7 Mar 09

Weiß jemand, was Proszenium bedeutet? Nein? Macht nichts, ich wusste es bis vor kurzem auch nicht.

Mit dem Wissen ist das so eine Sache. Eigentlich wissen wir Menschen nicht viel – gemessen an dem, was es zu wissen gibt. Ganz genau wissen wir aber, was andere hätten wissen müssen. Wir brauchen dieses Wissen, um anderen die Schuld in die Schuhe schieben zu können. Und wir haben es schon immer gewusst. Zum Beispiel haben wir schon immer gewusst, dass das mit dem U-Bahn-Bau in Köln nicht gut gehen würde. Ich habe es auch gewusst. Dieses Wissen brauchen wir, um deutlich zu machen, dass irgendetwas, zum Beispiel der Einsturz des Archivgebäudes in Köln, hätte verhindert werden können, wenn wir nur rechtzeitig gefragt worden wären. Es hat uns aber niemand gefragt, also können wir hinterher, wenn’s passiert ist, immer gut sagen, wir hätten schon immer gewusst, dass es passieren würde. Im Grunde ist es sogar nur passiert, weil man uns nicht gefragt hat. Oft wissen wir aber gar nicht, was genau passiert ist. Nehmen wir noch mal den Gebäudeeinsturz hier in Köln. Da hieß und heißt es, das historische Stadtarchiv sei eingestürzt. Das stimmt aber gar nicht. Eingestürzt ist das Gebäude, in dem sich das Archiv befand. Das Archiv selber, wenn man darunter die Sachgesamtheit der Archivalien versteht, ist nicht eingestürzt. Es ist zwar gestürzt, aber nicht ein, sondern auf die Straße und in das Loch, das man da gebuddelt hat. Wenn man also jetzt weiß, dass nicht das historische Archiv, sondern das Gebäude des Archivs eingestürzt ist, aber schon immer gewusst hat, dass das Archiv einstürzen würde, dann weiß man jetzt, dass man das Falsche gewusst hat.

Erstaunlich ist, dass das Gewussthaben der Menschen mit der Entfernung zum Ort des Geschehens zunimmt. Also, je weiter man vom Ort des Geschehens entfernt ist, desto genauer weiß man, was passiert ist und hat selbstredend schon immer gewusst, dass es passieren würde. Deshalb haben wir auch überall im Lande, sogar in Düsseldorf und Berlin, U-Bahn-Bauexperten, die jetzt sagen, sie hätten alles gewusst – weil man sie nicht vorher gefragt hat. Dieses ‘ich habe das schon immer gewusst’ ist in etwa gleichbedeutend mit dem ‘ich habe es kommen sehen’. Auch mit dieser Wendung sollen die Zuhörer verblüfft und die eigene Expertise unter Beweis gestellt werden. Das Kommensehen kann man sich nun so vorstellen: Da steht jemand auf dem Gleis und sieht den Zug kommen. Er kann nun sagen, “ich sehe den Zug kommen”. Sieht er nichts mehr, hat er den Zug kommen gesehen – aber die falschen Schlüsse daraus gezogen. So ist das mit dem Kommensehen. Man gibt vor, unheimlich klug zu sein, und lenkt dadurch nur von der Tatsache ab, dass man aus der vermeintlichen Erkenntnis nicht die richtigen Schlüsse gezogen hat. Es könnte natürlich in dem Zugbeispiel auch eine andere Lösung geben. Der Rheinländer würde sich dann wie folgt rausreden: “Ich habe doch gleich gewusst, dass der Zug in die andere Richtung fährt.” Ja, und schon ist man wieder unangreifbar. Falls jemand anderes diese Erkenntnis vorher ausspricht, hilft sich der Rheinländer mit “ich wollt’ jrad sagen”.

Wenn man einen Schwanz in den Händen hält, dann kann man ihn auch kommen gesehen. Und wenn man dann das Sperma im Gesicht und in den Augen hat, hat man ihn kommen gesehen. Oder es – das Sperma. Wenn man es kommen sieht, kann man es, das Sperma, vielleicht noch schnell umleiten. In eine dafür geeignete Körperöffnung. Nein, nicht in eine Vagina – das führt nur dazu, dass Monate später eine Hebamme sagt, “ich kann es schon kommen sehen”. Wie auch immer, hinterher haben alle gewusst, dass es so kommen musste – nur der neugeborene Papa, der wusste von nichts. Deshalb sollte Mann immer aufpassen, dass beim Sex keine Vagina in der Nähe ist.

Die Vagina gehört ja bekanntlich zu den weiblichen Geschlechtsorganen.  - Wie, das war nicht bekannt? Hm,… na egal. Zu diesem Sammelsurium der Geschlechtsorgane gehört auch der sogenannte Vorhof. Da muss der Penis durch, wenn Mann unbedingt will. Oder der Vibrator. Nee, lass mal, ich nehme ein besseres Beispiel, in Feuchtgebieten ist mir die Rutschgefahr zu groß.

Vorhaut. Die kennt jeder Mann. Entweder er hat eine oder er bedauert, keine mehr zu haben. Die Vorhaut ist dieses kleine Stückchen Haut, mit dem Mann so schön spielen kann, vor der Eichel. Deshalb heißt sie Vor-Haut. Den Wortteil ‘Vor’ könnte man durch die Silbe ‘Pro’ ersetzen: Pro-Haut.

Von der Pro-Haut kommen wir nun zum Pro-Szenium. Das Szenium bezeichnet in einem Theater die Bühnenaufbauten oder, verallgemeinernd, die Bühne. Das Proszenium, Pro-Szenium, ist also das Vor-Szenium, die Vor-Bühne. Das ist der Bereich der Bühne, der sich vor den Bühnenaufbauten, gemeinhin vor dem Vorhang befindet.

Proszenium!

Ich könnte nun behaupten, ich hätte schon immer gewusst, was Proszenium bedeutet. Tatsächlich habe ich, als ich vor ein paar Tagen das Wort zum ersten Mal las, jedoch vermutet, es sei irgendetwas Ferkeliges. Gelesen habe ich das Wort auf einer Eintrittskarte für das Hansa Variete Theater in Hamburg. Dieses Theater am Hamburger Steindamm wurde vor Jahren geschlossen. Die Besitzerin des Theaters hat jedoch alles in Stand halten lassen und nun öffnete das Theater für eine Spielzeit wieder und eine zweite ist in Aussicht gestellt. Das Theater hat, obwohl Proszenium nichts Ferkeliges bedeutet, eine richtige Wohlfühlatmosphäre – ein Besuch lohnt sich wirklich. Der Hinweis ‘Proszenium’ auf der Eintrittskarte bedeutete nun, dass der Sitzplatz, zu dessen Einnahme die Tritteinkarte berechtigte, sich in Höhe der Vorbühne befand.

Lüster gibt es in dem Theater auch. Lüsterne ältere Herren, die am liebsten das Proszenium gestürmt hätten, um über die sich dort produzierenden und prostituierenden jungen, körperbetont gekleideten Männer herzufallen und mit ihnen zu kopulieren. Ein Zustand der Pro-Kopulation – bei dem die Eicheln vermutlich aus dem Vor-Häutchen waren.

Zu verdanken habe ich die Tritteinkarte dem Werten Blogger Ondamaris. Der ist allerdings auch so ein Profanalist der deutschen Sprache. Trotz mehrerer Proponotionen weigert er sich beharrlich, seinen Blognamen richtig zu schreiben. Es heißt Uuuuuuuuuuuuuuuuuuundamaris. U! U! U! Undamaris, nicht Ooooooooooooooondamaris. Kein O, auch keine 0, gehört an den Anfang, sondern ein U. Uuuuuuuuuuuuuuuu!

Undamaris ist ein Orgelregister und es wird seit Orgelbauer- und Organistengedenken mit einem U geschrieben. Nur irgendwo in der Provinz gibt es eine Kirche mit einer Orgel darin und darin einem Orgelregister, das die Bezeichnung Ondamaris trägt. Und just in diese Kirche geriet unser Blogger, vermutlich von seiner besseren Hälfte, also dem Maris, dahin getrieben. Nun muss man aber wissen, dass in besagter Kirche auf dem Manubrium, das ist der Registerzug am Spieltisch, der Registername Undamaris der besagten Orgel durch ein tragisches Missgeschick falsch geschrieben wurde. Als damals, zur Bauzeit der Orgel, der Tischler auf Geheiß des Orgelbauers die Manubrien fertigte und die Registernamen einkerbte, rutschte er bei dem Manubrium für das Register Undamaris ab. Das Stemmeisen durchtrennte seinen linken Zeigefinger – Blut spritzte - und hinließ eine ungeplante Kerbe auf dem Manubrium. Und zwar genau über dem U. Eine Kerbe, ein Strich ‘-’ über dem U macht aus dem U ein O. Und so stand da ungewollt und unbeabsichtigt Ondamaris, anstatt Undamaris. Gleichwohl: Ich sehe schon kommen, der werte Blogger Ondamaris wird sein O weiterhin protektionieren.

So, was gibt’s noch mit ‘pro’. Ach ja, zurück zum Proömium, dem Proszenium. Protagonist auf dem Proszenium war Markus Jeroch, ein exzellenter Wortkünstler.  Markus Jeroch klärte uns auf über die Proligion.

Proligion!

Pro-Ligion ist die, so Jeroch, im Gegensatz zur rückwärts gewandten Re-Ligion nach vorn gewandte Ligion der Schöpfung. Wir sagen zu unserem Leben ‘Sein’, von Da-Sein,  und nicht ‘Mein’, weil es uns nicht gehört. Es gehört, meint Jeroch, einem Ihm, und irgendwann müssen wir es zurückgeben, ob wir wollen oder nicht. Jeroch glaubt daran, dass es mehr gibt als nur ein ‘Sein’, mehr als ein klares, einziges, für alle immer gleiches ‘Sein’. Es gibt eine Vielfalt, so dass es nicht heißen sollte, ‘das Sein”, sondern ‘die Seine’. Der Schöpfungsbegriff: ‘DieSeine’. Wir leben in einer ‘DieSeineWelt’. Und das geht auch weiblich. Er nimmt statt ‘Seine’ ‘Ihre’, um dann abzuleiten von der Glaubensaussage, dem ‘Kredo’: ‘KreIhre’. KreIhre, DieSeine!

Und Gott, so erzählt Jeroch, setzte sich und schuf die Geschlechtsteile des Menschen. Es war ein trüber Tag und er hatte schlechte Laune. Und als er fertig war und sah, was er angerichtet hatte, sprach Gott: “Bei mir! Was habe ich getan? Das sieht ja schrecklich aus. Das wird doch niemand anfassen, niemand benutzen!” Und Gott setzte sich erneut und schuf den Sexualtrieb. Dann lächelte er und sprach: “So – jetzt müssen sie.”

Und um auf die Vor-Haut zurückzukommen, möchte ich abwandeln: Sie müssen nicht mit ihren Penissen oder Fingern durch feucht gebietende Vorhöfe. Jetzt dürfen sie vielmehr, die schwulen Männer, mit ihren Vor-Häuten spielen und ihre Vor-Steherdrüsen (Pro-Stata hätte auch gepasst) massieren.

So, genug Text für heute (ja, ich weiß: mehr als genug). Ich gehe jetzt zu meinem Freund und schaue, was ich dort kommen sehe. Und ich werde versuchen, die Zeitspanne zwischen dem Schauen und dem Kommensehen so lange wie möglich zu prolongieren.

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