30 Mar 09

Die taz berichtet heute über ein Neonazitreffen in Schlüchtern (Osthessen):

[...] Das öffentliche Outing des Funktionärs Hubert Mölsen schlug in den homophoben NPD-Kadern ein wie eine Granate. “Wir sind es leid, uns weiter zu verstecken!”, brüllte Mölsen bei einer zunächst geheim gehaltenen Kundgebung vorvergangene Woche im hessischen Schlüchtern. “Bloß weil man schwul ist, heißt das nicht, dass man kein aufrechter Deutscher sein kann, der stolz auf sein Vaterland ist. Das Gegenteil ist richtig: Wir wissen, wie man für eine Überzeugung kämpft!”

Die spontanen Beifallsstürme zeigten, dass er mit dieser Meinung keineswegs allein dasteht. Und es ist ihm ernst: Er will die schwulen Nazis an die Macht führen und dazu eine Interessenvertretung für Schwule und Bisexuelle in der NPD nach dem Vorbild der LSU in der CDU/CSU errichten. [...]

Mölsen behauptet gar: “In der NPD gibt es mittlerweile mehr Schwule als Frauen.” [...]

Hubert Mölsen kennt die Geschichte und will heute – 75 Jahre später – dennoch einen neuen Versuch wagen. Auf die Frage, was er davon halte, dass sich Adolf Hitler einmal in einer öffentlichen Erklärung hinter den als schwul bekannten Ernst Röhm gestellt hatte, reagiert Mölsen mit einem wissenden Lächeln und der Bekundung: “Der Führer ist für mich ein Vorbild – auch in sexueller Hinsicht!”

Ein paar Anmerkungen:

Leider kann ich es mir nicht einfach machen und schlicht darauf verweisen, dass Mölsen entweder blind und/oder taub und/oder nicht schwul ist. Wie dieser Gnom, dessen Artikulation an eine verstopfte Klospülung erinnert und der sich selber als Führer bezeichnete, ein Vorbild in sexueller Hinsicht sein kann, ist mir ein Rätsel, aber es gibt in schwulen Welt nichts, keinen Fetisch, kein Schönheitsideals, kein Vorbild, dass mich noch überraschen würde. Und da Hitler auf unzählige heterosexuelle Frauen attraktiv wirkte und wirkt, ist es wohl gar nicht überraschend, dass auch schwule Männer sich sich von diesem optischen und akustischen Kotzbrocken angezogen fühlen. Was Mölsen über Hitlers Sexualität weiß, bleibt trotz “wissendem Lächeln” allerdings rätselhaft.

Ebenso muss ich wohl akzeptieren, die Information ist bekanntlich nicht neu, dass auch schwule Männer dem Rechtsextremismus anhängen. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Probleme mit dem eigenen Selbstwertgefühlt, Mölsen ist ein Beispiel dafür, oder Wahnfantasien von der Weltherrschaft schwuler Männer, sind gewiss dabei. Politischer Extremismus ist jedoch immer und zutiefst Minderheitenfeindlich. Mag sie durchaus zunächst aus dem Denken einer Minderheit geboren werden, wendet sich die Ideologie, wenn sie erst erstarkt ist, immer (auch) gegen Minderheiten; nicht selten auch gegen die, in der sie ihre vorgeblichen Wurzeln hat. Erklärte Schwulenfeindlichkeit ist ein immanenter Bestandteil nahezu jeder politischen Ideologie. Es bedarf nicht einmal eines Blicks in die Geschichte. Das Italien (für den Faschismus) und das Russland Putins sind Beispiel der Jetztzeit, die verdeutlichen, wie sehr schwule Menschen unter jedem politischen Extremismus zu leiden haben.

Hilter hat Röhm geschützt, solange dieser für ihn nützlich war. Hilter hat es sich mit Röhm nicht verdorben, solange Röhm einflussreich war und Hitler nicht wirksam gegen ihn vorgehen konnte. Keine Anhaltspunkte gibt es dafür, dass Hitler Röhm’s Homosexualität gutgeheißen hat. Das spätere systematische Vorgehen der Nazis gegen schwulen Männer bis hin zur zehntausendfachen Vernichtung in den Konzentrationslagern ist nicht ohne  Billigung Hitlers geschehen.

Schwule Männer passen nicht in die Ideologie der Nazis. Ich kann nicht nachvollziehen, dass schwulen Männern dieses nicht einleutet, dass sie sich ihrem erklärten Feind an die Brust werfen.

Allerdings irritiert mich auch die Berichterstattung der taz. Die taz gehört sicher nicht zu den Bekanntmachungsblättern der NPD. Warum sollten sich die schwulen NPDler ausgerechnet mit der taz unterhalten?

Es gehörte und gehört zu den erbärmlichsten Methoden des politischen Gerangels um Stammtischlufthoheiten, politische Gegner als schwul zu diffamieren. Dabei spielt die politische Ausrichtung keine Rolle, mal sind die politisch Linken, mal die politsch Rechten schwul. Die seinerzeit allgemein bekannte Tatsache, dass in der SA auch homosexuelle Männer ihre politische Heimat gefunden haben, wurde reichlich von den Gegner der NSDAP ausgeschlachtet. Ich habe den Eindruck, dass die taz einen ähnlichen Feldzug starten will. Sie versucht wohl nicht ohne Grund den Eindruck zu erwecken, dass sich in der NPD mehr schwule Männer versammelt haben, als im LSVD. Leider deutet die taz ihre Quellen nicht einmal an. Aus dem bisher nicht in Erscheinung getretenen Mölsen jedoch nunmehr einen schwulen Naziführer zu machen, der sich auf ganze Herrscharen schwuler NPDler stützen kann, ist unseriös. Es ist der alte Trick: Man mache aus den Nazis einen ’schwulen Haufen’, diffamiere sie entsprechend und versuche, sie so in den Bereich des sexuell Unanständigen und damit politsch Unanständigen, des Nichtwählbaren zu bringen. Die taz begibt, möglicherweise ohne es zu merken, sich in ihrer Rubrik “die Wahrheit” in die Tradition linker Kampfblätter der zwanziger und dreißiger Jahre und misst der (unterstellten) sexuellen Orientierung politisch Andersdenkender mehr Bedeutung bei als der Auseinandersetzung um Sachfragen. Der taz-Artikel von Rudolph Reimann richtet sich nicht gegen Nazis, auch nicht gegen schwule Nazis, er richtet sich gegen Schwule schlechthin. Diesen Preis bin ich nicht bereit zu zahlen.

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