26 Jan 09

Es vergeht kaum ein Tag, an dem schwule Menschen nicht Opfer von gewalttätigen Übergriffen werden. Hier in Deutschland. Bekannt werden diese Gewalttaten nur selten. Die Medien interessieren sich kaum dafür und viele schwule Männer sind, es mag gute Gründe dafür geben, nicht bereit, gegenüber der Polizei deutlich zu machen, dass das jeweilige Verbrechen (vermutlich) einen schwulenfeindlichen Hintergrund hatte. Statistisch erfasst werden die mutmaßlichen oder tatsächlichen Tatmotive ohnehin nicht. Und so bleibt eine Dunkelziffer, von der ich annehme, dass sie erschrecken hoch ist.

Berlin macht nahezu wöchentlich als Brennpunkt antischwuler Gewalt von sich reden. Unter verschiedenen Blickwinkeln werden der Befund und mögliche ‘Therapien’ diskutiert (vgl nur GayWest:  Gewalt gegen Schwule – Gedanken aus Deutschland, Ondamaris: Demonstration gegen homophobe Gewalt). Ob es gelingt eine Lösung zu finden? Ob es gelingt, den Weg zu einem friedlichen Miteinander zu finden?

Die Diskussionen, in den Medien (sofern sie das Thema Schwulenfeindlichkeit überhaupt inhaltlich aufgreifen), im Großen wie im Kleinen, kreisen fast immer um die Täter, darum, aus welchen Bevölkerungsgruppen die Täter stammen oder auch nicht, was sie wohl zu ihrer Tat bewegt haben mag, Homophobie als Tatmotiv wird gerne geleugnet, und wie man ihnen  – den Tätern! – helfen könne. Und ich habe durchaus den Eindruck, dass die Politik gerne bereit ist, Zeit und Geld in die Beschäftigung mit den Tätern und die Betreuung potenzieller Täter zu investieren und die Medien sich lieber mit der Lebensgeschichte von Gewalttätern beschäftigen, als mit dem Schicksal der Opfer.

Denn was bleibt?  Was wird aus den Menschen, die Opfer dieser sinnlosen Gewalt geworden sind? In den wenigen Berichten über antischwule Gewalttaten, die Eingang in die Mainstreammedien finden, ist regelmäßig von entsetzlich brutaler Gewalt die Rede. Die Opfer werden, sofern sie die Tat überleben, in den meisten Fällen unter lebenslangen physischen Beeinträchtigungen oder sogar schweren körperlichen Behinderungen zu leiden haben. Von den wirtschaftlichen Folgen (Verlust des Arbeitsplatzes oder des eigenen Unternehmes) ganz zu schweigen. Werden die Täter, wie so oft,  nicht ermittelt, können Schadenersatzansprüche nicht geltend gemacht werden. Oder, wenn sie dingfest gemacht werden, ist ihre  Situation dergestalt, dass finanzielle Forderungen nicht realisiert werden können. Die Leistungen der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung können sich schnell als unzureichend erweisen. Private Berufsunfähigkeitsversicherungen lassen ihre Leistungspflicht gerne in jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen klären.

Milderung der finanziellen Folgen, die ein Opfer  einer Gewalttat zu tragen hat, verspricht das Opferentschädigungsgesetz:

Wer im Geltungsbereich dieses Gesetzes oder auf einem deutschen Schiff oder Luftfahrzeug infolge eines vorsätzlichen, rechtswidrigen tätlichen Angriffs gegen seine oder eine andere Person oder durch dessen rechtmäßige Abwehr eine gesundheitliche Schädigung erlitten hat, erhält wegen der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen auf Antrag Versorgung in entsprechender Anwendung der Vorschriften des  Bundesversorgungsgesetzes.

Verstirbt das Opfer an den Folgen der Tat, dann haben die Hinterbliebenen (dazu gehören auch Lebenspartner im Sinne des Lebenspartnerschaftsgesetzes), soweit die sonstigen gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind, Ansprüche nach dem Opferenschädigungsgesetz.

Das ist das eine. Das andere sind die seelischen Folgen, die Gewalterfahrungen mit sich bringen. Hier hilft kein Gesetz, keine Versicherung.

Ich weiß nicht, wie man sich fühlt, wie man damit umgehen kann, wenn man, nur weil man schwul ist, zusammengeschlagen, zusammengetreten, niedergestochen wurde; wenn andere Menschen, die in der Nähe waren, nicht geholfen haben. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn man im Krankenhaus aufwacht, und spürt, dass man nichts mehr spürt in den Beinen, wenn man merkt, dass der Kopf nicht mehr richtig arbeitet, wenn man realisiert, dass die Wunden im Gesicht zu häßlichen Narben werden.

Ich weiß nicht, was man empfindet, wenn der Mensch im Krankenbett der eigene, geliebte Freund ist.

Ich weiß nicht, ob schwule Menschen anders oder mehr leiden, als andere. Ich weiß aber, dass die Gesellschaft eher geneigt ist, Verständnis für den oder die Täter aufbringen, wenn das Opfer schwul ist. Ist ’der Schwule’ doch selbst schuld, denn er hat gewiss durch sein auffälliges Verhalten provoziert.

Ich weiß auch nicht, was ein für den Rest seines Lebens physisch und/oder psychisch gezeichneter Mensch denkt, wenn er hört, dass der verständnisvolle Richter den Täter laufen lässt, damit dieser eine zweite Chance erhält. Ich weiß nicht, was er denkt, wenn er hört, dass die Gesellschaft und ihre Sprachrohre darüber sinnieren, wie Gewalttäter wieder in die Gesellschaft zu integrieren sind. In eine Gesellschaft, die die Opfer links liegen lässt, in der sich Opfer dafür schämen, dass sie Opfer sind. In eine Gesellschaft in der sich schwulenfeindliche Gewalt immer mehr ausbreitet und in der sich schwule Menschen immer unwohler fühlen.

Eine Gesellschaft, die bereit ist, nahezu alle Erklärungen, wie zum Beispiel Hinweise auf religiöse Überzeugungen, kulturelle Hintergründe und die berühmte schwere Kindheit und missglückte Jugendzeit, als Entschuldigung für Gewalttaten zu akzeptieren, ja sogar im vorauseilenden Zurückweichen diese ‘Erklärungen’ für zukünftige Gewalttaten als Rechtfertigungsmodell bereithält, eine Gesellschaft, die von den Opfern Toleranz fordert, die Ignoranz der Täter aber zur Grundlage für eine sogenannte zweite Chance macht, sollte sich nicht wundern, wenn sie immer neue Täter und Opfer hervorbringt.

Ein Staat, der sich mehr um die Integration der Gewalttäter, einerlei, ob diese aus religiösen und/oder ideologischen Motiven oder einfach aus einer Laune heraus handeln, bemüht, als um den Schutz der Bevölkerung vor diesen gewaltbereiten Menschen, händigt sein Gewaltmonopol den Gewalttätigen aus.

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