Ich habe nicht für möglich gehalten, dass es im Erzbistum Köln doch noch einen römisch-katholischen Priester gibt, der dem machtbesessenen Kardinal Meisner die Stirn bietet. Ich habe mich geirrt.
Gab sich der Erbeerschorsch vor wenigen Tagen im Fernsehen, mit Gloria flirtend, ganz entspannt und locker, so jagd nunmehr ein Tobsuchtsanfall nach dem anderen durch das Erzbischöfliche Palais an der Kardinal-Frings-Straße. Meisner will einen seiner Pfarrer aus dem Amt vertreiben; die Polizei soll ihm dabei helfen.
Michael Jung ist Pfarrer in der Goldsaftstadt Meckenheim (bei Bonn) und hat dort eine Großgemeinde mit 12000 Mitgliedern zu betreuen.
Jung hat den Erdbeerschorsch vor geraumer Zeit der Veruntreuung bezichtigt, weil die Erzdiözese auf Kosten der Seelsorgebereiche Geld spare. Der Oberhirte verweigere ihm eine dringend benötigte Kaplanstelle, deshalb könne er die Strukturreform im Erzbistum nicht mittragen. Daraufhin ordnete Meisner eine Visitation der Meckenheimer Gemeinde durch den Weihbischof Heiner Koch an. Jung spielte nicht mit und ließ wissen, er habe kein Zeit, mit dem Vertreter Meisners herumzureisen.
So etwas ist natürlich für einen Erzbischöf, der sich die Zeit lieber damit vertreiben, zusammen mit Gloria von tut und taugt nix Bücher zu schreiben, und der lieber im Auftrag irgendwelcher nutzloser päpstlicher Kommissionen in der Weltgeschichte herumtrödelt, unvorstellbar.
Als sich der Pfarrer auch noch in die Meckenheimer Lokalpolitik einmischte und sich in mehreren Gottesdiensten für die Abwahl der damaligen Bürgermeisterin Yvonne Kempen aussprach, war das dem Erdbeerschorsch, der sich bekanntlich nie in die Politik einmischt, auch nicht recht.
In Meckenheim wird Pfarrer Jung als “ein bisschen eckig und kantig” beschrieben. Meisner, der sich stromlinienförmige und schleimige Untergebene wünscht, kann damit nicht leben.
Am Wochenende kam es nun zum (vorläufigen) Showdown. Da Jung nicht freiwillig das Feld räumen wollte, rief Meisner die Polizei um Hilfe:
Die Polizisten, die am Freitagmittag nach Meckenheim gerufen wurden, hatten ein ungewöhnliches Problem: Sie sollten dem Kölner Erzbischof helfen, ein Hausverbot gegen Pfarrer Michael Jung durchzusetzen. Kreisdechant Bernhard Auel hatte Jung am späten Vormittag mit der Amtsenthebung durch Kardinal Joachim Meisner konfrontiert und wollte ihm Hausverbot erteilen. „Binnen einer Viertelstunde sollte ich die Schlüssel übergeben“, sagt Jung; als er sich weigerte, sei die Polizei gerufen worden.
Tröstlich:
Die Beamten indes machten deutlich, dass sie ohne richterlichen Beschluss nicht eingreifen könnten. „So einfach ist es in Deutschland nicht, jemandem die Schlüssel abzunehmen – auch wenn der Wunsch vom Erzbischof kommt“, sagte ein Bonner Polizeibeamter.
Dieser Polizeibeamte, falls er dummerweise römisch-katholisch sein sollte, wird nun mit seiner Exkommunikation rechnen dürfen. Nun, nachdem der Erdbeerschorsch mit diesem Coup gescheitert war, wollte Meisner in allen Gottesdiensten im Meckenheimer Seelsorgebezirk durch ein sogenanntes Proclamandum die Amtsenthebung Jungs verkünden lassen. Während der Kölner Express bereits voreilig Vollzug meldet und meint, nur der Papst könne Jung noch helfen, kam es ganz anders:
Am Samstag erwirkte [Jung] beim Landgericht Rheinbach [gemeint ist das Amtsgericht Rheinbach, TGD] eine einstweilige Verfügung gegen das Erzbistum. Der amtsrichterliche Beschluss gab dem Beklagten – dem „Erzbistum Köln, vertreten durch Kardinal Meisner, dieser vertreten durch Kreisdechant Bernhard Auel“- auf, es zu unterlassen, in den Gottesdiensten am Wochenende ein „Proclamandum“ verlesen zu lassen, eine Begründung der Amtsenthebung. Bei Zuwiderhandlung wurde ein Ordnungsgeld von bis zu 250 000 Euro oder sogar Ordnungshaft angedroht.
„Ich habe an diesem Wochenende alle Messen gefeiert“ sagt Jung. „Das Erzbistum hat zwar noch versucht, mir zu verbieten, die Vorabendmesse in St. Johannes der Täufer zu halten und mit der Polizei gedroht, aber ich habe auf den fruchtlosen Polizeibesuch vom Freitag verwiesen.“
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