Seit 20 Jahren gibt es die ”Positive Begegnungen”. Anfangs noch unter der Bezeichnung “Bundespositivenversammlung” findet einmal im Jahr eine, wie die Veranstalter schreiben, Konferenz von und für Menschen mit HIV und Aids und ihre An- und Zugehörigen statt.
Das nächste Treffen dieser Art findet im August 2010 in Bielefeld statt. Bielefeld!? Jetzt bloß nichts Falsches schreiben! Bielefeld ist nicht nur die Pudding- und Backpulverstadt schlechthin, sondern gehört auch zu den zwanzig größten Städten Deutschlands. Wenn man von einigen Bausünden der Nachkriegszeit absieht, ist’s eigentlich ganz nett dort. Ist man erstmal dort, will und kann man kaum wieder weg, weil: Im Umkreis von 40 Kilometern ist da nix, wo man hinwollen könnte. Und dann kommt Paderborn! Also doch lieber Bielefeld! Dem wirtschaftsgeschichtlich Interessierten mag die Ravensberger Spinnerei AG (Gründung 1855. Einst die größte Flachsspinnerei des Kontinents mit Flachs- und Werggarnspinnereien in Bielefeld und Wolfenbüttel und Bleichanlage in Ummeln. 1988 in Konkurs gegangen.) als orientierendes Stichwort dienen.
Dort, in Bielefeld, nicht in der Spinnerei, finden also die “Positive Begegnungen 2010″ statt. Informationen gibt es auf dem eigens hierfür eingerichteten Blog PoBe 2010.
Ein Motto für die Konferenz wird noch gesucht. Die Veranstalter schreiben:
Leben mit HIV hat sich in dieser Zeit verändert. Höchste Zeit dass sich die Bilder von HIV und Aids auch verändern. Denn wir sind viele, wir sind unterschiedlich. Und das gibt uns Kraft, bringt Bewegung und fordert.
Vielfalt – Kraft – Bewegung: Diese drei Begriffe skizzieren nicht nur heutiges Leben mit HIV, um diese drei Begriffe soll sich auch das Motto der ‘Positiven Begegnungen 2010′ ranken. Ein Motto, für das wir deine Unterstützung benötigen – mach’ uns Vorschläge!
Weitere Einzelheiten auf dem vorerwähnten Blog. Zu gewinnen gibt es für die Mottosucher auch etwas. Hauptpreis ist ein Wochenende für zwei Personen im Axel-Hotel in …ähm… hab’ ich gerad’ vergessen, irgendeiner ostdeutschen Kleinstadt.
Ich hab mich natürlich auch auf die Motto-Suche gemacht. Das einfachste ist, einfach die vorgegebenen Begriffe zu kombinieren. Also zum Beispiel:
‘Positive Vielfalt’
Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass die Gruppe der HIVpositiven Menschen nicht nur ein Einheitsbrei ist und nicht nur aus einem bestimmten Teil der Bevölkerung besteht, sondern sich aus einem Querrschnitt der Menschheit zusammensetzt: Alte, Junge, Weiße, Schwarze, Heteros, Homos, Männer, Frauen, …
‘Positive Kraft’
kling nicht so gut und erinnert an das Motto ‘Kraft durch Freude’ und damit an schlimme Zeiten.
‘Positive Bewegung’
gefällt mir auch nicht. Das passt eher in eine Broschüre gegen die Verfettung der Menschen.
‘Positive Zeit’
provoziert die Frage, ob es auch negative Zeit gibt – ist also eher für einen Naturwissenschaftlerkongress geeignet.
‘PoBi’
ginge vielleicht, ist aber unschicklich und irgendwie kein richtiges Motto.
‘Positiv begegnen’
würde ich vorschlagen, damit ich zum Axel ins Hotel darf, wenn ich’s jetzt nicht schon hier verbraten hätte. Damit wird der Titel der jährlichen Konferenzen in eine Aufforderung zum aktiven Handeln verwandelt. Aus dem Substantiv wird ein Verb, ein, wie es früher in der Schule hieß, Tuwort, eine Aufforderung, etwas zu unternehmen, und nicht nur auf das Zustandekommend der Unternehmung warten. Nicht (nur) positive Begegnungen, sondern positiv begegnen, positiv aufeinander zugehen. Mit einer positiven Einstellung hingehen. Hingehen, nicht nur nach Bielefeld (hat übrigens einen ICE-Bahnhof, man muss also nicht einen Fußmarsch gen Bilivelde wagen), sondern zu den Menschen. Positiv in diesem Sinne heißt, mit offenem Verstand und offenen Herzen auftreten. Das mag in Bielefeld, umgeben von Pudding, Götterspeise, Chutney und anderen leckeren Sachen mehr, besonders leicht fallen – es funktioniert aber überall, wenn man nur bereit ist, positiv an die Sache der Positiven heranzugehen.
Nun gut, ich bin kein begnadeter Mottosucher und überlasse Axel in seinem Hotel neidlos anderen, die es besser können.
Noch kurz, wie ich überhaupt darauf gekommen bin: Auf dem Blog PoBe 2010 wird auch nach Themenvorschlägen gefragt. Stigma, Stigmatisierung und Entstigmatisierung werden dort als Diskussiongegenstände genannt. Sehr wichtige Stichworte, gar keine Frage. Dennoch war ich versucht, als weiteres Stichwort ‘Selbststigmatisierung’ in den virtuellen Raum zu werfen. Denn: Es ist ja nicht so, als würde alle Welt HIVpositive Menschen diskriminieren und stigmatisieren. Es gibt auch (nicht HIVpositive) Menschen, die HIVpositiven Menschen vorbehaltlos positiv begegnen – und auf Ablehnung stoßen. Auf dem PoBe-Blog ist in einem Kommentar von der Gewöhnung an die Stigmatisierung die Rede. Führt diese Gewöhnung womöglich zu (unbewussten) Abwehrreflexen, zu Selbststigmatisierungen, die positives Begegnen unnötig schwer machen?
Related posts
Filed under: Miscellaneous
Trackback Uri



Commentaries