26 Sep 08

… so übertitelte der Kölner Stadt-Anzeiger gestern einen seiner Artikel in der Druck- und Onlineausgabe. Gut gemeint, das unterstelle ich dem Stadt-Anzeiger ohne weiteres, ist gleichwohl noch lange nicht gut gemacht.

HIV und AIDS können offenbar nicht ohne die Klärung der Schuldfrage erörtert werden. Und so erfahren wir:

Benjamin (31) wurde im Alter von 22 Jahren vergewaltigt und mit HIV angesteckt.

Wofür ist diese Information wichtig? Zwar ist der Beitrag des Stadt-Anzeigers mit “Portrait” überschrieben, aber wir erfahren kaum etwas über Benjamin. Ein paar Details, wie ‘Pillen schlucken’ und ‘Vater im Ausland’, machen noch kein Portrait. Wir haben es vielmehr mit einer, ich möchte fast sagen, belanglosen Geschichte zu tun, zu deren Beginn der Leser erfährt, dass HIV/AIDS irgend etwas mit Gewalt, krimineller Energie und/oder ungezügelter Sexualität zu tun haben muss. Benjamin jeoch ist anders, denn

Bei einem One-Night-Stand ziehe ich einfach ein Gummi drüber, und gut ist’s.

Und dann folgt völlig unvermittelt der Satz:

Viele HIV-Infizierte, die unter der Nachweisgrenze liegen, lassen hier sogar das Kondom weg.

Hallo!? Das kann doch nicht einfach so stehen bleiben! Das muss erklärt werden! Wer von den Lesern der Zeitung weiß denn mit dem Begriff “Nachweisgrenze” umzugehen? Und wem erschließt sich denn ohne weiteres, dass dieses Verhalten nicht verantwortungslos ist. Hier wäre die Chance gewesen, zu erklären, dass sich das Wissen über Ansteckungsrisiken im Laufe der letzten 20 Jahre erweitert hat und dass die alte Standard-Empfehlung ‘Gummi drüber’ heute nicht mehr alleine stehen kann. 

Der ein oder andere Leser mag über den Begriff “belanglose Geschichte” stolpern. Nun, die Lebensgeschichte eines Menschen ist niemals belanglos. Eine HIV-Infektion ist nicht belanglos. Jedoch macht der Stadt-Anzeiger, vielleicht unbewußt, den Fehler, HIV mit ungezügelter Sexualität, mit verachtungswürdigem Verhalten, mit einer ‘Scheißegal-Haltung’ in Verbindung zu bringen. Das alles ist belanglos, weil regelmäßig falsch.

Aufmerksam machen möchte ich auf eine neue Seite des britischen Terrence Higgins Trust (THT):

What’s next?

Auch der THT tut sich schwer, offensiv mit der Frage der Infektiosität bei einer Virenlast unterhalb der Nachweisgrenze umzugehen, doch findet sich dort der Satz

The higher our viral load, the greater the risk.

der dem aufmerksamen Leser ohne weiteres einen Umkehrschluss ermöglicht.

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