‘Unsere Freiheit hat Geschichte’, so lautet das Motto des diesjährigen ColognePride. Aufgrund von Fremdeinflüssen habe ich der CSD-Parade am vergangenen Sonntag beigeschlafenwohnt. Nee, war die Parade öde. Wer behauptet da eigentlich, dass schwule Menschen besonders kreativ seien und einen guten Musikgeschmack haben?
Aber was will Mann bei so einem rückwärtsgewandten Motto schon erwarten? Es passt einfach nicht zusammen: Mit stolz geschwellter/m Brust/Busen nennen sich die tollen Tage in Köln ‘ColognePride’. Pride! Und dann wird die Parade von einem CDU-Politiker (dem aus Berlin angeköderten Kölner CDU/LSU-Oberbürgermeisterkandidaten) angeführt, dessen, für jedermann nachlesbar, erklärtes Politikziel es ist, dafür zu sorgen, dass schwule Menschen keinen weiteren Schritt in Richtung Gleichberechtigung tun dürfen! Was ist das für ein Stolz, so einem Typen hinterherzurennen? Wie können schwule Menschen erwarten, respektiert und mit ihren Gleichberechtigungsanliegen ernst genommen zu werden, wenn sie in der Schleimspur einer Partei waten, die ihre Würde und ihre Menschenrechte mit Füßen tritt? Wie können sie sich von einem Parteisoldaten der CDU an die Leine nehmen lassen? Es wäre die Gelegenheit gewesen, dieser infamen Partei deutlich zu manchen, das schwule Menschen nicht bereit sind, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Aber offenbar sind nur allzuviele schwule Menschen der Auffassung, dass Adenauers und Kohls Zeiten gute Zeiten waren. Schwuler Stolz, der sich darauf reduziert, einmal im Jahr mit nacktem Oberkörper in abgezäunten Bereichen durch die Kölner Fußgängerzone laufen zu dürfen, ist kein Stolz, sondern billiger Klamauk von KLuSTs und CDUs Gnaden.
Erfreuliches gibt es aber auch zu vermelden: Liebe, aufmerksame Menschen haben dafür gesorgt, dass ich ein vorzügliches irisches Bier zu trinken bekam und mein Mann hat sich mit hochglänzendem Latex geschmückt. Das sah schon besonders lecker aus. Und auspacken durfte ich ihn abends natürlich auch…
Mangelnde Kreativität ist allerdings auch eine Auszeichnung der ‘Gegenseite’: Der (ver-)öffentlich(t)e Aufruhr hielt sich im Vergleich zum Vorjahr in Grenzen. Das mag auch daran liegen, dass die Ortsmedien durch andere schlagzeilenträchtige Ereignisse abgelenkt waren und deshalb ihre Titelseiten nicht mit nackten Männerärschen, die ja angeblich niemand sehen will, geschmückt haben. Ansonsten ist in den Foren und Blogs das übliche zu lesen: Hochanständige, sittsame, kinderreiche Menschen wurden am Sonntagmittag aus ihren Häusern gezerrt, auf dem Neumarkt zusammengetrieben und mussten dort gegen ihren Willen und ihren größten Widerstand nackte Männeroberkörper sehen. Und selbstverständlich ist jeder dieser Menschen mit einem schwulen Menschen befreundet, der den CSD, namentlich den rheinischer Prägung, ganz schlimm findet und sich nie bei ‘diesen Schwulen’ sehen lassen würde. Überhaupt habe man ja gar nichts gegen Schwule, solange sie sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Es könne ja nicht sein, das Schwule auf Kosten des Steuerzahlers nackt auf den Kölner Straßen und Plätzen herumhüpfen dürfen. Dass der finanzielle Beitrag des Steuerzahlers zum CSD äußerst gering ist und die durch das Event zusätzlich vereinnahmten Ertrags- und Verkehrssteuern (Kammern, Medien und Stadtverwaltung schätzen, dass der CSD allein der Gastronomie- und Beherbergungsbranche Mehrerlöse von EUR 50 bis 60 Mio bescherte) die Belastung der öffentlichen Hand um ein Vielfaches übersteigen. Das schwule Menschen auch unmittelbar Steuern zahlen, und zwar in der Regel mehr als nicht schwule Menschen in vergleichbaren Lebenssituationen, sei nur am Rande erwähnt.
Vermutlich wird irgendwo auch wider über den fatamorganaähnlichen Deutzerbrückenkopulierungsfall zu lesen sein.
Die alljährliche kreativ- wie hirnlose römisch-katholische Empörung ist schon an anderer Stelle reichlich behandelt worden. Zu ergänzen wäre noch, für das fromme Publikum, dass die diesjährigen Fronleichnamsprozessionen in Köln buchstäblich ins Wasser gefallen sind und wegen des schlechten Wetters in geschlossene AnstaltenRäume verlegt werden mussten. An vergangenen Sonntag hingegen war das Wetter perfekt.
Erfreulicherweise gibt es viele nicht schwule Menschen, die ohne weiteres bei so einem CSD und den dazugehörigen Veranstaltungen dabei sind und verstehen, dass so ein Fest, die Megaparty, aber auch die ernsten Momente, nicht zuletzt ein Zeichen des Dankeschöns sind für die vorurteilsfreie Unterstützung von nicht schwulen Menschen.
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