29 Aug 09

Vor einigen Tagen schrieb ich über Treue. Mein Ziel war es, Treue einmal unter einer anderen Perspektive als der, wer mit wem Sex haben darf, zu beleuchten. Ein Blick in die Kommentare zu dem Post und eine ganze Reihe von Rückmeldungen außerhalb dieses Blogs zeigen mir, das ich offenbar nicht deutlich genug zum Ausdruck bringen konnte, was ich meine. Ich nehme deshalb einen neuen Anlauf.

Der geneigt Leser mag, sofern er in einer festen Beziehung mit einem anderen Mann lebt, sich einmal fragen, was der Kern dieser Beziehung ist, was diese Beziehung ausmacht, was sie von anderen unterscheidet, was am Ende übrig bleibt, wenn man von außen nach innen eine Hülle nach der anderen entfernt. Selbstverständlich kann man im Falle der ‘Beziehungslosigkeit’ fragen, was denn der Kern einer gewünschten Beziehung sein solle.

Ein solches Vorgehen zeigt vielleicht, wie der Bohrkern einer Kernbohrung, was in einer Beziehung wichtig ist, was ganz tief drinnen verankert ist, und was eher zum Drumherum einer Beziehung gehört.

Beispiel Geld: Geld ist wichtig, insbesondere das Haben von Geld ist wichtig. Auch andere materielle Dinge sind wichtig. Ein Drittel meines täglichen Zeitkontingentes setze ich dafür ein, Geld zu erhalten. Solange Geld zum Drumherum einer Beziehung gehört, ist das OK und kann unter Bequemlichkeit, Luxus und dergleichen, oder im entgegengesetzten Fall unter Geldsorgen verbucht werden. Wenn sich die Beziehung fast nur um Geld dreht, das vorhandene oder das fehlende, dann stimmt etwas nicht. Wenn das Geld die Beziehung zusammenhält, wenn das Geld, das Vermögen des einen für den anderen der Grund ist, die Beziehung einzugehen, wenn, das Geld weggedacht, sonst nichts in dieser Beziehung elementar ist, dann mag diese Beziehung einen materiellen Wert haben, inhaltlich ist sie wertlos.

Beispiel Hobbys:   Hobbys können i-Tüpfelchen im Leben sein. Wer aber ohne den Fußballplatz nicht kann, kann ohne seinen Beziehung. Und wenn ein gemeinsames Hobby das einzige Gemeinsame ist, sollte man die Beziehung nicht Beziehung, sondern Verein nennen.

Beispiel Sex: Miteinander Ficken kann der erste Berühungspunkt, der Beginn einer Beziehung sein. Aber kann der gemeinsame Sex den Kern einer Beziehung bilden, jenes innerste, das alles zusammenhält? Was ist, wenn es mit dem Sex alters- oder krankheitsbedingt nicht mehr so recht klappt? Fällt dann die Beziehung auseinander? Vermutlich wird fast jeder den gemeinsamen Sex in einer Beziehung auf einer Skala von unwichtig bis sehr wichtig, nicht aber als das wichtigste und unzichtbarste überhaupt, einordnen. Zerbröselt man  – gedanklich! – eine Beziehung, wird sich hoffentlich zeigen, das Sex nur ein Brösel von vielen ist. Ist es der einzige oder der mit Abstand größte Brösel, deutet das nach meinem Dafürhalten auf erheblichen Nachdenkbedarf hin. Manche sagen, Sex in der Beziehung sei wie das Salz in der Suppe. Ich werde nun mit Sicherheit nicht für salzarme Ernährung plädieren, gebe aber zu bedenken, dass fehlendes Salz die Suppe nicht unschmackhaft macht; vielmehr bieten sich andere Gewürze und sonstige Zutaten zur Verwendung an. Viel wichtiger als Sex in der Beziehung ist gar nicht so wenigen Männern, dass es keinen Sex außerhalb der Beziehung gibt. Warum? Wenn Mann bereit ist, mir dahin zu folgen, dass Sex idealerweise nur ein Brösel in einer Beziehung ist und wenn Mann dazu kommt, dass eine Beziehung auch funktioniert, wenn Mann diesen Brösel wegnimmt, warum ist es dann von Bedeutung, wenn dieser Brösel nicht mehr auf dem eigenen, sondern einem fremden Platzdeckchen liegt? Wenn Mann genügend Brösel für eine stabile Beziehung beisammen hat, wenn Mann meine eingangs gestellt Frage, was den Kern und das Wesen der Beziehung beantworten kann, ohne sie daran fest zu machen, wer mit wem Sex hat, welche Wichtigkeit kann dann der Brösel auf dem fremden Platzdeckchen haben?

Beispiel Vertrauen: Vertrauen gehört nach meinem Verständnis in den Kernbereich einer Beziehung. Aber, auch wenn’s nervt, es lohnt sich, hier ebenfalls genauer hinzuschauen. Nicht jedes Verhalten, das bei strenger Betrachtung ein Vertrauensbruch ist, sollte gleich zu einem Hochverrat aufgebauscht werden. Mein Mann muss mir nicht alles erzählen, muss nicht immer die Wahrheit sagen. Viel wichtiger ist die Absicht, mit der er etwas sagt, macht oder unterlässt. Will er mein Vertrauen mißbrauchen, oder einfach nur einer lästigen, peinlichen Situation aus dem Weg gehen? Vielleicht ist es ja sogar ganz in meinem Interesse, wenn ich etwas nicht erfahre. Vertrauen fällt nicht vom Himmel; es muss wachsen und vor allem auch die Chance zum Wachsen bekommen.

Vertrauen und Sex außerhalb der Beziehung werden oft dahin miteinander verknüpft, dass verabredungswidriger Sex als Vertrauensbruch gewertet wird.  Das spätere Beichten der sexuellen Aktivität macht entweder alles wieder gut oder alles nur noch schlimmer. Wenn aber, wie zuvor dargelegt, Sex nur ein Brösel von vielen ist, stellt sich die Frage, welche Rolle Vertrauen in diesem Zusammenhang spielt. Wenn ansonsten in einer Beziehung alles stimmt, sollte die Aufdeckung verschwiegenen beziehungsfremden Sexes die Beziehung nicht erschüttern können. Wer daraus ein Drama macht oder gar die Beziehung daran scheitern lässt, sollte vielleicht einmal prüfen, ob er in einer Beziehung oder in einem Verwahrverhältnis (ge)lebt (hat).

Und so lässt sich ein Bestandteil nach dem anderen finden, definieren und bewerten. Jeder mag da seine eigenen Empfindungen reflektieren und zugrunde legen. Je länger die Beschäftigung mit der Frage, was die eigene Beziehung ausmacht oder ausmachen sollte, dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es da ganz tief im Inneren etwas gibt, was mit Worten nicht mehr zu fassen ist. Ich habe jedenfalls Schwierigkeiten, das Wesen der Beziehung zwischen mir und meinem Mann präzise zu beschreiben. Vertrauen spielt eine große Rolle, und zwar Vertrauen darauf, dass er das richtige tut, auch wenn ich selbst nicht weiß, was richtig oder falsch ist. Diese Art von Vertrauen ist übrigens einer Kontrolle nicht zugänglich und befreit von Mißtrauen. Freiheit gehört dazu, so wie ich es kürzlich in einem Post beschrieb. Rücksicht, Zuvorkommenheit, Nähe, sich Zeit nehmen, sich aufeinander be-ziehen, auf einander und einander achten, Vergebung, Widerspruch und Zuspruch, Neugier,… Es gibt so vieles, was ich im Kern unserer Beziehung finden kann; eine detaillierte Analyse würde mehr verdecken als offenbaren. Vielleicht gibt es ein Wort, das - wohlverstanden – die Kraft beschreibt, die alles zusammenhält und jede Schwierigkeit überwindet:

Liebe

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