Auf den ersten Blick scheint es ein versöhnlicher, einen Ausweg aufzeigender Kommentar zu sein, den Martin Böcker da auf ReadersEdition zu dem Schwulerheiler-Kongress in Marburg verfertigt hat und mit den Worten
Aber am besten wäre doch ein herrschaftsfreier Diskurs, oder?
schließt. Doch das weitere schriftstellerische Tun des Martin Böcker entlarvt ihn als tief im christlichen Glauben verfangenen Menschen. Seine Ausführungen bedürfen also eines zweiten Blicks.
Bereits in der Sachverhaltsdarstellung führt Böcker seine Leser in die Irre:
Die Veranstalter des Kongresses wenden sich mit christlich-seelsorgerlichen Motiven an Menschen, die unter ihrer Homosexualität leiden und diese Neigung verändern möchten.
Die Veranstalter des Kongresses stellen (gegenwärtig noch) in Abrede, dass Homosexualität überhaupt ein Thema des Kongresses sei. Sie behaupten,
Auf dem Kongress spielt das Thema Homosexualität inhaltlich keine Rolle,
um dann mit Folgendem herauszurücken:
Als Veranstalter stehe die APS für Meinungsvielfalt, so Grabe. Der Kongress bilde weitgehend das Spektrum der kirchlichen Diskussion ab. Man werde sich mit allen Facetten der menschlichen Identität beschäftigen.
Das macht nur Sinn, wenn man Homosexualität nicht als (Facette der) menschliche Identität sieht, sondern als Perversion, als Fehlentwicklung, die es zu heilen, zu beseitigen gilt.
Böcker veschweigt, dass diejenigen Menschen, die sich an Wüstenstrom und andere Schwulenheiler wenden, dies nur tun, weil ihnen vorher von diesen Organisationen und verbundenen Personen eingeredet wurde, Homosexualität sei etwas Schlechtes, aber Heilbares, das geheilt werden müsse, weil es schlecht sei. Böcker verschweigt weiterhin, dass Homosexualität an sich kein Grund zum Leiden ist und kein Leid erzeugt, wohl aber der Umgang der Mitmenschen homosexueller Menschen mit homosexuellen Menschen oft eine Leidenssituation, physisch und/oder psychisch, erzeugt. Böcker reiht sich in die Riege derjenigen ein, die Druck auf schwule Menschen ausüben, sich endlich mit dem Thema Schwulenheilung auseinanderzusetzen und sich einer solchen Heilung zu unterziehen. Wüstenstrom & Co haben übrigens bisher nicht einen Kunden vorweisen können, der sich freiwillig, im Sinne einer freien, nicht durch eine Gehirnwäsche erzwungenen Entscheidung, der dort angebotenen Heilungsverfahren unterzogen hat.
Die Motivation der Schwulenheiler kann auch nicht einfach als “christlich-seelsorgerlich” verkauft werden. Monetäre Ziele und langfristige machtpolitische Überlegungen dürften mindestens eine ebenso große Rolle spielen, wie die vorgeblichen Seelsorgebemühungen.
Vor diesem Hintergund verwundert es nicht weiter, dass Böcker sich den Tatsachen verschließt:
Inwiefern Homosexualität naturgegeben oder krankhaft, gut oder schlecht ist, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden.
Es ist von entscheidender Wichtigkeit, zu erkennen, dass es hier nichts zu diskutieren gibt und die Antworten auf diese Fragen auf der Hand liegen. Sogleich wird offenbar, von wes Geistes Kind die Menschen sind, die genau über diese Fragen immer wieder aufs Neue diskutieren wollen.
Homosexualität ist naturgegeben und nicht krankhaft. Wenn etwas nicht krankhaft ist, muss es nicht geheilt werden. Es kann gar nicht geheilt werden, eine Heilungsmöglichkeit anzunehmen ist schon begrifflich unmöglich und widerspricht allen Denkgesetzen der Logik. Daher hat bisher kein einziger Schwulenheiler auch nur einen einzigen ‘geheilten’ schwulen Menschen vorweisen können. Selbst der von den Schwulenheilern so gerne zitierte Professor Robert Spitzer hat sich weit davon distanziert, dass seine Forschungsergebnisse als Beleg für eine mögliche Schwulenheilung angesehen werden könnten.
Genau aus diesem Grund reden die Schwulenheiler in ihren offiziellen Verlautbarungen, die Böcker offenbar studiert hat, vernebelnd vom Leid der Homosexuellen, welches sie ihnen selbst zufügen und dieses als selbstverständlichtes aller Rechte für sich in Anspruch nehmen, und von dem Wunsch, der freilich nur ein imaginärer ist, ihre Neigung zu verändern. Damit rücken sie aus Aktzeptanzgewinnungsgründen scheinbar von der harten Linie der Schwulenheilung ab, und präsentieren sich als harmlose Schönheitsoperateure. Denn genauso wie diejenigen, die an der Schönheitsmedizin verdienen, ihren Kunden erst einmal einreden müssen, dass mit ihrer Nase, ihre Augenliedern, ihrem Brustumfang etwas nicht stimmt, bleuen die Neigungsveränderer ihren potenziellen Kunden ein, dass Homosexualität etwas ist, was der Korrektur bedarf. Mögen die Schönheitschirurgen vielleicht Erfolg haben und einen schöneren Menschen, also einen Menschen, der dem gleichmachenden, von der Schönheitsmedizin und den Medien festgelegten Schönheitsideal mehr entspricht als vorher, präsentieren können, so misslingt den Schwulenveränderern regelmäßig ihr Experiment. Sie können die Identität, die sexuelle Identität eines Menschen nicht verändern. Sie können nicht durch einen paar Schnitte, durch Verstandabsaugen oder sonstwie einen Mann, der sich von Männern sexuell angezogen fühlt, auf Frauen fixieren. Sie können seine Identität nicht verändert, sie können sie allenfalls zerstören. Dass sie dazu skrupellos und ohne mit der Wimper zu zucken Willens und in der Lage sind, haben sie schon oft genug bewiesen. Vernichtete Identitäten, seelisch zugrunde Menschen lassen sie zurück – das ist bewiesen, mehr nicht! Und es sind nur Experimente, die sie durchführen. Es gibt keine anerkannte Heilungs- oder Veränderungsmethode. Experimente an lebenden Menschen; ohne Aufsicht, ohne wissenschaftlichen Beistand! Wo das hinführt, was diese Menschen wollen ist klar: Wenn sie schon nicht die Homosexualität auslöschen können, wollen sie die homosexuellen Menschen auslöschen. Im Namen ihres Glauben, im Namen ihres Gottes, im Namen ihrer Ideologie! Von der psychischen zur physischen Vernichtung ist der Weg nicht sehr weit.
Wie kann Böcker das übersehen, wie kann er diesen Schwulenheiler in seinem Kommentar eine gedankliche Spielwiese bieten?
Nun, auch er ist tief in seinen (un)christlichen Ansichten verstrickt:
Aus christlicher Sicht ist praktizierte Homosexualität eine Sünde. Man kann es sich schön reden, letztlich führt aber kein Weg an dieser Erkenntnis vorbei.
Es gibt Menschen, Desmond Tutu sei hier beispielhaft erwähnt, die die Schwerpunkte anders setzen. Niemand wird ihm ernsthaft eine christliche Sicht absprechen oder ihn für einen Schönredner halten. Es ist bemerkenswert, wie Böcker für sich und die Schwulenheiler alle Gemein- und Freiheiten in Anspruch nimmt, jedes Hinterfragen der Bibel aber als Schönrederei abtun will. Auch damit kommt er nicht durch!
Wenn nun ein praktizierender Christ homosexuell empfindet, dann ist es für einen anderen Christen im Sinne der Nächstenliebe einfach nur konsequent, ihm oder ihr Hilfe anzubieten.
“Homosexuell empfindet” ist ein typischer Schwulenheilersprachgebrauch. Ein homosexueller Mensch sagt nicht von sich, er “empfinde homosexuell”, er spricht, wenn er nicht gute Gründe hat, das Thema zu meiden, davon, homosexuell zu sein. Dass Böcker diese verbale Verniedlichung mitmacht, deutet darauf hin, dass er selbst aus der evangelikalen oder fundamentalkatholischen Schwulenheilerecke kommt.
In der Bibel gibt es viel mehr Textstellen, in denen heterosexuelles Verhalten bestandet wird, als in diesem zusammengesetzen Buch homosexuelles Verhalten verurteilt wird – und wenn, dann in interpretationsfähigen, kryptischen Textstellen. Da nun homosexuelle Christen nicht auf den Gedanken kommen, heterosexuell empfindenden Christen Hilfe aufzunötigen, sollte es doch dem praktizierenden Christ dämmern, dass er mit seinen Auffassungen falsch liegt. Aber es fällte wohl wahnsinnig schwer, die christlichen Scheuklappen abzulegen.
Ein ersten Schritt wäre es, wenn die pseudowissenschaftlichen Schwulenheiler und ihre Claquere wie Böcker sich auf ihre christliche Gefolgschaft beschränken würden und nicht die ganz Welt mit ihrem unheilvollen Sermon überziehen würden.
Böcker versucht sich in Bauernfängerei, indem er den Kongressverstaltern und -mitwirkenden eine Offenheit und Weltläufigkeit,
Und in der Tat erscheint es widersprüchlich, wie die Vertreter des Kongresses betonen, dass gemäß der Gender-Wissenschaft Geschlecht und sexuelle Orientierung frei wählbar sein sollen, die Veränderung von Homo- zu Heterosexualität jedoch besorgniserregend sei,
bescheinigt, die diese gar nicht für sich in Anspruch nehmen. Vielmehr werden sie unangenehm berührt sein, wenn sie bei Böcker lesen, welche progressive Sichtweisen sie angeblich haben.
Deshalb verfängt die Keule, für die Böcker den Boden bereiten wollte,
Viel schwerwiegender ist es jedoch, wenn von “queeren Gruppen” aus Marburg von “geeigneten Maßnahmen” und von “zur Wehr setzen” die Rede ist. Welche Signalwirkungen derartige Aufrufe haben, mussten “Christival”-Teilnehmer im Frühjahr 2008 am eigenen Leib erfahren. Indirekt zu Gewalt aufzurufen ist sicherlich kein Mittel, das der subjektiv empfundenen moralischen Überlegenheit gerecht wird.
nicht. Sein Spielchen ist leicht durchschaubar.
Bei dieser Gelegenheit sei auf den Blog ‘Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus‘ hingewiesen, der sich kritisch mit dem in Marburg geplanten Kongress auseinandersetzen will.
Erneut ist die Sachverhaltsdarstellung bei Böcker fehlerhaft, denn auf dem ‘Christival’ waren es die Evangelikalen, die sich dadurch auszeichneten, ihre Glaubenauffassung durch Gewalt zu verwirklichen.
Nochmals legt Böcker eine falsche Fährte,
Doch mit der moralischen Überlegenheit der Kongressveranstalter ist es auch nicht viel weiter her. In einem Schreiben zu den Diskussionen rund um den Kongress in Marburg ist von “Homoverbänden” die Rede. Eine Begriffskombination die in ihrem Wortlaut sicher nicht als respektvolle Bezeichnung dienen soll. Zudem ist die Aussage, Homosexualität berge gesundheitliche und psychische Risiken wie “AIDS, Geschlechtskrankheiten, Depression, Angst, Alkoholismus, Substanzsucht und Suizidgefährdung” und reduziere die Lebenserwartung um “zehn bis zwanzig Jahre” in etwa so ideologiefrei wie das Kommunistische Manifest,
um dann darauf zu beharren:
Wer darunter leidet, schwul oder lesbisch zu sein, soll sich die Therapiemöglichkeiten aussuchen, die seinem Weltbild am ehesten entsprechen.
Der aufmerksame Leser erinnert sich, dass Böcker Eingangs noch meinte,
Inwiefern Homosexualität naturgegeben oder krankhaft, gut oder schlecht ist, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden,
und mit seinem Schluss nunmehr deutlich macht, dass er nicht diskutieren will, weil er Schwulsein für therapierbar, für etwas Schlechtes, Krankhaftes und daher Therapiebedürftiges hält.
In Marburg, so Böcker, sollen die schwulenheilenden Thesenmacher unter dem Schutz des Grundgesetzes diskutieren dürfen:
Man sollte sich in diesem Streit an einer normativen Orientierung namens “Grundgesetz” richten, die die Meinungs- und Glaubensfreiheit garantiert.
Schwulenheilerpropaganda im Schutze des Grundgesetzes? Auch mit diesem Trick kommt Böcker nicht durch. Im Grundgesetz (Artikel 5 Absatz 1) heißt es:
Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.
Jeder darf sich eine Meinung frei bilden; die meisten Menschen scheitern schon daran. Die gebildete Meinung darf frei geäußert werden, aber nicht immer und überall. Das Grundgesetz, Herr Böcker, garantiert nicht, auf Kosten des Steuerzahlers in öffentlichen Gebäuden Schwulenheilung, unter welcher Tarnung auch immer, predigen zu dürfen. Niemand verbietet den Schwulenheilern sich im Internet, in den Medien, in privaten Räumen auf Straßen und Plätzen zu verbreiten. Diesen Scharlatanen auf Kosten des Steuerzahlers jedoch ein Forum bieten, zu müssen, ihnen Räumlichkeiten von Stadt und Universität zur Verfügung zu stellen und ihnen damit einen quasi-offiziellen Anstrich zu geben, kann nicht aus dem Grundgesetz hergeleitet werden.
Wer wie Böcker mit dem Grundgesetz herumfuchtelt, sollte es von Anfang an lesen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt,
heißt es ganz zu Beginn unserer Verfassung, noch bevor überhaupt von Meinungen und Glauben die Rede ist. Auch wenn es den Evangelikalen und ihren Freunden nicht passt, diese oberste Wertentscheidung unserer Verfassung erfasst auch schwule Menschen. Das Herumdoktern an der sexuellen Orientierung ist nichts anderes als eine Verletzung der Menschenwürde - da hilft aller Glaube nichts!
Und das Grundgesetz wird noch deutlicher (Artikel 2):
Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Wer sich auf das Grundgesetz beruft, sollte sehr sorgfältig prüfen, wie die Ambitionen der Schwulenheiler und ihre fragwürdigen Experimente mit dieser Forderung der Verfassung in Einklang zu bringen sind.
Und noch einen wichtigen Artikel unserer Verfassung sollten sich die Evangelikalen sehr genau durchlesen:
Artikel 18 Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, [...] zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte.
Das Grundgesetz ist nicht das Schwert der Schwulenheiler!
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