Im Laufe ihres Bestehens haben die monotheistischen Glaubensrichtungen große Religionsgemeinschaften hervorgebracht. Unter ‘Religionsgemeinschaften’ verstehe ich Organisationen von natürlichen Personen mit ähnlichen religiösen Überzeugungen. Dabei habe ich allerdings in erster Linie die hier in unseren Breitengraden vorwiegend vorkommenden Glaubensrichtungen Christentum, Islam und Judentum mit ihren teils weltumspannenden, teils regional begrenzten Organisationsstrukturen im Sinn. Offenbar bestand und besteht das Bedürfnis, Glauben zu institutionalisieren. Der legitime Wunsch, Religion in Gemeinschaft mit anderen zu erleben, ist schon vor langer Zeit profanen Organisationsideen gewichen.
Ich frage mich, ob Religionsgemeinschaften irgendeinen ‚Wert’ (nicht im monetären Sinne) für ein gedeihliches Zusammenleben darstellen. Dies vor dem Hintergrund, dass die großen Religionen im Laufe ihres Bestehens ein kompliziertes Regelwerk geschaffen haben, dass offenbar nur dazu dient, Menschen durch das Erheben normativer Ansprüche zu unterdrücken.
Religionsgemeinschaften werden gebraucht, um als Machtbasis für die Machtansprüche und die Befriedigung persönlicher Gelüste einiger weniger Menschen zu dienen. Sie dienen dazu, Macht über die Mitglieder der eigenen Glaubensgemeinschaft auszuüben und die Stärke der eigenen Organisation zu nutzen, um Macht über Anders-/Nichtgläubige auszuüben. Zu diesem Zweck werden unter anderem Verhaltensnormen aufgestellt, mit der Behauptung, diese kämen mittelbar oder unmittelbar von einem Gott und dieser Gott verlange die Beachtung der Regeln. Um die Durchsetzung zu gewährleisten, werden diese Regeln mit Strafandrohungen versehen.
Nicht selten werden Verhaltensregeln, die sich für einen vernünftigen Menschen von selbst ergeben, wie zum Beispiel das so genannte 5. Gebot (‘Du sollst nicht töten’, ursprünglich ‘Du sollst nicht morden’, was zum Beispiel Tötungen durch Krieg oder in Vollstreckung der Todesstrafe ohne weiteres erlaubt) als Errungenschaft der jeweiligen Religion ausgegeben.
Darüber hinaus werden Religionsgemeinschaften gebraucht, um den niederen Instinkten der Menschen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Sie erlauben, religiöse Motive für die Anwendung sinnloser (physischer und psychischer) Gewalt vorzugeben, und die Gewalttäter können sich zur Rechtfertigung der Gewaltausübung auf die Glaubens- und Lehrsätze ihrer Religionsgemeinschaft berufen.
Gerne wird eingewandt, eine große Anzahl von Menschen, einige hundert Millionen, vielleicht mehrere Milliarden, bräuchte die Stütze der Priester und der Mitgläubigen und die Vorbildfunktion der Glaubensführer sei notwendig. Dem entgegen ist zu fragen, ob nicht gerade die Glaubensgemeinschaften das Bedürfnis nach dieser ‘Stütze’ erzeugen, um es anschließend zu ihrem eigenen Ruhm zu befriedigen. Die Ausrichtung der Religionsgemeinschaft auf die Schaffung von Abhängigkeitsverhältnissen ist offensichtlich. Und inwieweit Machtpolitiker wie Ratzinger für die römisch-katholische Kirche Vorbildfunktion ausüben können, ist mehr als fraglich.
Gemeinschaftserlebnisse gibt es auch im Sportverein und in der ’schwulen Szene’. Jedoch sind religiöse Gemeinschaftserlebnisse im Allgemeinen auf gemeinsame Spiritualität, auf das gemeinsame Verherrlichen gemeinsamer Glaubenswahrheiten, ausgerichtet.
Angeboten wird:
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Gemeinschaftsgefühl: Die Gemeinde als soziales und emotionales Auffangbecken ist eminent wichtig.
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Sicherheitsgefühl: Gott oder ein göttliches Wesen als lebenslanger Vater- /Elternersatz. Suche nach Liebe.
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Traditionen: Rituale, Gesänge, Heilige Orte, Gewänder und Festbräuche, Speisen und Getränke (Abendmahl, Christstollen et cetera). Die ewige Wiederholung beruhigt in einer komplexen und sich rasch verändernden Welt. Wenn ich gleichsam bete, wie einst meine Großmutter mit mir als kleinem Kind, bin ich der Ewigkeit/Unsterblichkeit etwas näher.
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Leben nach dem Tod.
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Trost: Emotionaler Schutzraum, bessere Welt im Jenseits.
Nun kann ich dem ersten Angebot durchaus etwas abgewinnen. Jedoch steht das religiöse Angebotssortiment immer unter der Prämisse der Moralvorstellungen der jeweiligen Religionsgemeinschaft. Nur wer bereit ist, sich der jeweiligen Moral zu beugen, wird auch ihre Segnungen erhalten.
Die Moralvorstellungen basieren zumindest für den christlich-jüdischen Bereich ganz wesentlich auf den 10 Geboten. Dabei wird oft angeführt, diese Regeln stammten von Gott. Tatsächlich sind sie jedoch von Menschen vorgegeben worden. Auch die Scharia, um einen Blick auf den Islam zu werfen, wurde von Menschen erdacht und formuliert. Das gesamte kirchliche Organisationsrecht, all die Rituale und kultischen Handlungsanweisungen, stammen nicht von einem Gott.
Während religiöse Nischenanbieter sich mit der wortgetreuen Auslegung dieser und anderer Glaubensregeln brüsten, nehmen die großen christlichen und jüdischen Glaubensgemeinschaften eine modere Interpretation dieser 10 Gebote für sich in Anspruch. Allerdings reklamieren die jeweiligen Funktionsträger des Glaubens die Interpretationshoheit über die Frage, was modern ist.
Die Durchsetzung der Regeln erfolgt mit Hilfe eines Konzepts der Angst. Es werden bestimmte Verhaltensweisen als ’sündig’ bezeichnet und je nach Glaubensrichtung erfolgt eine Strafandrohung für die Zeit nach dem irdischen Leben oder die Bestrafung erfolgt zu Lebzeiten des ‘Sünders’ und beendet nicht selten das irdische Leben der betroffenen Person. Das Strafrecht der Glaubensgemeinschaften ist von Menschen gemacht, nicht von einem Gott. Kirchliche Funktionsträger sind, wohl am meisten in der römisch-katholischen Kirche, von Amtsenthebungen, Zwangsversetzungen und ähnlichem bedroht, wenn sie nicht springen, wie sie sollen.
Schon vor Jahren hat sich mein Verhältnis zu den Religionsgemeinschaften stark verändert. Früher hat mich das Alles sehr stark angezogen und beeindruckt; ich war Messdiener und als Organist für evangelische (in verschiedenen Schattierungen), römisch-katholische und anglikanische (!) Gemeinden tätig. Um bei der römisch-katholischen Kirche zu bleiben: Ich habe noch bis vor ein paar Jahren im Bistum Münster, einem der wohl liberalsten Bistümer, gewohnt und dort nicht nur einige ganz ausgezeichnete Gemeindepfarrer kennen gelernt, sondern auch vielfach ganz außergewöhnlich gutes Gemeindeleben. Ich habe aber auch miterlebt, etwa vor fünfzehn Jahren beginnend, wie ab der Mitte der Amtszeit Wojtylas dessen willkürliche Machtausübung, seine Ausgrenzung anders denkender, gleichwohl glaubender Menschen, seine diktatorische Unterdrückung abweichender Meinungen, und ein durch seine exzellenten schauspielerischen Fähigkeiten geförderter Personenkult das (amts-)kirchliche Leben zu beherrschen begannen, wie das in vielen Gemeinden halbwegs intakte Gemeindeleben ‘von oben’ beeinträchtigt oder gar vollständig zerstört wurde. Der Druck kam aus Rom, er wurde von der Bistumsleitung nur weitergegeben. Ich habe, damals noch mit einiger Fassungslosigkeit, zur Kenntnis genommen, wie vorzüglich der kirchliche Machtapparat funktioniert. Heute weiß ich, dass das damals Gesehene, Gehörte und Miterlebte nichts gegen das ist, was hier im Erzbistum Köln abläuft. Ich stelle nun nicht die Frage, warum die Menschen an einen Gott glauben, sondern warum die Gläubigen sich diesen Machtstrukturen unterwerfen. Meine Frage zielt in diesem Post nicht darauf ab, Religionen zu hinterfragen, sondern deren organisatorische Strukturen.
Dient die Gemeinsamkeit im kirchlichen Raum nicht in erster Linie dazu, den Menschen den Verstand zu vernebeln? Ich habe große Schwierigkeiten damit, zu verstehen, warum Menschen sich einem Religionsführer (das kann der Papst, ein Ortspfarrer oder ein schiitischer Imam sein), der für sich die Interpretationshoheit über die vom jeweiligen Religionsgründer (angeblich) geäußerten Ansichten beansprucht, nachordnen. Die gilt insbesondere dann, wenn diese Interpretationen in einem kultischen Rahmen erfolgen, der den Menschen vorgaukelt, es geschähe etwas Überirdisches. Glockengeläut, Kerzen, Weihrauch, Gewänder, bunte Kirchenfenster, Orgelmusik, … All das wird nur veranstaltet, um die Menschen in eine mystische Stimmung zu versetzen, ihnen den Eindruck von Spiritualität zu vermitteln, sie glauben zu machen, es gehe um “höhere” Dinge. Wem nützt dieser organisatorische Aufwand, dessen Hauptziel es ist, die Entwicklung der Menschen zu gebildeten und selbständig denkenden Menschen zu verhindern? Den Gläubigen, oder denjenigen, die Menschen beherrschen wollen?
Nicht ungeschickt haben die Erfinder der großen Glaubenslehren von vornherein eine Hierarchie in ihre Glaubenslehre hinein formuliert, nämlich die zwischen Mensch und dem jeweiligen Gott. So war es ein leichtes, diesen Gedanken auf das Verhältnis zwischen den Menschen in einer Religionsgemeinschaft zu übertragen (zum Beispiel Papst als Stellvertreter Gottes, womit er gewissermaßen oberster Mensch ist). Und in Fortsetzung dieses Gedankens konnte der römisch-katholische Papst zum Beispiel den evangelischen Kirchen bescheinigen, dass sie gar nicht ‘Kirche’ seien.
Um den Einfluss und den Machtanspruch einzelner zu retten, kommen die Kirchenführer neuerdings mit dem Ansatz, dass eine Religion, die auf Freiwilligkeit basiere, letztlich nicht demokratisch sein könne. Menschen schlössen sich zusammen, weil sie etwas Bestimmtes glaubten und ein bestimmtes Verständnis der Bibel hätten. Da könne nicht einfach plötzlich die Mehrheit sagen, es sei jetzt etwas anderes zu glauben und die Minderheit müsse dem folgen. So wird letztlich in der römisch-katholischen Kirche erreicht, dass eine Minderheit in Gestalt des Kirchenführers ihre Glaubensauffassung als allein gültige verkünden kann.
Dabei wird gerne verschwiegen, dass es mit der Freiwilligkeit der Kirchenmitgliedschaft nicht weit her ist. Denn zumindest in Deutschland werden Menschen auch heute noch, im Jahr 2008, in frühester Jugend von ihren Eltern zu Kirchenmitgliedern erklärt. Erst ab dem zwölften Lebensjahr haben Menschen in Deutschland gewisse Einflussmöglichkeiten auf ihre Kirchenzugehörigkeit. Für einen Austritt aus der Kirche sind bürokratische Hürden zu überwinden und Gebührenforderungen staatlicher Stellen zu begleichen.
Praktische Konsequenzen hat die Kirchenmitgliedschaft in Deutschland in erster Linie in der sich daraus ergebenden Verpflichtung, Kirchensteuern zahlen zu müssen. Schon in der Weimarer Republik haben sich römisch-katholische und die evangelischen Kirchen in die günstige Position gebracht, sich gegen eine minimale Gebühr staatlicher Stellen (Landesfinanzverwaltungen) zur Festsetzung, Erhebung und zwangsweisen Beitreibung (Vollstreckung) der Kirchensteuern bedienen zu dürfen. Die Arbeitgeber und, ab 2009, die Banken müssen sogar entgeltfrei für die Kirchen Kirchensteuern berechnen und erheben.
Nachdem die kostspieligen Urlaubsvergnügungen des gegenwärtigen Papstes bekannt geworden sind, ist zumindest klar, wem die Kirchensteuer nützt.
Wie sehr es in den Religionsgemeinschaften um die Macht von einigen wenigen Menschen geht, und nicht um die Allmacht eines Gottes, lässt sich an der bildlichen Darstellung von Segnungshandlungen ablesen. In alten vorchristlichen und vorislamischen Religionen, wie sie zum Beispiel in Ägypten vorkamen, segnet auf den überlieferten Abbildungen immer der entsprechende Gott selbst. Heute sind neben oder sogar an die Stelle des segnenden Gottes segnende Menschen getreten.
Ich muss oft an einen römisch-katholischen Pfarrer in meiner Heimatstadt denken. Dessen ‘Zuständigkeitsbereich’ erstreckte sich über einen Stadtteil, der nur als städtebaulicher Unglücksfall bezeichnet werden kann, mit einer sehr schwierigen Sozialstruktur, ohne Freizeitangebot, hoher Arbeitslosigkeit und hoher Kriminalitätsrate. Das Kirchengebäude gehört zu den unansehnlichsten Kirchen, die ich kenne: 70iger-Jahre-Bau, nur Beton und Einfachglas, kein Glockenturm, grottenschlechte Akustik, inexistente Verkehrsanbindung. Dieser Pfarrer hatte eine Abneigung gegen jeden Prunk und Pomp, seine Messgewänder waren alt und abgenutzt. Es kam nicht selten vor, dass er, erst im letzten Moment die Kirche erreichend, sich im Straßenanzug an den Altar stellte. Er verabscheute allzu üppige musikalische Gottesdienstbeiträge. Er sprach gleichförmig und monoton, hatte alles andere als eine Predigerstimme. Und doch: Seine Kirche war immer voll. Er hatte in weitem Umkreis die, relativ wie absolut, größte Anzahl von Gottesdienstbesuchern. Die Tür seines Pfarrhauses stand, wörtlich gemeint, immer offen, und ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals alleine in seinem Pfarrhaus angetroffen zu haben. Immer waren Menschen dort, die seinen Rat, seine Hilfe und Unterstützung suchten. Und er hat sich niemandem verweigert (und sich durch die Aufopferung für andere seine Gesundheit ruiniert). Wenn er predigte, sprach er nicht von oder über einen Gott. Er sprach von den Menschen und vom Leben der Menschen. Er hat niemals Bischofsbriefe verlesen (was ihm regelmäßig Ärger mit dem Generalviehkariat – so seine Schreibweise – einbrachte), mit der Begründung, der Bischof wisse ja gar nicht, was in der Pfarrei vorgehe. Er brauchte weder kirchliche Rangabzeichen, noch konnte er der kirchlichen Hierarchie etwas abgewinnen (wohl wissend, dass er letztlich auch nur ein kleines Rädchen in der großen Kirchenmühle war). Er war einfach für die Menschen da. Er hat seinen Glauben, er hat sein Verständnis von christlicher Nächstenliebe, einfach gelebt. Er brauchte weder Kathedralen, noch Osterfeuerrituale oder Weihrauch. Und nach meiner Einschätzung hat er mehr Menschen zum Glauben geführt, als jeder andere Priester, den ich kennen gelernt habe. Vielleicht nicht zu einem bedingungslosen Glauben an einen Gott, gewiss nicht zu einem bedingungslosen Glauben an die Richtigkeit der Worte des angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden, wohl aber zum Glauben daran, dass es eine bessere Form des Zusammenlebens gibt, als sie sich in dem beschriebenen Stadtteil darstellte. Ich habe ihm einmal gesagt, dass die römisch-katholische Kirche gewiss ein besseres Standing hätte, wenn sie über mehr Seelsorger wie ihn verfügen würde. Er entgegnete heftig, dass er nicht als Seelsorger bezeichnet werden wolle. Denn er würde sich nicht um die Seelen und das Seelenheil der Menschen sorgen. Ihn würde die Sorge um ein einigermaßen friedliches Zusammenleben umtreiben. Für ihn sei nicht wichtig, was vor uns geschehen sei und was nach uns geschehen werde. Für ihn sei wichtig, was hier und jetzt mit uns geschehe. Erst wenn wir es schafften, hier auf der Erde miteinander klar zu kommen, sollten wir uns Sorgen machen, wie es im Himmel mit uns weitergehen werde. Er würde sich lieber als einen Freund der Menschen bezeichnen.
Ganz anders waren die Verhältnisse in einer andere Gemeinde in einem wohlhabenden, gut situierten Stadtteil. Dort legte der Pfarrer viel wert auf eine protzige Gottesdienstgestaltung. Messgewänder und Messgeschirr waren vom feinsten, eine Orgel in der Kirche reichte nicht, eine zweite musste her – dass in weiten Umkreis größte Instrument. Jede Kritik wehrte er damit ab, dass für ein erfülltes Gemeindeleben Gottesdienste sinnlich erlebt werden müssten.
Sinnliches Erleben? Sinnliches Erleben wird in der Regel mit Hilfe von Taschenspielertricks erreicht. Ich habe lange genug in verschiedenen Gemeinden Orgel gespielt, um zu wissen, wie ich mit der ‘richtigen’ Musik einen ansonsten völlig verkorksten Gottesdienst retten kann, und die Leute hinterher, obwohl der Priester den größten Scheiß (Verzeihung!) erzählt hat, mit einem erhabenen und beseelten Gefühl nach Hause gehen.
Ich will niemanden solche sinnlichen Erlebnisse wegnehmen, nicht zuletzt, weil sinnliche Erlebnisse, ich denke jetzt nicht nur an solche mit kirchlichem Bezug, sondern,… ähm,… an das heimische Bett, sicherlich zu den schönsten und eindrucksvollsten Erlebnissen überhaupt gehören können. Aber genau das ist der springende Punkt. Wenn man Menschen ein solches sinnliches Erlebnis bereitet, wenn man sie in Ekstase, egal ob spiritueller oder sexueller Natur versetzt, werden sie willfährig. Die verständige Würdigung des Geschehens tritt zurück hinter gefühlsbetonten und, je nach dem, gruppendynamischen Wertungen. Das ist nichts anderes, als den Verstand vernebeln.
Gegen einen Prediger, der ohne Verdrehungen und Verfälschungen mit einfachen klaren Worten versucht, seine Zuhörer zu überzeugen, kann ich nicht viel einwenden. Ein Prediger aber, der, mit welchen Mitteln auch immer, seinen Zuhörern ein sich auf der Gefühlsebene abspielendes Erlebnis verschafft, ist, je nachdem, welche Ziele er verfolgt, ein ganz gefährlicher Mensch.
Am Beispiel der, insbesondere im us-amerikanischen Raum auftretenden, demagogisch hochbegabten Massen- und Fernsehprediger und ihrer Zuhörer und Zuschauer lässt sich beobachten, dass die Gläubigen lieber unterhalten als unterrichtet werden wollen. Hier zeigt sich in besonderem Maße, dass die Religionsgemeinschaften, wie andere ideologisch geprägte Gemeinschaften auch, darauf bedacht sind, ihre Anhänger dumm zu halten, zumindest zu verkaufen, das Glaube Vorrang vor dem Wissen hat. Dies Ablehnung von Wissen wirkt schnell in andere Lebensbereiche hinein. Erst vor wenigen Monaten war zu lesen, dass in Großbritannien Medizinstudenten sich aus Glaubensgründen weigern, sich mit bestimmten Krankheiten zu befassen oder bestimmte Untersuchungen durchzuführen; ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, welche Macht Religionsgemeinschaften über ihre Mitglieder entwickeln können! Wenn jemand aus Glaubensgründen beschließt, dumm zu bleiben, ist da nur noch mit unendlicher Geduld etwas zu machen, denn es ist offenbar keine unbedeutende Leistung, den Sinn und die Richtigkeit des eigenen Glaubens zu hinterfragen. Befindet man sich dann noch in einer Religionsgemeinschaft, die ihre Mitglieder unter psychischen und/oder physischen Zwang setzt, ist es für viele Menschen fast unmöglich, klare Gedanken zu fassen. Das Zeitalter der Unwissenheit ist abgelöst worden durch ein Zeitalter des Nichtwissenwollens.
Laie (=Fußvolk), weltlicher Diakon, geistlicher Diakon, Kaplan, Vikar, Pfarrer/Probst, Dechant, Regionalbischof, Ortsbischof, Metropolit, vatikanische Kongregationen, Papst. Daneben noch Orden, Geistliche mit Sonderfunktionen, Domkapitel. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der römisch-katholischen Kirchenhierarchie. Ist das alles notwendig, um an Gott zu glauben? Hier wiederhole ich meine Frage: Wer braucht das alles? Wem nützt das alles? Dem Glauben? Den Gläubigen? Nein, es nützt nur denjenigen, die nicht auf der untersten Hierarchiestufe stehen, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, Macht auszuüben über die jeweils unter ihnen Stehenden.
Abschließend ein Exkurs zum Kirchenasyl:
Mitunter wird das Kirchenasyl als Positivbeispiel kirchenkritischen Äußerungen entgegen gehalten. Gelegentlich entschlössen sich Pfarrer oder ganze Gemeinden, in Akten zivilen Ungehorsams gesetzwidrig von Abschiebung bedrohten Menschen Asyl zu gewähren. Immerhin könnten jedes Jahr etwa dreiviertel der Aufgenommenen vor Abschiebung bewahrt werden. Die Pfarrer und Gemeinden handelten hier vor dem Hintergrund eines Gefühls, das sie als ‘Christenpflicht’ zur Hilfe verstünden. Der Staat könne sich in solchen Fällen ein hartes Durchgreifen nicht erlauben, da die Kirchen immer noch als Instanzen angesehen würden, die hier ein zwar gesetzlich nicht gedecktes, aber moralisch gerechtfertigtes Verhalten an den Tag legten.
Ich habe den Eindruck, dass das sogenannte Kirchenasyl ganz gerne wegen der damit verbundenen Publicity gewährt wird. Kirchenasyl ist nicht per se etwas Gutes. Es lohnt sich, genau Hinzuschauen, wer da wem (und wem nicht!) aus welchen Gründen Kirchenasyl gewährt. Nur weil irgendwo Kirchenasyl gewährt wird, muss man das nicht automatisch gutheißen. Vor ein paar Jahren war das Gewähren von Kirchenasyl richtig ‘in’, und ich konnte und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Asylgewährung nicht immer ausschließlich aus altruistischen Motiven geschieht ist. Mir sind allemal die Fälle des stillen und geheimen Kirchenasyls lieber.
Wir sollten immer fragen, wem es nützt. Dem Hilfesuchenden oder denen, die sich vielleicht gerne als Helden, Revoluzzer, Märtyrer in der reich beBILDerten Presse sehen wollen. Natürlich ist mir ist klar, dass man sich im Zweifel gar nicht dagegen wehren kann, für ein oder zwei Tage durch die Medien gezerrt zu werden.
Sehr zum Nachdenken sollte es anregen, wenn, mein Blick richtet sich wieder auf die römisch-katholische Kirche, eine Ortsgemeinde jemanden vor der Abschiebung bewahren will, die offizielle Vatikanpolitik sich gegenüber dem Staat, in den abgeschobenen werden soll, aber geradezu freundschaftlich verhält.
Es ist nicht Unbedenklich, wenn in einem Rechtsstaat einzelne Gruppen das Recht selbst in die Hand nehmen und ihre Wertungen über die des Gesetzgebers und die zur Gesetzesauslegung berufenen Gerichte stellen. Allerdings, der Klarheit halber: Nicht das Gewähren von Kirchenasyl ist rechtswidrig, sondern das Nichtdurchsetzen behördlicher oder gerichtlicher Entscheidungen durch die dazu berufenen Stellen. Im Grunde ist das ein Skandal! Durch die mangelnde Vollzugsbereitschaft staatlicher Stellen kommt es zu einer Verquickung von Staat und Kirche, die sich durchaus hier und da als positiv darstellen, genauso aber fatale Folgen haben kann. Weil: Wir (unsere gewählten Vertreter) wirken zum Beispiel zur Zeit auf die Türkei ein, sie möge bitte die Trennung von Staat und Religion beibehalten und sich nicht auch zu einem dieser ‘Gottesstaaten’ entwickeln, in dem religiöses Recht dem weltlichen Recht vorgeht. Dies können wir aber nur glaubwürdig vorbringen, wenn wir bei uns Staat und Kirche sauber getrennt halten.
Und dennoch (auch wenn ich mir jetzt ein wenig selbst widerspreche):
Ich empfinde starke Zuneigung zu jedem, der sich gegen Ungerechtigkeiten wendet, nicht nur durch Predigten und viele schöne (virtuelle) Worte, sondern durch ganz praktisches Tun. Ich empfinde starke Zuneigung zu jedem, der den Bedrängten hilft und denjenigen, die um ihr Leben fürchten müssen.
Ich will gar nicht wegdiskutieren, dass das Kirchenasyl Menschen das Leben gerettet hat. Allein diese Erkenntnis zwingt zu der Frage, ob wir in einem Rechtsstaat leben, oder nur in einem Gesetzesstaat.
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