4 Jun 09

Thomas Schirrmacher, in evangelikalen Kreisen bestens bekannt und mit Titeln und Funktionen über- und zugeschüttet, ruft die schwulen Menschen um Hilfe.

In einem Kommentar zu dem Buch ‘Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland’ von Oda Lambrecht und Christian Baars läuft der radikal-evangelikale Schirrmacher Amok und verfällt auf folgende These:

Noch ein Wort zur ständig wiederkehrenden Behauptung, die Evangelikalen würden die Minderheit der Homosexuellen verfolgen.

Nun weiß jedes Kind (zumindest jedes nicht evangelikale Kind), dass die Verfolgung homosexueller Menschen durch Evangelikale nicht nur eine Behauptung, sondern eine Tatsache ist. Schirrmacher versucht deshalb, diese Tatsache zu verdrehen und leitet seine Umdeutungsakrobatik wie folgt ein:

Einmal ganz davon abgesehen, dass die Evangelikalen keine Homosexuellen verfolgen und Gewalt und Diskriminierung gegen sie ausdrücklich ablehnen

Der geneigte Leser darf herzlich über Schirrmachers Dreistigkeit lachen – oder weinen.

und lediglich Homosexualität wie viele andere Dinge für moralisch falsch halten:

Leider haben Evangelikale gegen Lügen keine moralischen Einwände.

Das Ganze stellt die Tatsachen auf den Kopf.

Meint Schirrmacher und will davon ablenken, dass er der Meister im Tatsachenverdrehen ist.

Die Evangelikalen stellen nicht nur zahlenmäßig eine Minderheit in Deutschland dar, denen ein Teil der Medien negativ gegenüber eingestellt ist, sondern sie haben auch keinen Zugriff auf politische oder wirtschaftliche Macht.

Falsch. Schaut man sich die Marburger Schwulenheiler- und Evangelikalenunterstützerliste an, sind die Namen durchaus einflußreicher Zeitgenossen zu lesen. Darüberhinaus, offenbar ohne dass es den Evangelikalen unangenehm wäre, gewähren insbesondere Rechtsextremisten den Evangelikalen ihre politische Unterstützung.

Es ist noch gar nicht lange her, das haben die Evangelikalen handstreichartig die Bundeszentrale für politische Bildung im Kampf gegen zwei Schüler auf ihre Seite gezogen.

Das neueste was ich höre ist, dass  die Evangelikalen und ihre Sekten wirtschaftlich machtlos wären.

Die homosexuelle ‚Minderheit’ ist dagegen längst an den Schalthebeln der Macht angekommen.

Schirrmacher, möglicherweise aus Verzweiflung, ich vermute aber vielmehr aus eiskaltem politischem Kalkül, setzt nun zu der gleichen Hetze an, die schwule Menschen vor 75 Jahren in die dunkelsten Jahrzehnte ihrer Geschichte geführt hat. Er versucht sich an einer Verschwörungstheorie, die Angst vor einer Unterwanderung wichtiger Staatsämter durch schwule Menschen schüren soll.

Sie wird auf allen politischen Ebenen aus dem Steueraufkommen unterstützt,

Die Unterstützung aus Steuermitteln ist minimal und insbesondere wenn es um die Aufklärungsarbeit in Schulen und die Abwehr schwulenfeindlicher Gewalt geht, völlig unzureichend.

die Evangelikalen finanzieren sich fast völlig aus eigenen Spenden.

Die recht üppig fließen, wie es scheint.

Bundesländer und im Bundestag vertretene Parteien werden von bekennenden Homosexuellen geführt, so hoch angesiedelt finden sich keine Evangelikalen.

Ist das so? Vielleicht sind Evangelikale nur besser getarnt. Außerdem ist davon auszugehen, dass die Evangelikalen und andere Fundamentalchristen auf Lehrstühlen, in hohen kirchenlichen Ämtern, in den Parlamenten und in den Landes- und Bundesregierungen nicht ohne Einfluß sind und erheblichen Schaden anrichten.

Homosexuellen stehen die Medien weit offen, sie dort zu verunglimpfen, ist verpönt.

Ich kann zwar verstehen, dass Schirrmacher den Genuß des Medienangebots ablehnt. Allerdings führt dieses dazu, dass er nicht weiß, welch breiter Raum Schwulenhassern in den Medien eingeräumt wird. Immerhin könnte ich darüber einen eigenen Blog mit täglichen Beiträgen füllen, ‘muss’ mich aber in diesem Blog auf ein gelegentliches Aufgreifen der medialen Homophobie beschränken. Die im öffentlichen und veröffentlichten Raum allgegenwärtige Schwulenfeindlichkeit passt Schirrmacher natürlich nicht ins Konzept, er will schwule Menschen als machtversessene Wesen darstellen. Deshalb verdreht er fortlaufend die Tatsachen.

Die Homosexuellen sind keine Minderheit mehr, sie sind längst an der Macht beteiligt, gut vernetzt und gut durch starke Organisationen vertreten.

Welche sind hier in Deutschland die starken Organisationen?

Denn eine Minderheit definiert sich nicht einfach zahlenmäßig, sondern ob sie Macht hat oder der Macht anderer ausgeliefert oder auf den Schutz anderer angewiesen ist.

Nun, ein Blick in die aktuelle politische Diskussion, Schirrmacher wird diesen Blick scheuen wie der Teufel das Weihwasser, weil sein zurechtgezimmertes Weltbild zusammenbrechen würde, zeigt, dass schwule Menschen in wesentlichen Rechtsbereichen nach wie vor benachteiligt sind, die Gewalt gegen schwule Menschen stark zunimmt, ohne dass der Staat das erwartbare Maß an effektivem Schutz gewähren würde, und sich offenbar nach wie vor jedermann das Recht nimmt, schwulen Menschen in ihr Leben hineinzureden. Die Macht der schwulen Menschen endet dort, wo die der Evangelikalen und anderer Fundamentalisten beginnt, nämlich bei der Massenbeeinflussung.

Und nun erlaubt Schirrmacher sich eine unerhörte Frechheit:

Um friedlich im Land mit allen zusammenleben zu können, sind die Evangelikalen darauf angewiesen, dass auch die Homosexuellen und ihre öffentlichen Vertreter ihre Rechte als religiöse Minderheit nach der Verfassung schützen und auf Diskriminierung verzichten.

Schwule Menschen sollen also allen ernstes Schwulenheilungsprediger und Evangelikale, die, wie auf dem Christival 2008 in Bremen geschehen, die Polizei auf friedliche schwule Menschen hetzen und aus einer Kirche jagen ließen, schützen? Mit Verlaub, dieser Schirrmacher hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, jedenfalls nicht mehr in der richtigen Reihenfolge.

Evangelikale fühlen sich immer dann diskriminiert und in ihren Rechten beeinträchtigt, wenn sie bei ihren schwulenfeindlichen Hassreden, angeblich von ihrem Gott dazu beauftragt, und bei dem Verbreiten ihrer Schwulenheilungsfantasien gestört werden. Sie fühlen sich immer dann diskriminiert und schutzlos, wenn sie gebeten werden, ihre Heilungsthesen nachvollziehbar und zeitgemäßen wissenschaftlichen Standards entsprechend darzulegen. Es fällt auf, dass Evangelikale offenbar kaum ein anderes Thema belegen können und/oder wollen, als Homosexualität.

Weder Schwulenheilung, noch Hass auf schwule Menschen zu predigen gehören zu den Rechten religiöser Minderheiten. Schwulenfeindlichkeit und lebensgefährlichen Therapiemethoden entgegenzutreten ist keine Diskriminierung. Es gibt im 21. Jahrhundert kein Recht auf Glaubenswahn zum Schaden anderen Menschen!

Schirrmacher fährt in seinem Pamphlet perfide fort,

Wenn verfolgte Minderheiten zur Macht kommen, stehen sie immer in Gefahr, die Toleranz zu verlieren, die sie einst eingefordert haben. Die Lutheraner, kaum vom Joch der Katholiken befreit, verfolgten Andersdenkende evangelische Glaubensbrüder. Von Katholiken und Lutheranern Verfolgte verfolgten wieder die Täufer. Die Armenier, endlich wieder im eigenen Staat Armenien, verfolgen Nichtarmenier. Die Israelis, der Verfolgung entkommen, stellen sich gegen Palästinenser, diese – kaum autonom- verfolgen die christlichen Araber in ihrer Mitte.

und will suggerieren, es ist die gleiche Methode wir vor 75 Jahren, dass schwule Menschen auf nichts anderes aus sind, als andere Menschen zu unterdrücken.

Der Hang, den Staat, der einen einst selbst verfolgte, gegen andere Minderheiten einzusetzen, sobald man selbst Zugriff auf den Staat hat, ist leider groß. Wie tolerant eine Bewegung ist, zeigt sich in der Geschichte immer erst, wenn sie Zugriff auf staatliche Macht hat. Es reicht der homosexuellen Minderheit (oder differenzierter: ihrer öffentlichen Vertreter) nicht, dass sie die politischen Vorzeichen vollständig zu ihren Gunsten umgekehrt haben,

Einfache Beobachtung des politischen und gesellschaftlichen Tagesgeschehens zeigt, dass diese Situation nicht vorliegt. Und die Beobachtung von Schirrmacher’s Argumentation zeigt, dass er sich in Bezug auf schwule Menschen alte Zeiten, Zeiten in denen widerspruchslos gegen schwule Menschen gepredigt werden konnte, in denen mit staatlicher Billigung barbarische Experimente an ihnen durchgeführt werden konnten, in denen sie zum Schweigen gebracht werden konnten, zurückwünscht.

sondern sie will scheinbar erreichen, dass Andersdenkende eben nicht mehr anders denken und ihre Meinung nicht mehr frei äußern dürfen – oder vom Staat abgestraft werden.

Schirrmacher schreibt ’scheinbar’ und ich gehe davon aus, dass er den Unterschied zwischen ’scheinbar’ und ‘anscheinend’ kennt. Schirrmacher weiß ganz genau, dass das, was er schwulen Menschen und/oder ihren öffentlichen Vertretern, wer auch immer das sein mag, etwas Unhaltbares unterstellt. Und dennoch operiert er mit diesen Verleumdungen, dennoch hetzt er Menschen gegen schwule Menschen auf.

An einer anderen Stelle in seinem Kommentar versucht Schirrmacher es ebenfalls mit der Unwahrheit:

Nur eines gelingt den Autoren nicht: Evangelikale in irgendeiner Weise mit Gewalt gegen Homosexuelle in Verbindung zu bringen! Denn zur Moral der Evangelikalen gehört die Gewaltlosigkeit, das Gewaltmonopol gehört ausschließlich dem Staat. [...] Kein einziger Beleg für Gewalt gegen Homosexuelle. Kein Beweis für eine Gesetzesinitiative gegen Homosexuelle.

Nun, möglicherweise wollten die Buchautoren ihre Leserschaft nicht zu offensiv mit dem politischen und tatsächlichen Handeln der Evangelikalen konfrontieren. Ich hole das nach.

Es ist hinlänglich bekannt, dass in nahezu jedem Bundesstaat der USA Evangelikale zu den Mitinitiatoren von Eheverboten für schwule Menschen gehören. Proposition 8 in Kalifornien wurde maßgeblich mit evangelikalem Geld durchgesetzt. Ebenfalls in den USA kommt es regelmäßig zu wirtschaftlicher Gewalt, in Gestalt von Boykottaufrufen, gegen Unternehmen, die ihre schwulen Beschäftigten nicht schlechter behandeln wollen, als ihre evangelikalen Beschäftigten. Und im übrigen:

Die Evangelikale Strategie: Erpresserbriefe, Nazivergleiche und brutale Gewalt

Der Deutsche Generalkonsul und die Evangelikalen Christen

Ein frivoler Evangelikaler

Die Unschuldigen

Immer Ärger mit dem Pastor, oder: Der deutsche schwul-jüdische Antichrist

Rick Warren’s großes Vorbild: Adolf Hitler!

Die Deutsche Evangelische Allianz und ihre Mullahs

Die Schwulenverfolgung in Uganda

Die Situation in Uganda …

Das Recht auf Hass

Die evangelikale Erziehung

 

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