9 Sep 09

In Deutschland haben wir reichlich Erfahrung mit ‘Massen’: Massenandrang, Menschenmassen, Massenarbeitslosigkeit, Massenverfahren, Massengrab. Besondere Erfahrung besteht im Bereich der Massenvernichtung.

Nunmehr schickt sich ein zweifelhafter Verein aus Saarbrücken an, einen Beitrag zum Thema Massenverängstigung zu liefern.

Ondamaris berichtet:

Ein kopulierendes Paar ist in einem TV-Spot zunächst zu sehen, im Halbdunkel, sonst nichts. Ganz zum Schluss dann ein Gesicht, das des Mannes, und – es wird immer klarer, dies soll Adolf Hitler sein. „Aids ist ein Massenmörder“, schreit die Kampagne.

Und nur dies. Nichts weiter, keine Präventionsbotschaften, kein „Verwende Kondome“, kein „Safer Sex reduziert dein Risiko“ oder ähnliches.

Die Kampagne wurde initiiert von dem Verein „Regenbogen e.V.“ und realisiert von der Werbeagentur „das comitee“. Regisseur war Ivo Wejgaard. Der Spot ist als TV-Spot konzipiert und soll ab nächster Woche im TV laufen.

Es ist zu fragen, welchen Sinn diese Kampagne hat.

Eine Krankheit oder ein Krankheitserreger kann begrifflich kein Mörder sein. Das deutsche Strafrecht kennt Menschen als Mörder, nicht aber Viren, Tiere oder Krankheiten. Auch im nicht juristischen Sprachgebrauch ist es nicht üblich, eine Krankheit als Mörder zu bezeichnen. Das lässt nur den Schluss zu,  dass in der Kampagne Menschen als Mörder, und zwar als Massenmörder bezeichnet werden.

Mord setzt als Tatbestandsmerkmal voraus, dass ein Mensch zu Tode kommt, Massenmord setzt begrifflich voraus, dass eine Vielzahl von Menschen zu Tode kommt. Der Sprachgebrauch in der Kampagne erweckt den Eindruck, AIDS sei ein Massenphänomen. Dem ist zumindest in Deutschland nicht so. Noch viel weniger ist es im halbwegs zivilisierten Europa so, dass Menschen massenhaft an AIDS sterben. Dem “Massenmörder” AIDS fehlt es schon an den ‘Massen’. AIDS ist in Deutschland für HIVpositive Menschen nur noch vereinzelt die Todesursache. Und selbst in den Fällen, die das Robert-Koch-Institut aktuell in seiner Statistik als an AIDS verstorben führt, ist fraglich ob die HIV-Infektionen und die daraus folgenden Krankheitsbilder ursächlich für den Tod der Verstorbenen sind.

Die Sachinformationen, soweit man der Kampagne überhaupt solche zubilligen will, sind schlichtweg falsch.

Auf der Homepage des Vereins Regenbogen eV (Vertreten durch seine regenVorstandsmitglieder Jan Schwertner, Heiko Schüßling (dessen/deren Name zwar auf einen Mann hindeutet,  die aber ausweislich der Angaben auf den Briefbögen des Vereins weiblichen Geschlechts ist) und Patrick Ehrlich, geschäftsansässig in 66123 Saarbrücken, Grubenweg 3, Telefon 0681/9602136-0 und 0160/1022222) erklären die Initiatoren der Kampagne:

Wenn die Menschen es mit AIDS verstanden hätten und die Zahlen in Deutschland nicht immer weiter steigen würden, wären wir nicht gezwungen zu solchen Maßnahmen greifen zu müssen.

Nun ist jedem halbwegs informierten Menschen bekannt, dass die Zahlen, (welche sind eigentlich gemeint, die, der an AIDS erkrankten Menschen, oder die, der mit HIV infizierten Menschen?) in Deutschland nicht (mehr) signifikant steigen. Was soll also diese Behauptung?

Und wer zwingt Schwertner & Co?

Der Verein Regenbogen eV hat keinen offiziellen Auftrag von den Hauptakteuren der deutschen HIV-Prävention und STI-Aufklärung (BzgA, DAH, DAS, BMG). Allerdings, wenn man der Homepage des Vereins glauben schenken darf, sind allerlei illustre Personen mit dem Verein und seiner Kampagne verbunden: Oberfriseur Walz ist dort zu finden und, nicht überraschend, der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und ein Sammelsurium von C- und D-Sternchen. Die Sponsorenliste setzt sich zusammen aus namhaften Kondomherstellern, dem Springer-Verlag, Microsoft, Casio und anderen. Diese illustre Gesellschaft zwingt also den Verein zu “solchen Maßnahmen”, zu einer widerlichen Kampagne, die den Verein und seine Förderer auf Kosten HIVpositiver Menschen in die Schlagzeilen bringt.

Auffällig ist, dass die Kampagne von einer kleinen Hamburger Zwei-Mann-Werbeagentur konzipiert wurde, die bisher noch nicht durch herausragende Werbearbeiten aufgefallen ist. Offenbar geht es in dieser Agentur darum, nun endlich aufzufallen. Auffallen um einen Preis, den anderen bezahlen.

Diesen Preis, diese unerträgliche Gleichsetzung von HIVpositiven Menschen mit Massenmördern, zahlen alle Menschen. Es ist der Preis der Angst, der von allen verlangt wird. Die Kampagne hat das Ziel, Angst zu schüren. Sie soll den Eindruck vermitteln, Massenmörder vom Schlage Hitlers oder Stalins seien unter uns, lauerten in unseren Betten.

Vordergründig und in hetzerischer Weise greift die Kampagne HIVpositive Menschen an, unterstellt ihnen Verantwortungslosigkeit und stellt sie als “Massenmörder” an den Pranger. Genauer betrachtet sät sie Misstrauen, Verdächtigungen, Furcht und Angst in unser aller Leben.

Angst ist niemals ein guter Ratgeber. Ein Mensch in Furcht oder angstgetrieben handelt nicht vernünftig. Er neigt vielmehr zu Panikreaktionen und Fehlverhalten. Verängstigte und eingeschüchterte Menschen sind selten zu verantwortlichem Tun fähig. Um verantwortliches Tun muss es aber in  der HIV-Prävention gehen. Es muss darum gehen, HIVpositiven wie HIVnegativen Menschen einen Weg zu einem angstfreien und gerade deshalb verantwortungsvollen Umgang miteinander aufzuzeigen. Wer das unmöglich macht, wer Ängst schürt oder vergrößert, der vergeht sich an den Menschen.

Das Konzept, mit dem sich Regenbogen eV und die Werbeagentur ‘das comitee’ schmücken, hat Vorbilder, und zwar in diesem Fall im wahrsten Sinne des Wortes. Schaut man sich an wie Hilter, Stalin und Hussein und ihre Parteien mit politischen Gegnern umgegangen sind, dann ist leicht erkennbar, dass deren Diktionen und Visualisierungen nicht weit von der aktuellen Regenbogen-Kampagne entfernt sind. Mit Wahlkampfplakaten verunglimpfte die NSDAP andere Menschen und verbreitet Schauergeschichten und Lügen über ihre Gegner. Bilder aus alter Zeit zeigen, wie Hetze und Stimmung gegen bestimmte Menschengruppen erzeugt wurden, wie mit niederen Instinkten fernab jeder Sachaussage Propaganda gegen Menschen gemacht werden kann. Die Kampagne des Vereins Regenbogen eV schließt nahtlos an die damalige Methodenlehre an. Fernsehsender und (Online-)Medien, die die Bilder und Videos dieser Kampagne zeigen wollen, sollten sich fragen, ob sie sich wirklich vor den fragwürdigen Karren von Regenbogen eV spannen lassen und sich auf Straßenkampfniveau begeben wollen. Schwertner, Schüßling und Ehrlich müssen sich fragen lassen, wes Geistes Kind sie sind.

Über den Verein Regenbogen eV ist im Gegensatz zu seriösen Spendensammelorganisationen im Internet nicht viel zu erfahren. Bekannt ist, dass der Vereine seine Mitgliedsbeiträge durch Inkassobüros eintreiben lässt. Eine Satzung, Rechenschaftsberichte oder ähnlich Handfestes sind nicht zu finden. Auf seiner Homepage macht der Verein damit Werbung, dass er “beim Finanzamt Saarbrücken als gemeinnützig und mildtätig” sei.

Gemeinnützig, so definiert es die Abgabenordnung,  ist ein Verein, wenn seine Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern.

Man muss kein Jurist sein, gesunder Menschenverstand reicht aus, um zu erkennen, dass das neueste Machwerk des Vereins Regenbogen eV weit entfernt von materieller, geistiger oder sittlicher Förderung der Allgemeinheit ist.

Die Kampagne von Regenbogen eV hat mittlerweile weltweites Befremden ausgelöst. Nicht jedoch bei der AIDS-Hilfe Köln. Dort stört man sich daran, das Hilter, Stalin  & Co Sex mit Frauen haben:

Die AIDS-Hilfe in Köln kritisierte außerdem, dass der Spot an der Wirklichkeit vorbeigehe: Die Rate der Neuinfizierungen sei in Deutschland relativ niedrig und in 60 Prozent der Fälle gehe es um Homosexuelle.

Würde in den Spots Männersex gezeigt, wäre die Welt für die Kölner AIDS-Hilfe wohl in Ordnung. Homosexuelle als Massenmörder scheinen gut in das dortige Weltbild zu passen. Damit stellt sich sich an die Seite der schwulenfeindlichen AIDS-Hilfe München. Übrigens: Auch die AIDS-Hilfe Köln sammelt Spenden…

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Filed under: Homophobie, Leben, Medien

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