24 Sep 08

Dear Virginia

 

Nein, ich heiße nicht neuerdings Virginia und ich kenne auch keine Virginia. Virginia ist sozusagen das Dr-Sommer-Team des Belfast Telegraph. Sie hat, deshalb befasse ich mich überhaupt mit ihr, Post bekommen von einem schwulen Mann, der eine Affäre hatte mit meinem verheirateten Mann, der nun gestorben ist:

 

I’m a gay man and I had been having an affair with a married man for 10 years. We loved each other very much, but he would never leave his family for me. He led a completely double life and his wife and children never knew. A year ago he got cancer, and he died recently. I feel utterly bereft. I know when the funeral is, and where, and it would mean a lot to me to go, but I haven’t been invited, of course. Can I just turn up? I keep agonising over what to do.

 

Yours sincerely, Patrick

 

 

Dieser Lebenssachverhalt, der Patrick so quält, tritt vermutlich gar nicht selten auf und ich habe mich gefragt, was ich in so einer Situation Antworten würde. Mit einer Grundsatzdebatte über das Leben und Sterben und den Tod auf so ein Hilfeersuchen zu reagieren, wäre sicher verfehlt. Für verfehlt halte ich aber auch die Antwort von Virginia:

 

You know what your friend would have wanted. He spent all his life trying to protect his family from this other side of himself, so why should you risk undoing all his hard work in a single selfish stroke?

 

10 Jahre lang hat ‘he’ sich selbst verleugnet, hat seine Liebe zu einem Mann verleugnet und hat Patrick verleugnet. Nur um sich nicht unbequemen Fragen aussetzen zu müssen, nur um nicht den ‘lieben Familienfrieden’ zu gefährden. Patrick hat das alles mitgemacht und ertragen. Er hat zugunsten von ‘he’s’ Familie auf eine eigene Familie, auf Zweisamkeit und vielleicht mehr verzichtet. 10 Jahre hat er selbstlos die Maskerade von ‘he’ mitgetragen. Ihm nun ausgerechtet selbstsüchtige Gedanken zu unterstellen ist ignorant und vermessen.

 

Virginia sorgt sich auch um die Trauergemeinde:

 

Everyone would turn to look and wonder what your relationship was with your friend.

 

Und schlimmer noch:

 

let’s say his wife had always, at the back of her mind, suspected something was going on and, in fact, knew much more than either of you realised? Let’s say that in his private papers after his death she’d found incontrovertible evidence? A photograph, maybe? Think how painful it would be for her to realise that the shadow in the back of the church was her husband’s lover.

 

Die Ehe war doch nur eine Farce. Wie kommt es, dass Menschen betrogen werden wollen, dass sie belogen werden wollen und sich dabei offenbar noch gut fühlen, statt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Und diese Wahrheit ist nun mal, dass ‘he’ ein anderes Leben lebte, als die Menschen in seiner Umgebung angenommen haben. Sie werden sich fragen müssen, was sie von ‘he’ überhaupt wussten. ‘he’ ist tot und mit ihm ist sein Lügengerüst gestorben. Es gibt nichts und niemanden, der Patrick zwingen könnte, das erbärmliche Schauspiel weiter zu spielen. Nicht um des Verstorbenen Willen und schon gar nicht um seiner selbst Willen.

 

 ‘Gute’ Ratschläge hat Virginia parat:

 

If you really feel you can’t stay away, then take your car, park it round the corner from the church (and I mean round the corner, not at the front where you’d look odd and creepy) and simply sit there for the duration. But wouldn’t it be better to book a train ticket to some place where you and he enjoyed happy times and, over the time of the service, have your own ceremony of remembrance, even if it just involved sitting quietly in a wood for an hour? If a friend of yours remembers him as well, you could invite them along.

 

Of course you want to mark his death in some way, but the occasion doesn’t have to be in a church, alongside his family. You could plant a tree in his honour, or set a small plaque in your garden wall, perhaps, using only his initials. You could write a poem and try to get it published, or, if you really feel the craving for something religious, talk to your local vicar and explain the situation.

 

Ich halte das für den Gipfel der Heuchelei. Welches Trauervorrecht, außer einem amtlichen Papier, haben Ehefrau, Kinder und Anverwandte? Virginia verlangt nichts anderes, als das Patrick 10 Jahre seines Lebens still und heimlich aufgibt, vergisst, unkenntlich und unentdeckbar macht; weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

 

You never betrayed him when he was alive. Don’t betray him now.

 

Wen könnte Patrick verraten? ‘he’ hat 10 Jahre lang Patrick zu einem Leben im Geheimen gezwungen. ‘he’ war nicht bereit, einen Preis für Patricks Liebe zu bezahlen, er hat, mit Verlaub, Patrick verarscht. Patrick hat Rücksicht genommen, und Patrick hat weiterhin Rücksicht zu nehmen und zwar einzig und allein auf sein Leben. Nicht Patrick wäre der Verräter, ‘he’ hat vielmehr Patrick verraten, in dem er ihn in eine unerträgliche Situation manövriert hat, in dem er Patrick in ein Lügengeflecht eingebunden und ihm die Möglichkeit genommen hat, zu sich und seinem Freund zu stehen.

 

Auf die Trauergemeinde braucht Patrick keine Rücksicht zu nehmen; sie trauen um einen Menschen, den sie nicht kannten. Patrick ist der einzige, der ‘he’ wirklich kannte. Ausgerechnet er soll schweigen, seine Gefühle unterdrücken und fern bleiben?

 

Virginia erhält Zustimmung von den Lesern und Leserinnen des Belfast Telegraph. Eine von ihnen verlangt, dass alles getan wird, um den schönen Schein der Vater-Mutter-Kind-Familie zu erhalten. Patrick ist der Bösewicht. Er ist es schon immer gewesen:

 

Is it not enough that Patrick took his lover away from his family for 10 years? What Patrick really wants is not recognition that his affair happened, but to make sure his lover’s widow and children are made even more miserable by this revelation. Patrick has had his fun. It’s time to grow up and behave responsibly. It is a coward who will not leave a bereaved family to grieve in peace. 

Patrick hat einem anderen Mann zehn Jahre lang seine Liebe geschenkt, er hat sie verschenkt! Und nun darf er sich von der Normgesellschaft dafür einen Arschtritt abholen!

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