30 Jan 09

Die englische Sprache erlaubt im Gegensatz zum Deutschen die semantische Unterscheidung zwischen einem friend und einem boyfriend. Als boyfriend wird ein Mensch bezeichnet, der nicht nur Freund, sondern auch Lebensgefährte, liebender und geliebter Mensch ist. Ich habe Einen und damit alle Hände voll zu tun (im wörtlichen und übertragenen Sinne). Um ihn, der mich schon zu vielen Posts verleitet hat, geht es diesmal nicht.

Habe ich auch friends, Freunde?

Was bedeutet es überhaupt, befreundet zu sein? Was ist eine Freundschaft? Lexika, Wikipedia und große Philosophen haben zu diesen Fragen zwar viel Text, aber keine befriedigenden Antworten anzubieten. Es wird wohl das Leben selbst sein, das diese Antworten geben muss.

Wie lebt man eine Freundschaft? Wie beginnt eine Freundschaft und wie erhält man sie am Leben? Gerade die letzten Wochen verstärken in mir das Gefühl, genau dieses nicht zu wissen. Jedenfalls merke ich, dass irgendwelche Faustformeln, in denen es um Sympathie oder Seelenverwandtschaft geht, nicht funktionieren; bei mir nicht funktionieren. Der Umgang mit Menschen, die mir nicht viel bedeuten, deren Schicksal mir mehr oder weniger gleichgültig ist, fällt mir oft leichter, als der Umgang mit Menschen, die ich gerne habe. Wenn ich jemanden nicht mag, mache ich mir, von taktischen Erwägungen abgesehen, nicht viele Gedanken darüber, wie mein Verhalten und meine Äußerungen ‘ankommen’.

Bei Menschen die ich mag, versuche ich – meistens jedoch schon im Versuchsstadium scheiternd – konzilianter, kompromissbereiter und vorsichtiger zu formulieren. Warum eigentlich? Freunde müssten doch eigentlich wissen, dass ich, soweit ich an sie adressiere, sie, auch wenn die Formulierungen knapp und die Diktionen hart sind, nicht verletzen oder kränken will und nicht um jeden Preis Recht haben will. Freund müssten doch eigentlich ‘fühlen’, was hinter dem im Eifer des Gefechts Gesagten oder Geschrieben wirklich steckt. Ich habe den Eindruck, dass in Freundschaften Misstrauen und Empfindlichkeiten weit stärker ausgeprägt sind, als dies unter weniger stark verbundenen Menschen der Fall ist. Bei den letztgenannten ist sicher auch keine entsprechende Erwartungshaltung vorhanden, die enttäuscht werden könnte. Offenbar basieren Freundschaften in einem hohen Maß auf Erwartungen. Erwartungen, die ich, meiner Wahrnehmung nach, reihenweise enttäusche.

Die Erwartungen und ihre Erfüllung oder Nichterfüllung, und das mag eine Freundschaft von einer geschäftlichen oder sonstigen vertraglichen Beziehung unterscheiden, werden in Emotionen umgesetzt.

Emotionen sind wichtig. Und es ist wichtig Emotionen im wirklichen Leben zu erleben (!) und nicht nur die via Medien vorgegebenen Emotionen zu spiegeln. Eine Freundschaft ist dem entgegen aber nach meinem Verständnis nicht dazu da, einen bestimmten, erwünschten und programmierten emotionalen Verlauf zu nehmen. Sie lebt vielmehr von dem Erleben des Lebens. Und doch wird sie immer wieder als Vehikel verwendet, um bestimmte Erwartungen zum Ausdruck zu bringen und ihre Erfüllung durchzusetzen. Der Vorhalt, nicht einer Meinung zu sein, nicht genug Zeit zu haben, wird mit einer emotionalen Drohgebärde verbunden – oft unterschwellig, meistens unbeabsichtigt. Erreicht wird dadurch, dass einer der Beteiligten seinen Standpunkt aufgibt, sich auf einen Kompromiss einlässt, Dinge sagt, tut und denkt, die nicht die seinen sind. Mir kommt das manchmal so vor, wie zwei Menschen in einem Boot. Der eine setzt sich, um dem anderen einen Gefallen zu tun, mit diesem auf dieselbe Seite des Boots und beide benutzen dasselbe Ruder. Sie können nun rudern so viel sie wollen, es bringt ihnen vielleicht Spaß, ein temporäres Glücksgefühl und andere positive Emotionen, vielleicht sogar den Eindruck von Gemeinsamkeiten, aber es bringt sie schwerlich voran. Keinen von beiden. Weder den, der, wie auch immer, den Wunsch vermittelt hat, beide Ruderer mögen dasselbe Ruder benutzen, noch den anderen, der, um der Freundschaft willen, sich darauf einließ.

Nun könnte ich noch ein Weilchen in dem Boot sitzen blieben und weitere Beispiele bilden, ohne dass es mir helfen würde, ohne dass ich Antworten finden würde.

Was macht eine Freundschaft aus? Wiederum in der englischen Sprache gibt es die Worte trust und confidence. Sie bedeuten nicht das gleiche und können nicht synonym verwendet werden (obgleich es oft geschieht). Im Deutschen wird der feine semantische Unterschied zwischen beiden Begriffen eingeebnet und beide werden mit ‘Vertrauen’ übersetzt. Vertrauen ist ein elementarer Bestandteil einer Freundschaft; so will ich es jedenfalls sehen. Aber im Sinne von confidence!

Trust bedeutet, Vertrauen zu haben, dass jemand einen Vertrag oder eine Abmachung einhält, dass er im Rahmen festgelegter Abmachungen handelt oder ein Beauftragter (Makler, Rechtsanwalt) versucht, das Bestmögliche zu erreichen. Gottgläubige Menschen gebrauchen den Begriff trust ebenfalls in diesem Sinne („he trusted in god that he would deliver him“). Das Vertrauen selbst wird zur Gegenleistung für die Leistung, auf deren Erbringung vertraut wird. Es ist ein geschäftsmäßiges Vertrauen.

So mag ich Vertrauen in einer Freundschaft nicht definieren und deshalb kann ich mit der Wendung ‘Freundschaft schließen’ zumindest in ihrem wortwörtlichen Sinn nicht viel anfangen.

Confidence hingegen ist fernab einer Leistungsbeschreibung das Gefühl, das Bewusstsein, dass der andere, hier: der Freund, das Richtige tun kann und wird. Es ist ein Ausdruck von Zuversicht!

Vertrauen in diesem Sinne sehe ich als elementaren Bestandteil einer Freundschaft. Denn es bindet nicht an bestimmte Ansichten und Wertungen und verlangt keine Rechenschaft. Confidence verlangt lediglich, nicht leichtfertig oder fahrlässig mit der Freundschaft umzugehen.

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