22 Jul 09

Eine Randerscheinung des Frankfurter CSD

Der Frankfurter Engel, das Mahnmal für die während des Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, überwölbt von einem “Red Bull”-Partyzelt. Zwei Strandkörbe am Rand und rundherum Lounge-Möbel mit dem Werbeaufdruck “John Player Special”. Und am Bronze-Engel wurde – wohl als Geste der Rest-Scham – ein großer Strauß Rosen angebracht. So umgestaltet präsentierte sich der Klaus-Mann-Platz am Wochenende des Christopher Street Day (CSD). Die Schwulenkneipe Lucky-s hatte ihren gastronomischen Außenbereich auf das Mahnmal ausgedehnt – und mit dem blau-gelb-roten Werbe-Zelt überdacht.

sorgt für Empörung:

Dieter Schiefelbein, einer der Initiatoren des Mahnmals, äußerte sich entrüstet. “Es ist dreist und schamlos, diesen Platz für ein Reklame-Event zu nutzen.” [...] “In den vergangenen 15 Jahren hat es glücklicherweise keinen Anschlag gegeben und keine Schmierereien”, sagte Schiefelbein. “Das hier empfinde ich als kommerziellen Anschlag.” (Quelle: FR vom 19.07.2009)

Eine “Geschmacklosigkeit”, findet Christian Setzepfand, Mitglied im Vorstand der Frankfurter Aids-Hilfe und versierter Stadtführer. Der Engel erinnert an die Verfolgung der Homosexuellen während der NS-Zeit. [...] Das Zelt habe einen “furchtbaren Umgang mit dem Ort” signalisiert, der typisch sei für “diese Geschichtslosigkeit bei vielen Menschen”. Vor allem die jüngeren wüssten oft nicht, dass Homosexuelle von den Nazis verfolgt, misshandelt und ermordet worden sind. (Quelle: FR vom 20.07.2009)

Im Anschluss an die Berichterstattung der Frankfurter Rundschau haben sich ondamaris

Kann mann achtloser, respektloser mit dem Gedenken an diejenigen Homosexuellen umgehen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden?

Und mit unserer eigenen Geschichte?

Dieser Wirt hat ein beschämendes Kapitel in der Geschichte der CSDs geschrieben – und auf bestürzende Weise deutlich gemacht, wie weit CSDs inzwischen vom Inhalt zum reinen Kommerz-Anlass verkommen sind.

Das Motto des Frankfurter CSDs lautete bezeichnenderweise “Schon angekommen?“ …

und samstagisteingutertag (neuerdings wieder mit Headerbild)

Der FR-Bericht zitiert einen der damaligen Initatoren des Denkmals, Dieter Schiefelbein: “Es ist dreist und schamlos, diesen Platz für ein Reklame-Event zu nutzen.” Es sei ein “kommerzieller Anschlag” auf das Denkmal.

Recht hat er. Der Betreiber vom Lucky-s bedauert übrigens seine Gedankenlosigkeit: “Hätten wir gewusst, dass jemand am Zelt Anstoß nehmen würde, hätten wir das nicht gemacht.”

Schöner wär es natürlich gewesen, vorher selbst ein wenig sein Handeln zu überdenken. Scheinbar war aber keinerlei Sensibilität gegenüber dem Denkmal und seiner Bedeutung vorhanden.

geäußert.

Ich trete dieser Kritik nicht bei.

Man mag trefflich über die Kommerzialisierung der CSDs im halbwegs zivilisierten Europa streiten. Einem Gastwirt jedoch verweigern zu wollen, auf dem Platz vor seiner Betriebsstätte aus Anlass einer Großveranstaltung, wie in solchen Fällen üblich, Tische, Stühle und Zelte aufstellen zu dürfen und in diesem Zusammenhang von einem “Anschlag” zu sprechen, überspannt den Bogen zulässiger Kritik bei weitem. Wenn ich der Berichterstattung in der Frankfurter Rundschau glauben schenken darf, hat der Betreiber des in den jetzt zum Skandal aufgebauschten Vorfall involvierten Lokals seinerzeit einen namhaften finanziellen Beitrag zur Gestaltung des Platzes, auf dem sich das sogenannte Mahnmal befindet, geleistet und sich um die Pflege des Platzes bemüht. Warum er nun ausgerechnet zum CSD den Platz wie ein Heiligtum behandeln soll, erschließt sich mir nicht. Offenbar gibt es neuerdings, ähnlich der Kölner CSD-Charta, übergesetzliche Platznutzungvorschriften und  Zeltaufstellungsverbote, die es ortsansässigen Szenewirten verbieten, von schwullesbischen Großveranstaltungen zu profitieren.

Der Vorwurf der Geschichtslosigkeit, des gedankenlosen Umgangs mit der Geschichte schwuler Menschen durch schwulen Menschen wird laut. “Dafür haben wir nicht gekämpft”, lässt sich ein von der Frankfurter Rundschau befragter CSD-Teilnehmer angesichtes des bezelteten Platzes mit dem sogenannten Mahnmal vernehmen. Wofür haben ’wir’ denn gekämpft? Wer sind den überhaupt die Kämpfer? Haben diese etwa gegen Zelte gekämpft? In diesem Jahr wird bei jedem CSD mehr oder weniger gelungen die Erinnerung an ’stonewall’ wachgerüttelt. Stonewall! Das waren Menschen, die dafür eingetreten sind, zusammen feiern zu dürfen, zusammen trinken zu dürfen – unverstellt, echt, unkontrolliert. Stonewall hat dazu geführt, dass schwule Menschen sich weltweit immer weniger vorschreiben lassen, was ‘eines Menschen würdiges Verhalten’ bedeutet und dass sie sich mit ihrem, in den Augen der anderen unwürdigen, ja abartigen Verhalten nicht mehr wegschließen lassen. Und jetzt geht das alles wieder los? Jetzt wird wieder definiert, was würdig und unwürdig ist?

Wenn im Zusammenhang mit dem Frankfurter Engel Fehler gemacht wurden, dann vor 15 Jahren, als der ehemalige Parkplatz zu einem Gedenkort umgestaltet und der Engel aufgestellt wurde. Gedankenlosigkeit werfe ich nicht den Heutigen vor, sondern denjenigen, die damals dieses sogenannte Mahnmal durchgesetzt haben. Gedankenlosigkeit! Gedankenloses Gedenken!

Ich halte sehr viel davon, das Schicksal schwuler Männer in der Nazi-Zeit (und danach) im Öffentlichen Raum sichtbar zu machen, durch Gedenkorte und Mahnmale darauf aufmerksam zu machen. Pauschales Gedenken an alle Opfergruppen und touristengerechte Megagedenkstätten reichen mir nicht. Auch den Hinweis, es könne dann ja jede Opfergruppe ihre eigenen Denkmäler fordern, lasse ich nicht gelten, denn das Leid der schwulen Männer unterscheidet sich von dem anderer von den Nazis Verfolgten. Das Leid der schwulen Männer endete nicht mit der ’Befreiung’ Deutschlands. Die Verfolgung wurde durch die bundesrepublikanischen Behörden mit unverminderter Intensität fortgesetzt, gerade Frankfurt am Main hat in diesem Zusammenhang traurige Nachkriegsgeschichte geschrieben, und ist, wenn sich auch die Methoden verändert haben, heute noch nicht beendet. Die Aussage der ‘allgemeinen Gedenkorte’ des Naziunrechts ist, “das war einmal, heute gibt’s das nicht mehr”,  ganz so als wäre die Welt heute in Ordnung. Für schwule Männer ist sie aber auch hier und heute nicht in Ordnung. Das darf nicht im allgemeinen Gedenkgetue untergehen!

Aber: Die wenigsten Mahnmale werden der Geschichte, werden der Menschen, an die sie erinnern sollen, gerecht. In Köln liegt in einer finsteren Ecke am Rhein ein schäbiger Granitblock herum, der aussieht, als hätten ihn  Möbelpacker einstweilen dort zwischengelagert. Und in Frankfurt ein Engel! Was hat man sich dabei nur gedacht?

Es gibt eine hervorragende Internetseite, www.frankfurter-engel.de, die sich mit den Hintergründen dieses sogenannten Mahnmals, namentlich mit der Verfolgung schwuler Männer in Frankfurt, beschäftigt. Ausführlich wird die seinerzeitige Diskussion um die Wahl des Aufstellungsortes und die Spendensammelaktion beschrieben. Was aber die Künstlerin, Rosemarie Trockel, sich bei ihren Kunstwerk gedacht hat, enthüllt die Webseite, ebenso wie andere Internetseiten zu diesem sogenannten Mahnmal, nicht. Lapidar wird lediglich mitgeteilt:

Vorlage der Skulptur ist ein Engel, der ursprünglich den Kölner Dom »schmückte«. Dem Wachsabguss der lädierten Figur aus dem 19. Jahrhundert wird der Kopf abgeschlagen, verschoben wieder aufgesetzt und dann in Bronze gegossen. Die Engelskulptur bildet das Zentrum eines Platzes in Kreuz-Kreis-Form mit vier Sitzbänken als inneren und Buchsbaumhecken als äußeren Kreis. Die Form steht »quer« zur Form des Gesamtplatzes, der ein schräg verzerrtes, auf ein Dreieck zulaufendes Rechteck darstellt.

Der »klassische Kreis« verhält sich zu diesem unregelmäßigen Rechteck…, wie der verschobene Kopf und die gestutzten Flügel des Engels sich zur Neogotik des 19. Jahrhunderts verhalten, deren Produkt er ist. In beiden Fällen handelt es sich – in Analogie zum Thema – um kleine, gezielte Deplatzierungen.

Dazu gibt es eine Inschrift auf dem Sockel der Skulptur:

Homosexuelle Männer und Frauen wurden im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet. Die Verbrechen wurden geleugnet, die Getöteten verschwiegen, die Überlebenden verachtet und verurteilt. Daran erinnern wir in dem Bewusstsein, dass Männer, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben, immer wieder verfolgt werden können. Frankfurt am Main. Dezember 1994

Ein Engel steht in der christlichen Kirche für einen Helfer Gottes. Mir ist durchaus bewußt, dass auch andere Religionen und Mythologien ebenso wie die Krimskrams-Industrie mit Engelsfiguren und -abbildungen herumhantieren. In Deutschland ist jedoch der Anspruch der römisch-katholischen Kirche auf die Engel und deren Sinnbild als Botschafter ‘Gottes’ vorherrschend und wird zwei- bis dreimal täglich durch das Angelus-Läuten untermauert.

Die Bezugnahme des sogenannten Mahnmals zur römisch-katholischen Kirche wird durch die Nachahmung einer früher am von der römisch-katholischen Kirche okkupierten Kölner Dom befestigten Engelsskulputur zementiert. Schon zur Zeit der Verfertigung des Frankfurter Engels war in Köln der Erzschwulenhasser Joachim Meisner Führer der  dortigen römischen Katholiken. Die unmittelbare Nähe des Aufstellungsortes zu einer Kirche und die weitere Platzgestaltung (Kreuz-Kreis-Form) betonen den religiösen Charakter des Mahnmals.

Warum die Künstlerin über die Kopierung eines alten Skulptur nicht hinausgekommen ist, darüber kann ich nur spekulieren. Es mag Fantasielosigkeit, schlechte Bezahlung oder ein unzureichendes Verständis vom Leben schwuler Männer in der Nazi- und Adenauerzeit sein. Ich werfe es ihr nicht vor, sie hat einen Auftrag bekommen und ihn ausgeführt. Vorwürfe mache ich vielmehr denjenigen, die den Auftrag erteilt haben, die es zulassen, dass der Eindruck entsteht, als könne durch Glauben, Religiosität, durch irgendeinen Gott, durch Übermächtiges das Leid schwuler Männer ungeschehen gemacht werden, die durch einen Konsenstext beschwichtigen, die eine Skulptur aufstellen, die aus der Ferne kitschig, aus der Nähe schlecht restauriert aussieht. Die der Kirche, die damals wie heute führend bei der Verfolgung schwuler Menschen mitwirkt, eine Heilsbringerrolle zubilligen. Haben wir dafür gekämpft?

Gewiss, man muss dieser Interpretation des Gedenkortes nicht zustimmen und wird entgegenhalten können, dass alles gut durchdacht und mit einer tieferen Aussage versehen sei, die sich Nörglern wie mir nicht erschließt, und wird, sofern man den religiösen Bezug nicht vollständig leugnet, darauf verweisen können, dass die römisch-katholische Kirche schwule Menschen im Jahr 1994 noch nicht als Naturkatastrophe bezeichnet hat.

Dem halte ich entgegen: Ein Gedenkort, der nicht als solcher wahrgenommen wird, dessen Erinnerungswert nicht offenkundig ist, ist nichts wert. Ein öffentlicher, parkähnlicher Gedenkort ist kein Museum, in dem sich interessierte Menschen unter sachkundiger Anleitung Geschichte erarbeiten. Ein Gedenkort der nicht zum Gedenken einlädt oder anregt, der das Unfassbare nicht fassbar macht, der klagt nicht die Gedankenlosigkeit seiner sich scheinbar frevelhaft benehmenden Besucher an, sondern die Gedankenlosigkeit seiner Schöpfer.

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