10 Mar 09

Ich habe schon lange ein facebook account, der allerdings brach lag. Vor ein paar Tagen habe ich ihn wieder reaktiviert und mit Leben gefüllt – aber wohl fühle ich mich dort nicht.

Wem gehört facebook eigentlich, wer steckt dahinter, was wird damit bezweckt und vor allem, wem nützt es?

Eine kleine Reise:

Tom Hudgkinson machte sich in The Guardian vom 14.01.2008 ein paar Gedanken über Facebook und die Hintergründe dieses Unternehmens:

With friends like these …

Hudgkinson fragt, ob wir nicht merken, dass die virtuelle Welt nichts anderes ist, als die selbstgewählte und bejubelte Verbannung aus der realen Welt. So ganz unrecht hat er nicht.

Von Mark Zuckerberg ist die Rede, von dem wir mittlerweile wissen, dass er die facebook Technik nicht so ganz redlich in die Finger bekommen hat:

Facebook paid up to $65m to founder Mark Zuckerberg’s ex-classmates

Und von den Geldgebern erzählt Hudgkinson. Er trägt alles ein wenig dick auf und es hat fast schon Ähnlichkeit mit einer Verschwörungstheorie. Ein Name ist gleichwohl in Hudgkinson’s Abhandlung aufgefallen: Peter Andreas Thiel.

Peter Thiel, geboren 1967 im hessischen Sprendlingen, irgendwann mit seinen Eltern in die USA eingewandert, ist Mitgründer eines sehr problematischen Unternehmens: PayPal. Ich verstehe nicht, wozu ein Unternehmen wie PayPal gut ist. Allein der Name ‘BezahlungsFreund’ klingt in meinen Ohren nachgerade euphemistisch. PayPal (heute eine Tochtergesellschaft von eBay) wurde und wird als Revolution des Zahlungsverkehrs verkauft. Aber was macht PayPal? Es transferiert Geld von einem Konto zu einem anderen. Nichts anderes macht meine Bank in Frankfurt am Main auch. Der Unterschied zu PayPal: Meine Bank macht das zuverlässig und kostenfrei und steht mir bei Rückfragen zur Verfügung. Und: Meine Bank ist eine von vielen, PayPal hingegen ist ein Quasi-Monopolist. Wem nützt das? Es nützt denjenigen, die (internationale) Zahlungsströme überwachen und steuern wollen. Die Gründe dafür sind sicher nicht menschenfreundlicher Natur.

Thiel, mit seinem Hedge-Fond Clarium, ist also auch einer der Geldgeber von facebook. Nun gut, irgendwo muss die Anschubfinanzierung herkommen und allein unter Profitgesichtspunkten ist facebook wohl keine schlechte Kapitalanlage. Thiel erhält jedoch nicht nur monetäre Vorteile aus seiner Kapitalanlage, sondern sitzt an entscheidender Stelle in einem gewaltigen Überwachungsapparat. Denn nichts anderes ist facebook. Ich bin erstaunt, wie detailliert einige Profile ausgefüllt sind; facebook weiß, wer mit wem Kontakt hat, welcher inhaltlichen Art diese Kontakte sind, wer sich für was interessiert und so weiter und so fort. Wem vertraue ich diese Informationen an? Wer ist dieser Peter Thiel?

Wikipedia verrät über Thiel, dass dieser sich in libertären Kreisen bewegt.

Das ist für sich betrachtet schon keine besonders angenehme Vorstellung. Deutet der Begriff ‘Libertär’ (‘libertarien’) noch das Vorhandensein vom liberalem Gedankengut an, so treten nach dem Lüften des Vorhangs regelmäßig erzkonservative und weit am rechten politischen Rand (und dahinter) liegende Auffassungen zu Tage.

Und so überrascht es nicht, dass Thiel den seinerzeitigen us-amerikanischen Präsidentschaftskandidatenbewerber Ron Paul finanziell unterstützte. 1988 trat Paul als Päsidentschaftskandidat der Libertarian Party an und für die Wahl im Jahr 2008 bemühte er sich, für die Republikaner ins Rennen geschickt zu werden. Er wurde bekanntlich nicht nominiert.

Ron Paul gibt sich gerne als Libertarien erster und bester Güte aus. Naturgemäß interessiert mich, was dieser Libertarien zu schwulen Männer zu sagen hat und wie er zu dem in den USA heiß diskutierten Thema ‘gleichgeschlechtliche Ehen’ steht.

The New Republic hat dankenswerter Weise recherchiert, was Ron Paul über schwule Männer geschrieben hat, beziehungsweise hat schreiben lassen (in Ron Paul’s Freedom Report, Ron Paul Political Report, The Ron Paul Survival Report und The Ron Paul Investment Letter):

In the course of defending homophobic comments by Andy Rooney of CBS, a 1990 newsletter notes that a reporter for a gay magazine “certainly had an axe to grind, and that’s not easy with a limp wrist.”

The June 1990 issue of the Political Report says: “I miss the closet. Homosexuals, not to speak of the rest of society, were far better off when social pressure forced them to hide their activities.”

From the of the Political Report: “Bring Back the Closet!”
A January 1994 edition of the Survival Report states that “gays in San Francisco do not obey the dictates of good sense,” adding: “[T]hese men don’t really see a reason to live past their fifties. They are not married, they have no children, and their lives are centered on new sexual partners.” Also, “they enjoy the attention and pity that comes with being sick.”

In an undated solicitation letter for The Ron Paul Investment Letter and the Ron Paul Political Report, Paul writes: “I’ve been told not to talk, but these stooges don’t scare me. Threats or no threats, I’ve laid bare the coming race war in our big cities. The federal-homosexual cover-up on AIDS (my training as a physician helps me see through this one.) The Bohemian Grove–perverted, pagan playground of the powerful. Skull & Bones: the demonic fraternity that includes George Bush and leftist Senator John Kerry, Congress’s Mr. New Money. The Israeli lobby, which plays Congress like a cheap harmonica.”

The December 1989 Ron Paul Political Report contains entries on a “new form of racial terrorism,” cites former Congressman Bill Dannemeyer’s claim that “the average homosexual has 1,000 or more partners in a lifetime,” and quotes Lew Rockwell, president of the Ludwig von Mises Institute, in the third person.

In January 1990, the Ron Paul Political Report cites “a well-known libertarian editor” who “told me: ‘The ACT-UP slogan on stickers plastered all over Manhattan is ‘Silence=Death.’ But shouldn’t it be Sodomy = Death’?”

The July 1991 Ron Paul Political Report defends homophobic remarks made by Tom Clancy, and cites Clancy saying, “I live in a free country, and if people want to have their anuses used in that way, while I find it unsavory, I do not arrogate to myself the right to prevent them from doing so.”

The September 1994 issue of the Ron Paul Survival Report states that “those who don’t commit sodomy, who don’t get blood a transfusion, and who don’t swap needles, are virtually assured of not getting AIDS unless they are deliberately infected by a malicious gay.”


Wie immer in solchen Fällen hat auch Ron Paul die Urheberschaft dieser Texte geleugnet. Er behauptete sogar, nicht einmal Kenntnis davon gehabt zu haben, dass diese Texte unter seinem Namen veröffentlicht wurden. Allerdings ist davon auszugehen, dass die von The New Republic ausgegrabenen Beiträge Ron Pauls Gesinnung zutreffend wiedergeben. Denn auf seiner Wahlkampfseite aus dem Jahr  2008 äußert sich Paul unter der Überschrift “The Libertarian solution to Gay Marriage” zunächst als Verfechter der persönlichen Freiheit,

The problem in the issue of gay marriage is that the government stuck it’s ugly nose in it. Instead of treating everyone as an individual, the government decided to label people as either white, black, hispanic,… male or female,… rich or poor… gay or strait. whenever you start dividing people up in groups and labeling them you’re bound to trigger resentment between many groups of people and the end result is divide and conquer.

um anschließend zu erklären, dass er sich gewiss nicht für eine gesetzliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen mit verschiedengeschlechtlichen Partnerschaften einsetzen wird,

The real solution to this problem isn’t offered in the current debate as it is framed between liberals and conservatives. The real solution is to philosophically change our idea of what the role of government ought to be.

sondern die “solution” auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebt.

Dann lässt er die Hosen runter:

If two people want to declare that they are married and their union doesn’t hurt anyone else, it should be permissible in a free society.

“And their union doesn’t hurt anyone else.” Es nimmt in den USA niemand Anstoß daran, wenn Vergewaltiger, Kinderschänder, Massenmörder, Geistesgestörte aller Art und dergleichen heiraten. Wieviele US-Amerikaner aber werden wohl aufschreien, wenn zwei schwule Männer erklären, sie seien verheiratet? So ein paar dutzend Millionen werden es wohl sein, die sagen, sie seien durch die Ehe zweier schwuler Männer auf’s äußerste verletzt. Hätte Paul erklärt, die Ehe zwischen zwei schwulen Männern verletze niemanden, hätte ich nichts zu beanstanden. Aber nein, er geht hin und sagt, es müsse erst einmal untersucht werden, ob eine Ehe zwischen zwei schwulen Männern niemanden verletze. Das ist doch abenteuerlich und kann auch durch Paul’s weiteres Geschwafel über Staatsaufgaben nicht relativiert werden.

An anderer Stelle will er schwule Menschen auf den von vornherein aussichtslosen Weg verweisen, die generelle Abschaffung der Ehe als staatliche Institution zu verlangen:

Certainly,

Selbstverständlich, wie es sich für homophobe Menschen gehört!

I have no  inherent prejudices or objections towards homosexuals.   I would share with them a distaste for the role that the state takes on in the personal lives of private individuals.   I also would agree with them, that laws should be written to treat all people equally.  However, I can not wholly side with them in the battle for state recognition of same sex marriage.  I in fact, am no longer certain why the state should recognize marriage at all.

Und im stillen Kämmerlein, da darf Mann dann machen, was Mann will:

I think the best way for gay couples to fight this one out is to get married anyway.  Find a place that will hold the ceremony; move in together; tell people you are married regardless; fill out the paper work to change your last name, or just stop using your old one; cheat on your taxes; sign contracts anticipating your own divorce so you can split half the marital assets – whatever you have to do.  There is nothing the state can do to change your beliefs or control the choices you make in your love life.

Der Staat, dem Paul vorstehen wollte, würde es natürlich ohne weiteres hinnehmen, wenn schwule Paare einfach weniger Steuern zahlen oder wenn bei einer Polizeikontrolle ein falscher Name genannt wird.

Dieser Mann gehört also zum Dunstkreis des facebook-Patrons Peter Thiel.

Was gibt’s sonst noch zu wissen über Thiel? Er war eine Zeitlang Herausgeber der konservativen Studentenzeitschrift The Standford Review und hat ein Buch  mitverfasst, “The Diversity Myth: Multiculturalism and Politics of Intolerance on Campus”, mit dem er sich zu denen gesellt, die nicht  Schwulenfeindlichkeit als intolerantes Verhalten ansehen, sondern es für intolerant halten,  sich nicht schwulenfeindlich und beleidigend äußern zu dürfen.

Aus diesem Buch erfahren wir etwas über Thiel’s Personalpolitik:

One of the examples of political correctness that Thiel and Sacks cite in their book involves a law student named Keith Rabois. In a misguided attempt to assert his freedom of speech, Rabois yelled “Faggot! Faggot! Hope you die of AIDS” outside a lecturer’s home. He was hounded out of Stanford, Thiel and Sacks say. Rabois later joined PayPal.

An eine Anti-Einwanderungs-Organisation in den USA hat Peter Thiel USD 1 Mio gespendet.

facebook, Thiel, Zuckerberg -  eine Gesellschaft, in der ich mich nicht gerade wohlfühle. Das Peter Thiel schwul ist, führt in diesem Fall nicht zu einer Verbesserung des Wohlfühlfaktors.

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