Ulrich Parzany, evangelikaler Prediger, taucht immer dort auf, wo er sich vor großen Publikum als antischwuler Musterchrist (“Viel mehr Christen sollen begreifen, wie notvoll die Lage der Homosexuellen ist”1.) präsentieren kann.
Auf dem Bremer Christival war er dabei, hetzte gegen schwule Menschen und ließ sie durch die Polizei mit physischer Gewalt aus der Kirche, in der er predigte, vertreiben. In Chemnitz führt er in diesen Tagen seine eigene Großveranstaltung durch. Als ProChrist wird dieses Ereignis bezeichnet. Virtuelles Sprachrohr von ProChrist und Parzany ist die von dem dem evangelikalen Verein ‘Deutsche Evangelische Allianz’ zuzurechnenden Medienverbund KEP betriebene Homepage ‘pro Christliches Medienmagazin‘.
Parzany beruft sich, wie in evangelikalen Kreis üblich, hinsichtlich seiner Auffassung zum Thema Homosexualität auf Christl Vonholdt:
Was die wissenschaftliche Forschung angeht, gibt es erklärtermaßen keinen Nachweis angeborener Homosexualität. Über den Paradigmenwechsel in der Beurteilung der Homosexualität (Streichung der Homosexualität als psychischer Störung aus der Diagnoseliste der Amerikanischen Psychiater-Vereinigung [APA] 1973), der durchaus nicht wissenschaftlich, sondern politisch verursacht war, und seine Folgen sowie über wissenschaftliche Forschungen bis in die Gegenwart informiert Dr. Christl Ruth Vonholt [sic!], Homosexualität verstehen, Forschungen und Erfahrungen zum Thema Homosexualität von 1973 bis 2006, Nachrichten aus dem Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft, Sonderdruck Herbst 2006.
In einem Gespräch mit Volker Beck machte Parzany seinem Ruf als Gott-hasst-Schwule-in-die-Bibel-Hineinleser alle Ehre:
Parzany: Die Kritik an praktizierter Homosexualität hat übrigens mit Diskriminierung nichts zu tun. Die Kritik am Handeln eines Menschen ist zu verbinden mit der Wertschätzung der Person, die jedem Menschen gebührt. Das macht Paulus etwa im ersten Korintherbrief, Kapitel 6, deutlich.
Beck (holt eine Taschenbibel heraus): Wo steht das? Ich wusste bislang nur, dass im Römerbrief von Gleichgeschlechtlichem gesprochen wurde. (liest) „… Irrt euch nicht, weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder … werden das Reich Gottes ererben.“ – Da lese ich nichts von Homosexualität.
Parzany: Doch, das ist hier gemeint.
Beck: Das ist die in der Antike als soziale Institution anerkannte Päderastie (Knabenliebe, d.Red.). Es geht hier um Verkehr von erwachsenen Männern mit Knaben, wie es ihn in der griechischen Gesellschaft gab. Das hat mit einvernehmlicher Sexualität zwischen zwei Erwachsenen gleichen Geschlechts überhaupt nichts zu tun und ist heute ein Straftatbestand. Dies gleichzusetzen ist diffamierend.
Parzany: Hier ist eindeutig aktive und passive Homosexualität gemeint. Das geht aus dem griechischen Urtext hervor.
Beck: Nein. Die hier verwendeten griechischen Begriffe haben nichts mit gleichgeschlechtlicher Liebe zu tun. Es geht um Päderastie und allenfalls heidnische Tempelprostitution.
Und wie es sich für jeden tüchtigen Evangelikalen gehört, ist auch Parzany ein Meister im Beleidigtsein:
Parzany: …und das finde ich eine Unverschämtheit, dass Sie das Angebot des Christival nun in die Nähe des Antisemitismus rücken [Anm StM: Beck hat das Vorgehaltene nicht getan.]. Das ist beleidigend und diskriminierend.
[...]
Parzany: … warum reden Sie so diffamierend über die Leute, die eine andere Meinung haben als Sie [Anm StM: Auch dieser an die Adresse Becks gerichtete Vorhalt entbehrt jeglicher Grundlage!]? Ich empfinde solche Sätze als verachtend und beleidigend. Das haben Sie doch überhaupt nicht nötig.
Predigten gegen schwule Menschen sind, so Parzany’s Rambo-Logik, hingegen Gottes Wille und deshalb keinesfalls beleidigend und diskriminierend. Sein Geschwafel über die Sündigen homosexuellen Männern will er daher auch nicht als Ausdruck der Verachtung verstanden wissen. Er ist nur besessen von ihrer Sexualität.
In seinem missglückten Kampfaufruf “Steht auf, wenn Ihr Christen seid!” verdammt Parzany alle, die nicht sein kreationistisch-reaktionäres Gedankengut teilen.
ProChrist und Parzany haben viele Unterstützer, zum Beispiel Frank-J. Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, Heinz-Horst Deichmann, Inhaber der größten Schuhhandelskette in Europa, Peter Hane, ZDF-Moderator, Bernhard Langer, Golfprofi, Christian Wulf, Niedersächsischer Ministerpräsident, Hans- Jochen Vogel, Bundesminister aD, Dr. Günther Beckstein, Bayerischer Ministerpräsident aD, Alexander Graf zu Castell-Castell, Kaufmann, Norman Rentrop, Verleger, Karl-Heinz Stengel, Präses des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland eV, Erwin Teufel, Baden-Württembergischer Ministerpräsident aD.
Stadt Chemnitz, Stadtwerke und Stadtsparkasse Chemnitz fördern die Veranstaltung finanziell. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig sitzt im Kuratorium von ProChrist und hat ein Grußwort verfasst.
Der örtlich zuständige Ministerpräsident Stanislaw Tillich, von dem man sonst nie etwas hört oder sieht, machte der Veranstaltung seine Aufwartung, und der nordrhein-westfälische Skandal- und Ex-Verkehrsminister Oliver Wittke nutzt einen Ableger der Veranstaltung in Gelsenkirchen als Beichtgelegenheit:
Bei der Evangelisation ProChrist hat sich der vor knapp sieben Wochen zurückgetretene nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Wittke (CDU) zur sogenannten Raser-Affäre geäußert. Er war im November in einer geschlossenen Ortschaft mit 109 Stundenkilometern geblitzt worden.
Nach massiver Kritik stellte er im Februar sein Amt zur Verfügung. Am 31. März trat er in Gelsenkirchen im Vorprogramm einer ProChrist-Übertragung aus Chemnitz auf. Der frühere Oberbürgermeister der Stadt räumte ein, dass er seiner Vorbildfunktion als Politiker nicht entsprochen habe. Er habe seinen Führerschein nicht nur einmal abgeben müssen, sondern mehrmals über einen Zeitraum von 20 Jahren.
Noch ganz Autofahrer meinte er bei dieser Gelegenheit,
„Die hohen kirchlichen Feiertage sind für uns tabu“, sagte Wittke zu Forderungen, für bestimmte Branchen wie Bäcker und Floristen den Feiertagsschutz aufzuheben.
und macht sich so um den Sonntagsbrötchenverkaufbestandsschutz für Tankstellen verdient.
Einen einflussreichen Fürsprecher haben die Evangelikalen in dem latent homophoben Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber:
Über ProChrist würden derzeit viele Menschen erreicht, “die in der Folge der DDR-Geschichte den Glauben verloren haben”. Behauptungen, wonach er selbst mehr und mehr zu evangelikalen Christen tendiere, erteilte Huber eine Absage. “Wer jetzt behauptet, Bischof Huber sei evangelikal geworden, der verdreht die Debatte.”
Nun, vielleicht ist er schon immer evangelikal gewesen.
Offen schwule Menschen dürfen sich übrigens nicht auf der ProChrist Veranstaltung blicken lassen. Der Verband Homosexuelle und Kirche (HuK) hatte bei ProChrist angefragt, ob man im Rahmen der Veranstaltung mit einem Infostand präsent sein dürfe. Das störte natürlich das schwulenfeindliche Konzept der Veranstaltung und das Ansinnen von HuK wurde abgelehnt mit der Begründung, Tiere dürften dort auch nicht frei herumlaufen:
ProChrist ist eine Evangelisationsveranstaltung, die zuerst Außenstehenden gilt und wir es uns deshalb nicht leisten wollen, Nebenthemen zu sehr zu betonen.
Und so seit ihr, aber auch die Alzheimerliga, Christen und Schöpfung (Gottesdienste mit Tieren) etc. nicht berücksichtigt worden.
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[1] Zitiert nach Kurt E. Koch, Okkultes ABC.[back]
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