Schwule Präsidenten

Wenn von schwulen Fußballfunktionären die Rede ist, richtet sich der Blick auf den 1. FC St. Pauli von 1910 eV und seinen schwulen Vereinspäsidenten, der immer dann, wenn von Fußball und Homosexualität die Rede ist, als eine oberste Instanz zu Rate gezogen wird.  Während Corny Littmann allseits bekannt ist, kennt kaum jemand Emil Martens.

Emil Martens, 1969 verstorben, war ebenfalls schwul – und lange Jahre Präsident des Hamburger Sportverein eV (HSV).

Seit 1907 Vereinsmitglied und Spieler wurde Emil Martens im Jahr 1928 Präsident des Hamburger Sportvereins. 1934 musste Emils Martens dieses Amt auf Druck der Behörden niederlegen. Gründe hierfür sollen die Existenz einer schwarzen Kasse und Verstöße gegen das Amateurstatut gewesen sein. Ob Emil Martens Homosexualität damals bekannt war und bei dem Vorgehen gegen ihn eine Rolle gespielt hat, ist ungeklärt. Der Verein jedenfalls hat Martens noch im gleichen Jahr zu seinem Ehrenvorsitzenden beziehungsweise Ehrenpräsidenten ernannt (die Terminologie ist in den Quellen uneinheitlich).

Ab dem Jahr 1936 haben sich die Nazibehörden intensiv mit Emil Martens Sexualleben befasst. Es kam zu mehreren Verurteilungen und einem Selbstmordversuch. Schließlich unterzog sich Martens, um noch härteren Strafen zu entgehen, einer Kastration.

Über viele Jahre lag das Schicksal von Emil Martens im Dunkel des Hamburger Staatsarchivs.  Erst vor einigen Jahren entdeckte Gottfried Lorenz im Rahmen einer Recherche über das Schicksal schwuler Menschen in Hamburg während der Nazizeit die Unterlagen und berichtete über die Auswertung der Akten:

Der Fall Martens – ein prominentes Opfer der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung in Hamburg

Die Darstellung von Martens Lebensweg fand später Eingang in die Ausstellung Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg. Damit hatte die Öffentlichkeit erstmals die Gelegenheit, das Schicksal eines ehedem prominienten schwulen Mannes in der Hansestadt zur Kenntnis zu nehmen. Für den Hamburger Sportverein war Gottfried Lorenz’ Entdeckung ein weiterer Anstoß, sich mit der Geschichte des Verein während der Nazizeit zu beschäftigen. In den Jahren 2007 und 2008 zeigte das HSV-Museum eine Ausstellung mit dem Titel Die Raute unter dem Hakenkreuz, in der auch Emil Martens Erwähnung fand.

Damit war für den Verein die Vergangheit keineswegs bewältigt.

Der diesjährigen Mitgliederversammlung wurde folgender Antrag[1] zur Beschlussfassung vorgelegt:

Antrag zur Jahreshauptversammlung des HSV

Abstimmung über den Ausschluss jüdischer Mitglieder und anderer Mitglieder die in den Jahren 1933-45 aus politischen und persönlichen Gründen aus dem Verein ausgeschlossen wurden oder ihn verlassen mussten. Die Mitgliederversammlung möge beschliessen, dass die damaligen Ausschlüsse Unrecht waren und daher zurück zu nehmen sind.

Begründung:

Nach der Machtübernahme 1933 mussten die jüdischen, sowie einige politisch aktive und auch homosexuelle Mitglieder den Verein aufgrund politischen Drucks verlassen. Nach meinen im Rahmen der Vorbereitung der Museums-Ausstellung “Die Raute unter dem Hakenkreuz” durchgeführten Nachforschungen ist davon auszugehen, dass dies auch vom HSV aktiv unterstützt wurde durch Vereinsausschlüsse und das Ausüben von Druck auf die Betreffenden. Gleichzeitig hat sich der HSV der Verfügung gebeugt, keine “nichtarischen” Mitglieder mehr aufnehmen zu dürfen. Der HSV kann sich der unangenehmen Erkenntnis nicht verschließen, dass auch er unter dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten nicht immer konsequent für Menschlichkeit und Fairness einstand. Es wäre daher die logische Konsequenz, wenn nach dem Erkennen des Unrechts, welches den betroffenen Menschen vom HSV getan wurde, der HSV in einer Geste der Demut und Entschuldigung das von ihm begangene Unrecht wieder aufheben würde.

Wir möchten daher heute das damals begangene Unrecht per Akklamation auch als solches bezeichnen und die Ausschlüsse zurücknehmen.

Am 17.01.2010 hat die Mitgliederversammlung diesen Antrag einstimmig angenommen.

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[1]Ich danke Dirk Mansen, dem Leiter des HSV-Museums, für die Übermittlung des genauen Wortlauts der Beschlussfassung.[back]

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2 Responses to Schwule Präsidenten

  1. ondamaris says:

    klasse geschichte – und besonders lesenswert der link auf lorenz, danke!

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