28 Jun 08

Die Geheimloge GB32 

Die Berliner sind ein leckeres Gebäck und ein merkwürdiges Volk. Vor ein paar Tagen war ich in Berlin. Auf dem Flughafen Tegel, der eine kleine Nebenstelle des Paderborner Flughafen ist, angekommen, fragte ich einen Wachtmeister, ob er wisse, wo die Busse abfahren. Wie in der Provinz üblich, hat der Flughafen keinen Bahnanschluss. Die Antwort des im Grenzbereich des beamtenrechtlich zulässigen Gewichtsbereichs befindlichen Wachtmeisters lautete: “Ja.” Hier im Rheinland hätte ich nicht nur eine ausführliche Wegbeschreibung, Ausflugstipps, eine kostenlose Fahrpreisinfo, eine Einladung zum Kölsch, sondern vielleicht auch noch eine nach Dienstschluss anwählbare Telefonnummer erhalten. Nicht so in Berlin. Die grenzenlose, überschäumende Freundlichkeit des Grenzbereichswachtmeisters erlaubte nur ein “ja”. Die Antwort war nicht falsch, erreichte aber nicht das eigentliche Ziel meiner Frage. Auf weiteres Insistieren wurde ich von dem Meister der Wacht in einem nicht wiedergebbaren Berlinismus mit der unmöglichen baulichen Situation des Flughafens vertraut gemacht. 

Nach Überwindung des auf die Annahme von heute gebräuchlichen elektronischen Zahlungsmitteln und Euro-Banknoten nicht vorbereiteten Fahrkartenautomaten begann im Linienbus der erste Teil der Hauptstadtbesichtigung. 

Hauptstadt? Hauptstadt von was? Von Deutschland wohl kaum, denn um Berlin herum ist nur weites Land, aber kein Deutschland. Dieses übermäßig aufgequollene Dorf liegt in der Prärie, im Randgebiet. Adenauer hatte wohl Recht, als er meinte, “hinter Deutz beginnt Sibirien”. Warum liegt die Hauptstadt von Deutschland in Sibirien? Oder ist Deutschland Sibirien? Irgendetwas stimmt da nicht. Vielleicht liegt es an dem weichen Sandboden. Nicht in Sibirien, da ist ja alles gefroren, nein der Boden in Berlin ist weich und sandig. Da lassen sich Steuergelder besonders gut vergraben. Und die Löcher sieht man überall. Nicht nur im Boden. Weil das ganze Steuergeld dort im Boden versickert, reicht es nicht für gescheite Häuser. Es muss gespart werden, und deshalb bekommen auch Häuser große Löcher – direkt bei der Herstellung. Das Kanzlerinamt zum Beispiel. Riesengröße Löcher sind da drin. Sieht furchtbar aus. Oder der Reichsbundestag. Im Dach oben ist ein ganz großes Loch. So groß, dass extra ein gewisser Norman Foster aus London kommen musste, um es abzudichten. Foster lässt man in London nicht mehr dichten, weil immer alles krumm und schief wird. Naja, die Reichtstagslochabdichtung ist auch krumm und schief geworden. Aber zumindest ist sie dich, ganz dich sogar. So dicht, dass bei den Abgeordneten, die da drunter schlafen, nichts ankommt, wenn Gott Hirn vom Himmel schmeißt. 

Die Berliner nehmen alles wörtlich, dass habe ich ja beim Erstkontakt mit dem Wachtmeister gelernt. Wenn die Berliner also sagen, “Lass uns mal fern sehen”, dann meinen die das auch so. Die gehen dann zum Alexanderplatz, dass ist jener Platz, der nach der berühmten Fernsehserie benannt wurde. Weil die Fernsehserie dort spielte, meinte man, es sei ein geeigneter Platz für einen Fernsehturm. Also hat man dort einen Fernsehturm gebaut. Der Turm hat zwei Aufzüge, aber keinen Abzug. Oben angekommen sehen die Berliner dann fern. Und je nach Wetter können sie ganz schon weit in die Ferne sehen: Eifelturm, Sacre Coeur – alles in Sichtweite. Weil der Turm keinen Abzug hat, gehen die Berliner dann immer die Treppe hinunter. Das ist umsonst, während für das Hinauffahren Fernsehgebühren entrichtet werden müssen. 

Wenn man wissen will, wie spät es ist, muss man von Turm wieder runter, denn es gibt keine Turmuhr. Dafür aber eine Weltzeituhr! Boah! Die steht direkt neben den Straßenbahngleisen, damit die internationalen Straßenbahnfahrgäste aus Aurich und Emmelkamp wissen, wie viel Uhr es wäre, wenn sie zu Hause geblieben wären. Denen aus dem Berlinerischen nützt die Uhr nichts, denn es ist noch nicht geklärt, in welcher Zone, äh, Zeitzone Berlin eigentlich liegt; auf jeden Fall ziemlich weit zurück. 

So, nun wollte ich auf den Turm hinauf. Dafür musste ich auch bezahlen, obwohl ich gar nicht fern sehen, sondern nur hinunter gucken wollte. Da oben war es dann, das Ziel meiner Reise: G32!

Leute mit ganz merkwürdigen Namen: Ali Keilchen und Onno Matrix; die Beiden wurden damals von Adenauer in die sibirische Verbannung geschickt. King Mix, westfälischer Landadel, durch Landeierhandel und Anbandelung mit einem Pommesbaron groß geworden, und Mecky Mühlheim, Starfotograf aus M. Mit denen hat mein Freund mich dann alleine gelassen. “Geh’ schön spielen mit den Jungs, ich hol’ Dich später wieder ab.” Nun abgeholt hat er mich nicht, dafür aber abends eine Spesenrechnung präsentiert, die auf einen recht mondänen Tagesverlauf schließen ließ. Aber das ist ein anderes Thema. 

Aus der vergangenen und zukünftigen Geschichte kennt sich Berlin mit Führern aus; also Fremdenführer, Stadtführer, Hundeführer, Hotelführer, Triebfahrzeugführer, Protokollführer. Die Beobachtung des Straßenverkehrs verführt jedoch zu der Vermutung, dass kaum ein Berliner einen Führerschein hat. Wie auch immer. AK und OM haben die Führung übernommen und uns auf eine Exkursion durch Berlin entführt. Und das haben sie saugut gemacht!

An der Weltzeituhr sind wir zur nicht verabredeten Zeit auf Nippes Wohnstube gestoßen. Das ist aber keine Stube, sondern auch ein G32-Mitpenis (dieser Umstand soll der Legende nach im weiteren Verlauf des Abends noch eine große Rolle gespielt haben). Er hatte sich vorher von einem Döner abknutschen lassen – offenbar macht man das in nippesen Wohnstuben so. 

Am späteren Nachmittag stieß, nachdem dieser VIP-mäßig sein erscheinen im 15 Minuten Abstand angekündigte, noch H|op zu uns. Nee, Moment, der heißt gar nicht H|op sondern T|op. Top wie Bottom. Das weiß ich deshalb, weil er sich für die Bums interessierte. Die von dem Nippes. Der ist nämlich Handelsvertreter für Penisse und Bums. Er beschafft sie extra in Australien, obwohl die eigentlich in China viel billiger sind, färbt die armen Tiere Orange ein, wie die Niederländer, und lässt sich dann damit in seinem Wohnzimmer fotografieren. Na, und der T|op steht darauf, irgendwie. Oder auch nicht. Egal, ich weiß es nicht genau. Ich habe so komisches Zeug aus dem Klosterkeller getrunken und das alles nicht mehr richtig mitbekommen. Außerdem sind die dann eh ohne mich losgezogen, ich musste ja ins Hotel zur Spesenrechnung, da weiß ich sowieso nicht, was die noch miteinander gemacht haben. Penisspiele und so… habe ich gehört. T|op jedenfalls muss man unbedingt mit diesem komischen Strich | schreiben, sonst gibt’s Ärger. Es hat irgendetwas mit künstlerischer Selbstverwirklichung zu tun; und Künstler sind ja immer ein bisserl sensibel, da muss man schon Rücksicht drauf nehmen. Deshalb hier ganz viele Extrastriche:

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Die Penisbilder von Köpenick

Wir haben viel gesehen von Berlin. Also eigentlich haben wir alles gesehen, was es in Berlin zu sehen gibt. 

Tunnel zum Beispiel:

Marx nach der Maniküre (der Kleine bin ich):

Engels vor der Maniküre:

Mini-Polizeiautos und Mini-Straßenbahnen, die Werbung für das Miniatur Wunderland in Hamburg machen:

 

Ich höchst selbst bei der Verrichtung von Sklavendiensten:

Die aufmerksame Expeditionsleitung hat ein Orgelkonzert organisiert:

Zeitgenössische Kunst am Wegesrand:

Moderne Spreeuferbebauung:

Bärentatzen:

Schiffe (wer glaubt, ich hätte die Kamera schief gehalten, der irrt sich – der Bach ist in Schräglage angelegt, damit die Schiffe bei Höchstgeschwindigkeit nicht aus der Kurve getragen werden):

 

Ein Werk, in dem Zement hergestellt wird, um die Berliner Löcher zu füllen:

 

Hier ein Hersteller der sprichwörtlichen Berliner Luft:

 

Mit dem Wetter ham wa wirklich Glück gehabt:

 

Lidl im Ringlockschuppen:

 

Wohnungsinserate:

 Und hier nun endlich die weltberühmten Köpenicker Penisbilder:

Halbe Henne 

Das Abendessen wurde uns in der Kreuztaler Henne serviert. Es gab eine reichhaltige Auswahl an halben Hähnchen (nicht zu verwechseln mit dem in den USA aufgewachsenen Broiler oder dem im Rheinischen frei laufenden Halven Hahn). Wegen der frühen Sperrzeiten mussten wir die Hennen nebst Varianten von Kraut oder Kartoffeln schnell verzehren. Im Anschluss an die Verzehrung habe ich die anderen Bämbel aus den Augen verloren. 

Italiener in Berlin 

Am nächsten Morgen habe ich zwei der Blogger wieder gesehen. Ob sie mich auch gesehen haben? Naja, sie waren schon ziemlich zerknittert. Einzelheiten übergehe ich aus Diskretionsgründen. Wir sind zusammen frühstücken gegangen. Bei Ossena am Neuen Hackeschen Markt. Dummerweise kann ich niemanden verantwortlichen machen für die Auswahl dieser Caffetteria-Trattoria-Pizzeria, außer mir selbst. Der Berliner an sich zeichnet sich schon durch eine latente Unfreundlichkeit aus, die durch den schnodderigen Dialekt ihren hörbaren Ausdruck findet. Gepaart ist die Unfreundlichkeit mit einer auf fremdem Geld errichteten Hauptstadtarroganz, die sich sonst nur in Düsseldorf findet und ein untrügliches Merkmal unechter Hauptstädte ist. Egal, es macht Spaß, Berlinern die Marmelade aus dem Bauch zu lutschen – meistens reden sie dabei auch nicht so viel. Aber Italiener in Berlin sind die Krönung der Unfreundlichkeit und Arroganz – jedenfalls gilt das für diejenigen, die in diesem Ossena arbeiten. Die Heiße Schokolade war kalt, als das Frühstück endlich serviert wurde. Dafür war das Ei trinkbar. Auf der Rechnung heißt es, der Betrag wäre “inkl MwSt und Service”. Es wäre nicht unverschämt gewesen, den Anteil für den angeblichen Service herausrechnen zu lassen und nicht zu bezahlen. In der Nachbarstadt Warschau, gibt’s jedenfalls besseres Frühstück und mehr Service. 

Es gab aber auch Erfreuliches an diesem Morgen. Nämlich die Geburt von Paulchen. Paulchen ist ein kleiner Berliner Bär, der in der Nähe vom Alexanderplatz das Licht und die Dunkelheit der Welt erblickt hat. Ich dachte immer, es wäre auch bei den Bären so, dass erst ein Bärchen und ein Bärlinchen… Aber das läuft bei den Berliner Bären ganz anders. Auch nicht wie bei den Westfalen, die sich ja bekanntlich durch Pollenflug vermehren. Bei den Berliner Bären ist es so, dass da irgendwo leere Hüllen herumliegen, also jetzt nicht benutzte Dome, von denen gibt’s ja in Berlin so viele, sondern Bärenhüllen. Und dann wird da ganz viel hineingesteckt – so kommt ja auch die Marmelade in die Berliner. Dann muss der Vater des Bären Eingeborenen-Tänze aufführen, und dann ist der Bär fertigt. Er muss dann noch ein bisserl sauber gemacht werden (der Bär, nicht der Vater) und das war’s dann. So kommen Berliner Bären auf die Welt. Paulchen wohnt jetzt in einer Wohnstube, nicht in Nippes, sondern in Frankfurt am Main. So, nun kann sich jeder ausrechnen, wer Bärenpapa ist. 

Das war’s. Das heißt, da war ja noch der Rückflug. Aus Berlin kommt man nämlich nicht so ohne weiteres weg.

Wieder Tegel, die Filiale von Paderborn. TUIfly, denen wir einen Kerosinzuschlag, eine passagierbezogene Versicherungsprämie, Serviceentgelt (!), passagierbezogene Flughafenabgaben (für Teeeeegel, lach, das nennen die tatsächlich Flughafen), Sonderentgelt (ich wusste zunächst nicht, wofür), Flugsicherheitsgebühr, Kreditkartengebühren und Sitzplatzgebühren gezahlt haben für die Gefälligkeit, uns von Köln nach Berlin zu fliegen und zurück, ließ uns in Gestalt von 8 (acht!) Nichtbeschäftigten, die verzweifelt auf ihre Monitore und an die Decke starrten, eine halbe Stunde am Abfertigungsschalter stehen, um dann gelangweilt mitzuteilen, dass unser Flug von 16:30 Uhr auf 19:47 Uhr verschoben sei. Und zwar auf exakt 19:47 Uhr. Nicht etwa um 19.45 Uhr oder 19:50 Uhr, sondern präzise um 19:47 Uhr sollte es nach Köln gehen, also fliegen. Grund für die Verzögerung: Die Maschine sei noch in Palermo und käme dort wegen schlechten Wetters nicht weg. Was interessiert mich, in Paderborn-Außenstelle stehend, das Wetter in Palermo?! Nun, es hat mich doch interessiert und eine kleine Online-Abfrage der Wettersituation in Palermo hat ergeben: Rund 30 °C, Sonnenschein, ganztägig gute Sicht, kein Niederschlag, mäßiger Wind. Jetzt weiß ich, wofür das ‘Sonderentgelt’ berechnet wurde: Für schamloses Lügen! 

In einem unbeschreiblichen Gnadenakt boten die acht Damen und Herren eine kostenfreie Umbuchung auf eine um 17:40 Uhr startende Maschine an. Erstaunlicherweise konnten schließlich alle Passagiere des ‘Palermofliegers’ auf diese und die nächstfolgende Maschine umgebucht werden. Sonderentgelt… ! 

In Köln, beim Verlassen des Fliegers, gab es chinesische Glückskekse mit den blöden chinesischen Durchhalteparolen drin, aus Hagen. In meinem lag ein Zettel mit der Aufschrift: “Heute schon gelächelt?” 

Alles in allem: Es hat sich gelohnt. Und die in Berlin ansässigen Blogger wissen nun, dass sie sich meines (Mit-)Gefühls sicher sein können.

Und als kleine Referenz an die Hauptstadt: Das aktuelle Headerbild habe ich in derselben aufgenommen und mag ein wenig meine Freude über das Treffen mit den anderen Bloggern zum Ausdruck bringen.

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