Frei zu sein ist das wohl schönste Geschenk, das der Verstand einem Menschen bescheren kann.
Nicht wenige Menschen glauben, weil sie mehr Geld auf dem Konto haben, als sie ausgeben können, weil sie ein Auto haben, mit dem sie fast überall hinfahren können, weil sie sich zwei, drei oder vier Urlaubsreisen im Jahr leisten können, seien sie frei. Verfassungen postulieren die Freiheit der Bürger und meinen damit, dass Beschränkungen der Freiheit nur aufgrund streng auszulegender Gesetze und gerichtlicher Entscheidungen möglich seien, dass die Bürger nicht überwacht werden dürfen und dergleichen mehr.
Freiheit in diesem Sinne, ich schätze sie nicht gering, ist jedoch nur eine äußere Freiheit, die an bestimmten Merkmalen gemessen wird. Der Grad der Freiheit der Bürger soll daher auch ein Qualitätsmaßstab für das jeweilige Staatswesen sein. Ein genauer Blick auf diese Freiheiten zeigt allerdings, dass diese Freiheiten ‚gegeben’ sind. Durch eine Verfassung, durch eine Anordnung oder durch einen Vertrag. Was gegeben wird, kann auch genommen werden. Deshalb ist diese Freiheit immer fremdbestimmt. Fremdbestimmte Freiheit jedoch ist nur die Illusion von Freiheit.
Es gibt aber auch eine andere Art von Freiheit. Eine Freiheit, die die, die sie entdecken, voll und ganz vereinnahmt. Es ist die Freiheit der Gedanken und (!) der Gefühle. Beides gehört zusammen. Jedoch meine ich weder oberflächliches Denken noch dumpfe Gefühlsausbrüche. Wie oft kommt es durch flüchtige Betrachtungen und affektähnlichen Regungen zu unberechtigten Be- und Verurteilungen? Da wird es als ekelhaft empfunden, wenn zwei Männer sich küssen (es sei denn, es geschieht auf einem Fußballspielfeld). Schnell wird das oberflächlich Wahrgenommene mit den Abziehbildchen überkommener Klischees assoziiert und schon fühlt sich der Normmensch angeekelt. Ein echtes Gefühl ist das nicht, wohl aber ein Zeichen der Unfreiheit. Der so vordergründig fühlende Mensch nimmt sich nicht die Zeit, das Ereignis zu erforschen. Er will oder kann nicht ergründen was geschieht; kann nicht nachempfinden oder mitfühlen. Er beschränkt sich, seine Gedankenwelt und seine Gefühlswelt auf Vorgekautes und Serviertes. Damit baut er selbst Schranken und Grenzen auf, die ihn in der Unfreiheit lassen. Er merkt es nicht, denn er fühlt sich frei, abzulehnen, was er ablehnen will. Und wie er Ekel fühlt, fühlt er Freiheit, ohne zu merken, dass er sich selbst ein Trugbild vorhält.
Gedanken sind dann frei, wenn sie sich bewegen können. Wenn sie sich unabhängig von Gelehrtem und Geleertem, losgelöst von Büchern, Bildern und Vorgedachtem bewegen können. Damit sage ich nichts gegen Bücher. Ganz im Gegenteil: Ein guten Buch mag sehr anregen zu denken, nachzudenken und neu zu denken. Die Kunst besteht darin, Bücher, die zum Denken verleiten, von den Büchern zu unterscheiden, die das Denken verbieten.
Gefühle sind dann frei, wenn sie mehr sind als oberflächliche Emotionen, wenn sie nicht verordnet sind. Wie Emotionen, das Wort reimt sich nicht umsonst auf Sensationen, den Menschen vorge- und verschrieben werden, konnte jungst nach dem Selbstmord eines Fußballspielers beobachtet werden. Keine Empfindungen anlässlich dieses Ereignisses zu haben, oder vielleicht sogar Freude zu empfinden, war schlichtweg verboten. ‘Ganz Deutschland trauert’, verkündete eine Nachrichtensprecherin. Das, was da für Trauer gehalten wurde, war eine dieser oberflächlichen, gerne genommenen Empfindungen – aufbreitet für die Masse, auf das der einzelne Mensch in ihr untergehe. Heute ist alle Trauer schon verflogen. Echte, tiefe Gefühle hingegen bleiben für lange Zeit erhalten, manche für immer.
Treffen nun echte Gefühle und klare Gedanken aufeinander, kann sich daraus Wunderbares entwickeln. Für sich betrachtet sind Gedanken weder gut noch böse. Es ist erst die Gefühlswelt, die den Gedanken einen Wert gibt. Kürzlich schrieb hier jemand in den Kommentaren, um richtig und falsch, um gut und böse voneinander unterscheiden zu können, brauche man Gott und einen Glauben. Das ist Unsinn, denn der Glaube zwängt sowohl das Denken wie das Empfinden in eine Schablone und Gott ist der standardisierte Versuch, denkfrei zu Stande gekommene Emotionen wie Angst oder Hoffnung zu manifestieren. Bringt man jedoch tiefe Gefühle und gründlich Bedachtes zusammen, hat man den besten Wegweiser, den ein Mensch sich nur wünschen kann.
Erst wenn man in der Lage ist, frei von Vorgaben eigene Gedanken und Gefühle zu entwickeln, schafft man Eigenes. Erst dann erhält das Leben eines Menschen ein ICH. Die Freiheit, die Umwelt selbst wahrzunehmen und zu bewerten, die Freiheit, ein eigenes Leben zu führen, die Freiheit, den Menschen zu lieben, zu dem Gefühle und Gedanken führen, ist eine unerhörte Freiheit. Wer sie entdeckt, den umgibt sie mit unendlicher Geborgenheit
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