Sizzlas Auftritt im Rahmen des Chiemsee Reggae Summer Ende August 2010 ist immer noch nicht abgesagt.
In ihren anfänglichen Stellungnahmen haben die Veranstalter, die Trostberger CRP Konzertagentur GmbH, mit Unterstützung des Brauerei Beck’s, die wiederum zu den Kooperationspartnern der Kölner Lesben- und Schwulentags (KLuST) gehört, Einwände gegen die Aufrufe zur Ermordung von schwulen Männer als verfassungswidrige Zensurbestrebungen abgetan und die Auffassung vertreten, die Kunst- und Meinungsfreiheit sei höher zu bewerten als das Lebensrecht schwuler Menschen. Nun erklären sie ergänzend ihre Kritiker für blöd. Michael Buchholz, Sprecher des Veranstalters, meint, es könne von einem tatsächlich so gemeinten Mordaufruf keine Rede sein. Man dürfe nicht den Fehler machen, die Texte im jamaikanischen Slang Patwah wörtlich zu übersetzen.
„Das sind reine Aussprüche“, sagt Buchholz. „Die können tausend Sachen bedeuten.“
Die von Sizzla gesungenen Texte sind von zahlreichen sprachkundigen Menschen in gängige mitteleuropäische Sprachen übersetzt worden – Intention und Aussage der Texte sind eindeutig. Von ihm ist nie der Hinweis erfolgt, dass die Übersetzungen im Wortlaut oder im Inhalt unzutreffend seien. Gerade Sizzla hat keine Gelegenheit ausgelassen, klarzustellen, dass er das ihm Unterstellte auch tatsächlich meint. Sizzla steht mit seinem Namen für den expliziten Hass auf schwule Männer. Die Verwischungstaktik der CRP ist zum kotzen.
Nun haben die Veranstalter ihre von Profitgier – es geht gewiss nicht um Kunstfreiheit und schon gar nicht um Meinungsfreiheit – geleitete Taktik um die der Blockade ergänzt:
Dabei ist es nicht die Kritik an sich, die den CRS-Sprecher stört. Es ist die Art, wie sie vorgebracht wird. So habe sich der Grünen-MdB Volker Beck nicht nur an verschiedene Ministerien und Medien gewandt, es seien auch Briefe an die Sponsoren des Festivals geschickt worden. Einladungen der CRS-Veranstalter, sich das größte deutsche Reggae-Festival selbst anzusehen und mit den Organisatoren in Diskurs zu treten, seien jedesmal unbeantwortet geblieben. „Für mich ist das einfach verlogen“, sagt Buchholz. „Pure Polemik und Profilierungssucht.“
Statt ein Auftrittsverbot für Sizzla auszusprechen, setzen die Veranstalter des CRS deswegen auf eine direkte Auseinandersetzung mit der Thematik vor Ort. So sollen Mitglieder von Amnesty International am Festival über das Thema Homophobie in der jamaikanischen Kultur und Musik aufklären.
Der erwähnte Volker Beck hat seine Haltung zu Sizzla und dessen Texten in ruhiger und sachlicher Form in zwei Interviews
und
vorgetragen. Ein Auseinandersetzung mit dieser Kritik lehnen die Veranstalter ab. Statt dessen sprechen sie Volker Beck das Recht ab, seine Meinung zu äußern – wiederum nicht wegen höherer Werte, sondern weil sie für die CRP schlichtweg geschäftsschädigend ist. Das Angebot der Veranstalter, in einen Diskurs zu treten, ist pure Heuchelei, denn so ein Diskurs muss vor der Veranstaltung stattfinden, und nicht während der Hasssänger auf der Bühne steht. Einen vorlaufenden Diskurs blockieren die Veranstalter, indem sie kurzerhand alle, die Sizzla nicht begeistert zujubeln wollen, als Lügner darstellen (allerdings nicht erklären, worin die Lüge bestehen soll), und Angebote örtlicher Gruppen, an Diskussionsrunden teilzunehmen, ablehnen. Sie lassen wissen:
Wir nehmen nicht an Veranstaltungen teil, die einen auch rechtlich höchst fragwürdigen Boykottaufruf zum Ziel haben.
Nun, solche Veranstaltungen wären geeignet, die Bedenken gegen die Sizzlas Auftritt zu zerstreuen. Wer dort nicht erscheint, offenbart, dass er schlechte Karten hat. Bemerkenswert ist, dass umgekehrt erwartet wird, Volker Beck und andere sollen auf dem CRS erscheinen, um dem Hasssänger den Weg zu ebnen.
Amnesty international während der Veranstaltung anwesend haben zu wollen (wie viele Leute soll ai bei mehreren Zehntausend erwarteten Gästen schicken?), ist auch nur ein weiterer Versuch, die Diskussion über den Schwulenhass Sizzlas – und den der Veranstalter! – zu blockieren: Man habe doch amnesty international für den Notfalleinsatz vor Ort gehabt, wenn es nun doch noch Homophobie im Reggae und Schwulenverfolgung auf Jamaika gibt, können wir doch nichts dafür. Wenn das durchdachte Anti-Homophobie-Konzept mit der Unterschrift Sizzlas nicht funktioniert, dann können wir nichts dafür. Schuld sind die anderen! Schuld ist amnesty international!
In den ganzen Verlautbarungen der direkten und indirekten Sizzla-Unterstützer habe ich keine einzige Erklärung dafür gelesen, warum es für sie unmöglich ist, den Wunsch schwuler Menschen, in Frieden leben zu dürfen, zu respektieren. Es gibt immer nur dummes Herumgeblubbere über die jamaikanische Kultur (ist das eine Mörderkultur?), die Regionalgeschichte (aus der Geschichte kann man lernen und klüger werden!), Sitten und Gebräuche, religiöses Blabla, Mißverständnisse und dergleichen mehr. Warum der Aufruf zum Mord an schwulen Menschen Kunst sein soll, und wie die Anleitung zu Folter und Mord dem friedlichen Miteinander der Menschen dienen soll, ist nirgendwo zu hören oder zu lesen.
Das Perverse an den Veranstaltern und ihrem Sprecher Michael Buchholz: Die wissen ganz genau, dass sie sich jemanden eingeladen haben, der zur Ermordung von Menschen aufruft und die Ermordung von Menschen billigend und befürwortend in Kauf nimmt. Der Hass, der von Sizzla und anderen erzeugt wird, führt unweigerlich zur Gewalt gegen schwule Menschen.
Aber, und das wird jeden Menschen ins Grübeln bringen müssen: Die Gewalt richtet sich auch gegen Menschen, die für schwul gehalten werden oder denen einfach angehängt wird, dass sie schwul seien. Dagegen kann sich niemand, nicht der größte Macho, nicht der verschiedengeschlechtlich verheiratete Mann mit drei Kindern, wehren.
Die Gewalt, die von Sizzla, den CRS-Veranstaltern, diesem Buchholz, direkt oder indirekt befürwortet wird, kann jeden Treffen. Und wenn es passiert, ist das Geschrei groß. Dann will es wieder niemand gewesen sein, dann will niemand vorher etwas geahnt oder gar gewusst haben.
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