe imitiert, ja an Anständigkeit und Geordnetheit sogar übertroffen werden.

Du bist doch selbst so einer. Einer von diesen Anstandsschwulen, lebst in Lebenspartnerschaft, standesamtlich eingetragen, hast als Kinderersatz eine Katze, lebst nicht im Schwulenviertel, nimmst selten die schwule Infrastruktur in Anspruch, kann man mir entgegenhalten.

Ja, auf den ersten Blick scheint es so, ich bitte jedoch, auch einen zweiten Blick zu wagen.

Wie ist das zum Beispiel mit den Katzen? Ist unsere Katze (bis vor wenigen Monaten waren es noch zwei) ein Ersatz für ein Kind?

Ein einfacher Vergleich genügt um deutlich zu machen, wie abwegig diese Annahme ist. Man vergleiche, wie gut mein Mann und ich unsere Katze(n) behandel(te)n und wie schlecht Eltern, nicht alle, aber sehr viele, ihre Kinder behandeln.

Unsere Eingetragene Lebenspartnerschaft ist doch auch nur der Versuch, heterosexuelles zu imitieren, oder?

Nun taugt eine Eingetragene Lebenspartnerschaft nicht, heterosexuelle Lebensweise zu imitieren, schon weil sie ein vergiftetes Geschenk der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft an die schwulen Menschen ist. Sie ist zwar mit Pflichten, die auch eine verschiedengeschlechtliche Ehe mit sich bringt, ausgestattet, aber nicht mit den dazugehörigen Rechten. Das Gift kann man allerdings schnell unschädlich machen, indem man einfach den Domestizierungsversuchen widersteht. Man kann dieses Gift allerdings auch schlucken und darauf hoffen, die Anerkennung als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft durch Abtötung der eigenen Identität zu erlangen. Guido Westerwelle ist ein Beispiel hierfür.

Ich unterstütze die Forderung nach Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Beziehungen. Damit meine ich aber nur den rechtlichen Rahmen, nicht die inhaltliche Ausgestaltung. Warum sollen Mann und Mann oder Frau und Frau nicht vom Staat angebotene Modelle für die rechtliche Ausgestaltung einer Beziehung nutzen, wenn diese denn passend erscheinen? Ein Grund für die Eingetragene Lebenspartnerschaft mit meinem Mann war, auf diese Weise Dinge zu regeln, die uns regelungsbedürftig erschienen. Nun wollen wir auch den juristischen Rest, das, was verschiedengeschlechtliche Menschen ohne weiteres für sich in Anspruch nehmen können. Damit ist allerdings kein inhaltliches Abkupfern heterosexueller Beziehungen verbunden. Wir brauchen weder Kinder, Monogamie, Seitensprünge, gesellschaftliche Statussymbole und (Fehl-)Verhaltensnormen. All diesen Ehe-Stress ersparen wir uns und leben unser Leben. Diese Leben ist zweifelsohne eine angepasstes Leben. Wir, mein Mann und ich, haben uns aneinander angepasst, nicht aber an die Erwartungen der anderen.

Es ist erstaunlich, wie oft andere Menschen, seien es Arbeitskollegen, Geschäftsfreude, Bekannte oder Verwandte mit den einleitenden Worten, ihr seid doch verheiratet (manche auch juristisch korrekt: verpartnert), ihr Erstaunen oder ihre Erwartungen in Bezug auf bestimmte Verhaltensweisen oder Ansichten zum Ausdruck bringen.

Das Leben ist schlicht und ergreifend zu kurz, um fremde Lebensentwürfe, die im Zweifel ohnehin nur dahingeheuchelt sind, zu leben. Es ist zu kurz, um heterosexuelle Menschen nachahmen zu wollen. Es ist aber lang genug, um zu erkennen, dass heterosexuelle Menschen und ihre Beziehungen nicht als Vorbilder für schwule Menschen taugen.

Selbstständlich dürfen, ich schrieb es oben schon, schwule Männer sich eine Familie mit Kindern wünschen, selbstverständlich dürfen sie sich eine monogame Beziehung wünschen. Aber es gibt keinen Grund, zum Aufbau dieser Familien und Beziehungen Bauklötze aus dem heterosexuellen Setztbaukasten zu nehmen. Macht man dass, nimmt man alle dort vorprogrammierten Probleme mit in Kauf. Und, viel schlimmer noch, wenn man sein Leben nach heterosexuellen Vorstellungen und Maßstäben ausrichtet, risikiert man, dass man von den heterosexuellen Menschen nach diesen Maßstäben gemessen und beurteilt wird. Dan Savage musste genau das erleben:

Dan Savage [...] has [...] been honest about the fact that he and his husband Terry have, twice in the past ten years, done something a little bit sexy with someone outside their marriage.

Schon wird auf ihn mit dem Finger gezeigt und Savage muss sich verteidigen und von seinen Freuden verteidigt werden:

This is in stark contrast to the way many heterosexuals handle monogamy: by fiercely barking about how much they believe in it, while simultaneously screwing people behind their spouses’ backs. Say what you will about Dan and Terry’s arrangement, but at least they handle each other with trust and respect.

Aber was ist das für eine Verteidigungslinie? Der Konter besteht in einem Verweis auf die Abgründe heterosexueller Beziehungen. Dort sei alles noch viel schlimmer! Sorry, aber ich möchte gar nicht erst in die missliche Lage kommen, mich wegen der Art und Weise wie ich meine Beziehung lebe, verteidigen zu müssen. Und ich möchte schon gar nicht zu meiner Entschuldigung vorbringen müssen, ich sei der bessere Heterosexuelle. Natürlich kann man sich auf dieses Spiel einlassen, allerdings sollte man dann nicht mehr als schwul oder homosexuell firmieren, sonderen als heterosexuell mit dem Zusatz MSM.

Heterosexuelle Menschen und ihre (Ideal-)Beziehungen zu imitieren, ist kein Fortschritt für schwule Menschen, denn damit bekommen die Heteros den Fuß in die Tür zur Kontrolle des Beziehungslebens schwuler Menschen.

Herzlichst,

Ihr

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2 Responses to Imitierte Heterosexualität

  1. alivenkickn says:

    Das Leben ist schlicht und ergreifend zu kurz, um fremde Lebensentwürfe, die im Zweifel ohnehin nur dahingeheuchelt sind, zu leben. Es ist zu kurz, um heterosexuelle Menschen nachahmen zu wollen. Es ist aber lang genug, um zu erkennen, dass heterosexuelle Menschen und ihre Beziehungen nicht als Vorbilder für schwule Menschen taugen.

    Woher nimmt man das Recht um einen Lebensentwurf als geheuchelt zu bewerten? Wenn Du sagst das Du welchen Lebensentwurf auch immer auf Grund Deiner Sichtweise und deines Verständnis als geheuchelt empfindest, dann ist das für mich nachvollziehbar. Aber nicht wenn Du Deine Sichtweise als allgemeingültig postulierst.

    Heteorsexuelle Menschen oder besser gesagt “heterosexuellem Verhalten” nachzueifern, nun like it or not aber wir sind nun mal seit Jahr1000den in solch einem System groß geworden und aufgewachsen. Hier spielen nun mal Gewohnheiten und Verhalten eine entscheidende Rolle. Old habits die hard. Gewohnheiten, Verhalten das man jahrelang gelebt hat lassen sich nicht mal so en passant ablegen.

    Zu erkennen ob ein Lebensentwurf auf “Bauklötzen aus dem heterosexuellen Setztbaukasten” errichtet worden ist, dazu muß man sich einem Prozeß stellen der äüßerst schmerzhaft ist. Ob dazu jeder bereit ist wage ich zu bezweifeln stellt man doch u.Um einen großTeil seines Lebens in Frage. Das fühlt sich alles andere als gut an.

    “Macht man dass, nimmt man alle dort vorprogrammierten Probleme mit in Kauf. ”

    Hier stimm ich Dir uneingeschränkt zu. Jeder dem es ernsthaft ist, muß seinen eigenen Lebensentwurf “entwerfen” und für sich “programmiere” bzw leben. Wobei das Programm niemals abgeschlossen sein wird da man mit jedem Tag neue “Erfahrungen macht”. Insofern ist Modifikation unerläßlich weil Leben keinen Stillstand kennt

    Wenn Du sagst das “heterosexuelle Menschen und ihre Beziehungen nicht als Vorbilder für schwule Menschen taugen” dann halte ich dir entgegegen wäre unsere Welt von “schwulen Lebensentwürfen geprägt” dann würden schwule Menschen und ihre Beziehung nicht als Vorbilder für heterosexuelle Menschen taugen.

    Diese Genderdiskussion halte ich mit Verlaub gesagt für a pain in the ass. Als AltHippie sage ich nur Love the one you re with, the way you want. Natürlich immer im Bewußtsein der Grenzen des Anderen, seiner Mitmenschen. Es geht um Beziehung zwischen zwei Menschen. Ob 2 Männer, 2 Frauen, 2 Männer 4 Frauen, 1 Frau 3 Männer, mir ist das sowas von egal. Wenn es für sie stimmig ist – wunderbar. Da spielt es keine Rolle welche Blaupause ihrem Lebenswerf zu Grunde liegt. Sollten sie das Verhalten der Bonobos als ihr Non Plus Ultra goutieren, super, Streß wird weggevögelt . . wunderbar.

    In einem stimme ich Dir uneingeschränkt zu: Gleiche Rechte für alle Menschen. Keine Exckusivität für Eheleute, Blauäugige, Dicke, Brillenträger – nein gkeiche Rechte für jeden Menschen. Aber ich fürchte da wird eher ein Kamel durch s Nadelöhr gehen als das die Spezies des homo politicus “Mensch” wird.

  2. fabian says:

    “schlimmer als heterosexuell zu sein, sei [ist] es, Heterosexuelle zu imitieren”

    Ein Satz, der mir wie ein Stückchen “Trinitario Edelbitter (80%)” auf der Zunge zergeht.

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