Nun gut, Wissenschaft an sich ist nicht zum Erbrechen. Aber wenn dumme Schreiberlinge sich aufmachen, halbseidene wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem Zeitschriftenartikel zu verrühren, löst das schon gewisse unangenehme Reize aus.
In der schweizerischen Weltwoche äußert sich ein gewisser Rolf Degen zur Evolutionsbiologie und würfelt dabei einige der Studien und Thesen, in der letzten Zeit durch die Weltgeschichte geisterten, zusammen.
Er beginnt seine Ausführungen mit der spannenden Frage
Warum gibt es Homosexuelle?
Und ich möchte mit der Gegenfrage antworten: Warum gibt es Heterosexuelle? Anders als die Ausgangsfrage ist die Gegenfrage gar nicht dumm, denn es dürfte erhellend sein, zu wissen, warum die Natur für uns Menschen (und andere Spezies) so ein umständliches Fortpflanzungsverfahren vorgesehen hat. Warum müssen wir erst umständlich einen geeigneten Fortpflanzungspartner des anderen Geschlechts suchen und diesen begatten? Es gibt in der Natur durchaus Vorbilder für andere Vermehrungsverfahren (Selbstbefruchter zum Beispiel), bei denen die umständlichen und oft zum scheitern verurteilten Rituale der Arterhaltung entfallen. Nun gut, Herr Degen möchte unbedingt wissen, warum es Homosexuelle gibt. Deshalb wendet er sich der Evolutionsbiologie zu:
Die Evolutionsbiologen interessiert an der Homosexualität vor allem eines: dass es sie gibt, obwohl es sie nach den Grundannahmen dieser Fachdisziplin gar nicht geben dürfte.
Ein mindestens halbwegs wacher Verstand würde den Evolutionsbiologen nun anheim stellen, ihre Grundannahmen zu überprüfen. Nicht so Rolf Degen. Er fährt fort (leider nur mit seiner Berichterstattung):
Das Bedürfnis, Sex mit Angehörigen des eigenen Geschlechtes zu haben, ist aber kein gutes Rezept zum Kinderkriegen.
Ich verstehe es nicht! Ist die Not der nicht schwulen Artgenossen wirklich so groß, dass sie immer wieder darauf drängen, dass auch schwule Menschen Kinder bekommen sollen. Bitte, wenn es mit der Fortpflanzung bei Degen & Co nicht so recht klappt, helfe ich gerne aus, ich habe es schon einmal angeboten.
Degen glaubt ganz genau zu wissen, wovon er schreibt:
Ein bedeutsamer Aspekt der homosexuellen Lebensweise besteht darin, dass die Betreffenden weniger Nachkommen hervorbringen als die meisten Heterosexuellen.
Entschuldigung, Herr Degen, aber welche Aspekte mein homosexuelles Leben hat und welche davon bedeutsam sind, definiere ich immer noch selber!
Nach den Ergebnissen neuer Erhebungen bekommen bekennende Schwule fünf- bis zehnmal weniger Kinder wie der Rest der Bevölkerung.
Würden Sie mir das bitte einmal vorrechnen Herr Degen! Wie kann ein Umstand bei einer bestimmten Personengruppe fünf- bis zehnmal weniger auftreten, als bei einer anderen? Wenn beispielsweise die Personengruppe x in einem festgelegten Zeitraum 10 Kinder “bekommt”, wären zehnmal weniger Kinder -90 (minus neunzig) Kinder. Nicht nur, dass es an Degen’s sprachlicher Ausdruckfähigkeit hapert, auch in der Sache liegt er falsch. Für den New Yorker Stadtteil Bronx, die Zahl habe ich gerade zur Hand, haben die dortigen amtlichen Statistiker ermittelt, dass nahezu jedes zweite schwule Paar Kinder hat. Das muss der nicht schwule “Rest der Bevölkerung” erst einmal nachmachen!
Ach ja, Herr Degen, was sind denn “bekennende Schwule”? Wozu bekennen Sie sich denn? Zur Dummheit, wie ich nicht nur anhand des nächsten Zitats vermute.
Gemäss einer neuen australischen Untersuchung hatte von den schwulen Männern über fünfzig nur etwa die Hälfte überhaupt je für Kinder Fürsorgeaufgaben übernommen.
Schwule Männer über 50! Wissen Sie eigentlich in welcher Zeit und unter welchen schwulenfeindlichen Umständen diese Männer aufgewachsen sind? Diese Männer haben miterlebt, dass ’schwul’ und ‘Kind’ mit ‘pädophil‘ assoziiert wurde (und in weiten Teilen der Bevölkerung noch heute wird), aber nicht mit ‘Fürsorgeaufgaben’.
«Homosexualität ist praktisch eine Form der Sterilisation», gibt der Psychologe Qazi Rahman vom Queens College in London zu bedenken.
Ich nehme an, dass weder Sie, noch Rahman einen schwulen Menschen kennen. Und damit das auch so bleibt, geben Sie denjenigen, die der “natürlichen Auslese” nachhelfen wollen, etwas Stoff an die Hand:
Diese Zahlen stellen eine grosse Herausforderung für jede genetische Theorie dar, denn eine Erbanlage, die den Fortpflanzungserfolg reduziert, würde von der natürlichen Auslese gnadenlos ausgemerzt, betont der Psychologe Edward M. Miller von der Universität New Orleans.
So ganz sicher ist sich Degen dann doch nicht, denn er weiß
Die Interpretation von Studien wird dabei dadurch erschwert, dass keine genauen Zahlen über die Häufigkeit der Homosexualität existieren, weil so schwer zu definieren ist, wann jemand «andersherum» ist.
Ich bin übrigens richtigherum schwul!
Für Degen
Bleibt die Frage, wieso eine die [genetische] Fitness senkende Genkombination nicht ausgelöscht wird.
und er denkt dabei wohl an die Auslöschungsprogramme früherer Zeiten. Nun, Herr Degen, machen Sie doch mal ein paar Vorschläge, wie Sie all die Menschen, die nicht ihrer genetischen Normvorstellung entsprechen, auszulöschen gedenken. Denn das werden Sie schon selber machen müssen, weil es der Natur mit uns schwulen Menschen offenbar ganz gut gefällt und sie sich nicht an uns stört. Aber vielleicht haben wir der Natur ja auch nur ein perfides Schnippchen geschlagen:
Eine Möglichkeit besteht darin, dass Homosexuelle ihre eigenen Gene «durch die Hintertür» ausbreiten. Vielleicht setzen sie sich besonders «selbstlos» für ihre Blutsverwandten ein. Deren erhöhte Fortpflanzungsrate hätte dann zur Folge, dass sich auch die «selbstlosen» Gene in der Bevölkerung ausbreiten und die [genetisch] Fitness der Homosexuellen erhöhen würden.
Ich fürchte, lieber Herr Degen, da wo andere Menschen ein Gehirn haben, haben Sie die besagte «Hintertür»!
Dann folgen wieder ein paar Zahlenspiele, die ich gerne vorgerechnet bekommen würde, damit ich nachrechnen kann, und anschließend geht Degen zu den Metros über:
Metrosexuelle (in deren Aussehen und Lebensstil sich männliche und weibliche Eigenschaften vermischen) sind die genetischen Erfüllungsgehilfen der Homosexuellen.
Aha, unsere Helfershelfer! Wie sieht ein Metrosexueller denn aus? Na, egal. Wenn nun auch das Metrosexuellengen gesucht wird, kann man ja vielleicht gleich Megasexuellengene suchen, die Pseudo- und Hypersexuellengene und, dass wäre wirklich spannend, das Heterosexuellengen. Dann würden wir vielleicht endlich endlich eine Erklärung dafür finden, warum manche Menschen nicht schwul sind.
Nachbei: Wer sich einmal anhand einer seriösen Quelle über den Stand der (Pseudo-)Forschung informieren möchte, kann das bei der NZZ tun.
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Filed under: Dummheit, Homophobie
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