Der Kölner CSD als Fronleichnamsprozession

Veranstalter des alljährlichen Kölner CSDs ist der Kölner Lesben- und Schwulentag eV (KLuST).

Seit Jahren wird in diesem Verein und einem Teil der Kölner Öffentlichkeit über die inhaltliche und organisatorische Ausrichtung des CSDs gestritten.

Nachdem Veranstalter, Teilnehmer und Zuschauer offenbar stillschweigend übereingekommen sind, dass der CSD zumindest in Köln auch inhaltsfrei durchgeführt werden kann, macht sich der KLuST nun daran, auch die äußere Form des CSD so zu reglementieren, dass der CSD möglichst nicht mehr als Veranstaltung schwuler Menschen erkannt wird. Es soll nunmehr ein an den Vorstellung der Werbewirtschaft, der konservativen Kräfte und religiöser Vereinigungen orientiertes Fest werden, das schwulenfeindlich eingestellten Menschen jeglicher Coleur wohlgefällt. Eine klinisch reine Party für alle, nur eben nicht mehr für schwule Menschen.

Die Methoden zur Zielerreichung sind neuerdings in einem Regelwerk, mit großem Gestus ‘Charta’ genannt, niedergelegt, damit,  ganz wie es früher die Staatsmacht organisiert hat, alles seine scheinlegale Ordnung hat.

So geht’s demnächst zu auf Köln’s Straßen:

Obwohl die CSD-Parade als politische Demonstration einen besonderen versammlungsrechtlichen Status hat, ist sie selbstverständlich kein rechtsfreier Raum. Daher sind alle Verhaltensweisen, die auch im alltäglichen Leben strafbar sind, auch während der Teilnahme an der CSD-Parade verboten.

Es wäre vermessen, bereits an dieser Stelle den Geist von Stonewall zu beschwören, aber mit so einem Paradigma wäre damals in New York nichts, aber auch gar nichts passiert; dann würden sich schwule Menschen immer noch in dem Zwinger bewegen, den  ihnen die Mehrheitsnormgesellschaft hinstellt. Mit so einer Einstellung brauchten die Jungs in Russland und anderen osteuropäischen Staaten gar nicht erst antreten, um auf der Straße für ihre Rechte einzutreten.

Der KLuST als Aufrufer zur CSD-Parade ist zwar nicht zuständig für die Sicherstellung der Einhaltung der allgemeinen Gesetze oder für die Strafverfolgung. Wir arbeiten jedoch eng mit der Polizei und den Ordnungsbehörden zusammen und werden unsere Helferinnen und Helfer, die jedes Jahr für die Organisation und Abwicklung der CSD-Parade sorgen, dazu anhalten, im zumutbaren Rahmen für die Einhaltung dieser Charta zu sorgen.

Mit Strafverfolgung ist hier die Verfolgung schwuler Menschen gemeint. Und falls die Polizei nicht genug verfolgt, machen der KLuST und seine Häscher es eben selbst.

Beim äußeren Erscheinungsbild und beim Verhalten während der CSD-Parade sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Taktgefühl beweisen und Rücksicht nehmen auf die anderen Teilnehmenden der Parade und auf die Menschen am Straßenrand.

Da werden die Schaulustigen aber entäuscht sein, wenn’s nichts mehr zu schauen gibt.

Die Kreativität bei der Mottoumsetzung, die spürbare Lebensfreude der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die politische Aussagekraft machen den CSD Köln so bunt und einzigartig.

Artig! Einzigartig in dem Sinne, dass es wohl der erste und einzige CSD ist, in dem schwule Menschen, nämlich die schwulen Menschen, die sich nicht dem Geschmacksempfinden und den unflexiblen und bürokratischen Tolerenzvorstellungen der KLuSt-Juristen beugen wollen, ausgegrenzt werden.

Ich schlage als CSD-Motto vor: Wir sind anständig schwul! Wir grenzen aus!

Wer sich dem Diktat des KLuSt nicht unterwerfen will, wer den Gehorsam verweigert, den will der KLuSt mit folgender Erpressung gefügig machen:

Sollte ein angemeldeter Teilnehmer / eine angemeldete Teilnehmerin es im Vorfeld der CSD-Parade ablehnen, die Charta und ihren Inhalt als für sich und seinen / ihren Verein / Gruppe / Unternehmen verbindlich zu akzeptieren, informiert der KLuST seine Mitglieder und – in geeigneten Fällen – die Öffentlichkeit über diesen Umstand und versucht zugleich, dennoch auf die Einhaltung der Charta hinzuwirken.

Wohl wissend, dass die ’Charta’ keine Rechtwirkung hat und nur eine Absichtserklärung darstellt, macht der KLuST seine Absichten deutlich:

Derartige Störenfriede [...] sollen nicht nur – nach Möglichkeit – angezeigt werden, „sondern zudem öffentlich an den Pranger gestellt werden“, so Klust-Vorstand Markus Danuser. Dies könnte in Form einer Veröffentlichung des Namens oder eines Fotos des Übeltäters im Internet geschehen.

Fehlen nur noch Telefonüberwachung und Spitzeleinsatz.

Warum führt man die Parade nicht in einem geschlossenen Raum durch? Das stört dann niemanden. Vielleicht im Kölner Dom, dann könnte man auch direkt eine Gebetspause einführen.

Diese ‘Charta’ ist eine Pamphlet der Unterwerfung und ein Kniefall vor dem moralinsauren Mainstream. Ein Dokument der Angst und der Furcht. Eine Anbiederung an den restaurativen und konservativen Kleingeist!

Der Kölner CSD hat nicht mehr das Recht, die Buchstaben CSD in seinem Namen zu führen. Das Andenken an die Ereignisse in der Christopher Street ist nicht das Andenken an Duckmäuser und Klemmschwestern, nicht das Andenken an angepasste und unauffällige Schwule, die ihre Identitäten an mehrheitsfähigen Toleranzmustern ausrichten. Es ist das Andenken  an Ledermänner, Transen, Stricher und andere, die die Gesellschaft zu Außenseitern gemacht hatte, und die sich gewehrt haben, die sich nicht konform verhalten wollten, die sich nicht anbiedern wollten, die sich nicht etwa gegen die Staatsgewalt verteidigt haben, weil sie so sein wollten wie ‘die anderen’, sondern weil sie so sein wollten, wie sie waren.

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