22 Dec 08

Morgens in der Bahn bleibt es nicht aus, dass ich das ein und andere Gespräch mithöre, denn viele meiner Zeitgenossen meinen, sich irgendwelche elektronischen Bauteile, aus denen unerklärliche Geräusche kommen, tief in die Gehörgänge stecken zu müssen. In Folge dessen fangen sie an zu schreien, um sich ihrem gleich ausgestatteten Gegenüber verständlich zu machen.

Vor ein paar Tagen saßen zwei Männer und zwei Frauen in meiner Nähe. Alle so um 16, 17 Jahre alt. Sie kamen auf das Thema Schwule zu sprechen (besser: zu schreien). Aus den Gesprächsfetzen, die bis zu mir drangen, ergab sich, dass die beiden Jungs der Meinung sind, Schwule seien ”unmännlich”. Eine der Frauen fragte, was denn ”männlich” sei. Ihr wurde erklärt, männlich sei man, wenn man ein richtiger Kerl sei, wenn man cool sei, wenn man hart sei zu sich selbst und zu anderen, wenn man sich nicht von anderen Männern anmachen lasse, wenn man Schmerzen ertrage, wenn man keine Schmerzen zeige, wenn man alles gebe, wenn man etwas Besonderes leiste, wenn, und an dieser Stelle erhöhte sich die Zahl der Zuhörer, man Frauen richtig durchficke, wenn man besser sei, als die anderen. Nur wenn man es Frauen richtig geben könne, sei man ein richtiger Mann. Einer der Beiden steigerte sich gerade in diese ‘Überlegung’ hinein – wenn schon Ärsche ficken, dann müssten es Frauenärsche sein – als  eine der Frauen, ich hatte aufgrund des optischen Eindrucks so etwas nicht erwartet, unvermittelt fragte1: “Männer lieben nicht, oder?” Die beiden Herren der Schöpfung wussten nicht, wie sie aus ‘Schmerzen’, ‘Mann’ und ‘ficken’ darauf eine Antwort konstruieren sollten.

“Lieben kann jeder”, kam dann als Antwort, “aber eine Frau richtig glücklich machen, kann nur ein richtiger Mann. Schwule können das nicht, die sind nicht männlich genug!” Die Frau erwiderte, “vielleicht wollen die das auch gar nicht.” “Die wollen das nicht, was sie’s nicht können.” Die andere Frau hatte sich zwischenzeitlich die Stöpsel aus den Ohren gezogen, beugte sich nun zu dem Typen, der den letzten Satz gesagt hatte herüber, zog ihm ebenfalls die Beschallungsgeräte aus den Ohren, und sprach ganz gelassen: “Alter, Du kannst das doch auch nicht. Du bist im Bett ein Totalversager.”

Es war ein Genuss, dem Pickelgesicht beim Wechseln der Gesichtsfarbe zuzusehen.

Männlich? Das ist auch einer dieser Begriffe auf die wir getrost verzichten könnten. Aber da wir ihn nunmal haben:

Frauen ficken als Ausdruck von Männlichkeit? Sorry, das kann’s ja wohl nicht sein. Das kann nämlich jeder Mann, sogar ich, wenn ich wollte, ich will aber nicht; es tut nicht weh (jedenfalls nicht den Männern) und ist nach ein paar Minuten vorbei. Und die anderen Eigenschaften, die einen Mann nach Ansicht der beiden Jünglinge männlich machen, sind nicht selten eher bei Frauen anzutreffen, als bei Männern.

Ich fühle mich (auch) männlich, wenn ich einen anderen Mann in meiner Nähe habe, wenn ich ihn fühle und rieche, wenn ich seinen Schwanz tief in mir spüre, wenn ich etwas aushalten ‘muss’. Das kann nämlich nicht jeder Mann.

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[1] Ich habe mir erlaubt, das Aufgeschnappte sprachlich ein wenig zu glätten.[back]

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