21 Jan 09

“Führt Komasaufen zu mehr HIV-Infektionen?”, titelt die Queer.de und berichtet:

Die Studie “Alcohol Use and Risky Sex in New York City” fand heraus, dass insbesondere Schwule mehr und eher ungeschützten Sex haben, wenn sie extrem betrunken sind. Demnach hat einer von vier New Yorker Schwulen im vergangenen Monat mindestens einmal ein Komasaufen mitgemacht, aber nur einer von sieben in der Gesamtbevölkerung. Komasaufen wird dabei definiert als fünf oder mehr standardisierte alkoholische Getränke – das entspricht ungefähr 0,35 Litern harter Alkoholika, also mindestens eine halbe Flasche Wodka oder Whiskey. (usw)

Wie schön! Eine Studie über schwule Komasäufer. Oder so ähnlich? Oder vielleicht gar keine Studie? Jedenfalls keine richtige? Vielleicht gar wieder nur der übliche Studienunfug?

Schauen wir und das doch mal genauer an:

Drinking alcohol causes many health risks, and excessive drinking is quite common.

More than one in seven New York City (NYC) adults (15%) binge drink — consume five or more drinks on one occasion — at least once a month, similar to the prevalence nationwide (16%).

verkündet das New York City Department of Health and Mental Hygiene vollmundig. Na, die müssen es ja wissen, bestimmt haben sie jahrelange Forschungen betrieben. Haben sie aber nicht und sie wissen es auch nicht, denn:

This report is based on data from several surveys.

Das heißt, hier wurden solange Zahlen miteinander verrührt, bis das gewünschte Ergebnis dabei herauskam. Einige dieser surveys waren Telefonumfragen (!!!). Ergänzend ist das Department höchstselbst zum Ort des Geschehens vorgerückt:

To collect detailed risk-behavior information among men who have sex with men (MSM) at high risk of HIV/AIDS, the Health Department conducted anonymous, in-person interviews in venues frequented by high-risk MSM (such as gay bars) as part of the National HIV Behavioral Surveillance (NHBS) project.

Zum Glück erkennt das Department selbst, dass diese Vorgehensweise unseriös ist:

MSM participating in this survey are not representative of MSM overall and are likely to engage in riskier behavior than all MSM (including those not reached in these venues).

Anstatt aber diesen Unfug zu beenden, verfährt das Department nach dem Motto, jetzt erst recht, je falscher die Zahlen, desto größer die Schlagzeilen:

However, the data can show important relationships between behaviors in this high-risk group.

Damit die Zahlen schön dramatisch wirken, offenbar waren die falschen Leute in den Venues, hat das Department fleißig manipuliert – und gibt es schamlos zu:

MSM who self-reported as HIV-positive, who had only one sex partner in the past year, or who had no casual male partners in the past year were excluded from this analysis.

Interessant finde ich die Erkenntnis, dass es bei Jungs einen stärkeren Zusammenhang zwischen Alkoholgenuss und Schwangerschaft geben soll, als bei Mädels:

Teens who drank alcohol in the past month were nearly twice as likely to report having been pregnant or gotten someone pregnant as those who did not drink (9% vs. 4%)

This relationship between alcohol and pregnancy was seen at every age and was stronger among boys than girls.

Die Terminologie schwankt in dem gesamten Report zwischen ‘drink’, ‘influence of alcohol’ und ‘binge drinking’. Die Definition des ‘binge drinking’ ist außerhalb des Reports zu finden:

defined as five or more drinks on one occasion, at least once a month.

Wie die Queer dabei zu dieser Rechnung

Komasaufen wird dabei definiert als fünf oder mehr standardisierte alkoholische Getränke – das entspricht ungefähr 0,35 Litern harter Alkoholika, also mindestens eine halbe Flasche Wodka oder Whiskey.

kommt, weiß ich nicht.

Diesen Report kann man getrost wegwerfen. Dass ein alkoholisierter Mensch enthemmter ist, eine größere Risikobereitschaft (nicht nur beim Sex) zeigt und sich mehr oder weniger nicht mehr unter Kontrolle hat, ist eine Binsenweisheit. Gleichwohl reagiert jeder Mensch anders auf Alkohol. Es gibt Menschen, die sind auch nach fünf Drinks noch Herr ihrer Sinne und ihres Verstandens, während andere schon nach einem halben Drink sturzbesoffen und deshalb zu so etwas wie Sex überhaupt nicht mehr in der Lage sind.

Vor diesem Hintergrund ist die Empfehlung

For those who choose to drink alcohol, men should not drink more than two drinks per day and women not more than one drink per day, especially in situations that could lead to risky casual sex.

auch nicht gerade belastbar.

Jedoch will das Department mit seinem Report ernst genommen werden, und es wird schnell klar, woher der Wind weht. Es schlägt nämlich vor:

Increasing taxes on alcohol, which have eroded with inflation over the past 50 years.

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