29 Jun 09

Schwule Männer sind in der Regel stolz auf ihr freizügiges Sexualleben. Wann wird Sex eigentlich krankhaft?

fragt queer.de und, um es vorwegzunehmen, findet die Anwort trotz Bemühens des weltbekannten Psychologen Boris Maschke nicht.

Bei der Sexsucht, so wird behauptet,

handelt es sich tatsächlich eine psychische Störung wie Alkoholsucht oder Magersucht.

Mag alles sein, aber weder Queer.de noch der Psychologe rücken damit raus, wann eine Sexsucht vorliegt. Einmal ein Tag ficken zu wollen, ist vielleicht schon zu viel, und wer das Bedürfnis hat, zweimal am Tag zu wichsen, ist vermutlich schon ein besonders schwerer Fall.  Und wer mit mehr als einem Mann Sex haben möchte, ist vermutlich unrettbar verloren. Allerdings dürfen diese Fragen unbeantwortet bleiben, denn Queer.de hat, vermutlich ohne es zu merken, mit Maschke sich eine Vertreter der Homophoben-Fraktion der Psychologengilde gesucht1.

Das Problem ist aus Sicht dieses Psychologen nämlich nicht die Sexsucht, es sind die schwulen Männer. Ganz im Sinne anderer hinter dem Türschild ‘Psychologe’ hausender Schwulerheiler definiert er schwule Menschen erst einmal als anormal, als krank, als therapiebedürftig:

Davon sind Schwule besonders häufig betroffen.

Wo bitte kommt diese Erkenntnis her? Warum sollten schwule Menschen mehr oder weniger ‘betroffenen’, wovon betroffenen, wird in dem ganzen Artikel nicht deutlich, sein, als nicht schwule Menschen. Es kommt mir so vor, als wenn Christl Vonholdt ihre Schwulenheilungsthesen mit den Worten, “zu mir kommen viele schwule Menschen, die ihre Homosexualität loswerden wollen” untermauern will.

Der Sex ist dann eine Ersatzbefriedigung für andere Bedürfnisse, die nicht ausgelebt werden können.

Welche anderen Bedürfnisse haben schwule Menschen denn, die sie nicht ausleben können? Spontan fällt mir nur das Bedürfnis ein, nicht ständig von anderen für krank gehalten zu werden. Sex als Ersatzbefriedigung ist wohl eher der Fantasie des Psychologen entsprungen in dem Bemühen, Sex als etwas Krankhaftes, besonders häufig bei Schwulen vorkommend, hinzustellen, als Lebenswirklichkeit.

Eine hohe Sexfrequenz, beziehungsweise das Bedürfnis nach häufigem Sex, ist übrigens ein Vorwurf an die Adresse schwuler Menschen, hinter dem als Absender in der Regel vertrocknete Fundamentalkatholiken oder Evangelikale stecken.

Bedauerlich ist es, wenn Menschen mit einem unerfüllten Sexleben ihre Verhältnisse als Normal darzustellen versuchen und alle, die diesem normativen Anspruch nicht genügen, krank sein sollen. Lesen wir die neidvolle Schilderung des Standardsexkonsumenten:

Typisch für Sexsucht ist, dass man immer mehr vom “Stoff” braucht und immer extremere Kicks. Andere Lebensinhalte werden dabei an die Seite gedrängt und man konzentriert sich mehr und mehr auf Sex, der Blick verengt sich. Obwohl man immer mehr riskiert, immer verrücktere Dinge unternimmt oder immer mehr, bekommt man weniger Befriedigung raus. Das ist wie bei Alkoholmissbrauch – man trinkt zunehmend viel, hat dann jedoch nicht mehr Genuss, sondern braucht den Stoff einfach. Im Extremfall kann man sich dabei verschulden, man gefährdet sich zunehmend durch unsafe Sexpraktiken oder vereinsamt.

Die wenigsten schwulen Männer, die ich kenne, geben sich mit Sexualpraktiken zufrieden, die innerhalb psychologischer Normdoktrinen liegen. Sie sind vielmehr sehr experimentierfreudig und haben hohe qualitative und quantitative Ansprüche. Würde ich dem Queer-Artikel Glauben schenken, müsste ich zu der Erkenntnis kommen, nur mit kranken Menschen zu tun zu haben. Tatsächlich kann ich das nicht feststellen. Vielmehr sehe ich sehr wache, neugierige Blicke und weite Erwartungshorizonte. Einen verengten Blick bescheinige ich vielmehr denjenigen, die alles außerhalb ihrer Norm einem Krankheitsbild zuordnen wollen.

Warum sind Schwule eher von Sexsucht betroffen als Heteros?

Gute Frage!

Erstmal ist die Verfügbarkeit der “Droge” höher.

Ob der Queer.de klar ist, dass sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer Leser als Droge bezeichnet beziehungsweise unwidersprochen bezeichnen lässt?

Man hat also mehr Angebote, seiner Sucht nachzugehen.

Bei Licht betrachtet ist hier von einem abwechslungsreichen und sexuell erfüllten Leben die Rede.

Heteros beklagen ja oft, dass sie gar nicht dieselben Möglichkeiten haben wie Schwule, jemanden mal schnell kennen zu lernen, sogenannte Five-minute-friends.

Die Heteros sind also süchtig. Sehnsüchtig nach schnellem Sex.

Das mag auch in der Natur des Mannes liegen, dass es mehr Angebot und Nachfrage gibt. Man traut sich als Mann eher mal als eine Frau, nachts in den Park zu gehen und sich ansprechen zu lassen.

Als ob der Park bei Nacht heute noch der wichtigste Schauplatz für das Suchen und Finden von Five-minute-friends ist. Im Übrigen war ich zu meinen Nachtsimparkzeiten nicht mit fünf Minuten zufrieden. Aber wahrscheinlich ist das auch eine Sucht. Die Sucht nach mehr als fünf Minuten andauernden Ficks – wie schlimm!

Nebenbei: Einem erwachsenen heterosexuellen Mann steht etwas die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung als Sexpartnerinnen zur Verfügung. Wenn die Erfüllung sexueller Wünschen diesem Teil der Bevölkerung so schwer fällt, ist das auf organisatorische Defizite zurückzuführen. Die bessere Organisiertheit schwuler Menschen nunmehr in den Bereich der Sucht zu verweisen, heißt, die Dinge auf den Kopf zu stellen.

Ist die Sexsucht so verbreitet wie Alkoholsucht?

Nein, das kommt, denke ich, nicht so häufig vor. Es gibt aber keine genauen Zahlen darüber.

Keine genauen Zahl? Obwohl es doch bei schwulen Männern sooooo häufig vorkommt! Wie kann das nur sein? Scharlatanerie statt Wissenschaftlichkeit?

Das Krankheitsbild “Sexsucht” ist ja erst seit ein paar Jahren wirklich anerkannt worden – und wird nun auch mehr behandelt.

Gut, das daran erinnert wird! Es geht ums behandeln, und dazu müssen Menschen erstmal ‘krank gemacht’ werden. Seitdem schwule Menschen verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit treten, wird auch der Ruf nach Schwulenheilung stärker.

Wie wird Sexsucht behandelt?

Ich bin gespannt!

So ähnlich wie andere Süchte auch. Man schaut nach den Ursachen, wie ist sie entstanden? Was sind Defizite, die man damit auszugleichen versucht, welche anderen Bedürfnisse kommen zu kurz. Man kann ein Verhaltenstraining machen, um seinen Trieb unter Kontrolle zu bekommen. Es kann bis zum Sexverbot gehen.

Also blablabla und ein paar Verbote. Wie hoch sind die Gebühren für eine derartig innovative Therapie?

Man kann sich beispielsweise vornehmen, Zärtlichkeiten auszutauschen, aber keinen Sex zu haben. Man sollte natürlich nicht, wie bei Alkohol, die totale Abstinenz auf Lebenszeit verordnen.

Erstaunlich, dass immer wieder eine Ähnlichkeit zur Alkoholsucht suggeriert wird. Eine Argumentation, die nur durch Verweise auf andere Krankheitsbilder versucht, etwas als krankhaft darzustellen, ist wenig überzeugend.

Das geht ja bei anderen Süchten wie der Esssucht auch nicht – wäre außerdem doch schade. Man muss eben wieder erlernen, wie genussvoller Sex geht und wie man gesund in sein Leben einbindet.

Genußvoller Sex? Ich habe Zweifel, ob Onkel Maschke hier der richtige Experte ist.

_________________________

[1] Die jetzt in der Queer.de wiedergegebenen Äußerungen sind offenbar einem Interview mit Maschke, das in dem Buch ‘Sexparty!’  abgedruckt ist, entnommen. Darin vertritt Maschke die Auffassung: “Das Schwulsein definiert sich jedenfalls erstmal über den Sex.” Von einem Psychologen (!) zu hören, das schwule Männer über ihr Sexualverhalten zu definieren seien und nicht etwa über ihre Gefühle, ihre Zuneigung und ihre Liebe zu Männern, ist für mich nichts anderes als der Ausdruck zutiefst homophober Ansichten.  [back]

Related posts


Filed under: Homophobie, Medien, Miscellaneous

Trackback Uri



Leave a Comment



Subscribe without commenting