Damals, die Älteren erinnern sich noch mit schrecken, war es ganz schlimm. Da wollten doch die Kommunisten tatsächlich das Weihnachtsfest abschaffen. Nicht überall, aber in den Niederlanden. 1930 war’s, da machten sie den Vorschlag, Weihnachten aus der Liste der staatlichen Feiertage zu streichen. Unerhört! Nicht auszumalen, was das für Folgen gehabt hätte. Tausende von Weihnachtsmännern wären arbeitslos geworden, die Kirchen wären auch an diesem hochheiligen Fest so leer wie eh und je, und die Weihnachtsmüllgeschenkeindustrie wäre in den Ruin getrieben worden und hätte nur mit Hilfe von Staatsbürgschaften eine Gnadenfrist rausschinden können.
Das ging natürlich nicht. Also musste man die Kommunisten bestrafen für diesen Anschlag auf alles Gute in der niederländischen Welt. Kommunisten muss man immer bestrafen, es sei denn, man ist selber einer, dann bestraft man andere, zum Beispiel im dem man den Lärm der Arbeitswelt in die Stille Nacht bringt. Aber die Kommunisten waren nicht am Drücker, damals in den Niederlanden. Also wurde schnell ein Gesetz beschlossen gegen den Kommunismus. Das heißt, eigentlich war es ein Gesetz gegen Blasphemie, aber es traf halt nur die Kommunisten mit ihrem schädlichen Antichristmastrismus.
Schlimm. Aber noch schlimmer war Gerard van het Reve. Oh, oh, was der gemacht hatte, war gar nicht weihnachtlich. Er schrieb eine kleine Fantasiegeschichte. Eigentlich zum Vorlesen am weihnachtlichen Gabentisch gedacht, denn Gott kommt drin vor, in der Geschichte. Gerard hatte im Altpapier ein Buch gefunden. Es war das Testatment von irgend jemanden; sogar ein neues Testatment, das alte taugte wohl nichts. Naja, in diesem neuen Testament war von einem Gott und von Eseln die Rede. Die Esel standen da so rum, als Gott sich vermehrte. Und da dachte sich der Gerard, da schreibe ich eine Geschichte drüber. Er stellte sich also vor, Gott sei ein Esel und er, der Gerard, habe Sex mit diesem Esel. Das schrieb er auf und lies es drucken. Es gab viel Getöse und der Staatsanwalt wurde richtig böse. Warum, das weiß man nicht so genau, heißt es doch Gott habe die Gestalt eines Menschen angenommen. Warum dann nicht auch die eines Esels? Und warum nicht auch Sex mit einem Esel? Jeder hat sein sexuelles Ideal, die Niederländer nehmen es doch sonst nicht so genau mit der Moral! Das ist ein Fall für den Tierschutz, aber nicht für den Gottesschutz. So sah es auch das Appellationsgericht und verurteilte van het Reve nicht.
Damit endete zunächt die Geschichte dieses Gesetzes, denn es wurde seither nicht mehr angewandt und geriet vorübergehend in Vergessenheit.
Dann aber wurde der Filmemacher Theo van Gogh niedergemeuchelt. Hass war das Tatmotiv, denn Theo war kein Freund des Islam. Nun hätte man meinen können, es wäre die Forderung erhoben worden, Hassverbrechen härter zu bestrafen. Aber nein! Im Gegenteil! Theo war doch schuld. Hatte er doch in einem Film eine muslimische Frau berichten lassen, wie sie von ihrem Ehemann und ihrem männlichen Verwandten vergewaltigt wurde. Das geht doch nicht. Das heißt, das Vergewaltigen geht schon, das ist in Ordnung, aber nicht, darüber zu berichten. Im Film, im Fersehen. Das ist mindestens genau so schlimm, wie Weihnachten aufheben zu wollen. Ein Skandal, dieser van Gogh. Den hätte man bestrafen müssen, jawohl, wegen Gotteslästerung.
Und dann war da ja noch so ein Götteslästerer, noch einer, der etwas gegen diesen Gott islamischen Anstrichs hat. Geert Wilders hat auch einen Film gemacht. Vom Filmemachen hat er keine Ahnung, aber er hat trotzdem einen gemacht. Fitna. 10 Minuten Blaphemie pur. Der Islam, der heilige Islam wird da mit Terrorismus in Verbindung gebacht. Glaubt man das? Nein, das ist nicht zu glauben, Islam bedeutet doch Frieden. Und deshalb muss der Wilders bestraft werden. Hart bestraft muss er werden, am besten nach Schariarecht. Aber das geht ja in den Niederlanden noch nicht. Also muss das Blasphemiegesetz von 1930 herhalten. Aber das ist nicht streng genug, das sieht ja gar keine Steinigungen vor, oder Hand abhacken oder mindestens Auspeitschen, das muss man doch dürfen! Also muss das Gesetz verschärft werden, meinen muslimische Aktivisten.
Meint aber auch Jan Pieter Balkenende, niederländischer Ministerpräsident. Balkenende und die beiden christlichen Parteien CDA und CU haben sich tatsächlich an die Seite dieser islamistischen Fanatiker gestellt und gefordert, Gotteslästerung härter zu bestrafen als bisher und vor allem, vermehrt von dem Gesetz gebraucht zu machen. Die Staatanwaltschaften sollten vor allem gegen Politiker, Filmemacher, Journalisten und Kabarettisten vorgehen, die sich kritisch mit dem Islam auseinander setzten. Dabei ist Gotteslästerung, egal welchem Märchenbuch der anzusprechende Gott entstammt, ein tatsächlich unmöglicher Vorgang, da es keinen Gott gibt.
Die Partij van de Arbeid, Juniorpartner in Balkenende’s Regierungskoalition, wollte nicht mitspielen. Sie vertritt die Auffassung, dass Menschen nicht allein aufgrund ihrer Religion privilegiert werden dürfen. Ihr Widerstand gegen die Verschärfung des Blasphemiegesetzes führte schließlich zu einem Stimmungsumschwung im Niederländischen Parlament, der dazu führte, dass die dortige Regierung Anfang des Monats ankündigte, die Aufhebung des Blasphemiegesetzes vorzubereiten. Dann dürfen Götter endlich wieder Esel sein.
Jedoch: So ganz haben Balkenende und die Islamisten noch nicht aufgegeben. Sie wollen erreichen, dass das religiöse Bekenntnis in die niederländischen Antidiskriminierungsbestimmungen aufgenommen wird. Dann kann der vernünftig denkende Mensch zwar nicht mehr wegen Gotteslästerung belangt werden, wohl aber kann dann argumentiert werden, die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben, das Infragestellen eines oder mehrerer Götter und ähnlich sich aufdrängende Überlegungen würden andere in ihren religiösen Gefühlen verletzen und seien daher diskriminierend. Diese Diskriminierungen sollen nach den Vorstellungen Balkenendes und der Islamisten hart bestraft werden. Vielleicht nach den Bestimmungen der Scharia!?
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