Seit ein paar Tagen schon schiebe ich eine Umfrage der Kölner Respondi AG, die unter dem Label sozioland eine Befragung nach der anderen durchführt, von einer Ecke meines Schreibtischs zur nächsten. Ich hoffte, sie würde vielleicht von selber in den Papierkorb fallen, denn da gehört sie hin.
Es geht um eine Befragung zum Welt-Aids Tag 2008 und die als Studie bezeichnete Auswertung dieser Befragung.
Ein grobes Querlesen dieser Studie zeigt schon, dass hier wenig Belast- und Verwertbares produziert wurde. Ein paar Beispiele:
Die Studienteilnehmer rekrutieren sich aus Menschen, die online ohne Anmeldung oder ähnliches einen Fragebogen ausfüllen, oder die, weil bei Respondi bekannt, gegen Geld- oder Sachwertversprechen zur Teilnahme an der Studie aufgefordert werden. Angeblich kann Respondi dabei auf 40000 potenzielle Studienteilnehmer zurückgreifen. Er darf bezweifelt werden, dass diese 40000 Menschen einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt darstellen. Für die hier diskutierte Befragung wurden knapp 1200 Teilnehmer gewonnen, von denen anzunehmen ist, dass sie keineswegs den Bevölkerungsquerschnitt repräsentieren.
Die Befragungsergebnisse werden nach der sexuellen Identität der Befragten aufgegliedert. Und so kommt es, dass gerade mal 73 Menschen, die von sich angeben, sie seinen bisexuell, das Befragungsergebnis bisexueller Menschen tragen, und sage und schreibe 40 Menschen, die von sich sagen, sie seien lesbisch, das Befragungsergebnis lesbischer Menschen tragen. Diese Befragungsteilnehmer haben offenbar nicht alle Fragen des ermüdenden Fragebogens beantwortet, so dass sich die Aussagen teilweise auf noch deutlich weniger Antworten (in einem Fall nur 2 Antworten) stützen.
In der Aufgliederung der Antworten nach Altergruppen wird teilweise auf die Antworten von nur einer einzigen (!) Person zurückgegriffen.
Ebenfalls wird bei einigen Fragen unterschieden nach dem Wohnland der Teilnehmer. Von den lesbischen Teilnehmerinnen lebt eine einzige in der Schweiz, von den schwulen Teilnehmern leben dort weniger als 5. Gleichwohl wird das Umfrageergebnis so dargestellt, als habe es für Deutschland, Österreich und die Schweiz Gültigkeit.
Diese windige Befragung wird in einer ebenso windigen Veröffentlichung verwurstet. So heißt es unter der Überschrift “Auch Du, Brutus”:
Dennoch ist knapp ein Drittel aller Befragten der Meinung, dass das Thema HIV und AIDS sie persönlich nicht betrifft, der überwiegende Teil davon sind Frauen. Heterosexuelle sehen sich ebenfalls als weniger gefährdet, während die schwulen Teilnehmer sich offenbar ihres erhöhten Risikos bewusst sind. Nur 9% von ihnen fühlen sich nicht persönlich angesprochen.
Ich bin schwul, aber deshalb ist mein Risiko in Bezug auf HIV und AIDS nicht erhöht.
Die zu dieser sozioland-Feststellung gehörende Umfragefrage lautet:
Wie bewerten Sie folgende Aussagen zum Thema HIV und Aids? – HIV und Aids betrifft mich persönlich nicht.
Risiko und persönliche Betroffenheit sind mitnichten dasselbe.
Dann wird mitgeteilt:
Das Schweizer Motto „Ein Zeichen setzen – gegen Diskriminierung“ hingegen befand die überwiegende Mehrheit (97%) der Schweizer Teilnehmer/innen für gut.
Die überwältigend große Zahl von 72 (!) Schweizern und Schweizerinnen hat sich zu diesem Motto geäußert. Und dennoch muss diese Wertung der Fantasie der Studienmacher entsprungen sein, da in dem Fragebogen gar nicht nach gut, sehr gut oder weniger gut oder nicht gut gefragt worden ist.
Zum Österreichischen Motto teilen die Verfasser der Studie mit:
Unterschiedlich gestalteten sich auch die Meinungen zum österreichischen Motto „Nicht alles Positive sieht man gleich“. Während einige der Befragten die Zweideutigkeit lobten, wurde sie von anderen als „zu komplex“ und nicht eingängig genug kritisiert. Auch die Sorge, dass Betroffene stigmatisiert würden, wurde laut.
Wurde laut? Wer wurde denn da laut? Eine(r) der Befragten hat auf seinen (ihren) Fragebogen zu diesem Thema gekritzelt: “Stigmatisiert Positive”. Wurde laut? Lächerlich! Wie nennen es denn dann die Studienverfasser wenn ich mich hier in meinem Blog zu einem Thema, sagen wir mal zum Thema ’schwachsinnige Studien’ und deren Verfasser, äußere?
Richtig blöd wird’s unter der Überschrift “Mach’s mit”:
Wie weit Theorie und Praxis voneinander entfernt liegen können, wurde in dieser Umfrage besonders deutlich. Denn trotz des Wissens um die Infektionsmöglichkeiten und ihre Folgen, glauben mehr als die Hälfte der Befragten offenbar, sie selbst seien nicht gefährdet.
Wenn ich etwas weiß, kann ich nur nicht glauben, sondern sogar ganz folgerichtig zu dem vernünftigen Schluss kommen, nicht gefährdet zu sein. Einfache Denkgesetze der Logik sind bei sozioland wohl nicht bekannt.
Obwohl knapp die Hälfte der schwulen und heterosexuellen Befragten in einer Beziehung auf das Verhüterli verzichtet, ist wohl das bedenklichste Ergebnis der Umfrage, dass immer noch 6% aller Befragten generell kein Kondom benutzen.
“Obwohl”? “Ist wohl”? Was soll den das werden? Und warum ist es bedenklich, dass immer noch 6 % aller Befragten generell kein Kondom benutzen? Wird neuerdings eine 100 % Quote angestrebt? Und falls ja, warum? Ich habe den Eindruck, die Studienverfasser werden von einem Kondomhersteller bezahlt und/oder sind nicht auf dem neuesten Stand der Wissenschaft.
Ein kleines Aperçu: In den 6 % sind auch die lesbischen Befragungsteilnehmerinnen enthalten, die angaben, generell keine Kondome zu benutzen. Da sind ganz große Experten am Werk, bei Sozioland!
Munter dämlich geht’s unter der Überschrift “Verantwortung für alle” weiter:
Bei der Frage, wer eine umfassende Aufklärung leisten sollte, lautete die vorherrschende Meinung „Alle – und jeder selbst“.
Sozioland hat bei der Anpassung des Zahlenwerks an seine Verlautbarung offenbar eine Tabelle übersehen. Denn zu der Frage, wer für eine umfassende Aufklärung verantwortlich sei, haben 7,7 % der Teilnehmer geantwortet:
Jeder steht für sich selbst in der Verantwortung sich Wissen zu diesen Themen anzueignen.
7,7 % reichen wohl kaum für eine “vorherrschende Meinung”! Ich empfehle sozioland, die Zahl in der Tabelle der gewünschten Aussage anzupassen.
Die feinsinnige Semantik der deutschen Sprache lässt die Weisen aus dem Land der sozios in eine kleine Falle tapern. Unter “Geld regiert die Welt” (originell, gell?) heißt es:
Eine Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse in Verbindung mit der Möglichkeit, den Test beim Hausarzt durchführen zu lassen, wird von Drei Viertel der Befragten durchaus als Anreiz gesehen. 32% glauben, dass ‚einige’ Menschen mehr, diese Möglichkeit nutzen würden, 42% sogar, dass es ‚deutlich mehr’ wären. Hier liegen die Erwartungen vor allem der schwulen Teilnehmer (5% vermuten, dass die Anzahl der durchgeführten Tests sogar zurückginge) allerdings hinter denen der heterosexuellen (1%) zurück.
Aus der dazugehörigen Tabelle ergibt sich, dass 1 % der heterosexuellen Teilnehmer glauben, dass die Beteiligung an HIV-Tests bei einer Kostenübernahme durch die Krankenkasse zurückgehe. Von den schwulen Teilnehmern haben 5 % diesen Glauben.
5 ist mehr als 1. Damit liegen die Erwartungen (nämlich das die Testbeteiligung zurückgehe) der schwulen Teilnehmer vor denen der heterosexuellen Teilnehmer, nicht umgekehrt.
Auf eine gestellte Frage, die die ganze wissenschaftliche und soziologische Hinterhoftiefe diese Studie offenbart, ist sozioland in der Verlautbarung nicht eingegangen. Nämlich:
Wie bewerten Sie folgende Aussagen zum Thema HIV und Aids? – An den Folgen von HIV und Aids wird eines Tages die Menschheit zugrunde gehen.
Immerhin: 8,7 % der Befragten haben zugestimmt und 20,5 % haben ihr Kreuzchen im Auswahlfeld “neutral” gemacht.
Das Schlimmste an dieser Studie zum Schluss:
Dass irgendwelche zweifelhaften Medien Interesse an einer zweifelhaften Studie wie dieser haben, überrascht nicht. Aber den LSVD und mehrere AIDS-Hilfen in dieser Liste zu erblicken, erschreckt mich doch sehr! Ich kann nur hoffen, dass diese Organisationen keinen finanziellen Beitrag zu dieser Studie geleistet haben. Dem LSVD würde ich das jedenfalls mehr als übel nehmen.
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