Bullensex

Ich mag Sex. Sehr gerne sogar. Am liebsten mit meinem Mann, aber ich komme auch alleine zurecht – zarte Hände sind halt nicht nur fürs Orgelspielen geeignet. :roll:

Für guten Sex ist aber nicht nur wichtig mit wem, oder ohne wen, man ihn hat, sondern auch wo. Ich kann heute kaum glauben, dass ich einige Jahre lang Pornokinos, miefig-schmuddelige Pornokinos für die richtigen Orte hielt – und das in einem Lebensalter, in dem ich durchaus tageslichttauglich war. Nun, heute denke ich anders darüber und ziehe Tageslicht dem Zwielicht vor. Wenn die Sonne zum Fenster hineinscheint ist das etwas Schönes. Fast noch schöner ist es, wenn sich die Sonne nicht hinter einem Fenster verbirgt: Outdoor! Die Einschränkung fast mache ich deshalb, weil es schon recht bequem ist, zu Hause ein weiches Bett oder andere geeignete Möbel zur Verfügung zu haben, das notwendige Zubehör nicht erst herumschleppen zu müssen und, wenn es so richtig schmutziggeil wird, ist’s ganz nett, wenn eine Dusche oder Badewanne nicht allzu weit entfernt ist. Aber ansonsten habe ich gegen sexuelle Aktivitäten an der frischen Luft nichts einzuwenden. Ob jemand zuschaut, ist mir egal – ich zwinge niemanden dazu.

In Puttenham, Surrey, südwestlich von London, befindet sich unweit einer Autobahnraststätte ein stark frequentiertes Outdoorsexgebiet. Outdoorsex, ist bei den Briten ziemlich beliebt, jedenfalls beliebter als bei den verklemmten Deutschen. Ja wirklich, ich bin davon überzeugt, dass die Deutschen viel verklemmter sind als die Briten, auch wenn immer das Gegenteil behauptet wird. Dogging wird es auf der Insel genannt, wenn Menschen im freien Sex haben und dabei in Kauf nehmen (oder es sogar wünschen), von anderen beobachtet zu werden. Der Begriff soll sich von doggedly ableiten. Doggedly bezeichnet Spanner, die anderen Menschen auf den Fersen sind, um ihnen beim Sex zuzuschauen. Dogger sind diejenigen, die sich zuschauen lassen. Puttenham hat sich aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage zu einem der bekanntesten Dogger-Treffpunkte im Vereinigten Königreich entwickelt. Tagsüber sind vornehmlich schwule Männer dort aktiv, nachts, etwas schüchterner, nicht schwule Männer und Frauen.

300 der 2500 Einwohner Puttenhams ist das Treiben ein Dorn im Auge. Sie empören sich über das, was jeden Tag Ziel ihrer Ausflüge ist, nämlich der Sex anderer Menschen. Ich verstehe es nicht. Die Pornoindustrie boomt, Werbung kommt kaum ohne sexuelle Anspielungen aus und keine Zeitung, auch nicht die seriösen, kann es sich leisten, nicht über sogenannte Sex-Skandale zu berichten. Wenn aber Menschen Sex haben, und zwar nicht gekauft oder erzwungen, dann soll das etwas Schlimmes sein, etwas, das nur hinter verschlossenen Türen und verdunkelten Fenstern stattfinden darf? Wir sehen und hören anderen Menschen beim Essen, Atmen, Schmatzen, Schnaufen, Röcheln, Gehen, Trinken, Schlürfen, Schlafen, Reden und Sterben zu, warum nicht auch beim Sex? Wir lassen uns von dem Gequake und Geplärre anderer in den Zügen, Bussen und U-Bahnen volldröhnen, ertragen ihr schlechtes Benehmen und ihre schlechten Ausdünstungen, haben aber etwas gegen Sex? Sicher, ich möchte auch nicht jedem beim Ficken oder Blasen zusehen. Wenn mir jemand nicht gefällt schaue ich einfach nicht hin und gehe weiter, bis ich außer Hörweite bin. Der Stinkmorchel und dem Cheeseburgeresser in der U-Bahn kann ich nicht ausweichen und gröhlende Männer und in Diskantlage schnatternde Frauen (warum sind die Stimmen blonder Frauen eigentlich immer so reich an enharmonischen Obertönen?) beschallen ohne weiteres ein ganzes Flugzeug oder einen ganzen Eisenbahnwagen.

Da man von einem erwachsenen Menschen erwarten kann, dass er mit dem friedlichen Verhalten anderer Erwachsener umzugehen weiß, schicken die Puttenhamer Radikalen ihre Kinder vor. Ein übliches Verfahren. Die armen Kleinen, so wird von alten, kinderlosen Jungfern und angeblich hochanständigen Familienvätern vorgebracht, müssen von ihrem Schulhof aus das Treiben auf dem Hog’s Back Ridge, so heißt der Hügel, der so anregend wirkt, beobachten. Müssen müssen sie auf keine Fall. Offenbar wollen sie.

Kindern wird heutzutage alles mögliche zugemutet. Sie erleben die Krisen ihrer Eltern (wenn sie welche haben, sonst leiden sie anderweitig in einem Heim), werden mit krank- und fettmachendem Fastfood vollgestopft, vor Fernsehgeräten und Computern geparkt, mit Kriegsspielzeug auf die Straße geschickt, aber Sex, nicht überdrehte Pornos, schlichten Sex zwischen Menschen sollen sie nicht sehen dürfen? Ist die Welt der Erwachsenen so armselig, dass sie keine Worte findet, um den Kindern zu erklären, was sie sehen? Ja, sie ist so armselig. Man gehe nur einmal in einen Zoo und lausche, wie Eltern ihren Kindern die Welt der Tiere, die zum Beispiel so aussieht

erklären. Blödheit wird nicht vererbt, sie wird durch peinliche Erklärungsnotstände von Generation zu Generation weitergegeben.

In Puttenham nun sahen sich die Behörden ob der destruktiven Gefühlswallungen der 300 genötigt, tätig zu werden. Zwar befürchtet ein Mitglied der Bezirksvertretung das Schlimmste, if you close this site, there could be an increase in suicides because these people have nowhere else to go, allerdings drang er mit diesem Einwand nicht durch.

Eine Bullenherde soll Abhilfe schaffen. Nicht eine Herde Polizisten, die sollen dort zwar auch aufkreuzen, und zwar mit Hunden, sondern diese vierbeinigen Dinger, sollen das Gelände durchstreifen. Man verspricht sich davon, dass die Dogger entweder angesichts mißmutiger Prachtbullen

Angst bekommen und das Weite suchen, oder die dann wohl Haufenweise herumliegende Bullenscheiße

jede erotische Stimmung einfach verduften lässt. Man wird sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Bullen statt Sex, Sex mit Bullen oder einfach nur Bullensex.

Ungemacht droht jedenfalls schon von anderer Seite: Tierschützer werden alarmiert sein, denn es sind Fälle überliefert, in denen Rinder an verschluckten Kondomen gestorben sind. Kondome, dass wissen die meuternden 300 zu berichten, liegen in dem Gelände, das demnächst als Bullenweide diesen soll, reichlich herum. Das aufgeregte Dorf Puttenham wird also weiterhin für Gesprächsstoff sorgen.

Gesprächsstoff brachte den Briten auch der Ort Barrow Wake, nahe Cotswold. Dort stellte jemand ein Schild mit der Beschriftung Official Cotting Area auf.

Die hochanständige Dorfgemeinschaft war empört, das Schild wurde von einem tollwütigen Anwohner entfernt, gewaltsam vermutlich, die Presse schreibt ripped down. Bei nächster Gelegenheit soll es öffentlich verbrannt werden.

So und jetzt, als kleine Entschädigung für Vorgezeigtes, endlich das, was man im Grünen so an Sehenwürdigkeiten entdecken kann:

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