Auf zeitjung.de schreibt ein gewisser cicero über das Thema “Keine Homoehe in Kalifornien“:
Ich kanns schon hören, die Reaktionen auf dieses Urteil, auch in Deutschland. Wie konservativ, engstirnig, prüde und borniert die Amis doch sind. Und wie intolerant. Das “Recht” der Homosexuellen auf Gleichstellung einfach mißachten. Pfui.
Ich kann vielmehr hören, wie die selbstgefälligen Mehrheitsmenschen, in ihrer selbstgerechten Ruhe gestört, nunmehr wieder losplärren, die schwulen Menschen mögen endlich Ruhe geben und möglichst wieder in den Schränken verschwinden. Dieser cicereo höchstselbst ist ein wunderbare Beispiel für diese Art von Selbstgefälligkeit. Er schreibt:
Es kam in mehreren kalifornischen Städten zu Tumulten und in San Francisco mussten 162 Personen festgenommen werden.
Diese 162 Menschen “mussten” nicht festgenommen werden, sie wurden festgenommen.
Kritiker des Urteils verurteilten das “Verbot” der “gleichgeschlechtlichen Ehe”, stellten sich als vom Gesetz diskriminierte Minderheit dar und präsentierten ihre “Sache” als eine fundamentale “Bürgerrechtssache”.
Sie folgen damit dem California Supreme Court, der selbst formuliert hat, dass die Frage gleichgeschlechtlicher Eheschließungen die grundlegenden Bürgerrechte betrifft und die Verweigerung der gleichgeschlechtlicher Ehen eine Diskriminierung darstellt. Deshalb hat das Gericht in seinem Urteil deutlich gemacht, dass es nicht über die Zulässigkeit von gleichgeschlechtlichen Ehen an sich, sondern lediglich darüber entschieden hat, ob die Verfassungsergänzung in verfahrensrechtlich zulässiger Weise vorgenommen wurde.
Cicero empört sich:
Doch was ist das für eine Toleranz, die von Millionen Menschen die Aufgabe ihrer Moralvorstellungen verlangt, damit eine marginale Minderheit ihre individuellen Forderungen durchsetzt?
In was für einer verrückten und entgleisten Welt leben wir, in der Menschen ernsthaft als konservativ gelten, weil sie glauben dass eine Ehe etwas zwischen Mann und Frau ist?
Niemand bestreitet, dass eine Ehe “etwas zwischen Mann und Frau ist”, sie ist aber auch etwas zwischen Mann und Mann und zwischen Frau und Frau (nicht aber, wie manchmal polemisiert wird, etwas zwischen Mensch und Tier). Bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass sich bei all diesen menschlichen Kombinationen niemand ins Gehege kommt.
Als was Menschen zu gelten haben, die schwulen Menschen keine konservative Lebensweise gönnen, weiß ich allerdings nicht. Vielleicht als dumm?
Was Menschen privat tun, geht die Öffentlichkeit nichts an.
Sehr richtig! Deshalb sollten sich heterosexuelle Menschen in der Öffentlichkeit mit ihren heterosexuellen Aktivitäten und Berichten über dieselben ein wenig zurückhalten.
Wer unbedingt will und es nicht lassen kann, kann schwul, lesbisch, bi oder weiß der Geier was sein.
Vielleicht dumm? Nein, dieser Cicero ist ganz bestimmt dumm. Ich bin nich schwul, weil ich schwul sein will, sondern weil ich es bin. Selbst wenn ich wollte, wäre ich nicht anders.
Doch die Ehe ist eine Institution und gehört nicht in die private, sondern in die öffentliche Sphäre.
Wenn das so ist, dann will ich endlich mit meinem Freund vor einem Standesbeamten unsere Ehe schließen können.
Die Definition von Institution lautet: “Ein Regelsystem, das eine bestimmte soziale Ordnung hervorruft”. Die Ehe ist ein zentraler Schlüsselstein einer jeden menschlichen sozialen Ordnung. Die Familie, die Gesellschaft und die gesamte soziale Ordnung basieren fundamental auf der Ehe.
Kann schon sein.
Wenn man jede Form des Zusammenseins gesetzlich und gesellschaftlich gleichsetzt, wenn man der Ehe nicht eine zusätzliche Legitimität zugesteht, die man anderen Partnerschaften nicht zugesteht, dann ist die Ehe wertlos.
Niemand fordert ernsthaft, jede Form des Zusammenseins gleichzusetzen. Lediglich auf Dauer angelegte Beziehungen zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Menschen sollen genau so behandelt weden, wie auf Dauer angelegte Beziehungen zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts. Schwule Männer bringen den Vorzug mit, dass ihre auf Dauer angelegten Beziehungen nicht so schnell in die Brüche gehen, wie die verschiedengeschlechtlichen Bindungen. Insofern dürfte von schwulen Menschen eine Stärkung der Institution Ehe ausgehen. Vielleicht ist es aber genau das, was unser cicero nicht verkraften kann.
Man beraubt die Gesellschaft ihrer wichtigsten Institution und verstümmelt die soziale Ordnung einer Gesellschaft. Natürlich werden nicht alle Männer schwul und alle Frauen lesbisch, wenn man die “Homoehe” erlaubt. Doch gesellschaftliche Normen werden verschoben, grundlegende Normen, auf denen eine Gesellschaft beruht. Deswegen ist es richtig und wichtig keine “Homoehe” zuzulassen.
Liest man den Text des cicero unter Weglassung meiner Einfügungen, so zeigt sich, dass dem Satz, den cicero mit “deswegen” einleitet, keine Begründung vorangeht. Es ist nur ein Vorurteil, das dieser cicero seiner Wertung zugrunde legt.
Trotzdem wird jeder Homosexuelle wie ein Märtyrer der Freiheit hingestellt, so als wären sie die Nachfolger Martin Luther Kings oder der Bürgerrechtsbewegung. Da läuft doch was absolut verkehrt.
Bisher ist mir keine Heldenverehrung zuteil geworden. Allerdings ist zu fragen, was die (bisherige) Bürgerrechtsbewegung ohne schwule Menschen wäre; ohne schwule Menschen, die immer auch für die Freiheit ihrer nicht schwulen Mitmenschen den Kopf hingehalten haben.
Was ist denn eine Demokratie wert, in der die Richtigkeitsvorstellungen der Mehrheit nichts wert sind?
Was sind Richtigkeitsvorstellungen wert, die allein auf Vorurteilen beruhen?
Nun, in der Schweiz, in Skandinavien, in den Niederlanden, in Spanien, in weiten Teilen der USA und andernort hat sich die Mehrheit schon längst von Unwerturteilen über ihre Mitmenschen verabschiedet und ist durchaus der Meinung, dass schwule Menschen Ehen oder mit der Ehe inhaltsgleiche Verbindungen miteinander eingehen können sollen. Und ob dieser cicero in Deutschland noch eine Bevölkerungsmehrheit hinter sich hat, ist mehr als ungewiss. Und vielleicht lernt auch cicero eines Tages, dass schwule Menschen keine Bedrohung für ihn sind.
Wir leben in einer Zeit in der Toleranz mit Relativismus gleichgesetzt wird.
Nun, wenn schwule Menschen danach streben, sich traditionellen Lebensweisen anzunähern und, mit allen Risiken, für sich auch in Anspruch nehmen wollen, ist das alles andere als Relativismus.
Natürlich muss man allen Menschen eine respektvolle Grundhaltung entgegenbringen. Doch eine Gesellschaft, die tolerant gegenüber allem ist, verliert ihre eigene Identität und ihr Wertesystem.
Niemand, schon gar nicht schwule Menschen, verlangen, “tolerant gegenüber allem” zu sein. Der Schwulenfeindlichkeit sollten wir zum Beispiel mit Intoleranz begegnen. Und wenn schwule Menschen danach streben, ihr Leben in altüberkommenen Institutionen zu leben, stärkt das die Gesellschaft und das Wertesystem. Der einzige Verlust, der zu beklagen sein wird, ist der von verrosteten und verstaubten Denkweisen.
Der Zeitgeist ist liberal und er ist individualistisch. Er stellt das Individuum immer vor die Richtigkeitsvorstellungen der Gesellschaft. Der liberale Zeitgeist drängt alle Gesellschaften dieser Welt zum Betrug am eigenen Wertegefüge, im Namen einer Toleranz und Freiheit die in Wirklichkeit nichts weiter als hässlichster Relativismus sind.
Falls es tatsächlich so ist, ist es doch nur gut, wenn schwule Menschen dagegenhalten und sich unter Aufgabe eines Teils ihrer Individualität in das Rechts- und Institutionsgerüst der Gesellschaft einfügen.
Ich weiss, alle Welt ist ganz scharf drauf, Tabus zu brechen und gegen alle bestehende Normen und Institutionen zu rebellieren.
Umso bemerkenswerter ist es daher, wenn schwule Menschen, aus Sicht dieses cicero sind sie der Tabubruch schlechthin, gerade nicht gegen Normen und Institutionen rebellieren, sondern vielmehr diese für sich auch in Anspruch nehmen und damit stärken wollen.
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