Wir sitzen zusammen auf dem Sofa, vor dem Fernseher. Wenn wir in unserem Wohnzimmer sitzen, sitzen wir zwangsläufig vor dem Fernseher. Warum eigentlich? Warum ist dieser Kasten, an dem nichts real ist, außer seinem Kaufpreis und dem Energieverbrauch, fest in unserem Leben montiert?
Es ist so bequem, sich berieseln zu lassen, die Bilder zu sehen, die man sehen will, und die abzuschalten, die man nicht sehen will.
Heute aber ist das Gerät nicht eingeschaltet. Es würde nur stören.
Wir sind alleine. Nur wir beide. Heute brauchen wir keine virtuelle Scheinwelt um uns herum. Wir brauchen kein sogenanntes Weihnachtsprogramm, das alles andere als weihnachtlich ist. Wir brauchen keinen über den Bildschirm flackernden alten Mann, der uns predigt, was Weihnachten seiner Ansicht nach bedeutet, der Frieden wünscht und erklärt, warum ich und mein Freund den Frieden in der Welt gefährden – ausgerechnet wir beide, die wir still und alleine in unserem Wohnzimmer sitzen. Heute muss er schweigen, der alte Mann. Und viele andere alte Männer mit und ohne weißen Gewändern oder langen Bärten, die manchmal viel älter denken als sie sind, auch. Heute haben sie in unserem Wohnzimmer nichts zu suchen. Heute müssen sie schweigen!
Wir schweigen auch – mein Freund und ich. Die Welt, die müssen wir uns nicht erklären. Wir müssen uns nicht sagen, was wir zu denken und zu glauben haben. Wir glauben an uns, wir denken an uns. Gewiss, wir hätten uns dennoch viel zu sagen – aber nicht heute. Heute ist nicht der Tag für viele Worte. Wir finden andere Wege, um das, was wir uns mitteilen möchten, das, was der andere wissen soll, gerade jetzt in diesem Augenblick wissen soll, ja sogar wissen muss, zum Ausdruck zu bringen.
Manchmal schaden Worte mehr als sie nützen. Allzu oft gehen sie im Alltagslärm, in der Dauerbeschallung, nicht nur in der Vorweihnachtszeit, unter. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen immer lauter sprechen, ja sogar schreien, um überhaupt gehört zu werden. Aber werden sie auch verstanden? Haben sie überhaupt noch etwas zu sagen, auf das es sich zu hören lohnt?
Und immer wieder stelle ich fest, dass das, was ich mitteilen möchte, trotz sorgsam zurecht gelegter Worte und mit bedacht gewählter Formulierungen nicht so ankommt, wie ich es möchte; auch und gerade bei den Menschen, von denen ich annahm, dass sie mich verstehen.
Schweigen ist manchmal mehr. Schweigen, aber nicht stumm sein. Es gibt andere Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren, als pausenlos Text in Schallwellen umzuwandeln. Gefühle, Zuneigung, Wärme und Nähe lassen sich mit Blicken, mit Berührungen vermitteln.
Liebe. Liebe lässt sich mit Worten beschreiben und beschwören. Aber nicht jetzt, nicht in dieser wunderbaren Stille.
Ich sehe meinen Freund an – und ich sehe in ihn hinein. Ich schaue in seine Augen, und seine Augen sagen mir, was er empfindet. Er blickt mich an, und sieht Tränen in meinen Augen. Keine Tränen der Traurigkeit. Auch keine Tränen der Freude. Tränen, die, ich könnte es nie in Worte fassen, sagen, wie mich dieser Augenblick berührt. Ebenso wenig, wie ich die über meine Wangen kullernden Tränen festhalten kann, kann ich diesen Augenblick festhalten. Aber ich kann mich festhalten – an meinem Freund. Ich kann ihn berühren und anfassen. Er ist bei mir! Das ist alles, was zählt.
Ganz vorsichtig puste ich über seine Unterarme und er bekommt eine Gänsehaut; die kleinen Härchen richten sich auf. Ich streichele sie wieder glatt und hauche ganz sanfte Küsse auf seine Arme. Ich schiebe sein Hemd beiseite und spiele mit der Zungenspitze an seiner Brust. Langsam gleite ich mit der Zunge hinauf zu seinen Schultern und Achseln. Ich mag es, wenn ich ihm so nahe bin, wenn ich ihn schmecken und riechen kann. Ihn! Nicht das Duschgel und das teure Eau de sonstwas. Ihn will ich – einmalig individuell und unersetzlich.
Wir kuscheln uns ganz dicht aneinander. Und es ist ganz still. Wir hören nur uns. Nur unseren Atem und unsere Herzschläge. Ich drücke mein Ohr auf seine Brust und spüre seinen pulsierenden Herzschlag. Dann küsse ich ihn überall und sauge mich an ihm fest. Er mag keine Knutschflecke. Und ich mag ganz besonders, dass er das nicht mag. Ich darf das! Und er darf Sachen mit mir machen, die andere nicht dürfen.
Ich spüre seine Hände auf meinem Rücken. Es ist so stark. Ich mag es, wenn er mich an sich drückt und festhält. Dann fühle ich mich so geborgen, so sicher. Diese Nähe gibt mir so viel und wir verharren lange in dieser Umarmung. Sein Atem strömt über meinen Rücken und mit seinen Fingern streicht er über meine Haut. Mal ganz zart, mal spüre ich seine Fingernägel. Es ist so schön, so intensiv, so erotisch.
Er hat einen steifen Schwanz. Und ich auch. Steif und feucht.
Wir haben Sex miteinander. Aber ganz anders, als in irgendwelchen Pornos. Wir verrichten keinen Job, erfüllen keinen Vermehrungsauftrag. Wir geben uns Wärme und Zuneigung. Wir wollen uns einfach ganz nahe sein und unsere Empfindungen mit unseren ganzen Körpern erfahren und füreinander erfahrbar machen. Direkt, unmittelbar. So wie wir sind, nicht steril oder auf Hochglanz poliert. Nicht keusch und nicht nach Vorschrift. Unsere Liebe erfasst uns voll und ganz. Sie spielt nicht nur in unseren Köpfen. Sie besteht nicht nur aus Worten. Sie ist sichtbar, sie ist fühlbar, sie ist erotisch, sie ist auch körperlich. Deshalb können wir uns unsere Empfindungen füreinander zeigen; deshalb verstehen wir uns ohne Worte. Wir müssen nicht verkrampft über etwas reden, was wir uns ganz entspannt gegenseitig spüren lassen können. Liebe ist nicht nur etwas für den Kopf, Liebe ist für den ganzen Körper, für alle Sinne, für alle Muskeln und Nerven, wo sie auch sein mögen. Und so können wir unsere Liebe in der Stille dieses Tages voll und ganz genießen.
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