‘Schwule Community”, ‘die’ schwulen Männer, ‘die’ Schwulen, ‘wir’ Schwulen, … gibt’s das?
Nein, es gibt keine homogene Gruppe schwuler Männer, keine monolithische Gruppe der Schwulen.
Es gibt schwule Männer, die bezeichnen sich als szenefern, andere als szenenah, die einen sieht man auf jedem CSD, die anderen auf keinem. Es gibt, schwule Männer, die vertreten die Thesen linker Parteien, anderer die rechter Parteien und wieder andere finden sich irgendwo dazwischen. Manche sind politisch engagiert, machen nicht. Die einen finden Guido gut, die anderen begeistern sich für Wowi oder Ole. Volker soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Die einen können Pet Shop Boys und Rosenstolz nicht mehr hören, die anderen wollen nichts anderes hören. Manche machen aus ihrer Homosexualität keinen Hehl, drängen sie nachgerade ihren Mitmenschen auf, manche möchten nicht darüber reden, sie am liebsten verschweigen. Die einen meinen, nur durch Anpassung Anerkennung zu erreichen, die anderen denken, dass nur Widerstand zum Ziele führt. Die einen sind alt, die anderen jung, die einen sind dünn, die anderen dick. Die einen gehen ins Fitnessstudio, die anderen in den Biergarten. Die einen sind schwarz, die anderen weiß, manche sehen nur schwarzweiß. Die einen wollen die Homo-Ehe um jeden Preis, die anderen wollen davon nichts hören und sogar die Hetero-Ehe abschaffen. Manche sind homophil, manche homophob. Es gibt Tunten, Tucken, Ledermänner, Damenwäsche- und Anzugträger. Es gibt Fetischliebhaber aller Art und für manche ist es der größte Fetisch, keinen Fetisch zu haben. Die einen Top, die anderen Bottom, die einen Master, die anderen Slave, die einen aktiv, die anderen passiv und manche alles und manche nichts. Die einen sind HIVnegativ, die anderen HIVpositiv oder wissen es nicht. Manche sind arm, manche sind reich. Die einen bedienen jedes Klischee, die anderen keins.
Die Welt der schwulen Männer ist so vielfältig, wie sie nur sein kann. Meine Posts der letzten Wochen und die dazu eingereichten Repliken zeigen mir, dass die Auffassungsunterschiede zu bestimmten Themen eher unüberwindbare Gräben sind, als nur Varianten ein und derselben Denkungsweise. Die Formen des Dialogs schwuler Männer untereinander und übereinander erinnern mich an die Frage, welche ich kürzlich in einem Internetforum las: “WHY DO GAY MEN HATE OTHER GAY MEN ?” Ja, machmal scheint es wirklich so, als gebe es unter schwulen Männern überproportionalen Hass. Der Schein trügt, dessen bin ich mir sicher! Aber ich sehe doch, dass schwule Männer sich nicht selten mit harter Ablehnung begegnen. Soweit sich schwule Männer als Konkurrenten auf ihren Beutezügen betrachten, kann ich die Ablehnung anderer auf der emotionalen Ebene verstehen. Aber darüber hinaus? Wenn es um Fragen zum Beispiel politischer Natur geht, dann werden Standpunkte oft so unnachgiebig und unerbittlich vertreten, dass eine Annäherung unmöglich erscheint – wenn es zu Beispiel darum geht, ob schwule Männer der CDU anhängen oder Mitglied der römisch-katholischen Kirche sein dürfen. Ich kann bei mir selber anfangen: Meine Haltung zu diesen Themen ist klar und ich formuliere sie ebenso klar. Für eine Annäherung an abweichende Haltungen lasse ich keinen Spielraum und meine ablehnende Haltung in Sachfragen wird nicht selten zu einer Ablehnung der Person, die von meinen abweichende Ansichten vertritt. Machmal ist das sicher überzogen und es fehlt mit nicht an dem Bewusstsein, dem ein oder anderen geschätzten Kommentierer mehr auf die Füße getreten zu haben, als zur Verdeutlichung meine Auffassung notwendig war. I feel very bad about it! Gleichwohl: Klarheit in der Sprache ist manchmal notwendig. Es gelingt mir wohl nicht immer, die Grenzen an der richtigen Stelle zu ziehen, aber, im Extrem, ich sehe nicht warum ich zu einem schwulen Nazi nett sein sollte. Mit einem schwulen Nazi steige ich nicht ins Bett, trinke kein Bier mit ihm und sehe auch keinen Grund für irgendwelche Höflichkeiten oder gar Freundlichkeiten. Das soll nun keineswegs heißen, dass ich jeden, zu dem ich unfreundlich bin, für einen Nazi halte. Gewiss nicht! Aber da ich davon ausgehe, dass die meisten Menschen keine Politiker mit kurzfristig austauschbaren Ansichten sind, erlaube ich mir durchaus, anhand von Haltungen zu Themen, die mir wichtig sind (das ist der einzige Maßstab für die Beantwortung der Frage, was wichtig ist und was nicht, den ich habe), zu entscheiden – oder zu empfinden -, ob ich jemanden mag oder nicht.
Das Trennende, das Unterscheidende zu finden ist leicht.
Aber gibt es, über die sexuelle Orientierung/Identität hinaus, auch Gemeinsamkeiten?
Nur Sex mit Männern haben zu wollen, nur Männer lieben zu wollen, kann doch nicht alles sein?
Was verbindet uns?
Es gibt eine Gemeinsamkeit, die wir nicht einmal selber in der Hand haben: Wir leben in einer Welt, in der schwule Menschen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden – bestenfalls! Im Irak werden schwule Männer zu hunderten abgeschlachtet – nur weil sie schwul sind. In dutzenden von Staaten werden schwule Männer durch staatliche Stellen verfolgt und auf ihr Vergehen, nämlich schwul zu sein, steht in mehreren Ländern die Todesstrafe - nicht nur in muslimisch dominierten Ländern. Das christliche Uganda schickt sich gerade an, die Todesstrafe für schwule Männer einzuführen. Auch wenn die Gesetze eines Staates die Verfolgung und Bestrafung schwuler Menschen nicht explizit vorsehen, bedeutet das keine Sicherheit. Grundlose Durchsuchungen von ‘Szenelokalen’ den USA (zuletzt in Texas und Georgia), in Berlin und in Moskau haben wir in der jüngsten Zeit erlebt. Auch dort, wo der Gesetzgeber alles getan hat, um schwule Menschen nicht zu diskriminieren und sie zu schützen, wie zum Beispiel in Spanien, gibt es noch die Justiz, die schwule Menschen für Menschen minderen Rechts hält. Mit Schrecken ist mir in Erinnerung, dass ein spanisches Gericht den Mörder zweier schwuler Männer laufen ließ, weil es seiner Behauptung, die Männer hätten sich ihm sexuell genähert und der Doppelmord sei seine einzige Rettung vor einer Vergewaltigung gewesen, ohne weiteres Glauben schenkte. Und sind es nicht Gerichte und Behörden, dann sind es die lieben Mitmenschen, die Jagd auf schwule Männer machen: Jamaika, Brasilien, Großbritannien, Norwegen, Deutschland, … , die Liste ist sehr lang. Erinnert sei auch an die gewaltsamen Übergriffe auf mehrere GayPrides in Osteuropa.
Zwar ist das Ausmaß der Anfeindung sehr unterschiedlich, je nachdem, wo man lebt und wie man lebt. Selbst wenn man keine eigenen schwulenfeindlichen Erlebnisse vorzuweisen hat, so muss doch jedem klar sein, dass das als sicher empfundene Umfeld und der als sicher empfundene Lebensstil nur eine Scheinsicherheit vermitteln. Nicht vergessen werden darf auch, dass es verdeckte und unbemerkt bleibende Schwulenfeindlichkeit gibt.
Sind nun die, vorsichtig formuliert, mal mehr, mal weniger ausgeprägten Vorbehalte unserer Mitmenschen das einzige Bindeglied zwischen schwulen Menschen? Die Ablehnung durch andere als verbindendes Merkmal schwuler Menschen? Das kann es doch nicht sein. Das kann doch nicht alles sein!
Ich fürchte allerdings, dass es so ist. Ein Zeit lang war ich der Ansicht, dass sich dieses negative und fremdbestimmte Merkmal der Schwulenfeindlichkeit Anderer in einen positven gemeinsamen Wert schwuler Menschen transformieren lassen müsste. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass schwule Menschen dann bereit sind zusammenzuhalten, wenn sie fortdauernden Repressalien ausgesetzt sind. Stonewall 1969 hielt ich für so ein wertbildendes Ereignis. Aber ein genauer Blick zeigt, dass das Verhalten der wehrhaften schwulen Männer nicht die allgemeine Zustimmung schwuler Menschen gefunden hat. Nicht wenige vertraten damals aus unterschiedlichen Gründen die Auffassung, dass es falsch sei, sich unmittelbar oder überhaupt gegen staatliche Übergriffe zu wehren.
Ich war weiterhin der Meinung, dass es wenigstens einen Konsenz gebe, dass schwulen Männern, die sich wegen ihres Schwulseins in unmittelbarer Lebensgefahr befinden, beizustehen sei (im Rahmen der eigenen Möglichkeiten). Aber auch das ist nicht der Fall. Kürzlich sprach ich mit einem schwulen Mann über die Verhältnisse im Iran, im Irak und in Saudi-Arabien. Ich beanstandete die Asylpolitk in Deutschland und Großbritannien im Gegensatz zu der Schwedens. Dabei vertrat ich die Auffassung, dass Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden, in Deutschland aufzunehmen seien und, wenn sie es einmal bis hierher geschafft haben, auf keinen Fall zurück und damit in den sicheren Tod geschickt werden dürfen. Zu hören bekam ich: “Da müssten wir ja jeden aufnehmen, … dann gibt sich plötzlich jeder als schwul aus, … dann dürfen die sich halt beim Ficken nicht erwischen lassen, … ich lauf auch nicht in Frauenklamotten auf der Straße rum, …” Und am schlimmsten: “Sollen die doch bei sich zu Hause für bessere Verhältnisse sorgen, wir haben doch in Deutschland auch für unsere Rechte gekämpft und sind nicht abgehauen.” Gesagt hat das jemand, der ein paar Jahre jünger ist als ich und noch bis vor etwa zehn Jahren als Intensivklemmschwester gelebt hat. Jemand, der in Deutschland für nichts und niemanden gekämpft hat, außer vielleicht dafür, nicht ‘entdeckt’ zu werden.
Ich bin einigermaßen desillusioniert und sehe immer mehr, dass das Merkmal ’schwul’ nicht das ist, was einen Menschen für mich interessant macht.
Selbstverständlich darf jeder seine Ansichten darüber haben, wie schwule Menschen sich zu stylen und anzuziehen haben oder nicht zu stylen und nicht anzuziehen haben. Niemand muss Westerwelle oder von Beust oder Wowereit oder Beck wählen, nur weil diese schwul sind. Meinungsvielfalt ist gut und erwünscht. Wenn aber jeder Grundkonsenz fehlt, führt das nur dazu, dass die Gruppe der schwulen Menschen zerfasert und unwahrnehmbar wird. Selbst auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergeschraubte gemeinsame Interessen schwuler Menschen sind dann nicht mehr vertretungsfähig und nicht durchsetzbar. Kleinster gemeinsamer Nenner schwuler Menschen müsste es doch sein, in Frieden leben zu dürfen.
Aber, mein vorerwähntes Beispiel zeigt es, selbst das ist nicht durchgängig konsenzfähig. Für diese Erkenntnis muss man nicht einmal die Verhältnisse in afrikanischen Staaten bemühen. Aus Deutschland und anderen westeuropäischen Länder werden in der jüngsten Zeit verstärkt gewalttätige Übergriffe auf schwule Männer berichtet. Mit Entsetzen nehme ich die Diskussionsbeiträge schwuler Menschen in Blogs oder Internetforen hierzu zur Kenntnis. Es heißt nur allzu oft, die Opfer seien selbst schuld, in der und der Gegend müsse man ja nicht Händchen haltend herumlaufen, um diese Zeit habe man im Park nichts zu suchen, man müsse nicht in aller Öffentlichkeit herumknutschen, wer Unbekannte mit nach Hause nehme, wer seine bei gayromeo angeworbenen Sexpartner nicht vor dem Erstkontakt vom Geheimdienst überprüfen lasse, der dürfe sich nicht wundern, ausgeraubt oder gar getötet zu werden, man müsse sich am Arbeitsplatz ja nicht outen, wenn einem die Karriere wichtig ist, man müsse sich nicht mit Nazis und Islamisten ‘anlegen’, man könne auch den Hetero geben, wenn man den Druck der Mitschüler nicht erträgt. ‘Selbst schuld’ ist so oft zu lesen und zu hören, wenn jemand, der dem eigenen Lebensstil und dem eigenen Wertemodell nicht entspricht, in Not geraten ist. Statt zu helfen, statt die Tat zu beklagen und den Täter anzuklagen, wird nachgetreten.
Wohlmeinende und sinnvolle ‘Verhaltenshinweise’ für schwule Menschen sind das eine – sie mögen das Leben und die Gesundheit schützen. Wenn aber ein schwuler Mann sein Verhalten nicht an den religiösen Empfindungen oder an den Werten von Anstand und Moral anderer ausrichten will und nicht die Straßenseite wechselt, wenn ihm bestimmte Zeitgenossen begegnen, wenn er nicht davon läuft, wenn er Beleidigungen nicht unerwidert lässt, und sich am Ende im Krankenhaus wiederfindet, dann empfinde ich es als ganz schlimm, wenn andere schwule Menschen sich zum Richter aufspielen, und nicht über den Täter, sondern über das Opfer richten – nur weil der schwule Mann, dem sein Schwulsein zum Verhängnis geworden ist, nicht den eigenen tatsächlichen oder vorgeblichen Vorstellungen vom Schwulsein entspricht. Die Bereitschaft schwuler Männer, anderen schwulen Männer zuzubilligen, wie diese ihr Leben leben, wie diese ihr Schwulsein in ihrem Leben zum Ausdruck bringen, ist nicht sehr ausgeprägt. Der Regenbogen, der so gerne bemüht wird, ist machmal ziemlich unbunt. Anders gewendet: Jeder hat seine eigene Farbenlehre und die kommt oft nicht über schwarz und weiß hinaus.
Gibt es außer Sex und den Anfeindungen anderer etwas Verbindendes?
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