7 Nov 09

3500 Mitglieder hat der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) e.V.; so entnehme ich es gerade einer Mitteilung des Vereins.

Das scheint ein bisserl wenig zu sein. Ein paar Millionen Menschen dürften in Deutschland schwul oder lesbisch sein und selbst Dorf-CSDs haben mehr Teilnehmer.

Wie nehmen schwule und lesbische Menschen ihre Interessen wahr? Sicher gibt es neben dem LSVD auch noch andere Vereine, die sich aber eher mit Fetisch-, Hobby-, Berufs-, Partei- und Glaubensspezialitäten beschäftigen und nicht das ganze oder zumindest weite Teile des schwullesbischen Spektrums abdecken.

Man muss den LSVD nicht abgöttisch mögen. Man mag trefflich darüber streiten, ob für einen 3500-Mitglieder-Verein eine derart komplexe interne Struktur notwendig ist, man darf sich über die machmal sehr refexhaft unreflektierten Empörungsmeldungen des LSVD ärgern, man darf die offensichtlichen und verdeckten Verbindungen zur Partei Bündnis90/Die Grünen und des dortigen Matadors Volker Beck hinterfragen und man muss gewiss nichts jedes Ziel und jede Aktion des LSVD gutheißen.

Jedoch: Wer soll’s sonst machen? Wer soll die grundlegenden Interessen schwuler Menschen koordiniert vertreten, wenn nicht der LSVD? Eine andere schlagkräftige Institution ist in Deutschland nicht in Sicht.

Die Hauptarbeit des LSVD besteht auch nicht darin, Fehltritten von Politikern und Hasssängern mit Textbausteinen zu begegnen. Ein Blick auf die Homepage zeigt, was beim LSVD alles geleistet wird, welche Projekte betreut und welche Kärrnerarbeit insbesondere bei der Analyse von Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsentwicklungen und bei der Begleitung entsprechender Verfahren geleistet wird, von der letztlich alle profitieren.

Dem LSVD kann man vorwerfen, das ein oder andere Vorhaben nicht Öffentlichkeitswirksam genug zu verkaufen. Vergleicht man den LSVD mit der britschen Organisation stonewall, sieht der LSVD in der Tat alt aus. Allerdings: Stonewall hat einen Jahresetat von über GBP 3 Mio – und kann daraus bequem Personalkosten von über GBP 1 Mio bestreiten -, der LSVD muss mit etwa einem Zehntel des Geldes zurechtkommen. Vorwerfen kann man dem LSVD aber auf keinen Fall, nicht engagiert genug die mutmaßlichen Interessen schwuler Menschen zu vertreten. Stonewall mag zwar die hübscher gestalteten eMails verschicken, allerdings habe ich von denen noch nie spät in der Nacht von Samstag auf Sonntag, zu einer Zeit also, zu der ‘normale’ Schwule entweder Party machen, ficken oder schlafen, eine Antwort auf ein Anfrage bekommen – vom LSVD schon!

Meinem Eindruck nach haben die wenigsten schwulen und lesbischen Menschen ein Problem mit dem LSVD; sie sind vielmehr generell politisch und gesellschaftlich uninteressiert (die doch sehr überschaubare deutschsprachige schwule Bloglandschaft spricht übrigens auch für diese These). Wenn einem etwas nicht passt, wird zwar viel rumgenöhlt (typisch deutsch); geht  es aber darum, aktiv zu werden, ist die Liste der Ausreden lang (noch typischer deutsch). Für CSD-Partys, Urlaube, Escorts, Klamotten und sonstwas alles ist reichlich Geld da, aber für EUR 120 LSVD-Jahresbeitrag (ermäßigt EUR 30) reicht es nicht. Die durch den oder unter Beteiligung des LSVD erstrittene rechtliche Gleichstellung für schwule Menschen, die in aller Regel auch finanzielle Vorteile mit sich bringen, werden gerne mitgenommen, den Verein jedoch, der da maßgeblich mitwirkt, funktions- und leistungsfähig zu erhalten, ist zuviel verlangt. Das Trittbrettfahrerprinzip ist auch und gerade bei schwulen Menschen sehr beliebt – und ein zweifelhaftes Vorsichtsprinzip ebenso: Ich beobachte immer wieder, dass schwule Menschen dazu neigen, geduckt die Entwicklung der Dinge abzuwarten. Geht etwas schief, endet also zum Beispiel ein vom LSVD begleitetes Gerichtsverfahren nicht mit dem gewünschten Urteil, haben alle es vorhergesehen und von vornherein gewusst, dass der LSVD auf verlorenem Posten kämpft. Nimmt die Sache den gewünschten Verlauf, kommen alle in ‘nachlaufender Solidarität’ hervor und rufen, “ich will auch”, “ich will auch”. Solange sich 3500 Männer und Frauen finden, die ein bisserl Geld springen lassen, funktioniert das Spiel. Wesentlich besser würde es funktionieren, wenn der LSVD auf deutlich mehr Mitglieder verweisen könne, dann wäre er nämlich nicht nur der Verband einiger weniger lesbischer und schwuler Menschen, und wenn die finanzielle Ausstattung ein besser (nicht über- !) dimensioniertes Tätigwerden zuließe.

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  1. [...] Der auf der Homepage des Freundeskreises ROSA ARCHIV & Bibliothek geäußerten Kritik an dem Internetradio und den treudoofen Einlassungen Mitscheles schließe ich mich an. Nicht folgen kann ich aber der Kritik am LSVD: [...]



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