26 Feb 09

Durch einen Post auf ondamaris bin ich auch eine Veröffentlichung des AOK-Bundesverbandes eV aufmerksam geworden. Im Winterheft, Seite 8, der AOK-Zeitschrift ju[gendpressedien]st darf sich eine als Psychotherapeutin und Ärztin der AOK Baden-Württemberg firmierende Sabine Hawighorst-Knapstein (angeblich promoviert) verbreiten:

Ist Aids noch ein Thema? Leider ja: Die Immunkrankheit Aids ist eine lebensstilbedingte Infektionskrankheit, die immer noch auf dem Vormarsch ist.

Lebensstilbedingte Infektionskrankheit? Diese aus der Gauweilerschule stammende Formulierung und die dahinterliegende Vorstellung von der Verderbheit bestimmter Lebensstile ist in dieser oder ähnlicher Form in den Pamphleten von proKöln und und anderen rechtsextremen Organisationen zu lesen. Derartigen idologischen Schmarrn in einem Jugendblättchen der AOK zu finden, hat mich sehr irritiert.

Hawighorst-Knapstein schreibt auch:

Ein Kondom – auch für Frauen – mindert die Gefahr der Übertragung einer Geschlechtskrankheit. Und natürlich die umsichtige Partnerwahl!

Hier hat offenbart Christl Vonholdt den Bleistift geführt, die schon seit Jahren mit ihrer evangelikal vergifteten Ideologie und Idiotie Ratschläge zur Partnerwahl erteilt und ihre Tipps früheren Vorstellungen zur Reinhaltung des Volkskörpers entnimmt.

Ich habe bei dem AOK-Bundesverband nachgefragt, ob man denn nicht diese idologischen Verführungsversuche zumindest aus der Jugendarbeit heraushalten könnte1:

Sie und die in Ihrem Bundesverband zusammengeschlossenen Krankenkassen bezeichnen sich als „Die Gesundheitskasse“. Sie werden mir gewiss zustimmen, dass über rein medizinische Aspekte hinaus auch ein friedliches Zusammenleben der Menschen unter dem Begriff „Gesundheit“ zu subsumieren ist und alle Verbände und Gruppen in unserer Gesellschaft sich nach Kräften um ein friedliches und ideologiefreies Zusammenleben aller Menschen bemühen sollten. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir mitteilen würden, was Sie bewogen hat, dieses hetzerische, ganz offensichtlich gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gerichtete und vor dem Hintergrund einer überkommenen Moralvorstellung formulierte Statement Ihrer Frau Dr Hawighorst-Knapstein in einer Zeitschrift abzudrucken, beziehungsweise im Internet zu veröffentlichen, die sich an junge Menschen wendet. Dankbar wäre ich auch, wenn Sie sich dazu äußern würden, welche inhaltliche Haltung der AOK-Bundesverband zu diesem Thema vertritt.

Der Bundesverband erwiderte in Gestalt seines Pressesprechers2:

Ich begrüße, dass Sie sich um ein friedliches und ideologiefreien Zusammenleben aller Menschen bemühen. Frau  Dr. Hawighorts[sic!]-Knapsteins Aussagen stehen dazu in keinem Gegensatz.

Das bedeutet, dass der Bundesverband nicht in der Lage ist, das überholte Menschenbild Hawighorst-Knapsteins und ihre in höchstpersönliche Lebensbereiche hingehenden gesundheitspolitischen Vorstellungen zu durchschauen, oder, schlimmer noch, er regulatorische, nach historischem Vorbild die freie Partnerwahl unterbindende  Ansichten vertritt.

Hawighorst-Knapstein ist auch in anderen Bereich zurückgeblieben:

Keine Heilung in Aussicht! Durch Sexualkontakt (Vaginal-, Oral-, Analverkehr) oder auch durch mehrfach benutzte Spritzen, z.B. bei Drogenabhängigkeit, wird sie übertragen.

Sollte eine Ärztin im Jahr 2008 nicht wissen, dass nicht AIDS übertragen wird, sondern allenfalls HI-Viren? Und wäre es nicht angebracht, die Übertragungsrisiken der verschiedenen Formen des Sexualkontakts etwas diffenzierter darzustellen? Was der Einschub “z.B. bei Drogenabhängigkeit” soll, erschließt sich mir nicht.

Ich habe bei dem AOK-Bundesverband nachbefragt, was dieser Blödsinn in der Jugendzeitschrift soll. Die Antwort:

Wir sehen keinen Anlass zur Kritik an der von Ihnen zitierten Äußerung von Frau Dr. Hawighorst-Knapstein. Sie werden uns sicher zustimmen, dass gerade Jugendliche klar und deutlich über die Infektionsrisiken bei ungeschützem Geschlechtsverkehr aufgeklärt werden müssen.

Ja, und warum lässt man dann diese Hawighorst-Knapstein herumpfuschen?

AOK – Die Dummheitskasse

_________________________

[1] Im Wortlaut:

[...] dem Impressum der Zeitschrift ju[gendpressedien]st entnehme ich, dass der AOK Bundesverband Herausgeber und Verleger dieser Zeitschrift ist.

In der Ausgabe 05.2008 (Baden-Württemberg) wird ein neben einem oberflächlich verfassten und nicht dem Stand der Wissenschaft entsprechenden Artikel über AIDS eine Frau Dr. Hawighorst-Knapstein mit den Worten zitiert:

Ist Aids noch ein Thema? Leider ja: Die Immunkrankheit Aids ist eine lebensstilbedingte Infektionskrankheit, die immer noch auf dem Vormarsch ist. Keine Heilung in Aussicht! Durch Sexualkontakt (Vaginal-,Oral-, Analverkehr) oder auch durch mehrfach benutzte Spritzen, z.B. bei Drogenabhängigkeit , wird sie übertragen.

Übrigens: Ein Kondom – auch für Frauen – mindert die Gefahr der Übertragung einer Geschlechtskrankheit. Und natürlich die umsichtige Partnerwahl!

Vor dem Hintergrund, dass diese Äußerung als „Expertenstatement“ ausgegeben wird, bitte ich um Ihre ausführliche Erläuterung, welcher Lebensstil diese Infektionskrankheit bedingt.

Sie und die in Ihrem Bundesverband zusammengeschlossenen Krankenkassen bezeichnen sich als „Die Gesundheitskasse“. Sie werden mir gewiss zustimmen, dass über rein medizinische Aspekte hinaus auch ein friedliches Zusammenleben der Menschen unter dem Begriff „Gesundheit“ zu subsumieren ist und alle Verbände und Gruppen in unserer Gesellschaft sich nach Kräften um ein friedliches und ideologiefreies Zusammenleben aller Menschen bemühen sollten. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir mitteilen würden, was Sie bewogen hat, dieses hetzerische, ganz offensichtlich gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gerichtete und vor dem Hintergrund einer überkommenen Moralvorstellung formulierte Statement Ihrer Frau Dr Hawighorst-Knapstein in einer Zeitschrift abzudrucken, beziehungsweise im Internet zu veröffentlichen (http://www.aok.de/bawue/rd/media/ju0805bw-just.pdf), die sich an junge Menschen wendet.

Dankbar wäre ich auch, wenn Sie sich dazu äußern würden, welche inhaltliche Haltung der AOK-Bundesverband zu diesem Thema vertritt.

Hinsichtlich der HIVpositive Menschen in unerträglicher Weise diskriminierenden Aussage, „und natürlich die umsichtige Partnerwahl!“, bitte ich um Ihre Ratschläge, nach welchen Kriterien ich meinen Partner wählen soll. Aus der von Frau Dr Hawighorst-Knapstein gewählten Formulierung und dem Kontext, in den sie von der Verfasserin und der Redaktion der Zeitschrift gestellt wurde, ist zu entnehmen, dass die Verfasserin (und die Redaktion?) die Ansicht vertritt, dass HIVpositive Menschen und Menschen mit einem Lebensstil, wie auch immer dieser sich darstellen mag, den die Verfasserin mit AIDS in einem ursächlichen Zusammenhang bringt, als Sexual- und Lebenspartner auszugrenzen sind. Auch insoweit bitte ich um Ihre ausführliche Erläuterung, wie ein solcher Text und die sich darin manifestierende Geisteshaltung Eingang in Ihre Zeitschrift für Jugendliche Eingang finden konnte und wie die Haltung des AOK-Bundesverbandes zu diesem Thema ist.

Ihrer Expertin bitte ich nahezubringen, dass durch Sexualkontakte allenfalls HI-Viren übertragen werden können, nicht aber die Krankheit AIDS. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir erläutern würden, welchen Qualitätsanspruch Sie für Ihre Zeitschrift erheben, wenn die von der Radaktion als Expertin ausgegebene Frau Dr Hawighorst-Knapstein schon in zwei oder drei Sätzen abgrundtiefes Nichtwissen offenbart. [...]

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[2] Im Wortlaut:

[...] Wir sehen keinen Anlass zur Kritik an der von Ihnen zitierten Äußerung von Frau Dr. Hawighorst-Knapstein. Sie werden uns sicher zustimmen, dass gerade Jugendliche klar und deutlich über die Infektionsrisiken bei ungeschützem Geschlechtsverkehr aufgeklärt werden müssen.

Auch der Hinweis von Frau Dr. Hawighorst-Knapstein, dass umsichtige Partnerwahl die Gefahr der Übertragung einer Geschlechtskrankheit mindert, ist nicht zu beanstanden.

Ich begrüße, dass Sie sich um ein friedliches und ideologiefreien Zusammenleben aller Menschen bemühen. Frau  Dr. Hawighorts-Knapsteins Aussagen stehen dazu in keinem Gegensatz. [...]

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