26 Apr 09

In hatte in dieser Woche für ein paar Tage beruflich in Würzburg zu tun.

Noch nie zuvor war ich in Würzburg. Deshalb habe ich die Abende genutzt, um mich ein bisschen in der Stadt umzusehen. Man sieht der Stadt nicht an, dass dort rund 135000 Menschen wohnen. In der Altstadt gibt es ein paar schöne Ecken, zum Beispiel einen großen Palast mit hohen Instandhaltungskosten und viele Kirchen, die die meiste Zeit über ungenutzt in der Gegend herumstehen. Die alte Mainbrücke mit der darunter befindlichen Schleusen- und Umflutanlage ist sehr interessant. Ansonsten überwiegt die aus den fünfziger- und sechziger Jahren stammende Bebauung.

Bücher werden in Würzburg bei Hugendubel ver- und gekauft (zum Glück nicht nur dort); eine der sich immer weiter ausbreitenden Megabuchhandungen mit scheinfreundlichem, aber kenntnislosem Personal und dem üblichen Allerweltsbuchangebot. Nichts für mich, aber weil es anfing zu regnen, bin ich hineingegangen. Die üblichen Bücherberge: Ein Tisch voller Obamabücher, auf dem nächsten verkaufte Helmut Schmidt seine in den letzten fünfhundert Jahren gesammelten Weisheiten. Kochbücher! Kochbücher soweit das Auge reicht. Wenn all die Kochbücher gelesen und all die Kochsendungen gesehen werden, hat niemand mehr Zeit zum kochen. Hat Obama eigentlich auch schon ein Kochbuch schreiben lassen? Dann gibt es dort mehrere Regalreihen, die mit der Überschrift ‘christlich’ deklariert sind; der einzige Bereich, in dem ich mich ungestört umsehen konnte, ansonsten herrschte überall ein unangenehmes rumgeschubse und vorgedrängele – ich war ja nicht der einzige, der vor dem Regen geflohen war.

Wie es sich für eine stramm katholische Buchhandlung gehört, war kein einziges Buch zu finden, das schwullesbische Themen zum Inhalt hatte. Dafür gab es mehrere Tische und Regale in denen ‘Lebenshilfe’-Bücher zu finden waren. Streng heteronormativ ausgerichtet. Angefangen mit Ratgebern zur Abwicklung von Ehescheidungen über Seitensprungplanungs- und -vertuschungsfibeln bin hin zu Gruppensexplanungshilfen. In der Kinderbuchabteilung war selbstverständlich kein schwuler Pinguin anzutreffen, aber auch sonst nichts, was ich Kinder lesen lassen würde. Müssen Kinder unbedingt blöd gemacht werden? Ebenso überraschend wie erfreulich war es, in der Ecke mit Literatur über Psychotherapie nichts aus dem Hause Vonholdt & Co zu entdecken.

Zum ersten Mal hatte ich ein Buch über Gestalttherapie in der Hand – ich habe beschlossen, ein diesbezügliches Wissensdefizit zu beseitigen -, habe es aber gleich wieder weggestellt, weil ich Bücher mit kurzen Kapiteln nicht mag (irgendein Auswahlkriterium muss man ja haben).

Gestolpert bin ich über einen Stolperstein. Nicht bei Dugenhubel, sondern in der Wolframstraße. Dort, in dieser Straße zwischen dem Finanzamt und der Musikhochschule, liegt vor dem Haus mit der Nummer 1 ein Stolperstein. Er erinnert an Leopold Obermayer, der dort bis zum 31.10.1934 lebte.

Einzelschicksale schwuler Männer, die von den Nazis ermordet wurden, sind nur selten gut dokumentiert. Über Leopold Obermayer ist jedoch recht viel bekannt und bei wikipedia (mit weiteren Quellenhinweisen) nachlesbar.

Elke Fröhlich schreibt über Leopold Obermayer:

Dr. Leopold Obermayer, Schweizer Staatsbürger jüdischen Glaubens, hatte Jurisprudenz und Staatswissenschaften studiert und 1918 an der Universität Frankfurt mit Auszeichnung promoviert. In der Würzburger Wolframstraße 1 betrieb er eine ererbte Weingroßhandlung, die ihm ein gutes Einkommen sicherte. In seiner Jugend hatte Obermayer versucht, seine Homosexualität zu unterdrücken und mit ärztlicher Hilfe zu bekämpfen. Als er erkannte, dass dies nicht zum Erfolg führen konnte, entschloss er sich, seine Veranlagung anzunehmen und ein selbstbewusstes schwules Leben zu führen. Fest an die Unerschütterlichkeit des Rechtsstaates glaubend, suchte er am 31.10.1934 die Gestapostelle in Würzburg auf, um sich über die Überwachung seiner Post zu beschweren. Es sollte sein letzter Tag in Freiheit sein. Unter dem absurden Vorwand angeblicher „staatsfeindlicher Aktivitäten“ wurde er auf der Stelle verhaftet.

Ich bin ein wenig ins Grübeln gekommen, als ich meinen Rundgang durch Würzburg  fortsetzte. Wenn sich die Verhältnisse in Deutschland wieder einmal ändern, werde ich dann auch noch ein selbstbewusstes schwules Leben führen?

Eines ist jedoch gewiss: Dem Rechtsstaat traue ich keinen Fuß breit über den Weg. Es gibt ihn nicht und wird ihn nie geben. Gesetze und Recht sind nicht dasselbe. Gesetze kann man jederzeit ändern, uminterpretieren oder aufheben; wenn es darauf ankommt, sind sie nichts wert. Und das Recht? Die meisten Menschen wissen doch nicht einmal, was Recht ist, können Recht und Unrecht nicht voneinander unterscheiden.

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Filed under: Behörden und Gerichte, Homophobie

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