Den ein oder anderen Leser mag es überraschen, eine wasserdichte Begründung kann (und will) ich nicht liefern: Seit zehn Tagen lebe ich in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft.
Was ich in diesem Zusammenhang nicht erwartet hatte, war der behördliche Almabtrieb, den so ein Vorgang, um in der Sprache der Bürokraten zu bleiben, mit sich bringt. Vier Standesämter mussten bemüht und bezahlt werden, bis endlich die Standesbeamtin in Altona die entscheidende Frage stellen, unsere bejahenden Antworten (Glück gehabt, ER hat auch ja gesagt
) entgegennehmen, Vordrucke ausfüllen, bestempeln und unterschreiben (lassen) konnte.
Altona? Ja genau, Altona!
Altona, heute ein Teil des Stadtstaates Hansestadt Hamburg, gehörte früher einmal, vor meiner Zeit, zu Dänemark. Dänemark ist, jedenfalls heute, ein Staat, der es schwulen Menschen nicht unnötig schwer macht und, was die rechtliche Gleichbehandlung angeht, Deutschland weit voraus ist. Die Dänen hatten meistens auch mit ihren Herrschern mehr Glück als die Deutschen. Es mag eher machtpolitisches Kalkül als Altruismus gewesen sein, aber es gab Zeiten, da lebte es sich im dänischen Altona besser als im unmittelbar benachbarten deutschen Hamburg. Die große Freiheit, so wurde das an Hamburg angrenzende dänische Gebiet von den Hamburgern genannt und eine sehr bekannte Straße in Hamburg, aufgrund kommunalpolitischer Wirrnisse nicht mehr zum Stadtteil Altona gehörend, erinnert noch heute an bessere Zeiten.
Das Trauzimmer des Standesamts Altona befindet sich im historischen Rathaus, welches wiederum am Platz der Republik belegen ist. Republik! In diesem Wort steckt sehr viel (nicht das, was die us-amerikanischen oder, schlimmer noch, die deutschen Parteirepublikaner daraus gemacht haben). Res publica, öffentliche Angelegenheit. Das Gemeinwesen, das Gemeinwohl ist entscheidend. Es geht nicht um das Wohl einzelner Herrscher, nicht um das Wohl ohnehin inexistenter Götter und schon gar nicht um das Wohl ihrer angeblichen Abgesandten.
Das Gemeinwohl voranzustellen bedeutet auch, dass der Einzelne das tun darf, was dem Gemeinwesen nicht schadet und dass das Gemeinwesen nicht in die Angelegenheiten des Einzelnen hinregieren darf, solange er sich nicht gemeinwohlwidrig verhält. Republik bedeutet deshalb nicht die Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit – das sind vielmehr Ideen, die durch andere wohlklingende Begriffe mit der Republik verbunden wurden und eher Machtkalkül als Gerechtigkeit fördern. In einer Idealrepublik ist vielmehr die Antwort auf die Frage, was dem Gemeinwohl dient, genau so pluralistisch wie das Gemeinwesen selbst – und niemand muss sich vor der Herrschaft der anderen fürchten.
Altona ist seit mehr als siebzig Jahren ein Stadtteil von Hamburg. Als das Lebenspartnerschaftsgesetz noch nicht in Sicht war, gab es in Hamburg bereits die ‘Hamburger Ehe’ für schwule Menschen. Sie hatte im Großen und Ganzen nur eine symbolische Bedeutung. Aber gerade dieser symbolische Wert ist nicht zu unterschätzen. Nicht zu unterschätzen für die Gesellschaft schlechthin und schon gar nicht für die Eheschließenden.
Was habe ich denn nun mit meinem Freund ‘geschlossen’? Aus Sicht der Behörden und Gerichte haben wir eine Eingetragene Lebenspartnerschaft begründet. Römische Katholiken, Islamisten, CDU/CSUler und andere ewig gestrige Menschen wollen nicht einmal dieses als ‘gültige’ Form der Zusammengehörigkeit schwuler Männer anerkennen. Aber weder Behörden noch hasserfüllte Mitmenschen sind wichtig. Wichtig ist mein Mann und wichtig sind unserer Freunde, die vielleicht am ehesten erkennen oder erahnen können, was da passiert ist in Altona, im Standesamt am Platz der Republik, auf altem dänischen Grund und Boden. Den Bund des Lebens haben wir nicht geschlossen in diesem fünfzehnminütigen Beisammensein unter staatlicher Aufsicht. Nein, das mein Mann der Mann für meinunser Leben ist, dass weiß ich schon seit vielen Jahren. War es eine Eheschließung? Ich weiß es nicht, kann ich doch mit dem Begriff Ehe nicht ganz so viel anfangen, abgesehen davon, dass man ihn lustigerweise vorwärts wie rückwärts in gleicher Weise aussprechen kann. Eines weiß ich mittlerweile aber ganz genau: Aus meinem Freund ist mein Mann geworden. Wie könnte ich von anderen erwarten, dass sie sich daran gewöhnen, wenn mir selbst diese Bezeichnung ungewohnt wäre?
Überzeugt bin ich, dass wir uns in diesen paar Minuten ein Geschenk gemacht haben: die große Freiheit.
Ich habe nie verstanden, warum einer traditionellen Ehe ein Junggesellenabschied und ähnliche Feiern vorangehen. Mit welchen Erwartungen gehen diese Menschen in eine Ehe? Offensichtlich mit der, zukünftig unfrei (sprich: nicht mehr ficken, saufen und Geld ausgeben zu können wie bisher) zu sein. Ich habe aber die Beziehung zu meinem Mann einerlei in welchem rechtlichen Rahmen sie steht, niemals als Verlust meiner Freiheit betrachtet. Im Gegenteil: Ich habe nichts verloren, aber sehr viel hinzugewonnen. Zuversicht, Vertrauen, Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein, Stärke, Rückhalt, Nähe, Liebe, Vergebung, … Da sind keine Fesseln, keine Verbote, kein Gehorsam. Wir haben unsere Leben verbunden, aber nicht aneinander gebunden. Die nunmehr formelle Eingetragene Lebenspartnerschaft bringt im Verhältnis zwischen uns keine Verpflichtung mit sich, die ich nicht bisher schon als meine Pflicht angesehen habe, und gibt meinem Mann kein Recht, das er nicht schon vorher hatte. Freiheit ist es deshalb, weil wir mit dem Jawort das bekräftigt haben, was wir schon seit nunmehr fast dreizehn Jahren voneinander wissen, weil wir uns in besonderer Form haben wissen lassen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, Freiheit ist es, weil wir den ‘anderen’ die Deutungshoheit über die Art unserer Beziehung genommen haben. Weil wir, indem wir die Bürokratie haben mitwirken lassen, dem Staat deutlich machen, dass es uns gibt, dass wir Teil der Gesellschaft sind, dass wir nicht gegen den Staat und die Gesellschaft sind, aber nicht beherrscht werden wollen, sondern Anspruch auf pluralistische Mitsprache erheben. Nicht selten ist zu hören, das schwule Menschen tun und lassen können, was sie wollen, aber bitte hinter verschlossenen Türen. Zwar zerreißen sich viele Menschen über schwule Menschen gerne das Maul, bekunden im selben Atemzug aber ihre scheinbar grenzenlose Toleranz, indem sie wissend, ahnend, hoffend, andeutend verkünden: “Was die in ihrem Schlafzimmer machen, ist mir egal!” Es solle aber bitte auf das Schlafzimmer beschränkt bleiben. Damit werden, manchmal mit Absicht, manchmal aus Gedankenlosigkeit, schwule Menschen auf ihre Sexualität beschränkt. Wenn zwei Männer ‘etwas miteinander haben’, dann, so eine verbreitete Denkweise, doch nur, um miteinander zu ficken. Ich weiß nicht, ob hinter dieser Denkweise (verordnete) Vorurteile und Ahnungslosigkeit stecken, oder ob das eigene lieblose Leben einfach nur auf andere übertragen wird. Ich bin mit meinem Mann nicht zusammen, um der Bequemlichkeit willen ständig einen Sexualpartner zur Verfügung zu haben. Ich bin mit meinem Mann zusammen, weil ich ihn gerne habe, weil ich ihn mag, weil ich seine Nähe genieße und weil ich ihn unendlich liebe. Diese Liebe beschränken wir nicht auf unser Schlafzimmer und leben sie nicht nur hinter verschlossenen Türen. Wir machen sie vielmehr zur res publica, zur öffentlichen Angelegenheit! Und das Gemeinwesen wird sehen, dass unsere Liebe dem gemeinen Wohl dient. Und diejenigen, die mit Scheuklappen umherlaufen und glauben beweisen zu müssen, dass nur die Liebe der Mehrheit die richtige Liebe ist, werden eines Tages erkennen, dass sie zuviel beweisen wollen, dass sie am Ende Garnichts beweisen können.
Das Rathausgebäude, ehedem der alte Altonaer Bahnhof, ist zur Zeit wegen Sanierungsarbeiten verhüllt. Was verhüllt ist, muss ausgepackt werden – wie ein Geschenk. Ich schrieb, dass wir uns ein Geschenk gemacht haben. Auch dieses Geschenk muss ausgepackt werden. Es scheint alles klar zu sein nach mehr als zwölf Jahren des Zusammenseins. Aber ist es das wirklich? Das alte Rathausgebäude wird wie neu aussehen wenn die Hüllen fallen. Unsere Beziehung hat mit dieser Eingetragenen Lebenspartnerschaft, mit dieser Ehe, auch eine Hülle bekommen. Diese Hülle gilt es nun sorgsam beiseitezuschieben, ohne sie zu zerstören, und behutsam wieder zum Kern unserer Beziehung, unseren Lebens vorzudringen. Neues zu erleben und Altes neu zu entdecken. Kein neuer Anfang, das nicht! Aber eine neue Etappe auf unserer gemeinsamen Reise… Und die Schmetterlinge sind wieder mit dabei – wie damals!
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