27 Nov 08

Fast jeden Tag führt die Suchbegriffkombination “Widor schwul” oder “Widor homosexuell” Besucher auf diesen Blog. Auch die bei google eingegebene Frage “War Charles-Marie WIDOR schwul?” führt immer wieder Menschen hierher. Die Antwort auf diese Frage kennt google nicht.

widor2200Charles-Marie WIDOR (1844 – 1937) wird oft als Vater der Orgelsymphonie bezeichnet und gilt als Begründer der modernen französischen Orgelschule. 64 Jahre lang war WIDOR provisorischer Organist, er erhielt nie eine Festanstellung, an der berühmten CAVAILLE-COLL-Orgel (Grand Orgue) in der Pariser Kirche Saint-Sulpice. Neben seinen zehn groß angelegten Orgelsymphonien komponierte er viele weitere Orgelwerke, Orchestermusik, Chormusik, Opern, Ballet- und Salonmusik. Daneben betätigte er sich schriftstellerisch und als Musikkritiker. Zusammen mit Albert SCHWEITZER editierte er das Orgelwerk von Johann Sebastian BACH. Er war Professor für Komposition am Pariser Conservatoire, erhielt in- und ausländische Auszeichnungen und Ehrentitel aller Art, gehörte zu den meist dekorierten Personen Frankreichs und zu den angesehensten und einflussreichsten Mitgliedern der Pariser Gesellschaft. Sein künstlerisches Schaffen, das als sein heute bekanntestes Werk die Toccata (Allegro) seiner fünften Symphonie hervorgebracht hat, ist wohlbekannt und vielfach durchleuchtet, bewundert und verrissen worden. Über den Privatmann WIDOR, der immerhin 93 Jahre auf unserem Planeten verbracht hat, ist wenig bekannt. “Man beschreibt ihn als einen Mann von mittlerer Größe, von stattlichem Wuchs (ein russisches Visum aus dem Jahre 1903 meldet, daß Widor 1,72 m lang ist) und ein autoritäres Äußeres. Er kleidete sich immer gepflegt. Auffallend war die unzertrennliche Lavaillière-Kravatte, die er bis zum Ende seines Lebens getragen hat, wie auch sein Schnurrbart und der chrakteristische “mouche” unter seiner Unterlippe. Er hatte eine hohe Stimme und eine lispelnde Sprechart,” berichtet der  Biograph Ben van OOSTEN. Überliefert ist, dass WIDOR mit Albert SCHWEITZER eng befreundet war. Freundschaflich verbunden war er auch mit Camille SAINT-SAENS, von dessen Homosexualität WIDOR wusste. Nichts weiß man aber über Männergeschichten oder Frauengeschichten WIDOR’s. Das heißt, eine Frauengeschichte gibt es, und die ist bezeichnend:

Mathilde de MONTESQUIOU-FEZENSAC, eine Schülerin WIDOR’s, wohl nur mässig begabt, denn es ist in künstlerischer Hinsicht von ihr nie mehr die Rede, die es ursprünglich auf Marcel PROUST abgesehen hatte, bei diesem aber nicht zum Zuge kam, ergriff die Initiative und machte WIDOR im Jahr 1905 einen Heiratsantrag. WIDOR wiegelte ab: “Wir sprechen wieder darüber, wenn Sie das Alter der Vernunft erreicht haben.” “Und welches Alter, Meister, meinen Sie, ist für eine Frau das Alter der Vernunft?” “Mit 45, Fräulein.” Nun, so lange musste Mathilde nicht warten. Im Jahr 1920 heiratete der 76 Jahre alte Charles-Marie WIDOR die 37jährige Mathilde de MONTESQUIOU-FEZENSAC.

Über die Ehe ist nicht viel zu erfahren, sie soll keinen glücklichen Verlauf genommen haben. Mathilde wird als autoritär beschrieben und soll Charles-Marie WIDOR zu einem banalen Leben, einhergehend mit dem Verlust jeglicher Freiheit, verholfen haben. Neben der ehelichen Wohnung unterhielt WIDOR bis zum Ende seiner Amtszeit als Organist von Saint-Sulpice eine zweite Wohnung in Paris, in der er sich vornehmlich aufhielt.

Das ist in groben Zügen alles, was ich über WIDOR’s Privatleben weiß. Schwul? Keine Ahnung.

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Das obere Foto zeigt WIDOR im März 1935; es ist eines der letzten bekannten Bilder, die WIDOR zeigen.  Auf dem unteren Foto ist WIDOR am Genfer See zu sehen (um 1932).

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