23 Nov 08

HIV begleitet mich nun schon seit mehr als zwanzig Jahren. Angefangen hat alles, als ich etwa ab der Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der Enge der elterlichen Wohnung immer häufiger entfloh und meine ‘Beutezüge’ weit über meine Heimatstadt ausdehnte. HIV war damals kein Begriff. Wenn, dann sprachen die Leute von AIDS oder, drastisch, von der Schwulenseuche. Viel wusste ich nicht darüber, ich kannte auch keinen an AIDS erkrankten Menschen. Außerdem war ich der Meinung, dass mich das alles ohnehin nicht betraf, weil … Tja, keine Ahnung – ich habe es einfach verdrängt. Ich wollte die geilen sexuellen Aspekte meines Schwulseins, die ich gerade entdeckte, nicht durch AIDS, durch Krankheit und Tod eintrüben lassen. Und doch, die ein oder andere Schreckensmeldung und das ein oder andere Bild AIDS-kranker Menschen, hatten Spuren hinterlassen. Eher im Unterbewusstsein; da war manchmal ein ungutes Gefühl: Du kennst den doch gar nicht, wer weiß ob der nicht vielleicht, … nein besser nicht. 1980iger Jahre: Es gab keine differenzierten Präventionsbotschaften, schon gar nicht in kleinstädtischer Umgebung, es gab im Grunde nicht einmal Botschaften, nur Panikmache. Zeitweise spukten ganz merkwürdige Dinge in meinem Kopf herum, aber, wie geschrieben, ich verdrängte das alles, schließlich wollte ich sex, sex, sex. Der erste Mann, der mich fickte, war Dirk. Dirk war klasse und ich habe mich heftig in ihn verknallt. Er war jünger als ich, wusste aber auch viel mehr als ich – über das Leben, über Sex, über AIDS. Bevor er mich fickte, zog er sich ganz selbstverständlich ein Gummi über den Schwanz. Meinen irritierten Blick, denn DAS wollte ich gar nicht, kommentierte er mit, “es ist besser so”.

Einige Zeit später hatte ich dann mit jemandem zu tun, an dessen Namen ich mich nicht, aber an seinen opulenten Schwanz umso mehr erinnere. Ich hatte kein Kondom dabei und er auch nicht. Aus dem “es ist besser so” wurde “ich hab’ nix, kannste mir glauben” und das fehlende Gummi sollte mir diese ‘große’ Gelegenheit nicht verderben. Zwischen dem “es ist besser so” und dem “ich hab’ nix” klaffte  bei mir eine Wissenslücke. Zunächst machte ich keine Anstalten, mein Wissensdefizit zu beseitigen. Es wäre auch nicht ganz so einfach gewesen, in den 1980iger/90iger Jahren im südlichen Münsterland. Internet gab’s noch nicht. Jedoch merkte ich bald, dass ich fremdbestimmt war. Geriet ich an einen “ich hab nix”-Typen lief’s halt ohne Gummi, war “es ist besser so” angesagt, wurde halt ein Gummi drübergezogen. Diese Wissenslücke hätte ich mit Angst füllen können, dann wäre es mit den geilen No-Name-Ich-hab-nix-Typen vorbei gewesen, aber vermutlich hätte es auch nie wieder einen Dirk gegeben. Ich wollte aber weder auf die ‘großen’ Abenteuer verzichten, noch die Hoffnung auf einen neuen ‘Dirk’ aufgeben. Also musste ich lernen.

Lernen, mich nicht auf die Einschätzungen anderer zu verlassen, sondern selbst ganz bewusst zu entscheiden, was ich mit wem machen will. Zwischenzeitlich hatten sich die Zeiten geändert. Informationen waren besser aufbereitet und leichter zugänglich geworden. AIDS hatte den unsagbaren Schrecken der 1980iger Jahre verloren. Ich lernte, dass AIDS und HIV nicht das gleiche sind. Und ich merkte, dass mir HIV immer wieder begegnete. In Zeitungen, Magazinen, im Internet, beim Arzt. Ich lernte und lerne immer wieder HIVpositive Menschen kennen – bestimmt nicht selten ohne es zu wissen. Ich lebe mit anderen Menschen zusammen auf dieser Erde, also lebe ich auch mit HIV.

Die Zeiten haben sich geändert. Zum Vorteil, wie zum Nachteil. AIDS hat heute in der westlichen Welt kein Gesicht mehr. Die (schwule) Welt wird vielmehr in HIVpositive und (behauptete) HIVnegative Menschen eingeteilt. HIVnegativ zu sein ist trotz glanzvoller Galaveranstaltungen ein Makel, ein Ausgrenzungskriterium. Nicht nur – vordergründig – bei der Auswahl der Sexualpartner, sondern in nahezu allen Lebensbereichen. Damals wie heute ist es die Angst, die zur Ablehnung von Menschen führt. Deshalb gilt es damals wie heute zu lernen, um die Angst zu überwinden. Nicht nur, um sie zu überwinden, sondern um sie aus dem Leben zu vertreiben, um sie erst gar nicht entstehen zu lassen. Wer mit unseren Ängsten spielt, spielt mit unserem gesamten Ich.

Gerade in diesen Tagen bietet sich wieder eine Gelegenheit, zu lernen. Dazuzulernen über HIV und HIVpositive Menschen. Die schweizerische Eidgenössische Kommission für AIDS-Fragen (EKAF) hat zu Beginn des Jahres ein Statement veröffentlicht, in dem es heißt:

Eine HIV-infizierte Person ohne andere STD unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie (im Folgenden: «wirksame ART») ist sexuell nicht infektiös, d. h., sie gibt das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter, solange folgende Bedingungen erfüllt sind:

– die antiretrovirale Therapie (ART) wird durch den HIV-infizierten Menschen eingehalten und durch den behandelnden Arzt kontrolliert;

– die Viruslast (VL) liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze (d.h., die Virämie ist supprimiert);

– es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD).

Diese Erklärung ist bedeutsam. Jedenfalls beeinflusst sie mein Leben mit HIV, mein Leben mit HIVpositiven Menschen. Aber es gibt Menschen und Institutionen, denen passt das, was die Schweizer da sagen, nicht. Sie möchten die Barrieren im Umgang mit HIVpositiven Menschen hoch halten, möchten die alten Berührungsängste weiter schüren. Das ist schlimm. Wer Angst hat, entscheidet nicht vernünftig. Er ist beeinflussbar und folgt falschen Ratgebern. Menschen können über den Faktor Angst gesteuert werden. Ich will das nicht. Und ich will nicht, das andere Menschen verängstigst sind und sich damit um Lebensfreude und Freude an den Lebenden bringen. HIVpositive Menschen leben. Sie haben oftmals nicht zu verniedlichende gesundheitliche und (in unmittelbarer oder mittelbarer Folge dessen) wirtschaftliche Beeinträchtigungen zu ertragen. Dennoch, oder gerade deswegen, haben sie jedes Recht auf Lebensfreude. Niemand muss vor ihnen Angst haben und sie sollen keine Angst vor der Angst der anderen haben müssen. Deshalb ist es an der Zeit, dass wir alle wieder etwas dazulernen.

Damit so wichtige Aussagen, wie die der EKAF nicht ungehört bleiben, damit die Denk- und Forschungsanstöße, die in dem Statement stecken, nicht im Sande verlaufen, haben sich anlässlich des Welt-AIDS-Kongresses in diesem Jahr in Mexiko einige Männer und Frauen, mit und ohne institutionellen Hintergrund, zusammengefunden und ein Manifest formuliert:

Das MEXICO MANIFEST
der Menschen mit HIV und AIDS zum Welt-AIDS-Kongress 2008 in Mexico City

Die Veröffentlichung der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen (EKAF) in der Schweizerischen Ärztezeitschrift vom 30. Januar 2008 über die Nicht-Infektiosität von Menschen mit HIV* hat viele Reaktionen hervorgerufen.

Die daraus resultierende Debatte über die Evidenz der zugrundeliegenden Studien und die Kritik an der breiten öffentlichen Mitteilung haben auch rund um die Welt die Organisationen von Menschen mit HIV und AIDS und deren Repräsentanten zusammengerufen:

A. Wir begrüssen ausdrücklich die Veröffentlichung der EKAF.

Sie ist wissenschaftlich hinreichend begründet und begünstigt die Lebensgestaltung, die Lebensqualität und insbesondere die Integration von Menschen mit HIV und AIDS und damit auch eine strukturelle, nachhaltige Prävention für Menschen, die ihren aktuellen HIV-Status nicht kennen.

Die offene Verfügbarkeit aller wissenschaftlichen Fakten ist die Grundlage für jede glaubwürdige Aufklärung und Information.

Nur eine aufgeklärte, tolerante Gesellschaft, in der die Menschen mit HIV und AIDS integriert sind, kann eine nachhaltig wirksame Antwort auf die Herausforderung HIV und AIDS geben.

B. Wir fordern angesichts der EKAF-Veröffentlichung weltweit die Institutionen und Repräsentanten der Wissenschaft, Medizin und Wirtschaft, der Regierungen, der WHO und der UNAIDS auf,

1.die auf wissenschaftlichen Studien basierende Evidenz der EKAF-Verlautbarung anzuerkennen,
2.die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Menschen mit HIV und AIDS zu respektieren,
3.die Mündigkeit von Individuum und Gesellschaft zu akzeptieren,
4.volle und uneingeschränkte Aufklärung zu garantieren,
5.bestehendes Wissen konsequent zu erweitern,
6.den Zugang zu antiviralen Therapien weltweit voranzutreiben.

C. Wir erkennen den konkreten Einsatz der Akteure für diese Forderungen an folgenden Merkmalen:

1. Die Debatte über die Bedeutung der EKAF-Verlautbarung für die Prävention wird objektiv und evidenzbasiert geführt.

Jeder Versuch, Information und Diskussion aus moralischen, politischen, oder anderen nicht sachbezogenen Motiven zu unterbinden, wird als inakzeptable Zensur ausdrücklich abgelehnt.

Die verschiedenen möglichen individuellen Schutzmassnahmen und ihre HIV-Transmissionsrisiken werden grundsätzlich mit gleichen wissenschaftlichen Massstäben beurteilt.

2. Das bisher in der Öffentlichkeit wahrgenommene Bild von Menschen mit HIV und AIDS wird deren tatsächlichen Alltagsrealitäten angepasst.

Das heisst vor allem: Auf das Bild des gefährlichen und verantwortungslosen HIV-Infizierten und dessen Instrumentalisierung wird genauso verzichtet, wie auf das Bild des bemitleidenswerten Zeitgenossen ohne Selbstverantwortung.

3. Die Öffentlichkeit wird über Prävention, Behandlung und die aktuellen Lebenswirklichkeiten transparent und uneingeschränkt informiert.

Die Strategien von Prävention und Behandlung werden sowohl beim Individuum als auch in der Gesellschaft an die erforderliche Integration von Menschen mit HIV und AIDS angepasst.

Verantwortung ist unteilbar.

Das heisst auch: Die Rechtssprechung wird diesem Grundsatz und den wissenschaftlichen Fakten gerecht.

Alle Patienten und Patientinnen haben gleichermassen Zugang zu Information, und sie haben volle Entscheidungsfreiheit über das individuell beste Therapieregime und die eigene Strategie zur individuellen Prävention und Harm Reduction.

Im Sinne der Ottawa-Charta der WHO ist Gesundheitsförderung Bestandteil aller Strategien und Massnahmen. Sie zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Mass an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.

4. Der bisherige Erfolgsweg der Prävention von HIV und AIDS mit unvoreingenommenen Aufklärungskampagnen wird beibehalten und gestärkt.

5. Studien, die sich am jeweils aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse orientieren und soziale Faktoren wie etwa Lebensgestaltung, und Gender einbeziehen, werden gezielt gefördert.

Das sind in der HIV-Transmissionsfrage zum Beispiel: Studien zur Risikominimierung beim Analverkehr, zur Differenzierung der Relevanz unterschiedlicher STDs bei HIV-Übertragungen und zur Adhärenz und zu Langzeitnebenwirkungen von ART.

6. Wirksame Therapie wird global als wirksame Prävention verstanden. Die Verteilung der Ressourcen wird weiter vorangetrieben.

Sie wird als prioritäre Grundvoraussetzung für Gesundheitsförderung, Prävention und Behandlung bewertet.

Die Versprechungen zur Überwindung des Arm-Reich-Grabens werden endlich eingelöst.

Einziger Schönheitsfehler: Statt “Manifest der Menschen mit HIV und AIDS” sollte es besser ‘Manifest für Menschen mit HIV und AIDS’ heißen.

Dieses Manifest braucht Unterstützung. Nicht nur von HIVpositiven Menschen, sondern von allen Menschen, die mit HIV leben – und das sind wir alle!

Wer das Manifest unterstützen möchte, werfe bitte einen Blick auf diese Seite:

How to sign the Mexico Manifesto

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