11 Nov 09

Helmut Graupner, Rechtanwalt in Österreich, der sich auch in Deutschland einen Namen im Einsatz um die Belange schwuler Menschen gemacht hat, verwundert mich mit einer Äußerung in einem Interview mit einer österreichischen Zeitung.  Hintergrund des Interviews ist die Diskussion über den Entwurf des Österreichischen Lebenspartnerschaftsgesetzes (vgl hierzu www.erstklassigerechte.at und think outside your box).

Ich stimme Graupners Ausführungen weitgehend zu. Einen grundsätzlichen Denkfehler macht er jedoch in folgendem:

Es gibt aber auch sehr viele homosexuelle Paare, die wirklich gerne heiraten möchten. Sie würden nicht glauben, wie viele homosexuelle Paare es gibt, die ganz traditionelle Lebensentwürfe haben, und die in Wahrheit stinknormal und stinkkonservativ sind.

Mann und Frau können es drehen und wenden, wie sie wollen: Dass zwei Männer oder zwei Frauen nicht nur sexuellen Kontakt miteinander haben, sondern auch dauerhaft zusammenleben, entspricht keinem traditionellen Lebensentwurf. Dass schwule Männer und lesbische Frauen für ihre auf Dauer angelegten Verbindungen einen gesetzlichen Rahmen und ein Papier mit standesamtlichem Siegel fordern, ist nicht stinknormal und schon gar nicht stinkkonservativ. Es ist vielmehr vollkommen neu, widerspricht allen herkömmlichen Vorstellung vom schwulen und lesbischen Leben und ist deshalb höchst innovativ. Innovativ ist das krasse Gegenteil von konservativ.

Es ist schwerwiegender Irrtum anzunehmen, schwule Menschen wollen nur das, was nicht schwule Menschen schon seit langem haben (nämlich das staatlich anerkannt und regulierte Rechtsinstitut der Ehe) und dürfen (nämlich heiraten mit staatlichem Stempel). Einen Menschen verschiedenen Geschlechts heiraten dürfen auch schwule und lesbische Menschen; das ist nicht neu. Neu ist, dass schwule Menschen abseits von den konservativen Vorstellungen von einer Ehe, das ist die Idee der Versorgerehe und der Fortpflanzungsehe, nunmehr hingehen und den Anspruch erheben, dass gleichberechtigende Gesetze es erlauben müssen, den Menschen mit allem staatlichen drum und dran zu heiraten, den man liebt. Ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Gesichtspunkte, familientaktische Fragen, Stand und Geschlecht, einfach nur als eine konsequente Weiterentwicklung der Liebe zu einem Menschen diesen Menschen heiraten zu dürfen – nicht zu müssen! -, stellt jedes konservative Weltbild auf dem Kopf.

Ein schwuler Mann, der sich in traditionelle Lebensentwürfe fügt und stinkkonservativ ist, sucht sich eine Frau und wird mit ihr unglücklich: Die klassische Klemmschwester, die zum Himmel stinkt mit ihrem zur Schau getragenen Konservatismus.

Vor diesem Hintergrund halte es nicht nur für sprachlich mißlungen, sondern auch für inhaltlich problematisch, die Worte “heiraten”, “homosexuelle Paare”, “traditionelle Lebensentwürfe”, “stinknormal” und “stinkkonservativ”  miteinander zu verbinden und in eine Reihe zu setzen.

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