18 Feb 09

Es ist noch nicht lange her, da verkündete Markus Danuser, Vorstand des Kölner Lesben- und Schwulentages (KLuST), via Kölner Stadt-Anzeiger in markigen Worten:

Die Toleranz, die die Teilnehmer für sich einfordern, soll jedoch „nicht durch maßlose Provokation überstrapaziert werden“. Zudem soll härter gegen – ohnehin strafbare Tatbestände – wie Entblößen oder sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit vorgegangen werden. Andere Teilnehmer und Zuschauer werden aufgefordert, derart provozierendes Verhalten nicht nur zu beobachten, sondern ihr Missfallen laut kund zu tun und die Polizei zu alarmieren. Derartige Störenfriede sowie jeder, der Jugend gefährdende Schriften verbreitet oder illegale Drogen einnimmt, sollen nicht nur – nach Möglichkeit – angezeigt werden, „sondern zudem öffentlich an den Pranger gestellt werden“, so Klust-Vorstand Markus Danuser. Dies könnte in Form einer Veröffentlichung des Namens oder eines Fotos des Übeltäters im Internet geschehen.

Ähnlich wie dieser Tage die römisch-katholische Kirche erkannte der KLuST, dass es durchaus angebracht ist, Reden, Denken und Handeln in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Um die auf diese Weise neu gewonnenen Erkenntnisse unter’s Volk zu bringen, bemühte Markus Danuser, quotenmäßig korrekt von der KLuST-Vorständin Sabine Arnolds beschützt, flugs erneut den Kölner Stadt-Anzeiger als Verkündungsmedium:

Markus Danuser und Sabine Arnolds vom Kölner Lesben- und Schwulentag KLuST konkretisieren ihre Vorschläge.

Aha, was vor wenigen Tagen noch als “einstimmig [beschlossene] “Anstands-Erklärung” für die Teilnehmer der CSD-Parade” in die Gehirne der schwulen Männer (Frauen, auch lesbische, scheinen bisher nicht ins Visier der KLuSTler geraten zu sein) eingetrichtert werden sollte, kommt nun als “Vorschläge” daher.

Heißt es in der Charta noch (Hervorhebungen durch mich),

[...] deren Beachtung wir auch von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der CSD-Parade verbindlich erwarten.

macht Herr Danuser jetzt daraus:

Das bezieht sich in keinem Fall auf Einzelpersonen, sondern auf Institutionen oder Unternehmen [...]

In der Charta steht klipp und klar,

Sollte ein angemeldeter Teilnehmer / eine angemeldete Teilnehmerin es im Vorfeld der CSDParade ablehnen, die Charta und ihren Inhalt als für sich und seinen / ihren Verein / Gruppe / Unternehmen verbindlich zu akzeptieren, informiert der KLuST seine Mitglieder und – in geeigneten Fällen – die Öffentlichkeit über diesen Umstand und versucht zugleich, dennoch auf die Einhaltung der Charta hinzuwirken.

doch auch davon will Herr Danuser nichts mehr wissen:

Aber niemals bei einzelnen Personen. Das wollen wir nicht. Wollen wir nicht, dürfen wir nicht und werden wir nie tun.

Frau Arnolds ergänzt mit einem kessen Spruch,

Es geht nicht um Jungs, die ihr Schottenröckchen lüften. Wir haben grundsätzlich nicht das Recht, jemandem die Teilnahme zu verwehren.

und ich ahne, wie es in den Vorstandssitzungen des offenbar leicht männerfeindlichen KLuST zugeht.

Auch der Kölner Stadt-Anzeiger zeigt sich ob dieses Sinneswandels irritiert,

Aber die Charta richtet sich doch auch an jeden einzelnen Paradeteilnehmer.

und lernt aus Frau Arnolds’ berufenem Munde:

Alle Teilnehmenden sollten Taktgefühl an den Tag legen. Was der Einzelne darunter versteht, können und wollen wir gar nicht festschreiben.

Nun, der Schottenrock, auch in gelüftetem Zustand, ist erlaubt. Schade, dass der Stadt-Anzeiger in dem Gespräch nicht mehr herausgearbeitet hat. Jedoch fragt er (der Stadt-Anzeiger, nicht der Schottenrock) wohlüberlegt und scharfsinnig:

Warum nicht?

Frau Arnolds, an dieser Stelle wohl langsam gegenwärtigend, dass die gesamte Charta nichts taugt, hilft sich wie folgt:

Was nicht unter das Strafrecht fällt, ist in der Regel Geschmackssache.

Der Stadt-Anzeiger ist empört. Da hatte man doch vor wenigen Tagen sich vor den Karren des KLuST spannen lassen und die Charta bejubelt, und nun soll alles nur eine Frage des guten und schlechten Geschmacks sein? Dabei weiß doch jeder, dass man den Kölnern mit ‘gutem Geschmack’ gar nicht zu kommen braucht (OK, das ist jetzt ein bisserl sehr pauschal).

Eigentlich eine Bankrotterklärung, wenn man etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, so betonen muss.

Da schieß Herr Danuser hervor und kämpft um seine Charta:

Die schwul-lesbische Szene ist genau so bunt und vielfältig wie die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft. Die Bandbreite ist enorm. Wir müssen versuchen, Extreme zu bündeln und auf ein gemeinsames Fundament zu bringen. Das ist die Charta. Die Bandbreite darf dadurch aber nicht beschnitten werden.

Was damit gemeint ist, verstehen weder ich noch der Stadt-Anzeiger. Butter bei die Fische:

Was wäre denn ein Fall für die Charta?

Und jetzt aufgepasst. Herr Danuser erklärt uns, was er gemeint hat, als er kürzlich mit leichter Hand die bewährten Methoden der mittelalterlichen Inquisition mit den Errungenschaften der Neuzeit verband und Störenfriede angezeigt und „zudem öffentlich an den Pranger gestellt”, zum Beispiel durch eine Veröffentlichung des Namens oder eines Fotos des Übeltäters im Internet, sehen wollte:

Wenn ein Fetisch lediglich angedeutet wird, wie beim Mitführen einer Peitsche, ist das für uns nicht „Charta-relevant“. Wenn der Fetisch jedoch „ins Werk gesetzt“ wird, also die Peitsche auf den Partner gerichtet eingesetzt wird, dann wäre das für mich ein Fall für die Charta. Dann wäre es unsere Aufgabe, auf diese Menschen zuzugehen, an die Charta zu erinnern und zu fragen, ob das wirklich sein muss. Aber wir wollen kein Spalier von Sicherheitsbeamten. Das wäre der Tod der Freiheit.

Forderten Danuser und Arnolds dieser Tage noch Spitzelei und Verrat, indem sie den Stadt-Anzeiger mitteilen ließen,  andere Teilnehmer und Zuschauer seien aufgefordert, derart provozierendes Verhalten nicht nur zu beobachten, sondern ihr Missfallen laut kund zu tun und die Polizei zu alarmieren, liegt jetzt plötzlich nichts weniger als die Freiheit auf dem Sterbebett.  Und zwar auf dem Sterbebett, das hier Charta genannt wird!

Woher die überraschende Erkenntnis? Die komische Charta gibt derartige Lichtblicke nicht her. Herrn Danuser’s bemerkenswerte Umdeutung seiner eigenen Worte kommt von woanders her. Von der Straße, da wo die Parade stattfinden soll:

Und es gibt viele homosexuelle Frauen und Männer, die sagen: Jetzt grenzen wir uns schon selbst ab, z. B. von Paradiesvögeln und Fetischleuten. Aber wir dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen, nur weil wir immer „normaler“ werden.

Und mit Freude lese ich, dass auch noch etwas Anderes Platz im Denken der KLuST-Vorstände gefunden hat:

Wir feiern in diesem Jahr 40 Jahre CSD. Und der geht zurück auf den Widerstand vor allem von Transsexuellen, Strichern und Lederkerlen in der Christopher Street in New York. Das waren genau diese Paradiesvögel, der wir unsere Bewegung verdanken. Wir werden sie nicht verleugnen, nur um in der Mehrheitsgesellschaft besser gelitten zu sein.

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