8 Nov 08

Viele schwule Männer, so heißt es jedenfalls, haben tief sitzende Ängste vor dauerhaften Beziehungen. Ich bezweifele, ob es ’so viele’ schwule Männer sind, die da unüberwindbare Ängste haben; es handelt sich wohl vielmehr um eines der vielen von ganz bestimmten nicht schwulen Menschen gehegtes und gepflegtes Gerücht um den angeblich nicht beziehungsfähigen schwulen Mann.

Neben rationalen Gründen, eine feste Beziehung nicht eingehen zu wollen, gibt es durchaus einige Überlegungen, einige Sorgen, die man als Angst vor einer Beziehung bezeichnen kann. Mir sind diese Gedanken nicht fremd. Damals, vor rund 12 Jahren, als ich meinen Freund kennen lernte und er schnell auf eine feste Beziehung zusteuerte, hatte ich neben meiner rationalen Abwägung des Für und Wider auch Gefühle, die ich als Angst bezeichne. Heute weiß ich, dass diese Ängste unbegründet waren.

Aber wie ist meine damalige Beziehungsangst zustande gekommen?

Es gab verschiedene Angst auslösende Momente. Den zentralen Aspekt sehe ich in von mir damals herangezogenen Referenzmodellen. Das waren nicht schwule, sondern verschiedengeschlechtlichen Beziehungen. Ich habe mich in der Verwandtschaft, im Freundes- und Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft umgeschaut und bin dabei fast nur auf gescheiterte Ehen oder verunglückte eheähnliche Lebensgemeinschaften gestoßen. Das Scheitern dieser Ehen und Lebensgemeinschaften wurde dabei oftmals gar nicht durch eine Trennung offenbar, sondern vielmehr durch ein zwanghaftes Fortsetzen der Beziehung – wegen der Kinder, wegen des guten Rufs, wegen des Geldes oder anderer Abhängigkeiten, wegen Drucks von Außen. Auch Gleichgültigkeit und Gewöhnungseffekte lassen Menschen in diesen Beziehungen verharren. Ein Blick hinter die mal mehr, mal weniger intakte Fassade offenbart dann nicht selten, dass diese Menschen nicht mehr als die gemeinsame Postanschrift verbindet. Ich erinnere mich noch an die eine oder andere Familienfeier oder an Betriebsausflüge, während derer manche Ehemänner unter Alkoholeinfluss ihre Ehefrauen dumm da stehen ließen, und Ehefrauen ihren Ehemännern dabei um nichts nachstanden. Diese so gewährten Einblicke ins Eheleben haben mich furchtbar erschreckt und verschreckt. Und nicht weniger das mühsame Zusammenkitten der Ehefassade am Tag danach. Scheidungskriege, Schlammschlachten am Ende einer Beziehung habe ich ebenfalls aus nächster Nähe miterlebt und war nur angewidert.

Ich kenne auch verschiedengeschlechtliche Beziehungen, die über Jahrzehnte gut gegangen sind; in denen die Liebenden ihre Liebe bewahrt haben und ihre Zuneigung nicht zu Gunsten ihrer Kinder, ihrer Karriere, ihres Besitzes verkleinert haben. Ich empfinde es als sehr beeindruckend, wenn ich sehe, dass es Menschen gelungen ist, den Kern ihrer Beziehung zu finden und bis ins hohe Alter zu bewahren. Dieser Beziehungskern ist für mich – fernab von Zweckmäßigkeits- und Nützlichkeitserwägungen, fernab von Sex und vordergründiger Lust – Liebe, nichts anderes als wehrlose Liebe.

Vor 12 Jahren kannte ich nur eine einzige Beziehung, die wirklich von tiefer und dauerhafter Liebe getragen war. Ansonsten fand ich mich umgeben von geschiedenen und gescheiterten Beziehungen. So eine Art von Beziehung wollte ich nicht. Davor hatte ich Angst.

Und ich brauchte einige Zeit bis ich erkannte, dass all diese Beziehungen gar nicht als Referenzmodelle taugten. Schon deshalb nicht, weil sie sich unter anderen Rahmenbedingungen abspielten.

Lange Zeit habe ich mir die falschen Fragen gestellt und weniger wichtige Fragen in den Vordergrund geschoben. Ich habe überlegt, ob ich den Ansprüchen meines Freundes genügen würde, wie mein nicht schwules Umfeld auf eine feste Männerbeziehung reagieren würde, wie ich meinen Freund anderen Menschen vorstellen würde, ob wir Anfeindungen verkraften würden, ob wir es zusammen, vielleicht sogar in einer gemeinsamen Wohnung, aushalten würden, ob wir finanziell über die Runden kommen würden, ob wir unsere sexuellen Wünsche ausreichend befriedigen könnten. Wie würden seine Eltern auf mich reagieren und meine auf ihn? Würden wir die (damals) große räumliche Entfernung überbrücken können? Und noch vieles mehr ging mir durch den Kopf. Ich habe hin und her überlegt, was passieren würde, wenn einer von uns einen Anderen kennen lernte. Und ich habe mir sogar ausgemalt, wie große der Scherbenhaufen wäre, wenn unsere Beziehung, die es ja noch gar nicht gab, in die Brüche gehen würde. All dies führte dazu, dass ich die einzig wichtige Frage mir überhaupt nicht stellte: Ist meine Liebe zu meinem Freund so groß, dass sie die vorgestellten und unvorstellbaren Probleme überstehen wird?

Mein Freund hat sich all diese Gedanken nicht gemacht. Für ihn war die Sache klar. Und er war und ist auch viel mutiger als ich. Während ich nicht merkte, dass ich mir im Grunde den Kopf anderer Leute zerbrach, dass ich nicht planbares zu planen und alle Eventualitäten zu bedenken versuchte, ließ ich ihn ein Jahr lang zappeln. Das war falsch, das war dumm und ich habe ihm damit sehr wehgetan. Meine Angst vor der Beziehungsangst hat fast unsere Liebe zerstört. Aber er hat durchgehalten und ich bin zur Vernunft gekommen. Ja, zur Vernunft! Denn ich habe erkannt, dass es unvernünftig ist, immer alles unter Vernunftgesichtspunkten erfassen zu wollen. Die ständigen ‘Was wäre wenn’-Überlegungen waren es, die nicht zu vernünftigem Handeln, sondern zu ängstlichen Sicherheitsvorkehrungen führten. Liebe braucht aber kein Sicherheitsnetz, Liebe gibt aus sich heraus Sicherheit.

Von Außen gab es keinen Druck, nun endlich eine feste Beziehung mit einem Mann einzugehen. Meine Eltern wollten, dass ich mir endlich eine Freundin ‘zulege’ (dass, was sie wussten, begriffen sie sehr lange Zeit nicht) und Enkelkinder sollte ich in Aussicht stellen. Andere, die nicht wussten, dass ich schwul bin, redeten davon, dass ich meine Freundin mitbringen solle. Diejenigen, die es wussten, verlangten nie, meinen Freund kennen zu lernen. Keiner erwartete von mir, eine Beziehung mit einem Mann einzugehen, schon gar keine dauerhafte. Die Ansprüche, die andere an meine Lebensgestaltung sich anmaßten zu stellen, gingen in eine ganz andere Richtung als meine eigenen. Während meine Eltern mich zwar vor dem ein oder anderen Mädchen warnten (“die ist nichts für Dich”), haben sie mich nie vor einem Jungen gewarnt. Niemand stand mir im Weg, mich für meinen Freund zu entscheiden – nur ich selbst! Ich bilde mir immer wieder ein, wahnsinnig klug zu sein und alles zu durchschauen, komme aber nicht um die Einsicht umhin, manchmal zwei und zwei nicht zusammen zählen zu können. Und deshalb habe ich viele Fehler und ganz dumme Sachen gemacht, die meinen Freund unendlich verletzt haben. Ich glaubte alles im Griff zu haben und steuern zu können, war aber nur ein riesengroßer Idiot, der nicht einmal merkte, was in Wirklichkeit passierte. Nur meinem mutigen und tapferen Freund habe ich zu verdanken, dass ich erfahren habe, was aufrichtige, ehrliche Liebe überhaupt ist. Ich bin ihm so dankbar für die Geduld, die er mit mir hatte und hat!

Beziehungsangst ist oft, so war es bei mir, auch die Angst davor, gebunden zu sein, unfrei zu sein. Welche Vorstellung hatte ich nur von einer Beziehung? Da war die Sorge, einem Regelwerk, einem ‘Du musst’, einem ‘Du darfst nicht’ unterworfen zu sein. Eine ganz dumme, ängstliche Sorge, wie ich heute weiß. Ein Zweckbündnis, eine Vertragsbeziehung mag so funktionieren. Liebe aber bedeutet Freiheit! Liebe heißt, ‘Du darfst’ und ‘Du musst nicht’, denn in Liebe steckt auch Vertrauen und Vertrauen  wiederum bedeutet, die Freiheit der Liebe zu gebrauchen, aber nicht zu mißbrauchen. Ich habe das damals nicht gewußt und mir nicht vorstellen können, dass es funktioniert. Heute weiß ich es. Heute weiß ich, dass Liebe Angst vertreiben und besiegen kann.

Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, ob ich in einer Beziehung bestehen kann. Ich kann es, denn Liebe schenkt Zuversicht, Vertrauen, auch Selbstvertrauen. Liebe hilft, die Widrigkeiten des Lebens zu überwinden. Liebe hilft, Drangsalierungen und Anfeindungen entgegen zu treten. Liebe tröstet und befreit. Liebe gibt  Kraft und Freiheit – Freiheit, die das Leben alleine nicht zu bieten hat.

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