31 Dec 08

Die Forschungsgruppe Public Health bei dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat ihren Gesamtbericht zur im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchgeführten 8. Wiederholungsbefragung “Schwule Männer und AIDS” veröffentlicht.

Bereits vor über einem Jahr hat das WZB einen Kurzbericht über die Befragung vorgelegt, den ich mit kritischen Anmerkungen zur Kenntnis genommen habe. Nach Studium des Gesamtberichts verstärken sich meine Bedenken ob dieses Forschungsansatzes und seiner Umsetzung1.

Der Gesamtbericht trägt den vollmundigen Titel “Wie leben schwule Männer heute?”. Eine Antwort finde ich mitnichten in diesem Bericht. Es geht im Großen und Ganzen um Sex und STIs. Schwules Leben außerhalb von Betten, Darkrooms, Saunen und Arztpraxen wird nur ansatzweise beleuchtet.

Aber selbst die formulierten Erkenntnisse über “Schwule Männer und AIDS” kann ich nur als schlaglichtartig, teilweise sogar irrlichtartig bezeichnen. Denn: Die gesamte Befragung ist methodisch höchst fragwürdig durchgeführt worden. Die daraus gewonnen Erkenntnisse belasten auf rund 170 Seiten den Leser (in zeitlicher Hinsicht), sind aber wenig belastbar. Die Befragungsteilnehmer wurden über ’schwule’ Online- und Printmedien gewonnen. Die Teilnahme war freiwillig. Damit ist von vornherein klar, dass kein repräsentatives Spektrum der Gruppe schwuler Männer für die Befragung zur Verfügung stand. Die mangelnde Repräsentativität wird von den Studienverfassern selbst eingeräumt. Allerdings ist es falsch, wenn die Studienautoren meinen, sie hätten das Stichprobenverfahren ‘conveniance sample’ angewendet (I 1.). Es liegt bei dieser Untersuchung schon gar kein Stichprobenverfahren vor. In einem Stichprobenverfahren entscheidet der Herrscher des Verfahrens, wen er ’sticht’. Hier war es umgekehrt. Es war einer begrenzten, aber nicht nach sachlichen Kriterien abgegrenzten Zahl von Menschen vorbehalten, sich an der Befragung zu beteiligen oder nicht. Ob sich jemand beteiligte oder nicht, war die Folge einer willkürlichen Entscheidung. Und damit sind die Ergebnisse nichts anderes als kumulierte Willkür. Da hilft es auch nichts, wenn die Autoren der Studie darauf Hinweisen, dass andere Studien zu vergleichbaren Ergebnissen geführt haben. Es wirft vielmehr die Frage auf, ob nicht auch die zu Vergleichszwecken herangezogenen Studien an ähnlichen methodischen Defiziten leiden.

Die Autoren des Berichts, es ist ihnen hoch anzurechnen, machen die Problematik nicht repräsentativer Befragungen selbst an einem Beispiel deutlich. Unter III.7 weisen sie darauf hin, dass in der sogenannten MANEO 2007 Studie ein erheblich höherer Anteil der Befragten von antischwulen Gewalterfahrungen berichtete, als in der WZB-Befragung. Gleichwohl hilft der erklärende Hinweis auf den unterschiedlichen Erhebungskontext nicht weiter. Entweder entsprechen die MANEO-Zahlen nicht der Realität oder die des vorliegenden WZB-Berichts. Wahrscheinlich sind alle Zahlen falsch und die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den erhobenen Werten. Ein unbedarfter Leser, der nur die Zahlen des WZB-Berichts in die Finger bekommt, wird jedoch schließen, dass es mit den Gewalterlebnissen ‘nicht so schlimm sei’. Das Verschulden der WZB-Studie liegt darin, viele Themen anzureißen, aber trotz zahlreicher Druckseiten nichts gründlich und haltbar darzulegen.

Mir ist durchaus bewusst, dass es kaum möglich ist, aus einer unbekannten Grundgesamtheit eine repräsentative Stichprobe zu ziehen. Ich weiß aber auch, dass Zahlenspieler aller Art versuchen, dieses grundlegende Hindernis durch pseudowissenschaftliche Begriffsakrobatik zu vernebeln. ‘Conveniance sample’ klingt sehr gut, aber, die wörtliche Übersetzung ist erhellend, bedeutet nichts anderes, als dass Daten auf einem bequemen, jedoch nicht unbedingt zuverlässigen, Weg erhoben wurden. 8170 Fragebögen wurde ausgewertet. Und diese 8170 Fragebögen geben – offenbar nicht qualitätsgesichert – Einblick in die Ansichten und Verhaltenweisen der dazugehören 8170 Fragebogenausfüller. Mehr nicht!

Willkürlich. Ich komme noch einmal darauf zurück, denn das Wort taucht auch in dem Bericht selbst auf. In der Fußnote 48 ist von “willkürlichen Setzungen” die Rede. Es fragt sich, also, ich frage mich, wofür hat man eigentlich diese 8170 Menschen befragt? Ich will die Sache nicht ins Lächerliche ziehen, jedenfalls nicht soweit, als dass sie da nicht mehr herauskommen könnte, aus dem Lächerlichen, aber die Ausführungen unter IV 5. fand ich doch recht,… naja, sie sind nicht ohne Unterhaltungswert. Da wird auf über sex sechs Seiten ausgeführt, mit hypothetischen Netzwerken versehen und schematisch im Kern, im Intermediärbereich und am Rand bepunktet, wer von den 8170 Fragebogenausfüllern wann und wo und wie oft mit wem welche Art von Sex hatte, um zu dem Ergebnis zu kommen, wer sich regelmäßig in Darkrooms am kondomfreien Rudelficken beteilige, gehe ein höheres Risiko ein, als jemand, der seit zwanzig Jahren einzig und allein mit ein und demselben Mann Sex oder gar keinen Sex habe. Ja, da staunt der Leser!

Während im Berichtstitel und der Fragebogenüberschrift noch von schwulen Männern die Rede ist, heißt es im Bericht (I 1. aE):

Weil sich insbesondere jüngere und ältere Männer mit gleichgeschlechtlichem Sex häufig nicht als „schwul” oder „homosexuell” bezeichnen, wird im Folgenden die Formulierung „Männer, die Sex mit Männern haben” (MSM) gewählt.

Im weiteren Text wird dann fröhlich und in beeindruckender Konsequenz ‘MSM’, ’schwul’ und ‘homosexuell’ durcheinandergewirbelt, ohne dass eine rote Linie erkennbar ist. Offensichtlich, die Berichtsverfasser gehen auch davon aus, gibt es Unterschiede zwischen Männern, die Sex mit Männern haben, und schwulen Männern. Nach meinem Verständnis bilden schwule Männer eine Untergruppe der MSM. Ein Fragebogen, der sich seiner Überschrift nach an schwule Männer richtet, erfasst einen erheblichen Teil der MSM nicht. Danach verböte es sich, die Angaben aus den Fragebögen auch auf MSM, die sich nicht als schwul bezeichnen, zu übertragen. Andererseits haben sich, der Fragebogen und die Auswertung geben es her, wohl auch nicht wenige Männer an der Befragung beteiligt, die sich nicht als schwul (oder homosexuell) bezeichnen. Es ist nachgerade fahrlässig, die Angaben dieser Männer, also der nicht schwulen MSM, den Männern zuzurechnen, die sich als schwul bezeichnen und unter dem Titel “Wie leben schwule Männer heute?” in die Welt hinauszuposaunen. Ich jedenfalls möchte mit diesen Herrschaften nicht in einen Topf geworfen werden!

In diesem Zusammenhang frage ich mich, was die 19 % “über 44-jährigen MSM, die mit ihrer festen Partnerin zusammenwohnen” (III 2.) bewegt hat, einen mit “AIDS – Wie leben schwule Männer heute?” betitelten Fragebogen auszufüllen. Allerdings konnte in dem Frageboten unter Frage 56 (“Sind Sie …”) nicht nur mit “männlich” geantwortet werden. “Weiblich” war ebenso als Antwortmöglichkeit vorgesehen. Daher wundert mich gar nichts mehr.

Soweit für die Befragung auf Internetmedien gesetzt wurde, generierte das Portal GayRoyal fast ein Drittel des Fragebogenrücklaufs (I 2.). Zur Vermeidung allzu großer Schieflagen, unbeschadet der generellen Methodenkritik, hätte bei Auswertung mit Korrekturfaktoren gearbeitet werden müssen oder hinsichtlich der GayRoyal-Fragebögen hätte ein Normalverteilungstest gemacht werden müssen, um eventuelle relevante Abweichungen zur Gesamterhebung erkennen zu können. Beides ist – soweit ersichtlich – nicht geschehen.

Hinsichtlich der Zuordnung der Befragungsteilnehmer zu “Schwulenmetropolen” wurde offenbar übersehen, dass das Stadtgebiet Köln postalisch zu den Postleitregionen 50 und 51 gehört.

In dem Bericht wird der entsetzliche Begriff “Unterschicht” verwendet (II 1., nach Abbildung 2.7). Man mag sich darauf zurückziehen, dass es sich hierbei um einen Terminus Technicus aus der Soziologie handelt. Ich verorte ihn vielmehr im längst begraben geglaubten, seit etwa zwei Jahren jedoch wieder fröhliche Urständ feiernden Klassendenken und kann nicht verhehlen, dass sich mein Lesewiderstand schlagartig erhöht hat.

Dass in Deutschland mehr als zwei christliche Konfessionen vertreten sind (II 1. S 19), sei nur der Erbsenzählerei wegen angemerkt.

Von der “Lederszene” ist in dem Bericht mehrfach die Rede, ohne dass mir trotz sorgsamen Studiums der Sinn dieser Typologisierung klar geworden ist. Gibt es eine Lederszene in engerem Sinne in signifikantem Ausmaß überhaupt noch? Nicht jeder, der eine Lederhose sein eigen nennt, gehört zur Lederszene. Fasst man den Begriff weit, wird man sicherlich zu einer quantitativ interessanten Gruppengröße kommen, die freilich in eine Vielzahl von ‘Untergruppen’ aufzugliedern wäre und damit keinen Aussagewert mehr hat.

Noch nicht verstanden habe ich, die Zahlenexperten mögen mir helfen, wie unter III 6. die folgenden Aussagen zueinander passen:

“Fast die Hälfte (45 %) der Männer mit einem festen Partner lebt in einer offenen Beziehung, [...]“

und

“Offene Beziehungen sind in Städten mit über einer Million Einwohnern am häufigsten (31 %).”

Um von den 31 % der Stadtmänner zu den 45 % aller Männer zu kommen, muss es auf dem Land ganz schön offen zugehen. Aber nicht so offen, dass es auf dem Land am häufigsten offen zugeht. Oder wie?

Bedauerlich ist, dass die Untersuchungsmethode die im Bericht niedergelegten Schlussfolgerungen nicht trägt oder zumindest fragwürdig erscheinen lässt. So heißt es zum Beispiel unter III 3. in Zusammenhang mit Ausführungen zum sozialen Umfeld und der Wohnortgröße, “Diese Ergebnisse weisen erneut darauf hin, dass homosexuelle Männer nach ihrem Coming-Out häufig in größere Städte ziehen.” Das entsprach bis vor ein paar Jahren auch meiner Wahrnehmung (ich bin ja selbst so ein Landflüchtling), jedoch gewinne ich, dank GayRomeo und verschiedener Live-Kontakte, zunehmend den Eindruck, dass sich die Wanderungsbewegung abmildert und mit zunehmendem Alter sogar umkehrt. Hier hätte ich gerne einmal genauere Erhebungen, insbesondere auch dahin, ob sich die Verhältnisse überall im Bundesgebiet gleich darstellen. Die vorliegende Studie “weist [nur] darauf hin”, und ich mache eins von vielen Fragezeichen an diese Aussage.

Wie es sich gehört, taucht, damit es schön wissenschaftlich rüberkommt, das ein und andere Fremdwort auf.

“Analverkehr hingegen ist innerhalb fester Partnerschaften stärker habitualisiert als bei sexuellen Kontakten mit anderen Männern.”

Habitualisiert. Aha! Ich habe sicherheitshalber nachgeschaut. Habitualisieren bedeutet, etwas zur Gewohnheit machen oder etwas gewohnheitsmäßig machen. Analverkehr aus Gewohnheit!? Naja, wenn die Damen und Herren vom WZB das so herausgefunden haben, wird’s wohl stimmen.

An der Befragung haben sich 154 Menschen beteiligt, deren Herkunftsland nicht Deutschland und kein Deutschland vergleichbares Land ist. Unter IX 3. haben es die Autoren des Berichts geschafft, daraus nicht nur die Gruppe der unter 30jährigen und die Gruppe der älter als 29jährigen zu bilden, sondern es ist ihnen gelungen, beide Gruppen noch in jeweils 7 Untergruppen zu zerlegen. So erfahre ich, dass 7 % der über 29jährigen “mehrmals pro Monat oder häufiger” [sic!], also häufiger als mehrmals, “Parks, Klappen, etc.” besuchen. Wie viele reale Menschen stecken denn dahinter? Das Mitteilungsbedürfnis der Autoren in allen Ehren, aber irgendwann hört der Spaß auf, vor allem, wenn das alles unter dem Titel “Wie leben schwule Männer heute?” verlautbart wird!

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[1] Anderer Ansicht hinsichtlich der Bewertung der Studie und des Berichts sind Ondamaris und Christian Scheuß auf Queer.de.[back]

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  1. [...] Mein zunehmendes Missfallen rührt zum einen daher, dass der Begriff MSM uneinheitlich verwendet wird und durch eine sprachliche Vermischung von schwul, homosexuell und MSM das Tun und Treiben der MSM, die nicht zu ihrem Sexualverhalten stehen, den offen schwulen Menschen zugerechnet wird. Zu beobachten ist dieser Umstand zum Beispiel in den Veröffentlichungen des RKI (mit einer erfreulichen Tendenz zu besserer sprachlicher Genauigkeit) und – in fahrlässiger Weise – in dem Gesamtbericht  “Wie leben schwule Männer heute? -  Lebensstile, Szene, Sex, AIDS 2007&#8243…. [...]



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