City of London
Cornhill
In Stevens Wohnung
Während ich am Schreibtisch saß und via Gaydar.co.uk den Kontakt zur Welt aufrecht halte, stand Steven an der großen Glasfront des Zimmers. Hoch über den Straßen der City trennte ein bisschen Glas die Wärme unseres Zimmers von dem Wind, der London an diesem nasskalten Dezemberabend in eine unwirkliche Starre versetzte. Stevens leuchtende Augen spiegelten sich in der Glasscheibe, als sein Blick über die City schweifte. Gegenüber dem Cornhill thront hell erleuchtet Saint Paul’s auf dem Ludgate Hill. Die Millenium Bridge überspannt die nach den Regenfällen der letzten Wochen reichlich gefüllte Themse hinüber zur Bankside Power Station, in der sich heute Tate Modern versteckt hält. Im Hintergrund ist The London Eye zu sehen. Rechts davon die Silhouette von Westminster und ganz im Hintergrund ist der Himmel durch die Heathrower Flugfeldbefeuerung hell erleuchtet. An einem dieser Lichter der Nacht war Stevens Blick hängengeblieben.
“Steven!?”
“Ja.”
“Was ist? Was siehst Du?”
“Ach nichts – ich erinnere mich nur an Morgen.”
“An Morgan? Meinst Du JP Morgan? Den kannst Du doch gar nicht kennen, der ist schon lange vor Deiner New Yorker Zeit gestorben.“
Steven dreht sich lachend zu mir um.
“Nein, nicht Morgan. Morgen! Den Morgen meine ich. Die Zukunft.”
Ich war ziemlich müde, hatte Rückenschmerzen und wenig Lust auf eine tiefschürfende Diskussion. Konnten wir nicht einfach über JP Morgen reden oder meinetwegen über Morgan Freeman.
Aber mein Versuch, Steven abzuwimmeln, scheiterte. Wie immer!
“Ach Steven, komm’ mir doch jetzt nicht mit Vorahnungen und so’n Quatsch. Aus dem Star-Trek-Alter bin ich raus. – Und Du auch!”
Steven schaute wieder aus dem Fenster. Die Spiegelung seines Gesichts in der Scheibe verriet mir, dass er vor sich hin lächelte. Dieses Lächeln, dieses sanfte Lachen, das seine Mundwinkel umspielte, es macht ihn unwiderstehlich. Steven weiß das. Seine Gestik und Mimik, jede noch so kleine Bewegung, jedes noch so unwillkürlich erscheinende Zucken, ist genau berechnet. Berechnet auf Wirkungen, die er erzielen will. Berechnet nicht nur auf die nächsten Sekunden oder Minuten. Nein, er bedenkt genau, welches Verhalten welche Wirkung Stunden, Tage oder Wochen später haben wird. Denke ich an unsere erste Begegnung, die nur ein paar Minuten dauerte, in der wir nur ein paar flüchtige Blicke ausgetauscht, nur ein paar Worte, ich in meinem unbeholfenen Englisch, gewechselt haben, dann erscheint es mir, als habe Steven schon damals ganz genau gewusst, wie sich alles entwickeln würde.
Während mich diese erste Begegnung in ein tiefe Unsicherheit und Ahnungslosigkeit stürzte, legte Steven den Grundstock für das, was uns heute verbindet.
Nun also hatte er wieder einen Köder für mich ausgelegt. Sein verträumter Blick in die Nacht, ein undurchschaubares Lächeln, eine mysteriöse Bemerkung. Was sollte ich den machen? Dem Unwiderstehlichen widersteh’n? Unmöglich! In Steven paarte sich die Freiheit, die er mir schenkte, mit der Versuchung, die er ist.
Ich stand auf und trat zu ihm ans Fenster.
„Was meinst Du? Was bedeutet, sich an Morgen erinnern?“
Steven fasste meine Hand und zog mich näher an sich heran.
„Siehst Du die Menschen, die dort um Saint Paul’s herumirren? Sie gehen in die Kirche, hören alte Texte, denken an alte Zeiten, wünschen sich gegenseitig Frieden und ein frohes Weihnachtsfest. Spätestens morgen Nachmittag kommen die ersten Meldungen über Familiendramen zu Weihnachten. Kinder gehen auf ihre Eltern los, Ehefrauen auf ihre Ehemänner, Ehemänner auf ihre Ehefrauen. Brutal und manchmal tödlich. – Und schwule Menschen sind von diesen Dramen bestimmt nicht ausgenommen.“
Steven machte eine Pause, ließ meine Hand los und drehte sich zu mir um.
„Wissen diese Menschen heute, während sie hektisch die letzten Weihnachtseinkäufe erledigen, während sie heuchlerisch in der Kirche sitzen, was sie morgen tun werden?“
Eindringlich schaute Steven mich an.
„Wissen sie es?“
Oh wie schlimm waren diese Momente für mich! Steven wollte über ein Thema diskutieren, welches ich nicht verstand. Er schaute mich an. Seine klaren, leuchtenden Augen. Sein durchdringender Blick. Wie er mich anschaute! Mit seinem Blick fesselte er mich. Wie gerne hätte ich dieses wunderschöne, makellose Gesicht geküsst, wie gerne hätte ich seine blutroten Lippen berührt.
Vorsichtig legte ich meine Hände um Stevens Hüfte und versuchte, meine Finger in seine Jeans zu schieben. Vielleicht konnte ich ihn ja ablenken. Aber Steven wollte Antworten haben. Antworten auf Fragen, die nur er beantworten kann. Mir blieb nur, Stichwortgeber zu spielen:
„Nein, sie wissen es nicht. Woher sollen sie es wissen? Niemand weiß, was morgen passieren wird.“
Endlich trat Steven etwas näher an mich heran, legte seine Arme um meine Schultern und fing an, meinen Nacken zu kraulen. Sein wunderbarer Duft erfüllte den Raum und wie gerne hätte ich sein Hemd aufgeknöpft, es ihm ausgezogen, um mehr von ihm zu sehen, mehr von ihm zu riechen; hätte so gerne an seiner Brust geleckt, seine Nippel mit meiner Zunge umspielt, meine Nase in seine Achseln gesteckt. Ach, er ließ mich nicht.
„Stefan, weißt Du auch nicht, was morgen geschieht?“
„Nein. Und Du weißt es auch nicht, Steven!“
Verständnislos schaute ich Steven an und erntete dafür ebenfalls einen verständnislosen Blick. Ich ahnte nicht einmal, worauf Steven hinauswollte, für ihn aber schien alles klar zu sein. Klar und einfach. Zu einfach, als dass er es erklären müsste. Aber, wie immer, gab Steven sich Mühe mit mir. Er schob mich näher an das Fenster, stellte sich hinter mich und umarmte mich.
„Erinnerst Du Dich noch an unsere erste Begegnung?“
„Ja, klar! Wie könnte ich das jemals vergessen?“
„Was hast Du damals gefühlt, Stefan? Was hast Du gedacht?“
„Ich weiß nicht. Es ist schwer zu beschreiben. Es war, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich weiß gar nicht, wie ich das erklären kann. Es war, als hätte mich jemand in einen Fluss oder einen See gestoßen. Und ich suchte Halt. Aber ich wollte nicht ans Ufer zurück. Dieses Ufer – es war plötzlich ganz verschwommen. Es war nicht erstrebenswert, dahin zurückzukehren. Es war mein altes Leben. Ich wollte es nicht mehr haben. Es erschien mir plötzlich wertlos und belanglos. Ich wollte etwas Neues finden – oder untergehen. Aber auf keinen Fall wollte ich zurück.“
Steven drückte mich fest an sich und legte seinen Kopf auf meine Schultern. Ich mag es so gerne, wenn Steven ganz nahe bei mir ist. Das Gefühl von Wärme und Vertrautheit – es tut so gut. Es ist so schön.
Langsam dämmerte mir, was Steven meinte. Damals, bei unserer ersten Begegnung, entstand ein Riss in meinem Leben. Ein Riss, der Vergangenheit und Zukunft trennte. Als Steven mich zum ersten Mal anschaute, sah ich in seinen glänzenden Augen meine Zukunft. Nein, nicht im Detail, aber ich wusste, dass ich alles aufgeben und mit ihm zusammen sein werde. Ich wusste, dass er meine Zukunft ist und dass ich ihm gehöre. Ich wusste, dass ich nur für ihn lebe und ohne ihn nicht leben kann.
Die Glasscheibe vor uns erlaubte es Steven, jede meiner Regungen zu beobachten. Sorgsam und sensibel nahm er alle Signale wahr, die ich unterbewusst aussandte. Liebevoll streichelte er mich und küsste meinen Nacken und meinen Hals. Es ist ein schönes Gefühl, seine Lippen, seine Zunge und, ganz sanft, seine Zähne auf meiner Haut zu spüren.
Nachdem Steven mir Zeit gegeben hatte meine Gedanken zu ordnen, begann er behutsam zu erklären:
„Weißt Du Stefan, die meisten Menschen sind in der Vergangenheit gefangen. Sie interessieren sich für ihre eigene Vergangenheit, insbesondere wenn sie da irgendwelche Lorbeeren finden, auf denen sie sich ausruhen können, und noch vielmehr für die Vergangenheit ihrer Mitmenschen – aber nicht, um da irgendwelche Lorbeeren zu finden. Nein, die kleinen Fehler und großen Skandale der anderen sind interessant!
Und die Menschen kämpfen um ihren Platz in der Gegenwart. Sie kämpfen in einer Art und Weise, die die Frage aufwirft, welche Ziele sie verfolgen. Erinnerst Du Dich noch, wie in den letzten Monaten empört über Vorstände und CEOs und die Höhe ihrer Bezüge und Abfindungen geschimpft wurde?“
„Ja klar, ich erinnere mich!“
„Weißt Du auch noch, was los war, als in Deutschland Quelle den Insolvenzausverkauf startete? Innerhalb weniger Minuten brachen die Server zusammen, so haben sich die Leute auf den Abverkauf gestürzt. Ein virtuelles Gemetzel war das! Leichenfledderei.
Es ist derselbe niedere Instinkt, der die Menschen antreibt, einerlei ob sie an der Spitze eines Unternehmens stehen und es als Selbstbedienungsladen betrachten, oder ob sie bei der Schlacht um die Reste eines Unternehmens mitmachen. In Deutschland hat die Regierung den Menschen die Abwrackprämie als Köder hingehängt und hunderttausende haben danach geschnappt. Zuchtfische im Teich, die eine Extraportion Futter bekommen haben! Und wofür das Ganze? Damit heute ein neues Auto in der Garage steht und der Autobauer erst morgen Pleite geht. Morgen? Daran hat doch keiner gedacht! Es geht nur ums Heute! Da wird zusammengerafft, was sich zusammenraffen lässt. Wer ist der schnellste an der Tränke, wer bekommt am meisten ab?“
Steven war wütend. Ich spürte seinen heißen Atem. Ich hätte gerne etwas gefragt oder gesagt, um ihn zu beruhigen. Aber er ließ sich nicht unterbrechen.
„Während der großen Überschwemmungen in Südengland hat die Polizei die British Army um Überstützung gebeten damit Plünderungen verhindert werden konnten. Die Menschen sind so egoistisch. Sie denken nur an sich selber. Sie sind rücksichtslos, greifen nach dem leicht verdienten Geld und jagen dem scheinbar günstigsten Angebot hinterher. Wenn andere Menschen in Not sind, machen sie diese Not noch schlimmer. Nur der eigene Vorteil zählt. Wer und was dabei auf der Strecke bleibt, interessiert sie nicht. Sie haben keine Vorstellung von der Zukunft. Mit Ellenbogen versuchen sie, sich in der Gegenwart zu behaupten. Keiner will der Letzte sein. Die Großen bedienen sich im großen Stil, die Kleinen im kleinen. Hinter allem steckt die gleiche verkommene Moral.“
„Aber Steven,“ nutzt ich eine Atempause, „gerade jetzt in der Weihnachtszeit zeigt sich doch auch ein anderen Gesicht der Menschen. Es wird viel gespendet, die Menschen sind bereit, etwas abzugeben. In Deutschland gibt es zum Beispiel in vielen Orten Projekte, mit denen für arme Menschen Lebensmittel gesammelt werden, damit wenigsten zu Weihnachten niemand hungern muss“.
„Ach ja, das gibt’s hier auch alles“, tat Steven meinen Einwand ab. „Das ist doch alles nur temporäre Gewissensberuhigung. Es ist sogar ganz praktisch. Man spendet zu Weihnachten hier und da ein paar Euro und schmeißt dem Bettler an der Ecke eine Konservendose vor die Füße, den Dosenöffner kann ja ein anderer dazulegen, und hat dann ein Jahr lang Ruhe. Das ist so praktisch! Zu Weihnachten gönnen wir uns eine kräftige Dosis Barmherzigkeit und Nächstenliebe. ‘Freude und Friede in aller Welt’, singen sie jetzt da hinten in Saint Paul’s.
Wenn die Nachrichten melden, ‘Obdachloser in der Weihnachtsnacht erfroren’, sind wir alle ganz erschüttert, geben uns entsetzt und geloben, uns mehr um unserer Mitmenschen kümmern. In Wirklichkeit meinen wir aber, ‘warum musste der ausgerechnet in der Weihnachtsnacht sterben, es gibt 364 Nächte, in denen es besser passt – so ein Gute-Laune-Verderber!’ Nein, Weihnachten ist nicht das Fest der Liebe, es ist das Fest der Gedankenlosigkeit und der Oberflächlichkeit. Schau nur …“
Schnell gab ich Steven einen Kuss, damit er wenigsten kurz still war und ich auch zu Wort kam.
„Und was, Steven, unterscheidet Dich von den Menschen, die da in Saint Paul’s sitzen, die die Welt als Selbstbedienungsladen betrachten, die unterm Weihnachtsbaum sitzen und nur darauf warten, einen Familienstreit anzuzetteln?“
Ich erntete erneut einen verständnislosen Blick und Steven schubste mich auf den Boden. Offenbar war er Meinung, dass ich im Sitzen seinen Ausführungen besser folgen könnte. Er setzte sich zu mir, zog mir die Schuhe aus und begann, meine Füße zu massieren. Ich mochte das sehr und hoffte, dass sei die Einleitung zu einer angenehmeren Beschäftigung für den Abend. Jedoch:
„Ich behaupte doch gar nicht, dass alle Menschen so sind. Aber viele Menschen sehen für sich keine Zukunft. Sie lassen sich treiben, stumpfen ab, und versuchen, ihr hier und jetzt so gut wie möglich zu leben. Das geht auf Kosten ihrer Mitmenschen und, leider merken sie’s nicht, auf ihre eigenen Kosten. Mit dem Verlust der Zukunft verlieren die Menschen auch den geistigen Halt, lassen sich innerlich fallen; Religionen und Ideologien sollen über diesen seelischen Verfall hinwegtrösten. Dabei fängt es eigentlich für jeden Menschen gut an. Es gibt einschneidende Ereignisse, die erste Liebe, ein Arbeitsplatzwechsel, ein Wohnungswechsel oder was weiß ich. In solchen Situationen malen sich die Menschen eine glückliche Zukunft aus. Manche erträumen sich Wunderbares andere machen ganz konkrete Pläne. Und was passiert nach einiger Zeit? Wenn’s am Arbeitsplatz nicht gut läuft, folgt die innere Kündigung, läuft es gut, löst nicht selten schlichte Gier die alten beruflichen Ideale ab. Beziehungen enden oft in banaler Routine, zurückgezogen auf Standardgefühle und Standardgedanken.“
Endlich fing Steven an, mir auch die Hose auszuziehen. Der Gürtel meiner Hose bereitete ihm ein paar Schwierigkeiten und ich nutzte die Gelegenheit, noch einmal nachzuhaken.
„Aber“, oh, ich sah sofort, dass Steven die Störung seines Gedankengangs gar nicht mochte, „dafür kannst Du doch nicht die Menschen pauschal verantwortlich machen. Die meisten sind doch durch berufliche Abhängigkeiten und familiäre Bindungen auf Standardverhaltensweisen festgelegt. Es gibt einen Mainstream, in den sich die meisten Menschen einordnen wollen, und wohin er strömt, wird nicht von der Masse beeinflusst, sondern von den Massenmedien, der Massenpolitik und den Massenreligionsgemeinschaften, die …“
Steven schnitt mir das Wort ab.
„Genau, Stefan! Und die Massenbeeinflusser haben alle nur ihren Erfolg in der Gegenwart im Sinn. Es geht um Einfluss, Geld und Macht – und zwar hier und heute. Und die so Beeinflussten folgen dem. Sie nehmen das, was ihnen serviert wird und sind damit zufrieden. Die Menschen wissen einigermaßen mit der Gegenwart umzugehen, wissen aber nicht mehr, wie die Zukunft sein soll. Und dabei haben sie es einmal gewusst!“
„Erklär’ mir das!“
„Ein Beispiel:“
Steven hasste Beispiele. Aber immer wenn er den Eindruck hat, ich könne ihm nicht folgen, holte er die Bauklötzchen raus und machte es mir einfach.
„Wenn Menschen sich ineinander verlieben, haben sie eine Vision von der Zukunft. Liebe ist ja nicht auf den Augenblick fixiert, sondern beinhaltet den Wunsch, zusammen zu sein. Dieses Zusammensein soll Glückseligkeit und unendliche Freude mit sich bringen. So soll es sein. Morgen, und für alle Zeit. Jedoch kommt es nicht immer so. Die ursprünglichen Gefühle flachen ab oder verlieren sich ganz, die Gedanken kreisen nicht mehr um den Menschen, der einst alles Denken beherrscht hat. Routine und Anpassung an die Erwartungen der Gesellschaft bestimmen das Geschehen, nicht mehr der eigenen Wille, die eigenen Sehnsüchte. Alles verliert sich. Da gibt es zum Beispiel den Zwang, Nachwuchs zu produzieren.”
Steven streichtelt meinen Bauch – als ob da schon Nachwuchs heranwachsen würde.
“Was ich gar nicht verstehe, ist, dass schwule Menschen seit einiger Zeit meinen, sie müssten diesen Zwang auch auf sich übertragen. Als ich Dich zum ersten Mal sah, hatte ich viele Bilder im Kopf – aber keins, auf dem wir eine kleine, windelvollpissende Steffi in den Armen halten.
Viele andere Zwänge kommen hinzu. Die Zukunft gerät in Vergessenheit. Die Menschen vergessen, warum sie überhaupt zusammen sind. Sie geben ihre Träume auf und fügen sich in den dumpfen Alltag, den die Gegenwart bereithält.
Die große Vision vom Liebesglück weicht dem schnöden Tagesgeschäft.“
„Die Ideale sterben an einer ganz gemeinen Krankheit“, begann ich meinen Versuch, Stevens Gedanken einzuholen, während er sich endlich intensiver mit dem beschäftigte, was unter meiner Hose hervorkam, „und diese Krankheit heißt Realität.
Du hast gut reden Steven. Du sitzt hier im Warmen, musst Dich nicht um Windelpisser kümmern, Dich nicht mit Kinderkrankheiten beschäftigen, hast keine Arbeitsplatzsorgen, keine alten und gebrechlichen Angehörigen, die gepflegt und betreut werden müssen. Es geht Dir gut! Du kennst die Ängste nicht, die viele Menschen da draußen haben. Du weißt nicht wie es ist, wenn Träume unerreichbar werden, wenn die Ideale sich verflüchtigen. Dann halten sich die Menschen an der Realität fest. Sie halten sich ganz schlicht und ergreifen fest an dem, was sie haben, und an dem, was sie anderen wegnehmen können. Du hingegen musst niemanden etwas wegnehmen, weil Dir alles in den Schoß fällt. Angst, dass dir jemand etwas wegnimmt, musst Du nicht haben. Du führst ein krisenfreies Leben!“
Steven antwortete nicht sofort. Er hatte ein Spielzeug gefunden, das ihn nun doch mehr interessierte, als seine Betrachtungen des menschlichen Wohl und Wehe.
„Ja, ich führe ein krisenfreies Leben – weil ich weiß, wofür ich lebe. Andere wissen das nicht. Sie haben es vergessen und deshalb führen sie ihr Leben in eine Krise. Von Unfällen und Krankheiten abgesehen: Fast alle Krisen machen die Menschen selbst. Weil sie aus einer Laune heraus oder aufgrund einer Enttäuschung ihre Ideale über den Haufen werfen.
Weißt Du, jedes Mal, wenn ich Dir weh tue, wenn ich Dich verletze oder vernachlässige, bekomme ich ein ganz schlechtes Gewissen. Nicht weil ich an die schöne Zeit denke, die wir hatte und haben, nicht weil ich Versprechen gebrochen habe, sondern weil ich mich an unsere Zukunft erinnere. Ich erinnere mich an das Bild, das in meinem Kopf entstanden ist, als ich Dich das erste Mal sah. Und dieses Bild zeigt keinen verletzten, gekränkten oder vernachlässigten Stefan. Es zeigt Dich als glücklichen Menschen. Unser Glück liegt in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit. Und deshalb versuche ich mich, sooft wie möglich an Morgen zu erinnern.
Das gelingt mir nicht immer. Ich bin ja auch nur ein Mensch und ich mache Fehler. Aber Fehler kann man wieder gut machen und in meiner Erinnerung an die Zukunft kommt auch Vergebung vor – deshalb erinnere ich mich so gerne an Morgen.
Menschen sind dumm! Wenn etwas schief läuft, machen sie ein Drama daraus. In einer Beziehung entstehen Krisen nicht einfach, sie werden gemacht. Vergangenheit und Gegenwart werden hochgespielt und die Zukunft wird vergessen. Erinnerten sich die Menschen daran, mit welcher Idee sie eine Beziehung begonnen haben, würden sie sich anders verhalten. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass Beziehungen mit dem Wunsch nach einer Krise eingegangen werden.“
„Glückseligkeit entspricht aber nicht dem gesellschaftlich erwarteten Typus einer Beziehung.“
„Die Menschen müssen sich entscheiden, ob sie sich in einen Beziehungstypus pressen lassen, um der Gesellschaft zu gefallen, und damit ihre Zukunft vergessen, oder ob sie gegen Regeln und Normen verstoßen und ihr Leben, ihre Liebe leben.
Wenn Menschen sich alte Fotos anschauen, werden sie melancholisch und trauern ihrer Jugend nach. Das ist Unsinn. Sie sollen vielmehr ein Blatt Papier nehmen und ein Bild ihrer Zukunft malen und es sich jeden Tag anschauen, damit ihr Leben so wird, wie es sein soll. An die Vergangenheit müssen wir uns nicht erinnern, sie ist dokumentiert in Fotos, Briefen, eMails. Es ist alles überwacht und auswertbar. An die Zukunft müssen wir uns erinnern, an das was geschehen soll – denn das haben wir in der Hand!“
Während Steven redete, rutsche er immer dichter an mich heran. Streichelte mich überall, berührte meine Brust, meinen Schwanz. Es war schwer, ihm zu folgen. Mit einem steifen Schwanz denkt es sich schlecht – aber Steven machte sich einen Spaß daraus, diese These zu widerlegen.
Ich schubst Steven an und auf allen Vieren krabbelten wir direkt an das große Glasfenster, das bis auf den Boden reichte. Mit dem Finger deutete ich auf ein paar dunkle Gestalten, die sich im Schein einer Straßenlaterne tummelten.
„Steven, siehst Du da unten die Jungs und Mädels an der Straßenecke stehen?“
„Da sind nur Jungs, ich seh’ keine Mädels.“
„Ist doch egal. Jedenfalls gibt’s genug Menschen, alte und junge, die die Weihnachtsnacht lieber auf der kalten Straße verbringen als irgendwo im Warmen. Von denen da unten hat jedenfalls keiner ein zu Hause, wo er Weihnachten verbringen möchte. Meinst Du, die haben ein Zukunftsideal, an das sie sich erinnern können? Die Menschen werden doch heute so zugetrichtert, dass sie gar nicht mehr zum Nachdenken kommen. Wie sollen da Beziehungen mit einer gemeinsamen Vorstellung von Zukunft entstehen. Ich glaube, die meisten sind nicht mal in der Lage, sich richtig zu verlieben. Sex ja, ficken, Pornos gucken rund um die Uhr, aber wahre und aufrichtige Liebe? Ich kann’s mir kaum vorstellen.“
„Nö!“
„Wie? Was heißt ‚nö’?“
„Nö heißt nö!“
Steven wollte nicht antworten. Er hatte, während ich auf allen Vieren vom Fenster weg vor ihm herkrabbelte eine Stelle entdeckt, an der es sich wunderbar lecken ließ. Ich mochte das sehr, wollte aber auch eine Antwort. Das war wieder typisch Steven: Erst zwängte er mir ein Thema auf, und wenn ich dann angebissen hatte, machte er es spannend. Ich krabbelte also schneller, damit er nicht mehr zum lecken kam.
„Ich glaube nicht, dass die Jungs und Mädels nicht mehr lieben können. Es gab immer Zeiten, in denen den Menschen der Verstand vernebelt wurde. Weltreligionen und Weltreiche wurden so erschaffen. Aber es gab auch immer Menschen, die sich tiefe und ehrliche Gefühle bewahrt haben. Gefühle für Menschen, nicht für Götter, Führer und Fußballstars. Und es gibt sie heute noch. Vielleicht muss die Liebe heute andere Wege gehen, um in der überemotionalisierten Welt wahrgenommen zu werden, vielleicht muss sie neu entdeckt werden. Aber es gibt genug Menschen da draußen, die bereit sind, auf Entdeckungsreise zu gehen. Wer nicht liebt, hat keine Zukunft. Das begreift sich nicht jeder sofort – und mancher gar nicht.“
Steven hatte mich zwischenzeitlich eingeholt, umgestoßen und sich ganz sanft und vorsichtig auf mich gelegt. Ich spürte, dass in seiner Hose etwas Hartes und Festes war, das da raus musste. Und zwar dringend! Während ich versuchte, Stevens Schwanz aus seiner Hose zu befreien, was nicht ganz so einfach ist, wenn der Besitzer auf einem drauf liegt, hatte ich noch eine Frage:
„Warum beschäftigt Dich das Thema ausgerechnet heute?“
Steven erhob sich ein wenig, damit ich ihn besser ausziehen konnte, und erklärte mir grinsend:
„Das ist meine Weihnachtsbotschaft für Dich!
Die Leute da in Saint Paul’s hören die Geschichte von diesem Josef. Keine Ahnung, ob es ihn wirklich gab, keine Ahnung ob er Maria geliebt hat. Aber wenn, dann hat er sich seine Zukunft bestimmt nicht so vorgestellt, dass er irgendwann für den Balg eines anderen aufkommen muss. In der Nacht, die die Christen ‚Heilige Nacht’ nennen, ist Josefs Erinnerung an die Zukunft erloschen. Er hat fortan ein fremdbestimmtes Leben gelebt. Seine Liebe und Treue wurde schamlos ausgenutzt. Die christliche Weihnachtsbotschaft ist die eines fremdnützigen Lebens. Josefs Leben hat nicht ihm selbst genutzt, sondern einem anderen. So wie Josef sich hat ausbeuten lassen, lassen sich die Menschen heute ausbeuten; von den Energieerzeugern, den Wasser- und Rohstoffversorgern, von der Kirche. Sie leben nicht für ihre Zukunft, sondern für die Zukunft derjenigen, die sie mit Werbung und Glaubensbotschaften zuschütten. Mit dem Verlust der Erinnerung an ihre Zukunft werden sie selbst zu Ausbeutern, weil sie glauben, sonst auf der Strecke zu bleiben.
Meine Weihnachtsbotschaft lautet aber: Erinnere Dich nicht an die Erwartungen anderer, erinnere Dich an Morgen – an unser Morgen!“
Eins der Bilder, die ich seit der ersten Begegnung mit Steven im Kopf habe, zeigt zwei eng umschlungene Körper. Wärme, Nähe, Zuneigung. Streicheln, Kuscheln, Küssen. Verstehen, Lieben, Leben. Zusammensein, Glücklichsein, Einssein.
Steven hockte sich neben mich, legte einen Arm um meine Schultern und schob den anderen unter meinen Hintern. Er hob mich hoch, trug mich zum Bett und legte mich hinein. Dann zündete er zwei Kerzen an und kam zu mir ins Bett, kuschelte sich dicht an mich, legte seine Lippen auf meine und ich konnte die Wärme seine Körpers spüren. Ich konnte seine Gedanken fühlen. Nur wir beide. Liebe, unendliche Liebe. Ich fühlte was er dachte. Ich verstand ihn. Nur Liebe. Keine Gebote, keine Verbote, keine Pflichten. Ihm gehören, ohne gehorsam zu sein. Gefangen in der Freiheit der Liebe.
(aus: The Inmost Chamber)
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