Die Deutsche AIDS-Stiftung hat am 24.06.2009 in St. Gallen im Rahmen des 1. Deutsch-Österreichisch-Schweizerischen AIDS-Kongress (SÖDAK 2009) ihren Medienpreis 2007/2008 verliehen. Einer der Preisträger ist Ulli Würdemann, der diesen Preis für seinen Blog ondamaris verliehen bekommen hat. SÖDAK 2009 und ondamaris – wie passt das zusammen?
Fragen und Antworten:
StM: Der Medienpreis der Deutschen AIDS-Stiftung ist ein eher unbekannter Preis, der von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird. Was bedeutet dieser Preis für Dich?
o: In AIDS-Kreisen ist der Medienpreis sehr bekannt, wohl auch in den Medien. Er ist einer der sehr wenigen nicht-wissenschaftlichen Preise im Bereich HIV/AIDS.
Mir scheint besonders wichtig, dass nun mit ondamaris erstmals auch ein Angebot aus dem Web 2.0 als preiswürdig erachtet wird, und zudem ein Angebot von und für Menschen mit HIV.
StM: Verliehen wurde der Preis im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des Deutsch-Österreichisch-Schweizerischen AIDS-Kongresses in St. Gallen. Auf Deinem Blog hast Du mehrere kritische Posts zur Rezeption dieses Kongresses verfasst beziehungsweise externe Stellungnahmen, wie zum Beispiel der Deutschen AIDS-Hilfe und der AIDS-Hilfe NRW wiedergegeben. Wogegen genau richtet sich die Kritik?
o: Der Streit geht um die Frage des ob und wie einer Beteiligung der von HIV betroffenen Communities an der Kongress-Planung und Gestaltung.
Um das zu verstehen, muss ich ein wenig ausholen. In den frühen Jahren von AIDS waren AIDS-Konferenzen Veranstaltungen nur für Mediziner. Es wurde zwar über uns gesprochen, aber nicht mit uns. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie uns noch beim 3. Deutschen Aids-Kongress in Hamburg 1990 vom Kongresspräsidenten mit den Worten „das ist hier für Experten“ der Zutritt verwehrt wurde. Bis wir uns dann als ACT UP mit einem Stapel Krankenbetten und einigen Medienvertretern im Gepäck einfach Zutritt verschafften. „Wir sind nicht das Problem, wir sind Teil der Lösung“, war unsere Maxime.
Ende der 1990er war es dann international etabliert, Community-Vertreter an Kongressen nicht nur teilnehmen zu lassen, sondern sie und ihre Themen auch in die Planung und Durchführung des Kongresses zu integrieren. Die internationale Konferenz, die das als erste konsequent umgesetzt hat, war die Welt-AIDS-Konferenz 1998 in Genf – deswegen wird dieses Modell auch als ‘Genfer Prinzip’ bezeichnet. Der erste Kongress in Deutschland, der diesem Prinzip folgte, war der 7. Deutsche AIDS-Kongress 1999 in Essen (bei dem ich als Community-Vertreter im Kongress-Präsidium war) mit Prof. Brockmeyer als Präsidenten.
Und zehn Jahre später setzt die Kritik genau an diesem Punkt an: Erstmals wurde dieses Genfer Prinzip der Community-Beteiligung beim SÖDAK 2009 massiv verletzt. Im Vergleich zu medizinischen und Grundlagen-Fragen sind ganze Bereiche krass vernachlässigt worden. Bereiche, die für Menschen mit HIV und von HIV bedrohte Communities von besonderer Bedeutung sind, wie zum Beispiel sozialwissenschaftliche Fragen, aber auch Zahnheilkunde oder Psychiatrie. Im ganzen Auswahl-Prozess des Kongresses scheint die Relevanz der Themen für das Leben von Menschen mit HIV nahezu keine Rolle gespielt zu haben. Hinzu kam, dass von Anfang an keine breite Teilnahme von Positiven erwünscht war, sondern eher eine gezielte Einladung ausgewählter Berichterstatter. Aus diesen Gründen hat das Community-Board dieses Kongresses geschlossen seine Mitarbeit zurückgezogen. Und sowohl die Deutsche AIDS-Hilfe als auch die AIDS-Hilfe NRW haben sich dem angeschlossen – ein schönes Zeichen von Solidarität aus den Reihen unserer Verbände.
Für die Zukunft bedeutet dies in meinen Augen zum einen, dass die von HIV betroffenen Communities zukünftig wieder stärker und vor allem aktiver und gleichberechtigter in die Kongressplanung einbezogen werden müssen, und dass andererseits wir als Communities uns auch überlegen müssen, wie sich Realitäten verändert haben, ob und wie das ‘Genfer Prinzip’ an neue Realitäten angepasst werden sollte.
StM: Siehst Du das Auseinanderdriften der „Welt der Betroffenen“ und der wissenschaftlichen Fachwelt eher als Ausrutscher oder zeichnet sich hier eine erneute Konfrontation ab? In den Kommentarspalten Deines Blogs ist in den letzten Monaten in verschiedenen Zusammenhängen diskutiert worden, ob es nicht einer Wiederbelebung des ACT-UP-Gedanken bedarf. Müssen sich von HIV-Betroffene – Du weißt, dass ich in diesem Zusammenhang den Begriff ‘Betroffener’ sehr weit fasse – wieder energischer und wahrnehmbarer in das Geschehen einbringen?
o: Dieses Auseinanderdriften beim SÖDAK 2009 sehe ich zunächst erst einmal als ‘Ausrutscher’, nicht als Rückfall in frühere Zeiten. Aber wir müssen uns als Communities genauso bewusst sein, dass sich die Realitäten verändert haben, und überlegen wie wir reagieren. Lieber wäre mir, wir würden auch hier wieder mehr ins agieren kommen, als nur zu reagieren.
Womit wir beim ACT-UP–Gedanken wären. Tja, mir scheint es ja immer kurios, wenn Leute mich anmailen „mach doch mal ACT UP“. ACT UP ist nichts zum delegieren, nichts zum Bestellen – ACT UP macht man. Wer sich über etwas ärgert, etwas anders haben möchte – engagiert sich, macht, wird aktiv. Und wenn sich einige zusammentun, entsteht vielleicht ein spontanes ACT UP. Aber nicht „auf Bestellung“ ![]()
Dieses Aktivwerden geschieht ja auch wieder mehr. Ich habe das Gefühl, Positive engagieren sich in letzter Zeit wieder mehr für ihre Interessen. Rund um das ‘EKAF-Statement’ (die Debatte um die Frage, ob wirksame Medikamente die Infektiosität reduzieren), oder anlässlich der Verhaftung einer Sängerin jüngst haben sich bemerkenswert viele Menschen engagiert. Und erfreulicherweise auch wieder Menschen aus jüngeren Generationen, das freut mich besonders.
StM: Die Deutsche AIDS-Stifung ist zwar nicht offizieller Mitausrichter des SÖDAK, nutzt aber den Rahmen und Aufmerksamkeitswert dieser Veranstaltung, um ihren Medienpreis zu verleihen. Wie verträgt sich Deine Kritik an der SÖDAK mit Deiner Teilnahme an der Veranstaltung?
o: Ich reise nur zur Preisverleihung an, die im Rahmen der Kongress-Eröffnung stattfindet. Am Kongress selbst nehme ich – wie fast alle Community-Vertreter – nicht teil, schon aus Solidarität mit unseren Mitgliedern im Community-Board und ihrer richtigen Entscheidung, sich zurückzuziehen.
Ich reise nach dem Kongress stattdessen weiter zu einem Positiventreffen, bei dem ich mit anderen Positiven unter anderem über die ‘Positiven Begegnungen‘ diskutieren werde, eine bundesweite Konferenz von HIV-Positiven, die im August 2010 in Bielefeld stattfindet.
StM: Das Preisgeld, für alle Preisträger zusammen EUR 15000, stammt nicht aus der Kasse der Deutschen AIDS-Stiftung, sondern von Boehringer Ingelheim, einem Pharmaunternehmen. Ich erinnere mich, auf Deinem Blog durchaus kritische Anmerkungen zu Boehringer gelesen zu haben, bis hin zum Hinweis auf eine Unterschriftenaktion gegen Boehringer. Auch hier stellt sich die Frage: Wie passt es zusammen, einerseits Kritik an einem Unternehmen zu üben und andererseits einen von diesem Unternehmen gesponsorten Preis entgegen zu nehmen?
o: Ein Preisgeld aus dem Budget der Stiftung fände ich auch schwierig. Die Stiftungsgelder sind für bedürftige Menschen (und dafür engagierte Projekte) gedacht, nicht für Medien.
Dass die Stiftung beim Medienpreis also mit einem Sponsor zusammenarbeitet, erscheint plausibel. Und die Zusammenarbeit mit Boehringer beim Medienpreis ist ja auch schon seit vielen Jahren etabliert.
Pharmakonzerne und Communities haben unterschiedliche Interessen – und es gibt immer wieder auch Konflikte. Wie bei Boehringer z.B. mit der Frage des Zugangs zu einem von ihnen hergestellten Medikament (letztlich die immer wieder gleiche Frage nach Patentrechten und Medikamentenpreisen).
Kritik heißt aber ja nicht zwangsläufig, nun überhaupt nicht zusammen zu arbeiten, sondern kann auch bedeuten, wo es machbar scheint zu versuchen, gezielt Probleme gemeinsam anzugehen. Es gibt dabei wohl kein Pharmaunternehmen, das sich genau so verhält, wie es die Communities gerne hätten. Aber es gibt zwischen den einzelnen Unternehmen große Unterschiede. Unterschiede, die sich in meinen Augen zum Beispiel daran festmachen, inwieweit in einem Unternehmen us-amerikanische Managementkultur und Quartalsdenken das Handeln beherrschen – oder eher europäische Unternehmenskultur.
StM: Das illuster zusammengesetzte Preisverleihungskomitee wird davon gewusst haben, dass auf Deinem Blog die pharmazeutische Industrie, so auch Boehringer, nicht gerade gut weg kommt. Ist die Preisverleihung, die gewiss nicht gegen den Willen Boehringers erfolgt, also auch ein Hinweis darauf, dass man sich dort Kritik nicht verschließt, sie nicht unterdrückt, sondern vielmehr bereit ist sich mit ihr konfrontieren zu lassen?
o: Zum einen sollte man meines Erachtens nicht die Unabhängigkeit der Jury unterschätzen.
Und zum anderen nicht die Fähigkeiten der Marketing-Abteilungen von (nicht nur) Pharmakonzernen.
Was das „nicht gut weg kommen“ der Pharmaindustrie angeht: Man darf nicht aus den Augen verlieren, die Pharmaindustrie ist einerseits ein wichtiger Player auf dem Aids-Gebiet, und einer, dem wir viel zu verdanken haben. Aber andererseits auch einer, der viele Probleme bereitet, und dem immer mit einer kritischen Distanz zu begegnen selbstverständlich sein sollte.
Was Pharma und Kritikfähigkeit angeht: Eine meiner Erfahrungen aus jahrelangem AIDS- und Therapieaktivismus ist: Es gibt Pharmafirmen, die versuchen Kritik zum Beispiel mit Anwälten mundtot zu machen. Das geht oft ‘nach hinten los’. Und es gibt Pharmafirmen, die smarter sind, Kritik zulassen. Vielleicht gelegentlich auch wahrnehmen, wirklich zuhören, reagieren. Was aber noch lange nicht bedeutet, dass die Firma ihre Unternehmenspolitik oder Haltung ändert. Ich denke, da darf man sich als Aktivist keine Illusionen machen. Wir werden die Pharmaindustrie wohl so schnell und leicht nicht verändern. Da erfordert es sehr dicke Bretter zu bohren – oder sich zu fragen, welche ‘Baustellen’ denn eigentlich die wichtigen sind.
StM: Wie geht es weiter mit ondamaris? Ist mit dieser Auszeichnung der Zenit erreicht oder dürfen wir mit neuen Eroberungen rechnen? Der Pulitzer-Preis wäre doch ein adäquates Ziel, oder?
o: Pulitzer? Das wäre ein Ziel, ja ![]()
Ähh – nein, Moment – da müsste ich auf Englisch schreiben, das ist eher dein Metier …
Wie es weitergeht? Nun, ich versuche mich daran zu orientieren, was meine Leserinnen und Leser interessiert, welche Debatten sich in Mails und Kommentaren, in Internetforen und persönlichen Gesprächen als interessant herausstellen.
Was mich für die Zukunft reizen würde, wäre zum einen mehr Zusammenarbeit mit anderen Seiten, eventuell auch grenzüberschreitend. Und zum anderen mehr Möglichkeiten zu Feedback und Diskussion, zu mehr Kommunikation und zu mehr Dialog zu bieten.
StM: Nun, da bleibt mir nur, weiterhin erfolg- und wirkungsreiches Bloggen zu wünschen. Ich danke für die erhellenden Antworten. Knuuuuutsch!
o: Ich danke Dir!
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