Vor Jahren hat mir mal eine Arbeitskollegin diese Frage gestellt. Die Frage war nicht böse gemeint, zeugte aber von Unwissenheit und den damals wie heute üblichen Fehlvorstellungen. Ich habe mich an diese Begebenheit erinnert, als ich mich mit den Kommentaren zu meinem Post Coming out nach 33 Jahren (verschiedengeschlechtlicher) Ehe beschäftige. René schreibt da zum Beispiel, „Ich halte es für bewundernswert, wenn jemand mit dem Bewusstsein aufwächst, sich nur für Jungs und Männer zu interessieren und dies dann als gegeben hinnimmt und nichts Schlechtes daran empfindet. Derjenige wird nie einen Hehl daraus machen und seine Homosexualität von Anfang an als selbstverständlich betrachten. Ein “Coming out” ist nicht notwendig.”
Aber wie war das denn nun mit dem kleinen Stefan?
Die größte ‘Schwierigkeit’ hatte ich damit, das für mich ganz Selbstverständliche und Natürliche zu kommunizieren. Ich hatte ja als kleiner Junge überhaupt keine Begriffe, um meine Empfindungen auszudrücken. Als ich merkte, dass die anderen Jungs anders waren als ich, habe ich erst einmal versucht, mehr über mich herauszufinden. Aber wie? Im Schulunterricht und in Schulbüchern, wir befinden uns in den 70iger/80iger Jahren des vorigen Jahrhunderts, tauchte das Thema Homosexualität nicht auf. Irgendwann fand ich dann in der Stadtbibliothek ein paar Bücher, die das Thema beleuchteten, allerdings im Licht der 60er und 70er Jahre. Ein gutes Gefühl vermittelte das, was ich da las, nicht. Mit meinen Eltern brauchte ich nicht zu sprechen, Sexualität war in jeder Hinsicht ein Tabuthema. Später wurde mir klar, dass meine Empfindungen und die langsam aufkommenden sexuellen Sehnsüchte wohl das sind, was als ‘homosexuell’ und ’schwul’ bezeichnet wird und ich bekam ganz schnell mit, dass dies von anderen Menschen nicht als erstrebenswerte Eigenschaft angesehen wird. Homosexuelle/Schwule wurden im Fernsehen, meistens tauchten sie in Krimis auf, als degeneriert und psychopathisch dargestellt. In der Schule gab es zwar kein Extrem-Mobbing, wie es sich heute mancherorts abspielt, aber es war schon klar, dass die Schwulen diejenigen sind, die nicht dazu gehören. Dämlichen Witzen im Kreise der Verwandtschaft entnahm ich, dass man nicht gerade auf einen schwulen Neffen oder Cousin wartete.
Etwas realitätsfremd ‘beschloss’ ich, dass nicht ich anders sei als die Anderen, sondern die Anderen anders als ich. Diese Haltung hat mir sehr geholfen, meinen Weg zu gehen – sollten sich doch die Anderen den Kopf darüber zerbrechen, ob es der richtige Weg ist, sollten sie sich doch damit beschäftigen, warum ich nicht so war, wie sie. Damit hatte ich zwar von vornherein alle (im Übrigen überflüssigen) Selbstzweifel beseitigt, nicht aber die Probleme, die die lieben Mitmenschen einem schwulen Menschen damals wie heute in unterschiedlicher Intensität überall auf der Welt bereiten.
Bis zum ersten Sex mit einem anderen Mann hat es dann viele Jahre gedauert. Das lag zum einen daran, dass in der Kleinstadt am Nordrand des Ruhrgebiets keine Infrastruktur für schwule Menschen existierte. Es gab keine Kneipen, Lokale, Jugendzentren, in denen sich schwule Männer tummelten. Die Schwulen in der Stadt musste Mann schon suchen. Und die, die ich fand, waren selten nach meinem Geschmack. Ich bin nicht traurig darüber, nicht vermelden zu können, mit 14 zum ersten Mal einen Schwanz im Arsch gehabt zu haben. Im Gegenteil: Ich nehme mich gerne als Beweis dafür, dass Schwulsein eben nicht nur Homosex bedeutet, sondern vielmehr ein mal schneller, mal langsamer verlaufender Prozess des sich selbst Findens ist. Ein Prozess, der sich vielmehr im Kopf, als in anderen Körperteilen abspielt. Ein Prozess, der die eigene Sexualität, so wie sie nun einmal ist, nicht unterdrückt, aber auch nicht dominierend werden lässt, sondern zu einem integralen Bestandteil des ‘ich’ macht. Die Frage nach meinem Sein kann ich nicht allein mit einem Hinweis auf meine Sexualität beantworten, aber, wenn ich nicht nur unverbindlich bleiben möchte, auch nicht ohne einen Hinweis darauf.
Allerdings: Muss ich diese Frage überhaupt beantworten? Ich verfahre im Allgemeinen nach dem Motto, ‘wer es wissen will, der weiß es’. Man sieht mir mein Schwulsein nicht an (Wie sieht ein Schwuler aus?). Ein aufmerksamer Beobachter wird dennoch schnell bemerken, dass ich Männer mag – insbesondere einen ganz bestimmten. Wer mir nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt, ist vermutlich an mir nicht weiter interessiert. Wer sich zum Beispiel von meinen Arbeitskollegen nicht dafür interessiert, was ich in meiner Freizeit mache, der erfährt in der Regel nichts von diesem Blog. Warum sollte ich diesen Menschen mehr Informationen zur Verfügung stellen, als die jeweilige Situation erfordert? Ich weiß natürlich, dass viele Menschen Angst davor haben, mich direkt zu fragen, ob ich schwul bin. Wenn ich allerdings merke, dass jemand zwar interessiert und nicht nur oberflächlich neugierig ist, aber nicht die richtigen Worte findet, nicht weiß, wie er das Thema ansprechen soll, helfe ich meistens gerne nach.
Ich ging in die Grundschule, war vielleicht sieben Jahre alt, als einer meiner Sandkastenfreunde ein Pornoheft mitbrachte, das er seinem älteren Bruder …, ähm, das er vorübergehend für seinen älteren Bruder in Verwahrung genommen hatte. Interessiert blätterten wir dieses Heftchen in unserem Geheimversteck im Wald durch. Damals war mir die Bedeutung meiner Beobachtung nicht klar: Mein Spielgefährte begeistert sich für die ‘dicken Möpse’ die er da sieht. Warum nur? Was ist daran so interessant. Irgendwie ist er nicht normal. Warum schaut er sich nicht die Männer an? Warum will er nicht wissen, wie sich unsere Körper in den nächsten Jahren entwickeln, wie groß unsere Schwänze wohl werden? Verdammt, was ist an Busen interessant? So etwas wächst uns doch hoffentlich nicht! Warum interessiert ihn nicht, was das für ein Zeug ist, das einem der Typen aus dem Schwanz tropft. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm!
Das war damals mein Denken. Und es hat sich bis heute nicht geändert. Zwar meide ich den Begriff ‘normal’ nach Möglichkeit und ich bin milder im Umgang mit meinen nicht schwulen Mitmenschen geworden (ja wirklich!), aber an meiner Grundhaltung hat sich nichts geändert. Ich kann sie auch nicht ändern. Ich habe mich körperlich nie für Frauen interessiert, erinnere mich mit (mäßigem) Schrecken an meinen Tanzkurs und meine Tanzpartnerin, habe nie etwas ausprobiert. Da das schon immer so war, schon zu einem Zeitpunkt, als an sexuelle Aktivitäten noch nicht zu denken war, gab es bei mir auch nie den Tag X, an dem ich meine Vorliebe für Männer hätte erkennen können oder müssen.
Diese, ich darf es vielleicht so nennen, von Anfang an bestehende innere Klarheit, hat mich nicht davor bewahrt, mich gezwungenermaßen mit meinen Mitmenschen auseinander zu setzen. Ich wollte das nicht. Aber dumme Sprüche und dergleichen konnte und kann ich nicht immer ungoutiert lassen. Wenn ich für mich von einem coming out sprechen kann, dann nur in dem Sinne, dass ich nach und nach merkte, dass meine Mitmenschen Problem mit mir hatten, die ich selbst gar nicht sah. Genauer: Sie meinten, ich müsse Problem mit mir haben, die mir fremd waren und sind.
So, nun habe ich meinen Heiligenschein genug poliert.
Ach ja, ein Freundin, eine fiktive Freundin habe ich mal erfunden. Aus taktischen Gründen. Nicht gerade ein Ruhmesblatt in meinem kleinen Geschichtsbuch…
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