10 Dec 09

Sie haben in Ihrem Kommentar zu meinem Post “Stadt Siegen lässt Hasschristen nicht zur Jugendarbeit zu” einen bemerkenswerten Satz geschrieben – dazu gleich mehr. Ich erlaube mir deshalb, Ihnen ausführlich zu antworten.

Hallo Steven, was sind denn Hasschristen?

Hasschristen sind Menschen, die im weitesten Sinne der christlichen Lehre anhängen, eine üblicherweise als christlich bezeichnete Glaubensüberzeugung haben oder vorgeben eine solche zu haben, einerlei ob katholisch, evangelisch, evangelikal oder unter welcher Bezeichnung sonst,  und

  • sich ohne sachlich nachvollziehbaren Grund gegen anderen Menschen stellen und diesen einen grundlegenden Aspekt des Menschseins, nämlich die Gleichheit, das ist etwas anderes als die Grundgesetzfomulierung “alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich”, absprechen.
  • die eine ganze Bevölkerungsgruppe aufgrund deren Zuneigung zum gleichen Geschlecht als Sünder bezeichnen und dieser damit moralisches Verhalten absprechen.
  • homosexuellen Menschen unter Hinweis auf das spätere Seelenheil den Rat geben, auf sexuellen Interaktivitäten mit Menschen des gleichen Geschlechts zu verzichten. Andere Menschen davon abzuhalten zu wollen, Liebe durch körperliche Nähe, durch Sex zu erfahren und zum Ausdruck zu bringen, kann nur in abgrundtiefem menschenverachtendem Hass wurzeln.
  • unter dem Vorwand der Sorge um ihre Mitmenschen diesen, teils durch Zitieren von Bibelversen, teils durch Zitieren von Religionsführern, einreden, deren Liebe sei anormal, eine Fehlentwicklung, wider der ‘göttlichen’ Ordnung und ähnliches mehr, und schwulen Menschen so des schönsten Gefühls das es überhaupt gibt, nämlich der Liebe, berauben wollen.
  • es nicht ertragen, wenn Menschen lieben. Und zwar denjenigen oder diejenige lieben, die sich der Mensch selbst ausgesucht und nicht von irgendeinem Religionsbuch hat vorschreiben lassen.

Die Aufzählung ist nicht kumulativ.

Das geht doch überhaupt nicht, kann mir nicht vorstellen das jemand aus der Calvary Chapel Sie oder Homosexuelle prinziell hasst, das würde nämlich extrem gegen die Botschaft von Jesus und somit gegen die Bibel gehen.

So wie es aussieht, sind sie weder mit den historischen noch den gegenwärtigen Aktivitäten der Calvary Chapel vertraut.

Vielleicht sagt Ihnen der Name Lonnie Frisbee etwas? Frisbee hat maßgeblich an der räumlichen Ausdehnung der Calvary Chapel mitgewirkt. Gedankt hat man ihm  nicht, denn Frisbee war homosexuell und trotz verschiedener Versuche gelang es ihm nicht, etwas dagegen zu tun. Also wollte die Chapel nichts mehr von ihm wissen und hat hach seinen Tod in erbärmlicher, erniedrigender Art und Weise nachgetreten.

Vielleicht sagt Ihnen der Name Charla Bansley etwas? Bansley unterrichtet an der Calvary Chapel Christian School in Orrington und hat in den vergangenen Monaten an vorderster Front gegen die Gleichberechtigung schwuler Menschen gekämpft. Sie wissen sicher, dass die Gegner der Gleichberechtigung die Strategie verfolgen, Angst gegen schwule Menschen zu schüren. In Fersehspots, auf Plakaten und  in Zeitungsanzeigen werden schwule Menschen als Gefahr für Kinder, als Krankheiten bringende Wesen und Zerstörer der sogenannten Traditionellen Familie dargestellt. Bansley war und ist eine  der Hauptverantwortlichen für diese hinterhältigen Aktionen gegen schwule Menschen in Maine. Bansley selbst verstieg sich übrigens in einer Rede am 04/07/2009 zu der These, dass das Ansteigen der Steuersätze in Dänemark darauf zurückzuführen sei, dass dort gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt seien. Als einer ihrer Schüler sich in einem Aufsatz für gleichgeschlechtlichen Ehen aussprach, beschimpfte Bansley diesen Schüler als Anwalt des Teufels und reichte den Aufsatz in der Schule, der örtlichen Calvary Chapel und bei den Eltern des Schülers herum.

Im Jahr 2005 war Bansley Mitinitiatorin einer Resolution, in der Eltern aufgefordert wurden, ihre Kinder von staatlichen Schulen zu nehmen, falls in diesen Schulen keine ablehnende Haltung zur Homosexualität unterrichtet werde.

Sagt Ihnen der Name Mike Hukabee etwas? Hukabee ist einer der bekanntesten schwulenfeindlichen Aktivisten der USA. Im Jahr 2008 holten sich Kalifornische Calvary Chapels Hukabee in ihre Kirchen und ließen ihn seine Tiraden gegen die Gleichberechtigung schwuler Menschen predigen.

Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Richtig ist sicherlich das die Calvary Chapel Homosexualität für eine Sünde hält, damit hat sie unter anderem die gleiche oBibelauslegung wie die EKD also die Evangelische Kirche Deutschlands (hier ein Link dazu: http://www.ekd.de/familie/spannungen_1996_2.html Zitat: “Blickt man von hier aus auf die biblischen Aussagen zur Homosexualität zurück, so muß man konstatieren, daß nach diesen Aussagen homosexuelle Praxis dem Willen Gottes widerspricht”).

Nun, die EKD hat sehr sorgfältig formuliert. Lesen sie bitte genau und vereinnahmen sie nciht die EKD für ihre Zwecke!

Für Sie Steven, nehme ich an, ist die Bibel (also das Wort Gottes) ja eh nicht der Maßstab, ich würde sogar sagen sie lehnen die Bibel ab.

Die Bibel ist ein Buch wie andere auch. Es gibt gute und schlechte Bücher. Die Bibel ist stilistisch miseral und inhaltlich wenig überzeugend geschrieben. In weiten Teilen ist sie blutrünstig, beschreibt, wie man Menschen möglichst qualvoll tötet, leitet zum Völkermord an und enthält viele Dinge, für die Bücher und Filme heute als jungendgefährdend eingestuft werden würden. Ein Buch, dass ich Kindern niemals zu lesen geben werde. Ich lehne die Bibel aber keineswegs ab und habe sie – in verschiedenen Übersetzungen -  gründlich gelesen. Vollkommen unverständlich ist aber, dass erwachsene Menschen glauben, die Bibel enthalte das Wort ‘Gottes’. Noch unverständlicher ist mir, dass erwachsene Menschen auf den Gedanken kommen können, es gebe einen ‘Gott’ (was auch immer das genau sein soll). Aber jeder soll glauben was er will, seinen Glauben aber bitteschön für sich behalten und nicht anderen aufdrängen.

Was ist also der Grund der Aufregung, letzten Endes geht es hier um eine Theologische Debatte die Christen betrifft, allen anderen kann das im Grunde vollkommen egal sein.

Das ist nun der bemerkenswerte Satz!

Gehen Sie oder wer auch immer mit anderen in eine Kirche, einen Gebetssaal oder was auch immerm schließen hinter sich zu, und diskutieren sie oder “die Christen” was in der Bibel steht, wie es zu verstehen ist oder was auch immer. Nur tun Sie mir bitte einen Gefallen: Halten Sie junge Menschen da heraus!

Jeder Menschen hat das Recht, seine Persönlichkeit frei zu entfalten (das finden Sie auch in der deutschen Verfassung), und zwar unabhängig von den Ansichten und Befindlichkeiten anderer. Erwachsene Menschen können sich mal mehr mal weniger wehren, wenn sie mit Bibelsprüchen, Glaubenswahrheiten und dergleichen konfrontiert werden. Junge Menschen können es nicht. Und doch haben gerade diese jungen Menschen, das Recht, ihre eigene (!!) Persönlichkeit zu entwickeln. Sie haben das Recht auf Wissen. Sie haben das Recht, sich selber eine Meinung zu bilden und nicht Vorgefertigtes zu schlucken. Es ist die verdammte Pflicht erwachsener Menschen, junge Menschen davor zu bewahren, dass ihnen irgendwelche Theologien oder Ideologien eingetrichtert werden.

Vielleicht teilen sie meine Wahrnehmung, dass heute viele junge Menschen, jedenfalls mehr als zu der Zeit, als ich mich noch als jung bezeichnen durfte, sich und ihre Zukunft aufgegeben haben. Abgestumpft durch Drogen, Alkohol und das Gift der Unterhaltungsindustrie und der Medien schlagen sie abgestumpft und das Leben nicht leben könnend die Zeit tot (und manchmal nicht nur die Zeit). Aber das trifft längst nicht auf alle jungen Menschen zu. Es gibt auch Jungs und Mädels, die mit ihrem Leben etwas anfangen wollen, die sich selbst und die Welt entdecken wollen, die merken, dass der Sinn des Lebens in Vielem besteht, aber ganz gewiss nicht darin, sich von Bushido volldröhnen und von Bohlen vollsülzen zu lassen. Diese jungen Menschen, einerlei ob schwul oder nicht, haben ein Recht darauf, die Welt mit ihren eigenen Augen zu sehen, selber Empfindungen zu erleben, lieben und damit wirklich leben zu lernen. Das darf man doch nicht zerstören, indem man diesen Kindern und Jugendlichen Auffassungen über richtig und falsch, über gut und böse überstülpt, die jahrtausende alt sind und damals genau sowenig Gültigkeit hatten wie heute! Es ist unverantwortlich, jungen Menschen die Zukunft zu verbauen und das mit dem Hinweis auf Glaubensauffassungen und den Willen ‘Gottes’ rechtfertigen zu wollen.

Nochmal, kein Christ also auch niemand aus der Calvary Chapel hasst homosexuelle Menschen, das wäre nämlich genauso eine Sünde, davon losgelöst kann man aber die Taten des Menschen für falsch halten, das hat aber nichts mit Hass oder sonstigem zu tun und ist von der im Grundgesetz verankerten Glaubensfreiheit voll abgedeckt!

“Die Würde des Menschen ist unantastbar” und  “Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit” steht im Grundgesetz vor den Ausführungen zur Glaubensfreiheit. Sie wollen doch nicht ernsthaft das Grundgesetz als Schutzschild für die geistige Verführung junger Menschen mißbrauchen.

Sie, Steven lehnen doch auch die Einstellung ab das man Homosexualität für falsch hält und ich hoffe doch sehr sie hassen mich dadurch nicht gleich …

Ich stütze mich nicht auf irgendwelche Glaubensdoktrinen, schon deshalb kenne ich Hass als emotionale Regung nicht.

Und ich werde mich inbesondere nicht an ihren Kindern vergreifen und sie gegen Sie instrumentalisieren. Ich vermute, sie sehen das Problem gar nicht. Ich habe selbst keine Kinder, wohl aber zwei Neffen. Können Sie sich vorstellen, wie schlimm es ist, wenn Kindern von Erziehern, Jugendbetreuern, Pastoren, … beigebracht wird, dass Homosexualität eine Sünde sei, wenn ihnen Bibelstellen vorgelesen werden, aus denen hervorgeht, dass ihr Onkel (oder ihr Bruder oder vielleicht sogar ein Elternteil) zu den Menschen gehört, die am Besten kurzerhaft ermordet werden? Junge Menschen sind keine Volljuristen; es hilft nichts hinzuzufügen, dass man auch schwulen Menschen mit Respekt zu begegnen habe, und was da sonst noch immer als Wischiwaschi hinzugefügt wird. Haben sie überhaupt eine Ahnung, was in bis dahin intakten Familien passiert, wenn das, was sie eine “theologische Debatte” nennen, von einer – aus kindlicher Sicht – Autoritätsperson als Wahrheit verkündet wird und von jungen Menschen nach Hause getragen wird? Ich fürchte, Sie machen sich nicht die geringste Vorstellung davon. Und ich empfinde es immer wieder als erschrecken, mit welch’ vorsätzlicher Rücksichtslosigkeit Menschen, die sich Christen nennen, das Glück und die Freude anderer Menschen zerstören.

Menschen, die heute mit der Bibel, namentlich dem Alten Testament, mit den Märchen, Irrtümern, Legenden und Unwissenheiten vergangener Tage herumfuchteln, befeuern damit die Feindschaft der Menschen von heute und bringen die Kinder um ihr Recht auf eine friedliche und freundschaftliche Zukunft.

Bestens,

St

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  1. [...] habe Hans angesichts seiner Ausführungen auf eine wunderbare Analyse von Theo Kars über Religiöse Fanatiker aufmerksam gemacht, in der er sich ohne weiteres hätte wiedererkennen [...]



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