„Ich habe das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen“,

dieser Satz stammt von Helmut Schmidt, er soll ihn im Rückblick auf die Hamburger Sturmflutkatastrophe des Jahres 1962 gesagt haben. Heute wird er vermutlich behaupten, Jounalisten hätten ihm diese Äußerung untergeschoben.

Helmut Schmidt war vom 13.12.1961 bis zum 14.12.1965 Senator der Polizeibehörde (ab Juni 1962 als Innensenator bezeichnet) der Freien und Hansestadt Hamburg. In dieser Zeit scheint Schmidt das Grundgesetz überhaupt nicht angeguckt zu haben, jedenfalls nicht, soweit es der durch seine Behörde praktizierten Schwulenverfolgung im Wege gestanden haben könnte.

Hamburg nahm in der Amtszeit Helmut Schmidts eine Vorreiterrolle bei der Überwachung schwuler Männer ein. Im Jahr 1980,  rund 15 Jahre nach dem Ausscheiden Schmidts aus der Hamburger Landesregierung berichtete Der Spiegel über einen Vorfall, in dem ein Spiegel eine große Rolle spielt:

Als Hamburger Spitzenkandidat der “Grünen” streitet der Schauspieler Corny Littmann, 27, mit Vorliebe gegen die “Unterdrückung und Tabuisierung von Homosexuellen”. Als bislang wirksamste Waffe in diesem Kampf -für Littmann “ein Akt der Selbstbefreiung” — diente ihm ein kurzstieliger, dicker Hammer.

Den Fäustel in der Faust, stieg der Kandidat zu nächtlicher Stunde in die weißgekachelte Herrentoilette unter dem Spielbudenplatz im Hamburger Amüsierviertel St. Pauli. Sodann zertrümmerte er mit wenigen Schlägen einen zwei Zentimeter dicken Wandspiegel.

Was Littmann hinter dem splitternden Glas entdeckte, löste in Hamburg einen politischen Skandal aus, der bundesweit bislang beispiellos ist: Aus einer düsteren, unmöblierten Vier-Quadratmeter-Kabine entwichte während der Hammer-Aktion ein Unbekannter, der durch das Spezialfenster, das als Spiegel getarnt war, freie Sicht aufs Herren-Pissoir genossen hatte — eine Szene wie aus der Kino-Klamotte “Die 1000 Augen des Doktor Mabuse”. [Die Polizei erklärte später, dass der entwichene Unbekannte kein Polizist, sondern eine neugierige Putzfrau gewesen sein soll, StM.]

Die durchsichtigen Scherben, die Littmann und seine Freunde vom “Hamburger Lesben- und Schwulengruppenverbund” anderntags der Lokalpresse präsentierten, machten jäh transparent, was hanseatische Homosexuelle seit langem argwöhnten: Mal “sporadisch”, mal “regelmäßig einmal in der Woche” hatten Zivilbeamte, wie Polizeisprecher Peter Kelling einräumen mußte, jahrzehntelang am Spielbudenplatz und in sieben weiteren öffentlichen Bedürfnisanstalten hinterm Spitzel-Spiegel gestanden.

Angesetzt waren die beamteten Voyeure auf Homosexuelle. Die nämlich hätten dort, so Ludwig Rielandt, seit 1973 Chef der zuständigen Davidwache, “schreckliche Dinge” getrieben, “Oral- und Analverkehr”. “Harmlose Touristen”, vor allem aus der nahen Jugendherberge am Stintfang, seien häufig “schreckensbleich aus der Toilette” geflohen.

Die WC-Fahnder griffen zu, wann immer sie Verdächtige erspäht zu haben glaubten: “Wer nicht gleich konnte und zu lange am Urinbecken stand oder zur Seite blickte”, erinnert sich ein Homosexueller, “lief Gefahr, Hausverbot zu bekommen — ob schwul oder nicht.” Weigerte sich ein Toilettengast, per Unterschrift das polizeiliche “Klappenverbot” zu akzeptieren, seien die Beamten auch schon mal laut geworden: “Du schwuler Hund, mach, daß du rauskommst.”

Der erste Spiegel-Zerstörer soll, einer unbestätigten Quelle zufolge, der Architektur-Historiker Wolfgang Voigt gewesen sein.

Im Jahr

1961 wurde die behördliche Überwachung durch Zivilfahnder der Schutzpolizei zur “Bekämpfung der Umtriebe in öffentlichen Toiletten” im Bezirk Hamburg-Mitte intensiviert. Personen, die in den Augen der Polizisten “durch entsprechendes auffälliges Verhalten auffielen”, erhielten eine schriftliche Verwarnung. Bei erneutem Betreten der Toilette drohte Hausverbot, das ihnen auf einem Formular, dem sogenannten Toilettenverbotsschein, ausgehändigt wurde. Darauf waren alle Bedürfnisanstalten genannt, die nicht mehr betreten werden durften. Eine Durchschrift des Toilettenverbotsscheins erhielt das Bezirksamt, die Personalien wurden in der Fahndungskartei (Rosa Listen) erfasst. In manchen Fällen wurden auch Ermittlungsverfahren nach §§ 175, 175 a StGB eingeleitet.

Bald wurde beschlossen, in öffentlichen Toiletten sogenannte Einwegspiegel einzubauen, hinter denen in kleinen Räumen Polizisten saßen, um das Treiben an der Pissrinne zu beobachten. Damit ging die Freie und Hansestadt Hamburg einen neuen Weg im Kampf gegen Homosexualität. 1963 bestätigte das Verwaltungsgericht dieses Vorgehensweise, da es auch in Selbstbedienungsläden Spiegel gäbe, “um Diebe auf frischer Tat zu stellen”. In den 60er-Jahren gab es jährlich 500 bis 700 schriftliche Verwarnungen. Zwischen 1976 und 1979 kam es noch zu 119 Verwarnungen und Hausverboten. (Rosenkranz/Bollmann/Lorenz: Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919 – 1969, S 145f mwN).

Nicht nur an der Pissrinne wurde schwule Männer von der Hamburger Polizei schikaniert. Seit November 1960 galt in Hamburg das sogenannte Tanzverbot. Lokalbesitzer wurden unter Androhung von Zwangsgeld und des Entzugs der Schankerlaubnis gezwungen zu verhindern, dass Männer miteinander tanzten. Nachdem das Tanzverbot im Juni 1961, also während der Amtszeit Schmidts, vom Verwaltungsgericht bestätigt wurde, überprüften noch in der Nacht nach der Urteilverkündung Polizisten die Einhaltung des Verbots. Die Hamburger Polizei bedauerte ausdrücklich, dass die Berliner Behörden dem Hamburger Beispiel nicht folgen wollten. Infolge des Tanzverbots, den andauernden polizeilichen Kontrollen und des damit einhergehenden Gästemangels müssten mehrere Lokale, die einst Treffpunkt schwuler Männer waren, schließen.

Mit Helmut Schmidt regierte in Hamburg ein Schwulenhasser. Die Einweg-Spiegel zur Überwachung gingen auf das Konto der SPD. Toll, dass Corny Littmann damals mit der Hammeraktion darauf aufmerksam gemacht hat. In den Parks machte die Polizei nachts Jagd auf Schwule. Über der Szene schwebte die Angst vor Denunziation (Hajo Petersen auf der Homepage der AIDS-Seelsorge Hamburg).

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3 Responses to „Ich habe das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen“,

  1. Ralf says:

    Gegen Schmidts Schwulenverfolgung ist rein rechtlich nichts zu sagen. Die sexuelle Orientierung stand und steht bis heute nicht unter dem Schutz des Grundgesetzes. Das Bundesverfassungsgericht hatte 1957 klargestellt, dass der § 175 in der nationalsozialistischen Fassung der Regierung Hitler in Deutschland geltendes Recht war und nicht gegen das Grundgesetz verstieß. Schmidt vollzog also mit Billigung des höchsten deutschen Gerichts den nach wie vor geltenden gesetzgeberischen Willen des Führers. Das war nicht Schwulenhass, sondern Pflichtbewusstsein, wie bei allen anderen Schreibtischtätern auch. Persönlich hatte Schmidt, wie er uns gerade erst treuherzig versichert hat, ja mit Schwulen keine Probleme. Wenn man freilich Polizeiminister ist und abwägen muss zwischen der Menschenwürde und einem Führerbefehl, dann folgt man selbstverständlich dem Führer. Meiner Ansicht nach ist Schmidt der am meisten verkannte Bundeskanzler. Die öffentliche Meinung hält ihn für einen ehrenwerten großen Staatsmann. Dafür gibt es keinen Grund.

  2. manu says:

    eine kleine anmerkung: 1980 war schmidt nicht 25, sondern “nur” 15 jahre nicht mehr in der landesregierung von hh. ;)

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