Vor einiger Zeit tauschte ich mit jedem ein paar Mails aus, in denen es um Glauben und ‘Gott’ ging.
Er – nicht ‘Gott’, nennen wir ihn T., – schrieb:
Mein Glaube ist schon so eine Sache: jemand der so viel negatives wie ich – gerade wegen seinem Glaubensverständnis – erfahren musste würde eher dazu geneigt sein, diesen Glauben aufzugeben, um sich selbst zu schützen. Ich war in meiner schwersten Zeit auch schon am Überlegen wieviel Sinn das noch geben soll. Es gab für mich 2 wichtige Punkte die mich an meinem Glauben festhalten lassen:
- Ich habe Gott mit 16 Jahren persönlich erfahren, wie er mein Leben veränderte und mich mehrere Monate von innen mit Frieden und Liebe ausfüllte (jemand der das nicht kennt würde es vielleicht verstehen unter der Beschreibung, ein halbes Jahr lang konstant mit hormonellen Glücksgefühlen beschossen zu werden – völlig grundlos)
- Gott “funktioniert” nicht nach Mustern oder menschlicher Vorstellungskraft oder anderen beschränkten Kriterien, er richtet sich auch nicht nach dem Verhalten anderer Menschen, die ja oft sehr irrgeleitet sind. Ich konnte Gott zwar dafür anklagen, warum er mich hat so weit kommen lassen, ich konnte ihn aber nicht dafür “abstrafen”, weil ich nicht wirklich wusste warum das so schlimm passieren musste.
Zumindest ist das meine persönliche Erklärung dafür gewesen. Als Christ ist es für mich eine Bedingung, sich auch dann nach Gott auszustrecken, selbst wenn so viel negatives auf mich einstürmt und Gott dann weit weg zu sein scheint. Würde ich das nicht tun, wäre mein Christsein rein auf Selbsterfolg und ein paar nette Gefühle gegründet. Jemand, der nicht an Jesus glaubt, würde sich niemals von so einem “Gott” reinreden lassen. Als Christ tu ich es aber. Das macht den Unterschied und das ist schwer zu verstehen. Ich vertraue darauf dass Gott mich nicht hängen lässt. So wie ich es momentan erlebe musste ich viel Schlimmes durchmachen, um heute andere Menschen besser verstehen zu können (egal ob ich nun an Gott glauben würde oder nicht). Es ist klar für mich dass zwar viele Jahre meines Lebens verloren sind, aber dass es nicht sinnlos gewesen sein soll.
Ich antwortete:
Das, was Du für eine Gotterfahrung/Erfahrung mit Gott hältst, ist keine solche. Du hast Dich selbst erfahren.
Menschen sind keine einfachen Lebensformen. Sie unterscheiden sich von anderen Lebewesen auf unserem Planeten, mal mehr, mal weniger, unter anderen darin dass ihre Persönlichkeit nicht schlicht strukturiert ist. In einem Menschen steckt sehr viel: Gutes und Schlechtes, Kluges und Dummes, Weitsicht und Kurzsicht, Positives und Negatives. Viele Menschen, vielleicht sogar die meisten, in der äußeren Wahrnehmung durchaus erfolgreich erscheinend, trotten ein Leben lang nur so vor sich hin und entdecken die verschiedenen Facetten ihres Menschseins nicht.
Wenn Du nun meinst, Du hättest Gott persönlich erfahren, dann machst Du Dir grundlos selbst etwas vor. Du hast nicht Gott erfahren, Du hast Dich selbst erfahren. Du hast Dich von einer Seite kennen gelernt, die Du bis dahin nicht kanntest, vielleicht verdrängt hast, vielleicht nicht im entferntesten angenommen hast, dass noch etwas ganz anderes in Dir drin steckt. Dass von Dir empfundene Glücksgefühl ist ein Gefühl der Selbstzufriedenheit, des ‘mit sich selbst im Reinen sein’. Ausgelöst oder verursacht hat das aber kein Gott, sondern nur Du selbst. Du hast Dich selbst erfahren!
Freilich: Dein Glaube, Deine Beschäftigung mit ‘Gott’, mit der Bibel, mögen für Dich der Anstoß gewesen sein – und wenn es so war, ist es gut so – über Dein Leben nachzudenken, es neu zu ’sortieren’ und zu bewerten, physische und psychische Erlebnisse anders zu beleuchten, zu Hinterfragen und Antworten zu geben. Aber das war nur der Anstoß, nicht mehr! Die Antworten hast Du Dir selber gegen. Nicht ‘Gott’ hat Dir Deinen Weg gezeigt, sondern Du hast ihn gesucht und hoffentlich gefunden. Nicht ‘Gott’ muss Dich bedingungslos lieben und annehmen; Du musst es! Nur dann kannst Du auch andere Menschen bedingungslos annehmen und lieben. ‘Gott’ würde immer nur zwischen Dir und anderen Menschen stehen. Bedanke Dich nicht bei ‘Gott’, dass er irgend etwas für Dich getan hat. Sie einfach stolz auf Dich und freue Dich über das, was DU für DICH getan hast.
Menschen, insbesondere wenn sie nicht von schlichtem Verstand sind, brauchen Gesprächspartner. Insbesondere dann, wenn sie sich in schwierigen Lebenssituationen befinden.
Wer ist nun ein geeigneter Gesprächspartner?
Meistens wird das ein Menschen sein, mit dem man vertraut ist, der die Lebens- und Rahmenbedingungen, die handelnden Personen kennt. Diese Voraussetzung erfüllt jedoch am besten jeder für sich selbst.
Wie spricht man nun mit sich selbst?
Oft geschieht das über eine Hilfskonstruktion. Manche Menschen reden mit ihrem Haustier oder einem Stofftier, andere gehen zum Grab einer verstorbenen nahestehenden Person und schütten dort ihr Herz aus. Und wieder andere gehen in eine Kirche und reden dort mit ‘Gott’. Diese Gespräche sind nichts anderes als Selbstgespräche. Und sie bringen, wenn man sich selbst gut zuhört, Erleichterung, Linderung, Lösungen. Aber die Antworten kommen nicht von ‘Gott’, vom Haus- oder Stofftier oder von dem Verstorbenen. Sie sind nicht anderes als Selbsterfahrung. Häufig, ich kenne das nur zu gut, brauchen wir einfach Phasen der Besinnung, brauchen wir einfach jemanden, der zuhört ohne dazwischen zu reden und ohne erhobenen Zeigefinger. Auf diese Weise können wir Kraft schöpfen, unsere Gedanken ordnen und mit unseren Gefühlen und Empfindungen, unseren Stärken und Schwächen ins Reine kommen. Diese Art der Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung ist etwas, was wir in unserem Aufzuchtsystem nicht lernen. Glaube mag ein Weg zu solcher Selbstfindung sein. Er ist aber immer nur der äußere Rahmen, die Methode, jedoch niemals der Inhalt. Der Inhalt kann immer nur der Mensch selbst sein, vielleicht zusammen mit einem anderen geliebten Menschen.
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